Pflegetourismus light
Puerto de la Cruz im Januar 2020

Waschbrett oder Wellfleisch? Die Frage stellt sich beim älteren Herrn mit der rötlichen Hautfarbe nicht mehr. Er liegt am Pool, um seine Tattoos wegzubräunen, denke ich. Einst war er jung und schön, jetzt ist er nur noch schön. Denkt er. Akkurat haben die Deutschen vor dem Frühstück ihre Handtücher mit Wäscheklammern an Liegestühlen fixiert. Auch Frühstückstische am Fenster im Hotel Monopol werden vom Personal für Stammgäste mit einem Hörnchenteller reserviert. Auftritt des privilegierten Paares: Sie trägt Mundschutz.

Eine Frau führt ihren blinden Mann am Bauchgurt durch den Park. Ab und an lässt sie ihn im Rollstuhl pausieren. „In guten wie in schlechten Tagen“ hat sie einst gelobt. Jetzt verstehe ich langsam den Sinn der Ehe. Wir machen Winterurlaub unter Halbtoten, und vor zwanzig Jahren fanden wir das noch scheußlich. „Die größten Kritiker der Elche wurden später selber welche“ hat ein deutscher Dichter gescherzt. Wir sind Rentner, wir haben Zeit und etwas Geld, und wir urlauben auf dem kanarischen Rentner-Eiland Teneriffa.

Sekt und Spiegeleier

Unser Hotel liegt im Zentrum der Altstadt von Puerto de la Cruz. Deswegen ist es auch verhältnismäßig uralt. Dreimal habe ich mich bereits an die Rezeption gewandt. Erst bekam der WC-Spülkasten ungenügend Wasser. Dann war der Kühlschrank für unsere Weinvorräte defekt. Und heute funktionierte die Dusche nicht, denn der Mechaniker, der immer sofort gekommen war, hatte vergessen, das Warmwasser wieder anzustellen. Wobei ich schon zweimal reklamiert habe, dass das Wasser zwar warm, aber nicht heiß sei. Aber das scheint eines der größeren Probleme dieses Hauses zu sein, entnehme ich dem genervten Blick des Rezeptionisten.

Trotzdem kann man dieses Hotel gern haben. Nicht nur wir, auch die Mitarbeiter sind in die Jahre gekommen. Man hat renoviert, was machbar war. Und jeder ältere Mensch weiß: Lage ist Lage ist Lage ist Lage. Wir sind mitten drin und oben auf. Das Haus hat einen beheizten Pool mit Sauna und mehrere Dachterrassen. Auf der Obersten liegen wir gerade und öffnen die zweite Weinflasche. Axel hat Eiswürfel aus dem Patio geholt, die Nüsschen sind gleich alle.

Da wir zum fünften Mal auf Teneriffa sind, haben wir keinen Stress. Man kann tagelang grünen Nebelwald und Küstengebirge mit irrem Meeresblick oder den gewaltigen Teidevulkan mit seiner Wüstenplaneten-Landschaft umfahren, und vielleicht machen wir das noch. Aber erstmal genehmigen wir uns Spiegeleier, Speck und Sekt zum Sonntagsfrühstück, dann spazieren wir einhundert Prozent und mehr.

Kein Trip Advisor schlägt einem die einfach wunderbare Westwanderung auf der Atlantikflutmauer nach Punta Brava vor. 12.500 Schritte waren gestern sogar 200 Prozent der von meinem Smartphone vorgeschlagenen Tageslaufleistung, wohlgemerkt noch ohne Blindengurt. Aber mit zwei Boxenstopps: mit Vino blanco, Sumo de Naranja, Café Cortado und Tapas.

Pleitegeier

Geier kreisen über Orotava. Ein schlechtes Omen? Bine meint, ich soll unseren Weinkonsum verheimlichen. Aber ich sage: Wir sind alt, und wir haben es uns verdient. Die Fischplatte der Los Gemelos. Die Runzelkartöffelchen in Mojosauce auf der Plaza de Charco. Den Jamon Iberico, den gebackenen Queso und die Pimientos de Padron in irgendeiner gottverdammten Gasse. Das viele Wasser. Und die gewaltigen Schoko-Eiskugeln zur live gespielten Sonntags-Sambamusik.

Morgen sind Heilige Drei Könige. Die Spanier nehmen alles mit, was man feiern kann. Ich sagte heute morgen zur Dame mit Mundschutz: In Hamburg war das Lachen früher verboten. Aber das war ein Scherz. Wenn die Bierflasche plopp macht, grinsen wir.

Natürlich hatten wir zuerst bei Thomas Cook gebucht. Und dachten, die Anzahlung wäre verloren. Aber die Bundesregierung will uns die fehlende Reiseschutzabdeckung aufstocken, sagt sie. Wir sind ja im Wahlkampf. Ich bin noch nicht sicher, wann die Koalition platzt. Aber die Versprecher von Eskia Sasken lassen vermuten, dass es nicht mehr lange dauert. Man muss ja über die Fünfprozent-Hürde kommen.

Elche, welche

Wie hat sich die Welt verändert. Als ich geboren wurde, war man froh, wenn genügend Kohle im Keller war. Kleidung wurde selbst genäht. Von Frauen. In den Sechzigern gab es erstmals köstlichen Orangensaft und halbe Hähnchen, man reiste in den Harz. Dann kam Willy Brandt mit seiner Demokratie. Papi schäumte bei jeder Tagesschau. Unsere Alten wurden von Tag zu Tag peinlicher. Nyltesthemden, Hosenträger, Bügelfalten, Mutti trug Hüfthalter.

In unseren besten Jahren reisten wir bis ans Ende der Welt. Später wurde angeschafft. Meistens ehrlich, aber oft auch unehrlich, schließlich war ich in der Werbung. Dann fielen die Mauer und die Twin Towers, und Amerika bombte uns in den Clash of Civilisations. 65 Jahre sind um. Ich habe mir soeben frisch gepressten Orangensaft bestellt und gestern noch ein halbes Hähnchen gegessen.

Heutzutage finde ich eher die jungen Leute peinlich. Die sind so doof. Lesen keine Bücher, schauen kein Fernsehen, kleiden sich jedes Jahr neu. Sie werden nie so cool sein wie wir Alten. Ich trage immer noch gern schäbige Kleidung. Wir waren die Erfinder der zerschlissenen Jeans und der langen Haare! Was kann ich für Glatze und Plautze? Für Hippiestarrsinn? Ach, wir haben unseren “Lifestyle” auch nur verkauft bekommen? Rentner sind halt die frei Gelassenen der Industriegesellschaft.

Beim Spaziergang am gigantischen Meerwasser-Kaltbad Lago Martianez sah ich jetzt zum ersten Mal einen Elektrorollator zum Mieten. Man ist auf den gerontologischen Supergau eingerichtet, auch einen Atomkrieg in Nahost könnte man hier ausschwitzen. Alles basiert auf der europäischen Rentenversicherung. So lange es uns Alte gibt, wird es Puerto de la Cruz gut gehen.

Die Frühstücknachbarin mit dem Mundschutz hat bereits die dritte Chemo. Wer noch keinen Krebs gehabt hat, kann nicht mitfühlen. Irgendwie ist das hier schon Pflegetourismus light. Es tut einfach gut, hier zu sein. Während es in Dunkeldeutschland regnet und stürmt, scheint im Rentnerparadies an 300 Tagen die Sonne.

Zechen als Weltkulturerbe

Wir sind bereits den dritten Tag acht Kilometer spaziert. So verringern wir unser Schlaganfall- oder Herzinfarktrisiko, nur die Leber leidet. Der inzwischen reparierte Kühlschrank fasst bis zu fünf Flaschen, und unterwegs fangen wir früh an mit dem Zechen. Heute haben wir die 100 Höhenmeter zum Parque Taoro über der Stadt gewagt. Und gewonnen. Ein zauberhafter Ausblick und ein Liter Sangria belohnten uns.

Dann ging es weiter zum Parque Sortija mit Einkehr im Eiscafé. Für mich gabs grünen Tee. Die drei anderen spülten die Leber. Dann besuchten wir den zauberhaften Botanischen Garten voller uralter endemischer Gewächse, von Karl III. 1788 finanziert, um neuartige Anpflanzungen zu erforschen. Irgendwann im Höhenviertel La Paz gaben wir dem Verlangen nach und speisten zum Weißwein. Beim Anstoßen der Gläser befanden wir: Mit Tremor kann der Klang nur noch besser werden. Dann rollten wir zu Tal, rauchten Zigarillos mit Blick auf den Atlantik und stellten fest: Das Cannabisverbot muss weg.

Los Reyes

In Spanien bringen erst die Heiligen Drei Könige den Kindern die Geschenke, nicht der Weihnachtsmann. Auf die Art feiert man Weihnachten ganze zwölf Tage lang. 217 hatte Papst Hyppolit die Geburt des Christkindes auf den 25. Dezember gelegt. Damit sollten die heidnischen Lichterfeste an den dunkelsten Tagen des Jahres enteiert werden.

Die Verlegung der Schenkerei vom Nikolaustag auf Heiligabend wird auf Luther zurückgeführt, der weltweite Weihnachtsmann auf Coca Cola. Egal, den kitschig bunten Umzug am Vorabend zum 6. Januar säumten Tausende, und wir konnten ihn vom Fenster im Hotelflur miterleben.

In der selben Nacht wurde ein iranisches Regierungsmitglied im Irak von amerikanischen Drohnen ermordet. Heute Nacht antwortete der Iran mit Raketenangriffen auf amerikanische Stützpunkte. „All is well“, meint der Wahnsinnige von Washington. Das alles ist so was von klimaschädlich. „Danke, Mr. President“, titelt das Mossad-Organ BLÖD.

Busse tun

Gestern entschieden wir uns endgültig gegen ein Mietauto. Die Idee war, mit dem Linienbus sechs Kilometer und 350 Höhenmeter bergauf nach La Orotava zu fahren und dann zurück zu laufen. Also spazierten wir zum nahe gelegenen Busbahnhof, wo der Bus bereits abfahrtsbereit stand.

Kaum waren wir eingestiegen, ging es auch schon los, durch das dichte Verkehrsgewühl bergauf zur Ringautobahn um die Insel und dann rein in das Höhendorf, dessen Bananen- und Wein-Verschiffungshafen Puerto de la Cruz einst gewesen war. Der Ort ist sichtbar Stammsitz von Oligarchen, die sich nach der spanischen Eroberung 1496 das fruchtbare Orotavatal unter den Nagel gerissen haben.

Zuerst wurde Zucker von Sklaven angebaut, bis das in der Karibik billiger wurde. Dann stellte man auf Weinbau um, dem die Reblaus ein vorläufiges Ende bereitete. Heute sieht man vor allem kanarische Bananen. Aber natürlich ist die Reiseindustrie heute das dicke Ding, und die Paläste der feinen Marquesas sind zumeist Museen, Shops und Hotels.

Die Deutschen stellen nur etwas über zehn Prozent der Touris. Ein Drittel sind Spanier, besonders im Sommer, ein Drittel sind Briten. Auf einen Tenerifero kommen sechs Besucher, ein Drittel des BIP kommt von Reisenden, lese ich bei Teneriffa-News. Sechs Millionen Gäste machen sich in 140.000 Betten lang.

Das Smartphone, stupor mundi, hat uns den kürzesten Fußweg talabwärts gezeigt, und auch Standort und Abfahrtszeit der Busse, nahezu jedenfalls. Die Google-Informationen sind oft in die Jahre gekommen und nur annähernd richtig. Man guckt vorher besser noch auf die Homepage der Busgesellschaft Titsa, dann erfährt man auch, dass es etwa eine Stunde braucht nach Garachico, wo am kommenden Tag das Wetter besser sein soll. Annähernd jedenfalls.

Wenn man also, wie wir, in der Altstadt wohnt, und dicht daneben der Busbahnhof liegt, kann man sich billig um die 80 Kilometer lange und 50 Kilometer breite und am Vulkankegel des Teide 3.750 Meter hohe Insel fahren lassen. Ich setze mich auf den hintersten Fensterplatz, weil ich gestern schon so schön erhöht saß, doch das erweist sich jetzt als Achterbahn. 59 Stationen hätte unsere Tour gehabt, falls an jeder jemand stehen würde. Deswegen nimmt der 263er jedes Dorf mit, man erfährt viel, sieht die Bettenburgen der einheimischen Belegschaft, und stößt sich den Kopf an jeder Verkehrsbarriere.

Das Dörfchen Garachico liegt in westlicher Richtung auf halbem Weg zum Tenogebirge an der atlantischen Felsenküste. Es hat hier eine rasante Lava-Felsenbadeanstalt, die momentan allerdings von riesigen Wellen überspült wird. Wir haben hier vor Jahren einmal gebadet, schon damals musste man sich von den hereinbrandenden Wellen zum Treppenende spülen lassen und ganz schnell hoch klettern. Heute wäre das eher Selbstmord gewesen.

Auf dem Rückweg fährt eine Frau. Erheblich ruhiger, finden Bine und Elke. Und ich auch. Ich sitze wieder hinten auf der Achse über dem Motor, diesmal mit Atlantikblick. El Guincho, Icod de los Vinos, La Mancha, San Juan de la Rambla, Las Aguas, Tigaiga und Los Realejos heißen die Dörfer, oft direkt auf den Klippen.

Mit dem Steakmesser durch die Butter

Zurück in Puerto, wollen meine drei gleich Essen gehen. Ich dagegen habe eine andere Agenda: Sauna, Schwimmen, Schlafen, und dann, wie immer, das wichtigste Spiel des Jahres. Barcelona gegen Athletico Madrid, Halbfinale der spanischen Supercopa, ausgetragen in Dschidda, Saudi-Arabien, weil die Scheichs so ein gutes Herz haben.

Gestern hat Real Madrid im ersten Halbfinale Valencia geschlagen. Eine halbe Stunde davon hatte ich im Wlanbereich des Hotels über eine russische Hackerseite live auf dem Smartphone gesehen: Wie das Messer durch die Butter kombinierten Kroos, Marcelo und Modric.

Mein Messias war heute wiedermal der beste, beinahe hätte er Barca zum Sieg geschossen, doch der Videobeweis sah eine Abseitsstellung von Vidal. Ich hatte mich in einem Straßenlokal niedergelassen und Cerveza mit Entrecote bestellt. Mit einem Finnen an meinem Tisch geriet ich in eine Diskussion über den besten Fußballer, nein, es ist Messi und nicht Ronaldo.

Als der kleine Argentinier mit 2:1 in die Halbzeit ging und Athletico nur eine Torchance gehabt hatte, unkte ich: Das geht nicht gut aus für die Katalanen. Und es kam, wie es kommen musste: Die passive Elf gewinnt häufig, in den Schlussminuten bombten die „Rojiblancos“ aus der Hauptstadt meinen spanischen Lieblingsverein mit 2:3 aus dem Pokal.

Messi kann eben in den entscheidenden Spielen nicht führen, waren wir einig. Währenddessen hinkten ab und an finnische Senioren durchs Bild, ich war in einer finnischen Bar im finnischen Viertel gelandet. Mal sehen, ob ich am Sonntag zum Endspiel Real gegen Athletico wieder hingehe, wegen des Steaks eher nicht.

Mercado Municipal

Nach einem kühlen und grauen Ruhetag starten wir in unser letztes Wochenende. Samstags ist Flohmarkt im Mercado Municipal. Er liegt in einer grässlichen Hochhaussiedlung oberhalb des Busbahnhofs. Puerto hat eine hübsche kleine Altstadt mit vielen Kneipen. Drumherum hat man seit den Siebzigern viel balkonhaltigen Beton gemischt.

Der Mercado hat drei frei zementierte Stockwerke um einen Innenhof, und heute ist hier richtig was los. Alle Geschäfte haben wegen des Ramsch-Flohmarktes geöffnet, das richtig Anziehende sind die Sekt- und Krustentierbar, das deutsche Rösti-mit-Lachs-und-Sauerkraut-Outlet und der Wurstgrill auf dem Dach. Dazu spielt ein Gitarrero sein ewig gleiches Lied, gekonnt nachgemachte Solos zur Begleitung vom Band: Clapton, Knopfler, Santana, was man halt so dudelt in den Siebzigern.

Auf dem Heimweg bestellten wir an einer großen Straßenkreuzung in der Happy Bar himmlische Tapas: Serrano, fritierter Käse und Hühnchenbrust, Brot mit Öl und Meersalz. Am Busbahnhof fotografieren wir den Fahrplan für unsere morgige Abschlusstour nach La Laguna, dann gehts in die Horizontale.

Tod in Venedig

Nichts wirds mit der dritten Bustour, in der Nacht bekomme ich Brechdurchfall. Meine Vermutung ist, dass der klein geschnippselte grüne Salat als Unterlage zu den Tapas der Happy Bar, den ich als einziger aufgegessen habe, verkeimt war. Es kommt mir zu Gute, dass unser Bad so klein ist, da kann man seine Körperöffnungen ergonomisch platzieren.

Dieses Erlebnis verhagelt mir natürlich die Laune. Plötzlich ist alles blöd und mies, das Wetter, das Hotel, das dunkle Zimmer im Keller, der Kanalgeruch auf dem Flur, das durchgelegene Bett, das Alter, das baldige Lebensende und das Ende der Reise. Werde ich den Rückflug verschieben müssen? Der 24-Stunden-Service der TUI ist nicht erreichbar. Aber ich hatte vorher schon auf Booking.com nach alternativen Unterkünften gesucht. Man kuriert sich irgendwo aus und fliegt einfach später, orakle ich den worst case. Der nicht eintritt.

Es gibt preiswerte gute Appartements überall in Puerto de la Cruz. Warum, sehe ich auf der Busrückreise, bei der zehn Hotels im Ort angefahren werden. In meiner Magen-Darm-Depression finde ich die Hochhausgebiete um die Altstadt noch furchtbarer. Nur als wir an der Mole vorbeifahren, denke ich: Warum habe ich mich dort nicht einfach hingesetzt und den schäumenden Meereswogen zugeschaut?

Beim nächsten Mal würde ich die Finca in den Bergen über Icod de los Vinos bevorzugen, zwölf Euro Miete pro Person, mit Meeresblick aus 20 Kilometer Entfernung, Pool und Garten, nur, weil auf der nördlichen Atlantikseite, vielleicht ebenso grau und kühl und windig wie die vergangene Woche. Dann besser auf die andere Seite des Vulkankegels, im Süden, wo am Strand riesige Touristenstädte liegen, aber dann eben 20 Kilometer davon entfernt, am Fuße des Teide, sonnen- und schneesicher.

Teneriffa schien uns das einzige Sommer-Reiseziel im Januar zu sein, das in unter fünf Stunden Entfernung liegt. Aber eben auf der Höhe der Spanischen Sahara. Mit einer vierstündigen Busfahrt hatte ich nicht gerechnet. Nachdem wir auf der vorigen Reise je zweimal den Bus und das Mietauto wegen Defekten wechseln mussten, machte dieser TUI-Shuttle erneut mitten in Puerto de la Cruz schlapp. Sie werden halt einfach nicht gewartet, die Fahrzeuge, die alten Hotels und die Salatunterlagen der Tapas. Von elf Uhr morgens bis 21 Uhr abends waren wir unterwegs. Müsste ich arbeiten, würde ich mich krank schreiben lassen, aber das Marmeladenbrot zum Frühstück hat bereits wieder gemundet. Und irgendwann scheint bestimmt wieder die Sonne.

P.S. Der durchschnittliche Teneriffatourist ist 42 Jahre alt und hat ein Einkommen um die 50.000 Euro, sagt die Statistik. Das sehen wir am Flughafen. Plötzlich sind die hinkenden und beladenen Mummelgreise in der Minderheit, Familien mit Babies und Paare in Wanderkleidung, braungebrannte Lehrerinnen in den besten Jahren mit Dackel, interessante Gesichter, völlig anders als in unserem Krückstockort.

Frankreich per Handy und Diesel

im Oktober 2019
Luxemburg - Lyon – Marseille – Ostpyrenäen

Bine schwärmt von Nurejew: „Als Fünfjähriger hat er Tanz gesehen, dann hat er nur noch davon geträumt.“. Ich habe mit fünf auch vom Indianerleben geschwärmt, bin aber leider nie einer geworden. Jetzt erinnern mich die gelb-braun-rot gefleckten herbstlichen Hügel des Donezan in den Ostpyrenäen an den Western „Der mit dem Wolf tanzt“, wie Kevin Costner mit seinem Indianerstamm ins Winterlager zieht.

Wir alle haben unsere Träume inzwischen irgendwie ausgelebt. Ich in den Achtzigern als Tramp in den Staaten. Francois, der graubärtige Koch des „Sapin Rouge“ im Pyrenäendorf Artigues als Chef de cuisine. Seine selbst hergestellten Foie gras, Cassoulet de Canard et Saucisson und die Tarte Flan de Pommes waren wirklich zum Niederknien, ganz zu Schweigen von Bines Steinpilz-Ravioli und Hilkes mariniertem Tartar mit Morchelcreme.

Ob er Sterne erkocht habe und wo er Koch gelernt habe, frage ich ihn. „Non, Monsieur, je suis opticien“, sagt er und blickt mich stolz durch seine gelbe John-Lennon-Brille an. Wir reden ein wenig über meinen Traum vom Weinbistro und er bestätigt mich, dass man mit 65 diesen Traum als erledigt ansehen muss, was er auch in Kürze vor hat.

Planloserfüllung

Seit langer Zeit habe ich den Traum von einer herbstlichen Autoreise mit Bine in den Süden. Wie vor fast 50 Jahren als Gymnasiast: Los- und weiterfahren, wann man will. Sich nach dem Wetter richten. Alles an Bord haben vom Espresso bis zu kurzen Hosen. Morgens beraten, wo es hingeht, mittags staunen, abends spontan ein Quartier suchen. Nun haben wir sie gemacht, unsere erste dreiwöchige Paarkür ohne Plan, einzig mit dem Ziel Mittelmeer.

Erste Station machen wir bei einer Freundin in Köln-Rodenkirchen, wo wir mit einer Ahnung, was uns noch blüht, in einem kleinen französischen Bistro tafeln, und am nächsten Tag beim frugalen Frühstück am Aachener Luisenbrunnen mit zwei weiteren alten Freunden. Dann beginnt unsere Reise über die Ardennen Richtung Luxemburg. Ich mag Jean-Claude Juncker, den lebensfreudigen Europäer genauso, wie ich den Traum von den europäischen Regionen als Gemeinschaft träume. Träumt weiter!

Smarte Sucht

In Aachen hatten wir zum einzigen Mal auf unserer Reise vorgebucht: Im zentralen Ibis Budget, weil‘s einfach und billig ist, denn 20 Übernachtungen gehen ganz schön ins Geld. Von nun an betatsche ich vier von zwölf Stunden am Tag mein Smartphone: Zum Buchen, zum Suchen, für Wetter und Navigation, für News und Notizen, für Fotos, Whatsapps und Mails, fürs Übersetzen, fürs Schrittezählen und den Kicker. Wie hat man das alles früher gemacht, ich meine ganz früher, vor drei Jahren?

Ach ja, meine Frau lernt gerade am Handy italienisch, ich muss auf Hörliteratur aus dem Autoradio verzichten, weil sie Vokabeln studiert. Deswegen sind wir auch erst so spät im Jahr los: Ihr Kurs war noch nicht zu Ende, doch wir fahren nicht nach Italien, weil Ende Oktober eine gute Freundin uns zu ihrem jugendlichen Geburtstag in ihr Ferienhaus in einer kleinen Ostpyrenäen-Stadt zwischen Toulouse, Carcassonne und Perpignan eingeladen hat!

Oh. pardon, sind Sie…?

Luxemburg ist eine Überraschung und ein erstes Erlebnis. Ich dachte, die Stadt bestünde weitgehend aus Banken und EU-Hochhäusern, doch nachdem wir uns in ein zentrales Parkhaus haben navigieren lassen, staunen wir über die lebendige Altstadt und das noch schönere alte Unterstadt-Tal der Mosel. Booking.com führt uns am Abend zu einem zehn Kilometer entfernten Ibis Budget und wir werden freundlich eingecheckt.

Groß ist mein Erstaunen, als ich einen meiner zehn mitgebrachten Bücherhallen-Reiseführer aus dem Auto holen will und bemerke, dass wir gar nicht im Budget, sondern im Ibis daneben eingezogen sind. Offenbar, weil sich Gäste fürs halb so teure Budget immer noch bis zur Vollbelegung finden lassen, hat man unseren Irrtum nicht aufgedeckt. Schönes Zimmer!

Frühstücken tun wir im Hotel trotzdem nicht, denn ich habe Muttis kleinen Reisekocher dabei und wir essen morgens sowieso nur etwas Brot mit Bines Reriker Johannesbeer-Marmelade. Booking.com bietet ja auch meist nur Preise ohne Petit Dejeuner an, selber Schuld. Ich gerate bald in den Status eines „Genius“-Buchers und erhalte Rabatt und Upgrades. Ich suchte auch mit HRS.de, aber diese Hotelseite kann nicht mehr mithalten. Ich orientiere mich bei Booking.com bestens auf Mobiltelefon-Format optimiert über Lage, Aussehen, Ausstattung, die ehrlichen Beschreibungen früherer Gäste, und mit drei Schritten ist ein kuscheliges Doppelbett gebucht, ganz gleich, ob man nun auf dem Klo, am Tisch oder im Auto sitzt.

Qunst kommt von Quatsch, wie drüber quatschen

Am nächsten Morgen besuchen wir das herzögliche Mudam, Musée d‘Art Moderne Grand-Duc Jean, 2006 von I.M.Pei entworfen. Bine ist etwas entsetzt über die „Rather crazy“-Moderne, aber genau das ist es, worüber man sich erstaunlich gut unterhalten kann! Dann starten wir nach Metz. Eigentlich wollte ich gern zur Kathedrale von Reims, aber der Wetterbericht sagt – und ich benutze immer drei Wetter-Apps! - dass der Sommer in Nordfrankreich zuende geht.

Darüber vergesse ich ganz, mir Dödelingen anzuschauen, Dudelange, ein kleiner luxemburgischer Vorort, dessen Fussballmannschaft neuerdings in der Champions League brilliert. 500 Meter von der Metzer Altstadt beziehen wir Quartier im etwas abgenutzen Ibis Centre Cathedrale. Die großartige gotische Sandsteinkirche erstrahlt im Abendlicht wie ein Saharaschloss. Am nächsten Morgen ist wieder ein mit Obrigkeits-Mitteln geförderter Museumsbau dran: das 2010 eröffnete Centre Pompidou von Shigeru Ban und Jean de Gastines mit einer wunderschön geschwungenen Dachkonstruktion aus mit Teflon beschichtetem Holz.

Russische Schnittmuster

Ich habe Glück mit einer sehenswerten Sergej-Eisenstein-Ausstellung, der Bine als Rötgenfilm-Spezialistin noch nicht untergekommen war. Ich dagegen habe immer schon gern von den russisch-revolutionären Montagetechniken erzählt, und bin begeistert, wie bereits die einfachste Verbindung allererster künstlerischer Bewegtfilmszenen eine Geschichte erzählt und Propaganda ermöglicht. Unsere „modernen“ menschlichen Gehirne sind nach nur einem Jahrhundert voll von Billiarden solcher kleiner Bildschnitt-Narrative, die  a l l e  frei erfunden sind...
 
Auch eine Ausstellung zur Operngeschichte lässt uns staunen. Aber nun reicht‘s auch, und wir unternehmen das Abenteuer einer Straßenbahnfahrt. Der Automat kann deutsch, und es ist kinderleicht, mit Bargeld, Geldscheinen oder EC-Karte eine aufladbare Chipkarte zu kaufen, pro Tour 1,80 Euro. Allerdings nimmt nach dem Betreten der Straßenbahn der Entwerter-Automat die zweite gezahlte Fahrt nicht an, dafür hätte es eine zweite Chipkarte benötigt, und einer von uns beiden fährt schwarz. Aber welcher?

Tatarenschmaus

Vor den Galeries Lafayette sehen wir eine Außenbrasserie mit Sonnenplätzen. Es gibt Millionen davon, sie sind fast immer für deutsche Gasthausgeschädigte eine Freude, vor allem bei solchem Sommerwetter! Für den, der Frankreich noch nicht so gut kennt: Draußen stehen häufig diese freundlich einladenden kreidebeschrifteten schwarzen Speisekarten mit Entrées, Plats und Desserts. Am liebsten scheint der Franzose Steak Frites zu mögen, die gibt es immerzu in unterschiedlicher Qualität, wobei es unsere Gefrier-Balkenpommes nicht mehr gibt, sondern – bei uns jedenfalls – immer frisch fritierte aromatische Kartoffelstücke. Ein Plat du jour kostet unterwegs machmal dreigängig nur 15, hier gut 25 Euro. Kostenlos gibt es immer eine Flasche Wasser. Ich entscheide mich für Steak haché, bereits ein zweites Mal nach dem in Wurmgröße gehäckselten rohen Tartar in Luxemburg, diesmal aber saftig medium gebraten – und köstlich. Bine wieder Muscheln…

Metz hat eine traurige Geschichte, wie viele Orte in der Grenzregion. Mal deutsch, mal französisch, musste jeweils der andere Sprachteil leiden, je nachdem, wie der Hammer hing. Ich würde gern im historischen Musée de la Cour d‘Or mehr darüber lesen, aber die blöden Franzosen übersetzen nichts, aus Bosheit oder Gemeinheit, oder weil sie nicht mit uns diskutieren wollen? Nein, der Franzose meint, dass das verdammte amerikanische Jahrhundert andauert, wenn man nichts dagegen unternimmt. Sorry, Europa!

Flohwalzer auf dem Lande

Es ist spät geworden, und wir beschließen, uns etwas Nettes in ländlicher Umgebung zu suchen und dann am Morgen nach Wetterlage zu entscheiden, wo es hingeht. Auf die Labels „Fabelhaft“ oder „Außergewöhnlich“ kann man sich bei Booking.com verlassen. Als Stammkunde bietet man uns preisreduziert ein Bed und Breakfast - Chambre d‘hote - am Dorfrand an, reichhaltiges Frühstück inkludiert. Google maps führt uns bis an die Gartentür des Le Petit Flo in Flocourt.

Nach einem halbstündigen lebhaften Gespräch an der Haustür der Wirtsfamilie, die zwei Kinder aus Togo und Vietnam adoptiert haben, beziehen wir ein eigenes Häuschen auf dem weitläufigen Grundstück. Eine Flasche Rosé geht bei der weitergeführten Diskussion mit dem entzückenden Hausherrn drauf, wir unterhalten uns bestens, indem wir ins Smartphone sprechen und uns die Übersetzung anhören. Am Morgen bringt er noch ein üppiges Frühstück mit vielen selbst gemachten Spezialitäten, die wir gar nicht schaffen können. Das Wetter scheint gräulich, und wir ziehen auf mautpflichtiger Autobahn 400 Kilometer vor bis Lyon.

Französische Autobahn-Raststätten sind gut geeignet für eine Pause, der Wachmach-Espresso kostet unter zwei Euro, die Toiletten sind umsonst, aber wenn ein Kentucky Fried Chicken mit betörendem Duft und krass-krossen Fotos lockt, sorry, da konnte ich nicht nein sagen. Es regnet Katzen und Hunde, erstmals, und vielleicht ist das eine passende Entschuldigung. Wir versuchen es als Hörliteratur während der Fahrt mit Gorbatschows Erinnerungen, aber ich schalte dann doch um auf Tom Jones‘ Autobiografie, der seine Rolle im Popgeschäft hintergründig und selbstkritisch ausbreitet, der walisische Kohlekumpelsohn, später sexiest man alive.

Ab Basel gebe ich wieder Gas, ich schwör‘s

Das Fahren auf der Autoroute entwöhnt mich von meinen Tempolimit-Sehnsüchten. Gerade ist ein Antrag der Grünen im Bundestag abschlägig beschieden worden. Es wäre auch sinnlos: wann immer man irgendein Limit unter sich hat, und man es sogar leicht überschreitet, es drängeln auf der linken Spur trotzdem sofort welche, die unbedingt vorbei wollen. Dann passieren sie in dichtem Pulk nur schlappe zehn Stundenkilometer schneller und du verhungerst hinter einem Lkw.

Ob Landstraße oder Innenstadt, immerzu setzen sie sich hinter deiner Stoßstange fest, und ich meine auch zu sehen, sie machen ein verärgertes Gesicht. Oder aber, sie kommen gar nicht auf den Gedanken, einen Sicherheitsabstand zu lassen, denn im schnellen Reagieren waren die Franzosen früher einmal Weltklasse. Das funktioniert in den Kreiseln auch immer noch hervorragend, wer bremst, verliert die Vorfahrt. Auf Landstraßen käme man mit Drehwurm auch mautfrei bis ans Mittelmeer, allein, die Tausende Kreisverkehre verdoppelten die Fahrzeit. Da wäre Metz-Lyon bei Regen jetzt auch nicht meine Wahl gewesen.

Am Wasser gebaut

In Lyon soll man gut essen können, hein? Die drittgrößte Stadt ist vielen noch relativ unbekannt. Die 500.000-Einwohner-Metropole bietet am Zusammenfluss der Rhone mit der Saone eine phänomenale Renaissance-Altstadt, ein paar interessante Museen und französische Normalität, die mich interessiert. Dass „Peniche“ Hausboot heißt, bemerke ich erst nach einigen Recherchen auf Booking.com. Die zentral gelegenen Hotels sind hier wesentlich teurer, und der Vorteil von Budgetquartieren am Stadtrand ist schnell aufgebraucht, wenn man immerzu pendeln muss.

Außerdem steht uns der Sinn nach abendlichem Flanieren und einer mittäglichen Ruhepause. Warum also nicht zwei romantische Nächte auf einem Hausboot mit am Quai abgestelltem Auto? Eine afrikanischstämmige Rezeptionistin zeigt uns den Hindernisparcours über das alte Flussschiff zu unserem Zimmerchen, dem das Saone-Wasser bis zur Unterkante Oberlippe steht.

Nachdem sie ein paar Croissants und Kekse hinterlassen hat - das soll also unser inkludiertes Bonus-Frühstück sein, verabschiedet sie sich in den Feierabend, und ich hole das Auto mittels Chipkarte durch den herabzulassenden Poller an den Quai. Nachts könnten wir miterleben, wie die Räder geklaut werden. Oder ich verwechsle Vorwärts- mit Rückwärts-Automatik, wie so mancher Rentner heutzutage, und stürze in den Fluss. Bine ist das alles nicht geheuer.

Wir schlafen heute Nacht unter einer Eisenbahnbrücke und einer Autobahnbrücke. Aber davon merken wir nicht viel. Lyon wirkt wie viele französische Stadte in ihrem totalen Zentrum als Überbauuung der Überbauung von überbauten Strukturen. Irgendwann merke ich auf dem Weg zum Musee de la Resistance, dass wir neben Hauptbahnhof und Hauptbusterminal wohnen.

Vor 75 Jahren

Das Museum des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung ist natürlich wieder nur für Franzosen gemacht. Wenn man sich’s überlegt, die Franzosen haben mit ihrem Nicht-Übersetzungs-Komplex vielleicht sogar Recht: Was geht’s uns an? Dass Klaus Barbie sich als Gestapochef der Stadt im teuflischen Schlussakkord des Totalen Krieges im Folterkeller austobte und die Deportationen leitete – welcher Deutsche will das heute noch wissen? Selbst Bine nicht, die sich lieber im Textilmuseum vergnügt.

Deutschland grenzt heute an neun Länder, und bei fast allen Nachbarn hat es noch größere Schuld angehäuft. Den Film mit den verzweifelten Augenzeugen-Aussagen in Barbies Lyoner Prozess (1987!) kann man jedenfalls kaum aushalten. Der immerhin meist übliche englischsprachige Audioguide zur permanenten Ausstellung ist für mich sprachlich zu komplex, um die ganze Materie des Widerstands und der Kollaboration aufzunehmen.

Bric-à-brac

Vieux Lyon, die Renaissance-Altstadt an der Saone: Wir betreten sie am späten Nachmittag von Süden durch die Rue Saint Georges und erfreuen uns an den eins nach dem anderen schließenden Geschäften. Das haben die Franzosen drauf: Es gibt so viele von ihrer Aufgabe überzeugte individuelle Boutiquebetreiber und Galeristen, und Sparten, die es bei uns schon lange nicht mehr gibt, Antiquariate oder Antiquitäten, findet man überall. Selbst Souvenirläden haben zumeist ein gewisses künstlerisches Niveau. Mir fällt auf, dass es Kettenläden, die Lübeck, Lüneburg oder Buxtehude entstellen, in den französischen Altstädten selten gibt. Das macht Spaziergänge so interessant, und an unseren besten Tagen kommen wir auf über 20.000 Schritte, wenn man dem Handy trauen kann.

Das mit dem Essengehen in Frankreich ist so eine Sache: Geluncht wird von 12.30-13.30 Uhr. Betritt man ein Lokal nur etwas später, weil noch Gäste speisen, entpuppen sich diese als Personal: „Pardon, fermé!“ Da wir gern auf eine dritte große Mahlzeit verzichten, betreten wir ein Alt-Lyoner Feinschmeckerlokal mit der Frage, ob wir uns auch ein Menü teilen dürfen. „Bien sur!“ Aber es sei „übersichtlich“. Genau richtig für uns. Variationen der Geflügelleber folgen verschiedene Zubereitungen der Entenbrust und schließlich Rohmilchkäse, mit Bordeaux und Baguette ein wunderbare kleine Vorabend-Schnoperei. Aber auf dem halbstündigen Heimweg entlang der nächtlich illuminierten Saone stellt sich die quälende Frage: Wo sind die schönen alten Pissoirs?

Der Sinn des Lebens

Eigentlich hatten wir vor, durch den einen oder anderen Naturpark der Ardeche oder des Vercors zu gondeln, aber das Wetter bleibt nur noch im Rhonetal regenarm. Valence und Montélimar sind unsere nächsten Stationen, die wir per Landstraße ansteuern. In einem kleinen Ort namens Sarras überqueren wir die Rhone. Bine durchbricht mein Muster der Restaurantsuche per Handy mit ihrem Röntgenblick: „Da war eben was!“ Schnell parke ich das Auto auf dem Dorfplatz vor der Epicerie, die gerade schließt. Voila, an der Straßenecke zuvor ein Speisesaal wie eine HO-Gaststätte, aber jeder Tisch gefüllt. Plat du jour, drei Gänge 13 Euro...

Ich weiß, es wirkt, als hätten wir diese Reise nur wegen des Essens unternommen, aber es ist auch so. Diese Pastete! Dieser Rosé! Diese Möhrchen zum Kalbsbraten! Und ein Flan mit geronnenem Zucker... Bereits auf dem Klo buche ich ein schnuckeliges und günstiges Hotelappartment im Zentrum von Valence. Wir haben diese Reise nämlich auch wegen des guten Schlafens gemacht.

Dräuende Unbill

Valence ist für 10.000 Schritte gut, das Museum des türkischen Genozids an Armeniern ist wieder nur für Französisch-Lesende gedacht, mehr gibt es nicht zu erzählen. Wir ziehen gleich weiter nach Montélimar, auch ein nettes Örtchen. Heute morgen ist Markttag. Ich möchte am liebsten kochen! Mit frischem Obst in der Handtasche besteigen wir das Chateau des Adhemar über der Stadt und betrachten sorgenvoll die dunkeln Wolken, die von der Ardeche heraufziehen. Ein letztes Sonnenloch scheint über Marseille zu sein, also nichts wie endlich ans Mittelmeer!

Google Timeline zeigt mir, dass wir gut zwei Stunden bis Marseille gebraucht haben. Avignon haben wir links liegen lassen, denn wir kehren ja bereits im kommenden Jahr in die Cevennen zurück. Um 15.23 Uhr checken wir im super-zentralen Staycity Apparthotel ein, um 16.51 Uhr war die Mittagsruhe beendet. Für die nächsten vier Tage bleiben wir hier, denn bei dem laut drei verschiedener Wetter-Apps irgendwann aufkommenden Unwetter wünsche ich mir zur Unterhaltung urbane Abenteuer.

Es stinkt nach Urin in den Laubengängen des Regionalparlaments vor unserer Hoteltür. Aber die Matratzen der Obdachlosen stehen ordnungsgemäß an der Wand aufgestellt. Schon hinter der nächsten Ecke treffen wir auf das Historische Museum, davor unter freiem Himmel die Reste des antiken Hafens. Hier – der Pissegeruch osteuropäischer Wanderarbeiter gerade noch vom Winde verweht - begann die Besiedelung des Mittelmeers durch die Griechen und Römer vor 2.600 Jahren!

Barberie und Barbarei

Bei Erdarbeiten zu einem Einkaufszentrum wurde der Hafen entdeckt. Beim Schlendern durch die Lebensmittelabteilung der Galeries Lafayette – sorry, Handtaschen sind nicht so mein Ding - sehen wir eine mächtige Barberie-Entenbrust, und mir kommt die Idee, da wir ja eine vollwertige Küchenzeile haben, dass wir sie auf ihrer Haut kross braten und am Ende der Einfachheit halber eine Gemüsedose in die Pfanne kippen. Leider habe ich die Bezeichnung der Gemüsemischung vergessen – Google Timeline ist da gar nicht hilfreich – aber ich bin mir sicher, solche Qualität wird deutschen Verbrauchern nicht eingetütet.

Am Vieux Port setzen wir uns in der immer noch scheinenden Herbstsonne vor eine Bar und ziehen Resumée. In sechs Tagen haben wir Frankreich durchquert. Wir wollten uns mehr Zeit lassen, aber es fühlt sich an, als wären wir bereits einen Monat unterwegs. Jetzt blicken wir auf ein Meer von Mittelmeeryachten und Sir Norman Fosters auf dünnen Säulen schwebendes Pavilliondach, das an seiner Unterseite alles widerspiegelt. Einfach nur schön. Dass uns der Kellner beim Rausgeben mit einem Taschenspielertrick um 20 Euro beschummelt, was soll’s? Wir haben eine Entenbrust in der Tasche!

Mit dem Telefon, mit dem wir fast gar nicht telefonieren, plane ich die Tage. Das Museum der Zivilisationen Europas hat als Einziges montags geöffnet, also fahren wir am Sonntag mit dem Bus zur hoch über der Stadt liegenden Kirche Notre Dame de la Garde. Google maps zeigt Abfahrtsort und Zeitpunkt des Busses, nicht aber, dass er so überfüllt ist, dass wir nicht mitkommen. Da wir damit rechnen, dass es uns in zwanzig Minuten wieder so gehen wird, marschieren wir los: Eine mittlere Bergbesteigung bei immer noch warmem Sonnenwetter. Kaum sind wir ein paar Ecken gelaufen, sehen wir einen zusätzlich eingesetzten Bus auf uns zu kommen, völlig leer. Und wie es der Zufall will, stehen wir gerade an der nächsten Haltestelle.

Die Wetter-Apps haben es tatsächlich vorausgesagt: Marseille bleibt bis Montag sommerlich, an der westlichen Mittelmeerküste dagegen schäumt es geradezu auf den Regenradarfilmen. Von der neo-romanisch-byzantinisch-artigen Marien-Wallfahrtskirche – ich besichtige grundsätzlich keine Kirchen aus dem 19. Jahrhundert, steigen wir ab zum Vieux Port.

Vor uns liegt die Nordseite des alten Hafenbeckens, die 1943 auf Befehl Himmlers gesprengt wurde, um die Resistance aus der Stadt zu vertreiben. Das ist jetzt bereits 75 Jahre her. Aber Krieg ist Krieg: 120 Jahre zuvor hat die napoleonische Besatzungsmacht am zweiten Weihnachtstag 1813 die Hamburger Vorstädte zum Schussfeld niedergebrannt und 20.000 alte und kranke Hamburger vor den Toren der Stadt der Kälte und dem Hungertod ausgesetzt, weil sie sich nicht mehr selber versorgen konnten.

Olympique

Heute abend spielt Olympique Marseille im Stade Vélodrome gegen Racing Straßbourg. Schon während der kurzen Metro-Anfahrt wundere ich mich über die spärlichen Fans. Im Stadion herrscht in den oberen Rängen gähnende Leere. OM hat offenbar irgendwie verschissen. „Melangions nos cultures“ steht auf einem 20 Meter langen Band geschrieben. Der neunmalige Meister und zehnmalige Pokalsieger ist zwar der einzige französische Verein, der jemals die Champions League gewonnen hat. Aber OM wurde 1995 die zehnte Meisterschaft wegen Bestechung aberkannt und in die zweite Liga verbannt. Die Weltmeister Fabien Barthez, Laurent Blanc, Marcel Desailly, Didier Dechamps, Jean Tigana, Jean Djorkaeff haben hier gespielt, oh la la!!! Aber in der derzeitigen Equipe glänzt nur Vize-Europameister Dimitri Payet – durch Fernbleiben.

Die erste französische Liga ist zur Zeit noch langweiliger als die Deutsche: Meister Paris Saint Germain ist Eigentum eines Scheichs und distanziert alle nach Belieben. Der heutige Gegner Straßburg schwebt in Abstiegsgefahr und spielt auch so, Olympique gewinnt 2:0. In der Pause wird ein wesentlicher Unterschied deutlich: Es gibt keine Würstchen und kein Bier, und die Zuschauer packen mitgebrachtes Baguette aus. Schnell steige ich nach dem Schlusspfiff in die U-Bahn. Google Timeline sagt: Um 23 Uhr verlasse ich das Vélodrome, 31 Minuten später bin ich im Hotel.

Kanonen fürs Volk

Montags haben die meisten Museen geschlossen, nicht aber das MuCEM (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers) am Hafenausgang. Der französische Architekt Rudy Ricciotti hat den filigranen Kubus entworfen, der mit seiner dunkelgrauen Fassade wie aus Spitze geflochten wirkt. 1660 hat Sonnenkönig Ludwig XIV. das Fort Saint-Jean und gegenüber das Fort Saint-Nicolas errichten lassen, um die aufmüpfige Bevölkerung mit Kanonen in Schach zu halten. Als wegen der Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas 2013 rund 190 Millionen Euro zur Verfügung standen, wurden schnell auch zwei Fußgängerbrücken zum Fort und zum historischen Viertel Le Panier errichtet. Einfach nur schön. Die Ausstellung über „Inseln“ dagegen ist wieder einmal in französisch gehalten, und der englische Audioguide bramarbasiert so viel sinnloses Bildungs-Zeug, dass ich ihn bald abstelle.

Das Gleiche gilt am nächsten Tag für das Historische Museum: Man müsste Französisch können. Erst zurück in Hamburg entdecke ich, dass eine mitgenommene dicke englischsprachige Zeitschrift praktisch jeden Raum erklärt hat. Allerdings möchte ich doch nicht mit einer Zeitung durchs Museum gehen. Römische Schiffswracks und ihre Rekonstruktionen beeindrucken immerhin ebenso wie 100 Multimedia-Stationen, die 26 Jahrhunderte der ältesten Stadt Frankreichs beleuchten. Auf französisch, merde alors...

Beton-ton-ton

Da das Wetter sich verschlechtert, genießen wir unser gemütliches Zimmer und „ver“-pflegen uns. Im orientalischen Viertel Noailles rund um den Boulevard Canebière haben wir auf dem Markt ein Kilo Crevetten erstanden und schlemmen sie mit Baguette, Majonnaise und Vin blanc. Ein paar Spaziergänge durch Le Panier und am Vieux Port, das war’s.

Am Morgen unser Abreise aus Marseille besuchen wir noch ein Mahnmal akademischer Überheblichkeit. Wikipedia schreibt dazu: „Das 1952 eröffnete Hochhaus „Cité radieuse“ ist 138 Meter lang, 25 Meter breit und 56 Meter hoch. Le Corbusier sah seinen 18-geschossigen Skelettbau aus Stahlbeton als ideale Lösung für eine massenhafte Wiederholung an vielen Orten. Diese Effizienz und die weite Verbreitung sollten einer breiten Masse erhöhten Wohnkomfort ermöglichen und den Wohnungsmangel nach dem Weltkrieg lindern.“

Arelate

Durch Marseilles westliche Vororte und die Camargue steuern wir den Badeort Saintes-Maries-de-la-Mer an, wo wir tatsächlich fast im Regen baden gehen. Bis zum Radkasten steht das Wasser, von angeblich schöner Landschaft ist außer ein paar im Schlamm grasenden Schimmeln nichts zu sehen, so dass wir schnell wieder nach Arles zurückfahren und am Rande der Altstadt absteigen. Im TV sehen wir Berichte über das katastrophale südfranzösische Unwetter, das morgen vorbei sein soll.

Und so ist es. In strahlendem Sonnenschein betreten wir die gegenüber unserem Hotel gelegene Altstadt und besuchen römisches Theater und Arena. Wikipedia sagt: Hier kreuzte sich die Römerstraße Via Agrippa von der Colonia Narbo Martius (Narbonne) nach Lugdunum (Lyon) mit der Via Aurelia, die Arelate (Arles) über Massilia (Marseille) mit Rom verband.

Van Gogh wurde 1889 von Arles‘ Einwohnern vertrieben, weil er so falsch gemalt hat. Aber dann haben sie die Altstadt wohl manchmal doch so gestaltet, wie er sie sah. Das Kunstmuseum Réattu in einem alten Sitz des Johanniterordens am Ufer der Rhone, besitzt allerdings keinen Van Gogh, dafür aber schöne Picassos. Und überhaupt.

Von 12.50 bis 13.54 Uhr tafeln wir artig draußen auf dem Trottoir beim „Au Brin de Thym“ und fahren um 14.22 Uhr weiter zum viereckig ummauerten Dorf Aigues Mortes. Ähnlich wie Putin die Krim, erwarb der französische König Ludwig IX, wegen seiner Kreuzzüge der Heilige genannt, 1240 die Lagune um Aigues Mortes („Tote Wasser“) und gewann damit seinen ersten Mittelmeerhafen, der erst im 16. Jahrhundert verlandete, als der Konkurrent Marseille längst auch zu Frankreich gehörte.

Les étudiants

Inzwischen haben wir uns für ein Quartier mitten in Montpelliers Altstadt entschieden. Mit mehr als 60.000 Studenten ist jeder vierte Bewohner der Stadt an einer der Hochschulen eingeschrieben. Man kann sich also lebhaft vorstellen, was am Donnerstagabend hier los ist. Wir wohnen in einer Altstadtgasse mit Fenster zu rund 50 Wirtshaustischen, die allesamt bis weit über Mitternacht besetzt sind. Das plätschernde Gemurmel der jungen Leute wiegt uns in den wohl verdienten Schlaf.

Das Navi hatte mich gegen Abend an den Rand der Fußgängerzone geführt. Auf Booking.com behauptete der Vermieter frech, ein Parkplatz wäre vorhanden. Als wir in einen Tunnel unter der Altstadt einfahren, sehe ich ein Schild: Parking Comédie. Zackebumm reiße ich das Steuer nach rechts und stoppe vor einer Schranke. 25 Euro pro Tag. Bei 60 Euro für das mittelalterliche Mini-Loft zu verschmerzen. Im Herausgehen sehen wir die Nachtwachen vor ihren Bildschirmen sitzen. Merci beaucoup, les messieurs!

Dann versuche ich durch das Gewimmel der Gassen per Google maps die Rue du Plan d’Agde zu finden. Besser geht’s mit der App HERE, weil dort ein Pfeil anzeigt, in welche Richtung man das Teflon hält. Ich rufe den Vermieter an, und er erwartet uns eine Viertelstunde später vor unserem Haus. Die Adresse stellt sich wieder einmal als das große Los heraus.

Wir bleiben zwei Nächte, genießen die Altstadt, marschieren aber auch durch ein entsetzlich abgedrehtes Neubaugebiet, Antigone genannt, bis zu einem wundervollen modernen Bau am Ufer des Lez, dem „Arbre blanc“. Diese architektonische Verrücktheit von japanischen und französischen Architekten imitiert ziemlich perfekt einen weißen Baum, der einfach aus jeder Perspektive gut aussieht. 17 Stockwerke, aber was für ein Unterschied zu Le Corbusier!

Es muss wundervoll sein, hier zu studieren. Es muss schön sein, hier zu bleiben. Aber wir wollen weiter zu Hilke an die Pyrenäen, und wir freuen uns darauf, ihr unsere mittlerweise etwas massiv eindrücklichen Erlebnisse zu schildern. Auf dem Weg zu ihr besorgen wir etwas Wein beim Weingut Paul Mas, das wir zufälligerweise vom Hamburger Jacques‘ Weindepot kennen. Ewig wird mich gereuen, dass ich nicht eine Kiste vom Selbstgezapften, sondern drei bunte Bricks in Weiß, Rosé und Rot kaufe. Es stellt sich heraus, dass Paul Mas dafür eine beliebige südfranzösische Mischung zusammengekippt hat, aber ich ahnte, wir drei schlabbern die neun Liter in den kommenden Tagen gut weg...

In Beziers machen wir wieder unsere 10.000 Schritte und verfehlen die Kathedrale Sainte-Nazaire, die irgendwann zu hoch liegt. Dafür bekommen wir wieder eine Ahnung, welche Herausforderungen der französischen Politik bevorstehen: Unten an der Vieux Pont über die Orb sind ganz viele alte Häuser verrammelt. Hat die schwache Ökonomie der Kleinstädte etwas mit romantischen Mittelstands-Selbstständigen zu tun, deren eindrucksvolle Unikatläden im historischen Zentrum unbesucht vor sich hin dümpeln, und die mit anderen Freiberuflern zu den stärksten Wählergruppen des Front National gehören? Änderungen, um sich der renditeorientierten Wirtschaftsmoderne anzupassen, hat der Franzose nicht so gern.

Saint-Paul-de-Fenouillet

Hilke ist Journalistin, die unter vielem anderen eine große Zahl an Frankreich-Reiseführern geschrieben hat und den fabelhaften Blog www.meinfrankreich.com betreibt. Sie ist durch zahlreiche Zufälle gerade in Saint-Paul-de-Fenouillet hängen geblieben, einem kleinen Ort, 40 Kilometer von Perpignan in Richtung Pyrenäen im Tal der Agly gelegen.

Ihr kleines Ferienhaus am Ende der Rue du Pech ist drei Stockwerke hoch an den Felsen gebaut, der im Untergeschoss in Küche und Arbeitszimmer hineinragt. Man kann es mieten, aber zur Zeit wohnt und arbeitet sie dort. Zwei Bäder, zwei Schlafzimmer in der Mitte, eine zweite große gemütliche Küche oben und ein „Dachgarten“ gehören zum Domizil. Sie empfängt uns mit vielerei gekräutertem Ofengemüse vom Markt, und ich kann mich an diesem ersten von fünf weinseligen Abenden bei ihr dem Reiz des Vegetarischen nicht entziehen. An diesem Ort könnte ich wohl fleischlos glücklich sein.

Unsere Reise geht auf die Schlussgerade: An die spanische Grenze zu den Badeorten Port-Vendres und Collioure. Vorbei am Perpignaner Flughafen, von dem Hilke über Paris ihre weltweiten Pressereiseziele anfliegt. Nach Port Vendres gelangen wir, weil es in Collioure gerade keinen Parkplatz gibt und wir an der Küstenstraße weiter fahren. Hier ist Flohmarkt. Französischer Flohmarkt. Wenn man jung wäre und noch etwas brauchen täte, würde man hier schnell fündig werden.

Mal zwischendurch was ganz anderes: Ich höre gerade Neil Young, wärend ich dies schreibe. Er zeigte 1970 auf seiner LP „After the Goldrush“ ein Foto von seinem Hintern. Selten hat mich ein Männerarsch mehr erregt: Auf seiner Blue Jeans prangten aufgenähte Bordüren. Es war der Moment, an dem ich begriff: Nicht alles, was meine Mutter mir genäht hatte, war schön. Ich habe einen Traum: Stoned über einen französischen Flohmarkt gehen und mal schauen, was meine Eltern und ich seitdem alles fort geworfen haben.

Collioure und sein Chateau Royal der Könige von Mallorca sind so schön, dass es weh tut. Matisse und die Fauvisten malten das katalanische Fischerdorf mit seiner trutzigen Königsburg. Einige bezahlten in der Brasserie „Les Templiers“ mit ihren Kunstwerken, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die dort noch hängenden Bilder Originale sind. Schließlich wäre man dann dauernd  in Lebensgefahr.

Tags drauf fahren Bine und ich zum Thermalbad Caliceo, laufen 10.000 Schritte in Perpignan. Und schließlich führt uns Hilke ins Donezan-Gebirge. Dorthin, wo es aussieht, als würden die Indianer ins Winterlager ziehen. Wo Francois in seinem hoffentlich letzten Arbeitsjahr kocht wie Gott in Frankreich. Und wir an unserem vorletzten Tag noch einmal die Sau raus lassen. Auf kleinen Bergstraßen verirren wir uns in den sonnigen Pyrénées-Orientales. Jetzt noch ein Ruhetag - Bine und Hilke fahren ans Meer und schlemmen Meeresfrüchte, dann starten wir die 1.700 Kilometer zurück nach Norden. Über Rolle am Genfer See und Heidelberg trudeln wir mit Besuch bei zwei Schwestern heim.

Mir kommt ein Gedanke: Wer Frankreich verherrlicht, ist eigentlich Nationalist. Die Sehnsucht von Touristen ist eben nicht modern, sondern wie alle Romantik rückwärts gewandt. Es ist überall auf der Welt schön, auch bei uns. Aber irgendwann waren es der Eindrücke zu viel. So wie jetzt, wo ich nicht mehr weiß, was ich schreiben soll. Also weiter im nächsten September, ein Poolhaus in den Cevennen ist bereits gebucht...

Paddeln am Alsterlauf

30 Grad Hitze im Norden. Seit Tagen halten wir tagsüber die Fenster geschlossen und verdunkelt. Das elende Ergebnis: Über 25 Grad im luftleeren Raum. Und dann noch eine Stunde lang in der Wohnküche Hühnerbeine backen. Geht‘s noch?

Aber Hamburg wäre nicht Hamburg, wenn es kein Wasser drumrum gäbe. Schwimmen im Appener See scheidet aus, wegen einer rotzfrechen Erkältung. Einen Strandspaziergang in Blankenese mit Bergwanderung zum Römischen Garten am Waseberg hatten wir gestern. Und zwar zweimal. Ich hatte meinen Autoschlüssel auf der Naturtheater-Anhöhe verloren und musste unsere Tour über den Falkenstein wiederholen. Gottseidank hatten wir uns gerade beim Elblotsen gestärkt.

„Habt Ihr Lust auf eine Paddeltour im Alsterlauf - mit Hühnerbeinen, Käsebonbons und Rhabarberschorle?“ hatte ich unseren Freunden gewhatsappt. Klar doch, hatten sie. Sonntags um zehn trafen wir uns am Ring 2, ein unwirtlicher Ort im dichtbefahrendsten Hamburg-Nord, jedenfalls aus dem Auto betrachtet. Hamburg wäre nicht Hamburg, wenn man nicht mit einem kurzen, wagemutigen Haken eine Seitenstraße finden würde, wo alles städtische Leben blitzeschnell verschwindet - zumal am Sonntag - und man eintaucht in eine grüne Hölle wie am Amazonas.

Mit Hühnerbeinen am Ring 2

Der Anleger am Deelbögenkamp verleiht Kanus, Tretboote und Stand-up-boards, aber zu viert mit Kühltaschen sind die guten alten Indianer-Paddelboote die beste Wahl. Hanseatische Wassersportler nennen sie auch „Knutschgondel“, weil: vorn und hinten die Männer am Machen und in der Mitte die Mädels am Kalte-Getränke-Reichen. Aus dem Rumknutschalter sind wir raus, jedenfalls hätte ich zu Bi. über Ba. hinüber steigen müssen, und Ba. knutsche ich nicht, weil: Sie gehört zu Ri. Bi. gehört zu mir, wie mein Name an der Tür...

Indianerkanus sind gut zu handhaben. Das In-der-Mitte-liegen fanden Ba. und Bi. großartig. Auch mit zwei Mann - ich bin heute Diclofenac-gedopt - kommt schnell Fahrt auf. Mit teuren Handies in den Taschen kippt man nicht gleich bei jeder Welle um, und wenn der Hintermann den Kantenschlag beherrscht, gibts auch keine Schlangenlinien.

In meiner Jugend war ich Mitglied im Paddelverein. Wir sind norddeutsche Flüsse abgewandert und zum Schluss mit Zehnerkanadiern auf der Donau und mit Kajaks auf Ardeche und Dordogne gefahren. Ein Kajak paddelt man mit zwei Blättern: Links, rechts, links, rechts... bis theoretisch die Schultern wachsen.

Ein Kanu schlägt man mit dem Stechpaddel, und nur der Hinterste steuert, indem er das Paddel nach dem Durchziehen an der Bootskante in den Strom dreht. Das kann nicht jeder, und deswegen müssen die Ruderer bannig aufpassen, manche ohne Steuermann haben sogar Rückspiegel an der Kappe. Nur die Alsterdampfer, die fahren weiter, das sind Berufskraftfahrer, die einen Ehrenkodex zu verteidigen haben.

Sonntag in Alsterdorf

Gleich hinter der Deelbögenbrücke biegen wir links in den Inselkanal. Das Hamburger Wasserrevier ist eine Landschaft, für die man ein ganzes Leben braucht. Oder zumindest drei Wochen am Stück. Ich schweige jetzt einmal von der Dove Elbe durch die Vier- und Marschlande und von der Umrundung des Hamburger Hafens vom Köhlbrand bis zur Bunthäuser Spitze. Oder gar von Schweinesand und Unterelbe: 1969, mit der ersten platonischen Liebe am Lagerfeuer...

Die Alsterläufe dürfen nicht mit Motorfahrzeugen befahren werden, es sei denn, man ist Alsterdampfer-Kapitän oder man begleitet Ruderer im Training. Aber im Kanal an der Inselstraße herrscht noch bleierne Zeit, sonntagsmorgens pennt Alsterdorf aus, Kinder spielen eh nicht mehr im Freien, wo das Handy spiegelt, und überhaupt sind Gärten, insbesondere 1000-Quadratmeter-Gärten, hier nur was zum Besitzen. Man lässt den Gärtner machen und verreist.

Die Alster ist ja am Rathaus ein aufgestauter Fluss, zwischen Winterhude und Harvestehude heißt sie Leinpfad. Man kann sich denken, warum. Nach Osten, wie immer in Deutschland, beginnt hier das proletarische Hamburg, Barmbek, das man auf Goldbek- und Osterbekkanal umrunden kann.

Seeschlacht mit Schüttelbrot

Wir überqueren den Leinpfad an der Rathenaustraße in Alsterdorf, wir sind jetzt weiter nördlich von Eppendorf, und befahren den Skagerrakkanal, so benannt nach der dortigen Brücke und der fiesen Seeschlacht im ersten Weltkrieg. Inselkanal, Skagerrakkanal und Brabandkanal verlaufen parallel zum Alsterlauf, etwa zehn Kilometer nördlich der Binnenalster. aber eine Seeschlacht erleben wir nicht, dank Käsebonbons mit Tiroler Schüttelbrot und eisgekühlter Schorle. Handyfotos im Stehen sind der einzige kritische Moment der Reise.

Viele Alsterlauf-Anrainer besitzen eigene Boote, es wundert einen, wie sorglos manche Kanus am Ufer liegen. Manche haben ihre Gärten so gelegt, dass man über ein paar hundert Meter die Säuleneingänge und Wintergartenstudios erkennen kann. Dann wieder dichtes Gestrüpp und Zäune. Natürlich muss man auch dafür sorgen, das keine Kleinkinder in die Kanäle purzeln, denn was schief gehen kann, geht schief.

Nun überqueren wir den Alsterlauf erneut für die nächste Parallelwelt, den Brabandkanal an der Brabandstraße. Haubentaucherjunge drängen sich schutzsuchend zwischen Elterntiere und Wasserrosen, als wir uns zum Fotografieren nähern. Auffallend viele Vögel haben nur einen oder zwei Nachwuchsexemplare, ob das an den Tischsitten der neuen Armut liegt?

In Höhe Ohlsdorf zeigt Bi. uns einen gekonnten Pahlsteg-Knoten und wir verlassen das Schiff mit Mann und Maus, beziehungsweise mit Frau und Hühnerbeinen. An einem schattigen Platz diskutieren wir über Gott und die Welt, die Liebe und das Leben, und warum Mann und Frau nicht zusammenpassen. Dann paddeln wir die vier Kilometer zurück zum Beachclub Anleger.

Hamburg ist grün

Hamburgs nächste Bürgermeisterin wird 2020 eine Grüne, so viel ist sicher. Wir haben doch alle die Schnauze voll vom Turboverkehr in der Stadt. Oder doch nicht? Ich selbst bin eingefleischter Autofahrer, ich zahle keine 6,50 Euro für eine zeitraubende Umsteigeverbindung, wenn ich mit einem Drittel an Zeit und Geld mein Ziel erreichen kann.

Bin ich verrückt? Ja und nein. Ich liebe die Ruhe in Hamburgs Kanälen, ich liebe die Entspannung, die der grüne Radweg Nr. 11 rund um Hamburg verleiht, ich genieße es, mit der S-Bahn in einer Viertelstunde zum Jungfernstieg zu fahren. Aber ich fahre lieber eine halbe Stunde statt 1,5 Stunden nach Volksdorf und Billstedt oder zwanzig Minuten statt einer Stunde mit dem Auto nach Alsterdorf, ich fliege in Europa rum, ich liebe Hühnerbeine und ich dusche eine Viertelstunde. Tut mir leid, mit mir ist kein Staat zu machen.

Ab und an liest man, Hamburg sei eine provinzielle Stadt. Nun ja, ich glaube, ich könnte in einem Paddelboot auf dem Stadtparksee übernachten, und niemand würde mir etwas antun. Vielleicht bekäme es der Nachbar am Leinpfad mit der Angst zu tun, wenn ich mit der Leselampe nach Mitternacht in meinem Paddelboot vor seinem Palastgarten einen Vampirroman verschlinge.

Noch ist hier an Elbe und Alster die größte Gefahr, auf dem Fahrrad von einem Lastwagen überrollt, bei der Touchierung des Radwegs von einem Kampfradler zerschmettert oder bei starken Winden von einem der Viertelmillion Stadtbäume erschlagen zu werden. Montagmorgen. Ich schaue vom Balkon auf das Langenfelder Wäldchen am Bahndamm. Heute wieder Appener See.

Südtirol 2019

„Jetzt aber bitte mal runterschalten!“ Beifahrersein ist eine Übung in Gelassenheit. Überhaupt ist diese Reise-Erzählung nichts für Fahrerinnen, die am nörgelnden Mitfahrer verzweifeln. Trotzdem möchte ich ein Plädoyer für die Autoreise halten, und dazu wird‘s vielleicht auch ein wenig technisch. Nach all der Politik und Geschichte, Fußball- und Grillkunst: Womit willst du uns denn noch langweilen?

Wir gurken über den Fernpass Richtung Südtirol. Ich habe mir vorgenommen, mautfrei zu reisen. Zumindest will ich weder Pickerl noch Brennermaut zahlen, wenn es auch so über die guten alten Alpensättel Richtung Italien geht. Bine fährt, ich hänge am Navi. Aber beginnen wir in Hamburg.

Abgefüllt und verkorkt

Am Pfingstmontag sollte es nach unser allem ADAC chaotisch zugehen. Trotzdem haben wir unsere restlichen Bioeier hart gekocht, ein paar selbst gebackene Sauerteig-Stullen geschmiert, die große Teekanne gefüllt und verschiedene Köfferchen und Tütchen mit Einmal-Übernachtungsset, Mehrmal-Übernachtungsset, Badeset, Bergwanderset, Kältekleidungs-Set und weiß der Himmel im alten Golf Diesel verteilt, um früh am Morgen, wenn alle Ausflügler noch beim Frühstück sitzen, unsere erste Etappe bis zum Odenwald anzutreten.

Wir haben eine Lebensende-Reisehypothese aufgestellt: Wir werden keine Flüge mehr über fünf Stunden unternehmen. Kein Australien, kein Asien, kein Afrika und schon gar kein Amerika mehr! Aber ich will meine Sommer auch nicht an der Ostsee verbringen. Mein Traum ist, einfach ins Auto zu steigen und überall dort anzuhalten, wo es uns gefällt.

Nachdem die Stullen und die Eier verputzt sind und der Tee alle und der Deutschlandfunk langweilig und die Hör-CD mit John le Carrés Erinnerungen Bine zu politisch wird, reagieren wir auf ein typisches Autobahn-Tourismusschild: „Fachwerkstadt Melsungen“. So haben wir schon Rheda-Wiedenbrück und Hattingen und Heiligenstadt kennengelernt. Allemal besser als Autobahnraststätten. Ein Schloss und ein Ratskeller und ein preiswerter Kaffee finden sich überall.

Unser alter Golf wurde jüngst amtlich täuschend echt mit dem „Dieselupdate“ versehen, unsere Sammelklage gegen den VW-Konzern läuft sinnloserweise weiter, er hat in zehn Jahren 205.000 km gelaufen, und ich habe neulich noch leichtfertig gesagt, ich juckel den wertneutralen Turbodiesel auf 300.000, denn dafür ist er gebaut. Aber was schert mich mein Geschwätz von gestern. VW hat uns 40 Prozent „Umweltprämie“ geboten, wenn wir einen Neuen kaufen, und ich bin da extrem käuflich. Es wird wieder ein Golf, der Gleiche, nur mit Rückfahrkamera und Automatikgetriebe.

Ein Auto wie vom Biobauernhof

„Hochschalten, bitte!“ flehe ich die Regierung an. Mir tut es weh, wenn Pleuellager gequält werden. Fast wie Eier aus Bodenhaltung. Bine fährt den Rest der Tagesstrecke bis zur Schwester in den Odenwald. Ich kann prima schlafen, ich habe Grundvertrauen in ihre Fahrkunst, aber bitte, dieser Motor hat eine Seele wie ein Huhn, er quält sich, wenn er zu dicke Eier legen muss.

Ob es eine gute Idee war, erstmals ein Automatikauto zu kaufen? Früher verbrauchten sie drei Liter mehr, heute sogar etwas weniger als Geschaltete. Die 4,5 Liter Durchschnittsverbrauch machen mich froh, da kann mir jeder kommen mit „die Bahn fährt ja sowieso“. Sie fährt eben nicht immer, und schon gar nicht so bequem und flexibel und billig wie unser voll bepacktes voll verzinktes Blechle.

Aber Automatik hat seine Tücken. Ich nenne es einmal das „Max-Greger-Syndrom“. Offenbar neigen alte Menschen dazu, die Pedale zu verwechseln und ihre Frau zu zerquetschen. Neulich ist ein Poppenbütteler Senior mit seinem SUV 25 Meter weit ins Elbe-Einkaufszentrum reingerast, bis zur Rolltreppe über der Handtaschenabteilung.

In Bines ehemaligem Krankenhaus hat einer mit seinem Renault (Harburg!) den zehn Meter hohen Glaseingang zerdeppert. In Othmarschen, wo die großen Luxuslimousinen in ihren Garagen tagelang auf den Einkauf warten, fährt immer mal wieder ein Gruftie beim Bäcker bis an die Theke durch.

Aber ich denke mir: Fällst du noch einmal von der Leiter, zerreißt dir beim Gehfußball die Achillesehne oder braucht jemand eine neue Hüfte, fährt es sich erheblich besser einarmig und einbeinig zur Reha.

Zähne zeigen

Am ersten Morgen in Altenbach im Odenwald: „Es ist halb neun" schreit Bine entsetzt, weil wir das Gästezimmer verdunkelt hatten. Ihr ist gestern ein Stück Zahn abgebrochen, und die Schwester hat gegen zehn einen Termin beim Leibarzt erhalten. Na fein, denke ich, lege ich mich nach dem Frühstück wieder hin.

Wir müssen aber alle um Viertel nach neun los, sagen sie. Wieso, frage ich, muss ich mit? Ja, wir fahren doch in die Pfalz! Der gefühlt beste Zahnarzt der Region hat der Schwester einst in einer wirklich dramatischen Lage aus der Patsche geholfen, deshalb müssen wir quer durch die Oberrheinische Tiefebene nach Harxheim, und dann wollen wir Weinprobe machen und Steaks essen. Letzteres ist ein Argument, denn bei Steeger in Wangenheim gibt es das hausgeschlachtete 500-Gramm-Kotelett in der Kräuterkruste. Und da kann ich meine Zähne dran wetzen.

Südtirol kann einen Tag warten, unser DB-Fahrschein (Dieselblech) gilt für immer und ewig und jederzeit. Ich entdecke noch das Schriesheimer Waldschwimmbad und will es auch am kommenden Morgen nach der Abfahrt besuchen, doch am Mittwoch ist es plötzlich zwölf Grad kalt und regnet Bindfäden. Also fädeln wir uns in den badisch-bayerischen Lkw-Verkehr ein und erleben den Karlsruher, Stuttgarter und Ulmer Alltagsstau.

Ausgeschaltet

Als wir durchs Allgäu fahren, möchte ich am liebsten verweilen. Bei unserem ersten Auto-Urlaub in Oberstorf 1964 kaufte mein Vater an der Breitachklamm Spazierstöcke mit Stocknägeln, mittags gab es Schnitzel und Apfelsaft, war das herrlich. Wir waren natürlich mit dem Brezelkäfer da. Und jeden Tag gab es 30 Pfennig Taschengeld!

Immerhin futtern Bine und ich in Kempten Spaghetti, aber dann müssen wir weiter, wir sind für eine Woche in Klausen an der Eisack angemeldet. Die Freunde, mit denen wir bereits in der Provence, in der Bretagne, in den Marken, in Istrien, im Perigord und Sizilien waren, haben ein 500 Jahre altes Stadthäuschen gemietet, und das hat ein zweites Zimmer. Kann man da nein sagen?

Alle diese Reisen haben wir mit dem Golf gemacht, meist sogar mit zwei weiteren Spritfressern auf dem Anhänger. Nein, im Perigord waren es erstmals E-Bikes statt der Motorräder. Trotzdem hat der Golf immer noch die zweiten Bremsklötze, denn ich bremse wenig. Ich habe die Gewohnheit, vorausschauend zu fahren, erblicke ich am Horizont eine rote Ampel, bremse ich mit dem Motor, denn der Diesel schaltet im Gegensatz zum Benziner auf null Liter. Deswegen will ich auch, dass Bine bei 90 hochschaltet, denn im dritten Gang sind 4,5 Liter nicht machbar, Frau Nachbar!

Der graumetallene Wolfsburger ist das beste Auto, das ich je gefahren habe. Ich habe eine klammheimliche Träne verdrückt, als der Händler mir sagte, er würde jetzt trotz „Verschrottungsprämie“ nicht eingestampft, sondern nach Osteuropa verkauft. Dort brauchen sie noch verbrauchsgünstige, neuwertige Euro-5-Diesel. Die erste wirkliche Reparatur waren jüngst ein paar Achsgummis, die zweite eine Wasserpumpe. Sonst war nichts, niente, nothing, no way, José.

Doch, seit diesem Sommer funktioniert die Klimaanlage nicht, vermutlich habe ich eine Wartung vergessen. Man kann dieses Auto kaum ohne fahren, denn aufgrund des CW-Wertes sind die Frontscheibe ultraflach und das schwarze sonnenbeheizte Armaturenbrett zwei Quadratmeter breit. Wir waren deshalb froh über den Regentag, und in den Alpen haben wir die frische Bergluft durch die Fenster hereingelassen. So war es schon 1964 im Käfer, ein rauschendes Fahrfest.

Land der sauberen Deckel

Klausen, italienisch Chiusa, ein ins Eisacktal gequetschtes Dorf, war mal österreichisch. Im Ersten Weltkrieg hat man sich verschaltet, und Italien annektierte Südtirol. Unter Mussolini wurde enormer Italisierungsdruck ausgeübt, bis der Gröfaz sich mit seinem feisten Faschistenfreund auf einen Bevölkerungsaustausch einigte. Doch es dauerte bis in die Siebziger Jahre, dass die Region eine gewisse kulturelle Autonomie erhielt. Ich sage mal, das merkt man besonders an den sauberen Gasthaus-WC.

Nach unser ersten Nacht im dritten Stock des knapp drei Meter breiten Altstadt-Häuschens, wunderbar modernisiert mit Verglasungsinseln vom Dach bis in den ersten Stock, drei Designbäder, urige Küche, zwei Balkone, Holztreppen, -dielen und -möbel, geweißelte Mauern, Haustür in die Hauptgasse, fahren wir mit der Bahn nach Bozen.

Von dort nehmen wir die Seilbahn auf den Rittenberg und fahren weiter mit der Schmalspurbahn auf dem Plateau von Oberbozen nach Klobenstein. Der Blick geht von 1200 Höhenmetern über das Eisacktal auf die Dolomiten: Marmolada, Langkofel, Drei Zinnen, Sella. Etwa eine Stunde dauert unser weitgehend ebener Spaziergang zu den Erdpyramiden.

In der Eiszeit haben Moränen Felsbrocken mit sich geschoben, und diese sind hier unter dem Ritten durch jahrtausendelangen Regen freigespült, und zwar so, dass sie wie Hütchen auf Sandpyramiden thronen. Putzig, aber schon mal größer gesehen in Argentinien und Kappadokien. Nach der Rückkehr nach Bozen schlendern wir durch die mittelalterlichen Laubengassen, es ist enorm warm geworden.

Sissischlossrosen

Am folgenden Freitag nehmen wir wieder den Diesel, um nach Meran zum Botanischen Garten von Schloss Trauttmannsdorff zu fahren. Dazu fahren wir die Eisack hinunter bis Bozen und dann das Etschtal wieder hoch, eine knappe Stunde. Das Schloss hat eine bewegte Geschichte, am bekanntesten ist es durch den siebenmonatigen Kuraufenthalt der österreichischen Kaiserin Sissi geworden.

Die Mädels kraxeln durch das Blumenmeer, der Freund kümmert sich um den Dackel, ich besichtige das Schlossmuseum. Das Touriseum beleuchtet die Geschichte des Tiroler Fremdenverkehrs von der Postkutschenzeit bis zur Digitalisierung. 15 km schafften die Pferde, bis sie getauscht werden mussten. Eine Woche brauchte Goethe für seine Alpenquerung. Dann wurde man sich der Kurqualität der Höhenluft und des sonnigen Wetters bewusst, und alles änderte sich.

200 Bedienstete für 120 Gäste hatte das noble Karersee-Hotel im 19. Jahrhundert. Schwarzweiße Filme zeigen den alpinen Weltkrieg und den Beginn des Schneetourismus. Ahnungslos genießen die Menschen in den Dreißiger Jahren die Zeit vor dem Untergang. In den Fünfzigern brechen alle Dämme, doch man widersteht der Versuchung, 25-stöckige Hotelburgen mit 1000 Betten wie in den französischen Alpen zu bauen. Südtirol setzt auf Idylle und Natur und platzt trotzdem aus allen Nähten. Hoteliers und Touristiker schildern ihre Probleme: Qualität und Events zum konkurrenzlosen Preis, Investieren oder Weichen. So kam es zu den sauberen Klodeckeln, die man im restlichen Italien selten findet.

Sommerfrische

Mittlerweile sind es 33 Grad im Tale, und wir besuchen das bergwasserkühle Schwimmbad. Wie 1968 in Osttirol, als Büchtmanns ihre Ferien im österreichischen Virgental verbrachten. Damals gab es bereits eine Mark Taschengeld pro Tag, und sogar Cola wurde erlaubt. Vater besaß nun einen VW 1500 und fuhr damit über die Silvretta Hochalpenstraße, während wir Jugendlichen im Wasser blieben, bis wir vor Kälte schnatterten, dann legten wir uns für eine Weile auf die heißen Betonplatten. Im Klausener Freibad ist es wie damals: Die kleinen Jungs haben sich nicht viel zu erzählen, aber sie schreien und johlen und plumpsen und spritzen, und furchtbar ärgerlich: Sie haben noch ihr ganzes Leben vor sich.

Um der Hitze zu entgehen, haben wir eine einfache Bergwanderung ausbaldowert. 1000 Höhenmeter fahren, dann an der Gasser Alm parken und auf einem einstündigen kinderwagen-tauglichen Rundweg promenieren. Nach der Hälfte der Zeit, die wir durch Schlendern verdoppeln, erholen wir uns bei Kaffee und Limo an der Jausenstation Rinderplatz. Die Speck- und Brotknödel an der Gasser Alm munden wie tags zuvor die sahnigen Spinatschlupfen und das Gröstl, ich allerdings bleibe bei Caprese und Vinschgauer Brötchen, in Öl getunkt. Köstlich bitterscharfer Abgang im Hals: mechanisch gewonnenes Extra Virgine aus EU-Ländern wie Tunesien.

Die halbstündige Bergabfahrt ohne Leitplanken verschlägt Bine auf den Rücksitz. Mir machts nichts, ich kenne das alles von zahlreichen Motorradtouren. Ich rolle im zweiten Gang um die Kehren, lasse alle hinteren Fahrzeuge passieren, begegne dem um die Kurve rasenden Postbus mit Anerkennung und registriere begeistert einen Verbrauch von einem Liter (auf 100 km). Es ist doch ein Superauto!

Zu Gast bei Peter Girtler

Die Freunde wollen nicht, dass wir unseren Anteil an den Mietkosten zahlen, also schlägt Bine vor, dass wir sie zu einer außerordentlichen Jause einladen. Schnell hat sie einen zweisternigen und dreimützigen Gasthof in Mauls bei Sterzing ausgemacht. Goethe muss hier vorbeigekommen sein, das Gebäude gibt es als Poststation seit 1270!

Das Stafler hat mittags nur von 12 bis 13 Uhr geöffnet, was bedeutet, dass wir um 12.30 Uhr bestellen und bis 15 Uhr tafeln. Normalerweise gereuen einen die übersichtlichen Gänge der Gourmetrestaurants spätestens nach dem Kaffee, wenn die Rechnung präsentiert wird. Aber heute haben wir Beifall geklatscht, als Küchenchef Peter Girtler erschien!

Wir waren ja auch die einzigen Gäste, da fiel es nicht so auf, dass wir bei jedem Gang vor Freude gequietscht haben. Dem warmherzigen Kellner schien es auch zu gefallen, dass sich vier nicht ganz so Dauerverwöhnte vielleicht ab heute drei Tage lang von Brot und Wasser ernähren.

Oder umgekehrt: Ein solcher Aufwand würde jeden Gastronom in den Ruin treiben, denn die mindestens 100 Aromenteilchen müssen von einer ganzen Brigade angefertigt sein, wenn er nicht die Idee hat, solche Verluste mit Hotelgeschäft, Kinderbauernhof, Lebensmittelladen und verschiedenklassigen Gaststuben am Abend aufzufangen.

Es begann mit einem ganzen Tisch voller Amuse Geules, vom Käsesorbet in Wachteleierform über angetäuschte Toffifees aus Nusspasten und einem goldenen Hühnerei mit Gazpachoschaum und profanem hausgemachtem Speck zu Schüttelbrot. Jeder von uns hatte vier Gänge aus 18 Verschiedenen ausgewählt, und so kamen zu den leider in Südtirol üblichen acht Brotsorten mit Holzkohle- oder Pastinaken-Butter Jacobsmuschel-Ravioli und Gänselebervariationen, die einen schier um den Verstand brachten.

Die einzelnen Gänge waren jeweils Variationen eines Themas, also Quellsaibling oder Perlhuhn, Schwarzer Kabeljau oder „Nebraska"-Rinderfilet mit Alpenkaviar-Kruste aus Schüttelbrot und schließlich Schoko- oder Frucht-Kompositionen nicht von dieser Welt. Der Sterzing-Spaziergang fällt aus, denn Südtiroler Gewürztraminer und Cabernet Sauvignon machten uns den Garaus. Die Rechnung haben wir mit einem Lächeln bezahlt, doch zumindest für heute ist Schicht im Schacht. Abtrainieren!

Mit dem Fahrrad Richtung Brenner

Am Montag um zehn miete ich mir am Klausener Bahnhof ein Fahrrad. Natürlich elektrisch. In dieser Region gibt es fantastische Radwege. Auch wenn durch das Eisacktal gleichzeitig die Brenner-Autobahn, die Brenner-Eisenbahn und die Staatsstraße verlaufen, es führt eine interessante eigene Fahrradstrecke 25 Kilometer über Brixen zur Franzensfeste hinauf.

300 Höhenmeter sind zu schaffen, bis Sterzing wäre mir zu weit gewesen. Dem Akku auch, man riskiert auf dem Rückweg, 20 Kilo schieben zu müssen, denn nicht immer verläuft die Strecke bergab. Es ist sowohl bei Ebikes wie bei Elektroautos nach wie vor ein ungelöstes Problem, dass die Stromspeicher sehr begrenzt sind. Aber das schert mich heute nicht, ich will ja nicht den Brenner queren.

Ich habe nichts außer einer Wasserflasche bei mir und radle am prallen Bergstrom zwischen grünen Almen und Apfelplantagen. Man hört kaum Verkehr, so laut fließt die Eisack. Brixen ist ein wirklich kleines Juwel mit zwei merkwürdigen Kirchen und einer mächtigen Hofburg. In der Ebene vor der Stadt bewundere ich zahlreiche interessante mittelständische Betriebe mit äußerst modernen Werkbauten.

Es fasziniert mich immer wieder, wie in den Alpen wachsame Firmen Nischenprodukte ausbaldowern, mit denen sie ihre Belegschaft in die Zukunft führen. Der Tourismus ist sicher ein Motor, jeder braucht thermische Technik oder pfiffige Innenarchitektur. Aber auch der Brenner-Basis-Tunnel BBT, der in zehn Jahren eröffnet werden und mehr Lkw auf die Schiene bringen soll, ist ein Anschub für den Binnenkonsum.

Im Kloster Neustift rollt ein Jungmanager seine Koffer in den Kreuzgang. Tatsächlich finden hier Unternehmensberatungs-Seminare statt, aber auch Kurse in klösterlichem Fasten. Der weitere Rad-Aufstieg zur Franzensfeste ist nicht leicht zu finden, aber schließlich stehe ich an der engsten Stelle des Brenners vor der irrwitzigen Anlage. Und sie ist geschlossen, weil montags... 

Sie wurde in den 1830er Jahren vom Kaiser Franz in Auftrag gegeben und sollte die Wiederkehr Napoleons oder zumindest der Franzosen verhindern. Während nach dem in Deutschland total unterschätzten Wiener Kongress überall in europäischen Städten die Festungsmauern geschleift und überbaut wurden und ein hundertjähriger europäischer Frieden (mit kleinen lokalen Gemetzeln wie Düppel oder Sédan) ausbrach, setzte sich ein misanthropischer Kaiser ein trauriges Denkmal.

Allerdings machten es die italienischen Faschisten nicht besser, sie bauten das Terrain zur Alpenfestung gegen Hitler aus, und auch das ergab keinen Sinn. Eigentlich macht dieses Bollwerk nur Ärger: Die Brenner-Eisenbahn musste mitten hindurch gesprengt werden, und der Autobahn ging es nicht besser. Immerhin finden dort gigantische DJ-Parties statt, sagte mir der junge Bikeverleiher, der noch nie etwas von der Verteidigungsfunktion der Feste gehört hatte, aber er ist ja auch höchstens 23 Jahre alt...

Auf 50 Kilometer summiert sich meine Tour, und am Ende kann ich nicht mehr sitzen. Die Jause in Brixen macht müde, allein, ein Schläfchen auf einer Bank am Wegesrand will mir nicht glücken, weil Aua am Schleimbeutel und Krach auf der Eisenbahnbrücke. Überhaupt bemerke ich jetzt, wie oft der Radweg unter der Autobahn durchgeht, wieviel Verkehr hier durch muss, und zuguterletzt hat Reini‘s Bistro an der Eisack auch noch geschlossen. Dabei hätte ich den gern einmal kennengelernt.

Am Ende des Tales

Letzter Tag, 30 Grad angesagt. Unsere zweite „Wanderung“ führt uns auf 1500 Meter ans Ende des Pfitscher Tals. natürlich haben wir den ebenen Rundweg unter „kinderwagen-geeignet“ gefunden, denn was sich sonst hier Wandern nennt, hat es oft in sich. Von Gipfel zu Gipfel hat was, aber bitte, mit Sahne.

Zwei unterhaltsame Stunden, zehn Grad kühler als in Sterzing, schlendern wir am Bergbach, über grüne Almweiden mit glöckelnden Kühen, durch lauschige Tannenforste, vorbei am Wasserfall, dann am Ende des Tales zwischen schneebedeckten Wipfeln zurück nach St. Jakob, auf der Sonnenseite, durch Blumenwiesen, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Ja, und Sterzing haben wir uns auch noch angesehen. Nöwarnett. Morgen geht‘s auf der Autobahn heim.

Lemminge von links

Was zu einer guten Autoreise gehört sind Staus. Wieviele wir zwischen Ulm, Stuttgart, Karlsruhe und Heidelberg um die Mittagszeit an einem normalen Werktag erlebt haben, war schon so, dass ich umdenken würde, müsste ich mich hier mit dem Auto bewegen. Immer wieder wurde lange vor Baustellen und Übergängen von drei auf zwei Spuren vor Staus gewarnt, und immer wieder rasten die Lemminge von der Überholspur mit Karacho hinein.

Ich befinde mich bereits in einer Google-News-Echokammer, die mir jeden Tag neue Autobahn-Crashs anzeigt, daher habe ich mich von der rechten Spur ferngehalten, um nicht von schläfrigen Truckern zermalmt zu werden. Wenn dann wieder einer von zehn Kurzstaus entstand, hatte ich vorn ein paar hundert Meter Abstand und hinten alles im Blick, um notfalls davon zu spurten.

Eine lustige Geschichte ist dagegen die mit der Brennermaut. Weil für Deutschland 35 Grad Hitze prognostiziert war, und unsere Klimaanlage defekt ist, haben wir uns entschlossen, eine Stunde einzusparen und die Autobahn zu nehmen. Wir bezahlten also bis zum Brenner in Italien fünf Euro und dort noch einmal zehn Euro für das Österreich-Pickerl.

Was war ich erstaunt, als mir hinter dem Brenner noch einmal zehn Euro Maut abverlangt wurde! Und das, obwohl wir bis Innsbruck auf einer Baustelle nur 60 fahren durften. Nun lese ich, dass zukünftig den ganzen Sommer lang die Österreich-Touristen keine mautfreien Passstraßen mehr benutzen dürfen, wegen der Proteste der geplagten Dörfler. Recht so!

Am Ende der Zeit

Es sieht nicht gut aus um die Autoreise alter Art. Nicht nur, dass sich das schwarzrotgoldene Jahrzehnt nach der Eurokrise dem Ende zuneigt, ich glaube auch nicht, dass sich die deutsche Industrie überhaupt noch lange oben hält. Als die Dampfmaschine und der Telegraph aufkamen, entstanden neue Lebensformen in den Städten. Dann kamen die Weltkriege.

Ich glaube, dass der Traum vom Autofahren die Nachkriegszeit maßgeblich gestaltet hat, aber was die kommenden Jahrzehnte wird, ist natürlich schleierhaft. Noch sind deutsche Sprit-Autos die Krone der Schöpfung und der Motor des Wohlstands, aber an autonomer elektrischer Fortbewegung, zudem nur wenig umweltfreundlicher, hängt nicht die Bohne Romantik. Zumal wir sie uns vielleicht nicht mehr werden leisten können.

Und das ist etwas, was sich die 68er Mao- und die 19er Klima-Jugend nicht vorstellen kann. Ein großer Teil Europas ist bereits wieder nationalistisch, in Deutschland werden Berichte über die neuen Nazis noch zurückgehalten. Aber beim Drittel Abgehängter und beim Drittel Gefährdeter bedarf es nur noch einer richtig heftigen Wirtschaftskrise, und sie brennen wieder für das Deutsche Reich. Deswegen haben wir vor jeder Rezession einen VW gekauft, und siehe da, es läuft und läuft und läuft...

Kreta 2019

„Wo solls denn hingehen?“, fragt der Taxifahrer, der uns zum Flughafen bringt. „Nach Kreta, den Griechen helfen!“, antworte ich. Es ist vier Uhr früh, auch der Taxifahrer ist gerade aufgestanden.

„Deutschland hat viel größere Schulden“, meint er düster, und ein Blick sagt mir, dass ich ihm besser jetzt nicht widerspreche. Ich  kenne den Typ, irgendein blasphemisches Studium, aber nicht, so wie ich, in die Kapitalknechtschaft umgestiegen, sondern sich treu geblieben und die linke Gesinnung behalten.

Das müssten aber auch die Marxisten wissen, dass man immer so denkt, wie man lebt. „Ja, und wer weiß, wann uns der Turbokapitalismus um die Ohren fliegt“, sage ich, um ihn hervorzulocken, aber er lässt sich nicht. Statt dessen erzählt er vom Vorhaben des Großkapitals, die ganze Welt durch autonomes Fahren zu unterjochen. „Kein Taxifahrer hilft dann mehr alten Leuten, den Rollstuhl ins Auto zu heben“, meint er.

Ich könnte jetzt ganz groß ausholen, denn ich bin ein reisender Nutznießer davon, dass sich die deutsche Industrie immer wieder dem Wettbewerb gestellt hat, um ihre Renditen und die Arbeitsplätze der Abgabenzahler zu erhalten. Aber wir sind am Hamburger Flughafen angekommen.

Entenleberpastete an Eisheiligen

Gestern sind wir bereits früh zu Bett gegangen, zuvor haben wir mit griechischem Rotwein und Leberpastete auf unsere dreiwöchige Kretareise angestoßen. Es ist Anfang Mai, die Eisheiligen haben Deutschland seit einer Woche im Griff. Unsere Freunde sind bereits da und haben, wie sie es seit Jahren tun, bei Yannis und Niki zwei Apartments gebucht. A holt uns am Flughafen von Iraklion ab und bringt uns in einer Viertelstunde zum Vorort Ammoudara, wo E mit dem Sektfrühstück auf uns wartet.

Wir sind die einzigen Gäste im kleinen Block mit acht Wohnungen, die dem fleißigen kretischen Paar für ihre Altersversorgung dienen sollen. Yannis pflanzt gerade Gemüse im Stück Ackerland vor seinem Haus. Nikis Garten ist eine Oase aus Wein, Rosen, Lilien, Malven, Geranien und irgendwelcher Duftbüsche, die sogar Bine nicht kennt.

Wir waren vor fünf Jahren zur gleichen Jahreszeit hier. Yannis' Apartments liegen in einer Möchtegern-Ballermann-Umgebung ein paar hundert Meter vom Mittelmeer entfernt. Damals war nur ein Bruchteil der touristischen Einrichtungen geöffnet. In diesem Jahr sieht alles viel lebendiger aus. Die Strandbars sind schon in Betrieb, die meisten Läden und Restaurants ebenfalls. Ist es der Erdogan-Effekt oder ein Neubeginn?

Das siebte Buch

Ich habe sieben Bücher mit, darunter zwei Reiseführer, den Roman Alexis Sorbas, John Darwins Imperialistischer Traum und drei, die sich mit der griechischen Krise beschäftigen. Yannis Varoufakis, der marxistische Wirtschaftsprofessor, der mit der EU über den Schuldenerlass zu verhandeln versuchte, hat in seinem Buch aus allen persönlichen und geheimen Gesprächen zitiert.

Noch sehe ich die Sache so wie die meisten Deutschen: Griechenland hat sich hoffnungslos überschuldet und wird nicht daraus entlassen, weil sonst die anderen „PIGS“ das Gleiche fordern könnten. Wir sahen zahlreiche Arte-Dokus, die zeigten, dass der europäische Steuerzahler mit der Bürgschaft nur die Banken rettet, und das wird wohl auch so sein. Allerdings habe ich auch etwas Geld auf der Bank, und möchte es lieber nicht mehr miterleben, wenn das Eurosystem crasht.

Kiara kostet

An unserem ersten Tag besuchen wir die kleine Koronakes-Ölmühle im 25 Kilometer entfernten Bergdorf Archanes. Ein junges Paar hat von ihren Eltern einen Olivenhain übernommen, und Kiara Koutoulakis erklärt gern, wie man Oliven nachhaltig erntet und verwertet. Jetzt sehe ich endlich einmal, was eine kalte Pressung ist: Wie eine gute Ehe.

Wir kosten verschiedene Öle und achten auf Fruchtigkeit, Bitternis und Schärfe, die man jeweils auf der Zunge, in den Backen und im Hals spürt. Ich habe bisher noch keinen Bedarf gesehen, Öl zu trinken, und das Kratzen im Hals ist wahrlich nicht schön. Aber wir kaufen verschiedene halbe Liter zum Verschenken.

Das Geld, mit dem wir den Griechen etwas abkaufen, landet am Ende hoffentlich wieder in unserem Portemonnaie. Ich bin im übrigen ein großer Fan davon, eine Reise mit dem Verzehr regionaler Produkte zu vertiefen. Und auch in der Taverne am besten das hier Angebaute verputzen: also Tzaziki, Weinblätter, Schafskäse, Bauernsalat, Hackbällchen, Calamari, Brot und Retsina. Dieses war der erste Tag, doch der zweite folgt sogleich.

Griechische Marktwirtschaft

Etwas wie rohe Eier behandeln, ich wusste mal, was das bedeutet, aber ich hatte es vergessen. Heute morgen habe ich zehn Stück auf dem kleinen Stadtteil-Markt erstanden und muss sie in einer Plastiktüte durch die Massen jonglieren. Die Tomaten sind wunderbar rot. Spitz und riesig locken die Artischocken. Schwangere Frühlingszwiebeln liegen neben knackfrischen Salaten. Auch Fenchel und Zucchini sehen gesund aus.

Und erst der frische Fisch. Ein Kilo Langustinen und zwei große Doraden wollen wir heute abend zubereiten. Ich gelte als großer Bräter, ich habe einen Ruf zu verlieren. Wir haben sowieso zuviel Margarine gekauft, sie sah aus wie Butter, also werde ich die bemehlten Fische darin etwas kross fritieren. Wenn es doch nur schon Abend wäre.

Ein kleiner Spaziergang durch die Ländereien hinter den Strandbars ist ganz interessant. Parzelliert wie unsere Kleingärten, nur zumeist in der Größe halber Fußballfelder, wechseln gepflegte und verfallene Wohnhäuser und schmucke Gärten mit Pflanzungen für Oliven, Wein oder Feigen, dann wieder ein trockener Acker, mit feinen Wasserschläuchen durchzogen, schließlich meterhohe Blumenkräuterwiesen mit bunten Blüten.

Eine solche hat ein Freizeitbauer gerade mit seinem Lamborghini umgegraben. Jedenfalls steht diese Marke auf seinem Trecker, den er immer wieder rasant kehrt, um den gelbbraunen Boden mit den Nährstoffen der Gräser zu versehen.

Ernster als Leben und Tod

Gestern und vorgestern habe ich die Spiele des Jahres versäumt. Die Champions League Halbfinals zwischen Liverpool und Barcelona sowie Amsterdam und Tottenham müssen dramatische Aufholjagden gewesen sein. Kloppos „Mentalitätsmonster“ schießen vier Tore, die Hotspurs drei, sie toppen damit den Gegner jeweils um einen Treffer. Und ich schlafe!!!

Am kommenden Sonntag wird der HSV in Paderborn den Wiederaufstieg in die Bundesliga vergeigen. Ich fand zum Schluss, die I., II. und III. Mannschaften meines Hamburger Lebensvereins gurken besser in der zweiten (vielleicht bald dritten), der vierten und der fünften Liga, dann hat man wenigsten ab und an ein Erfolgserlebnis.

Die griechische Fußballsaison ist leider vorbei, und Heraklions OFI Kreta muss in Relegations-Playoffs um den Verbleib in der 1. Liga bangen. Dabei fiel der 15. Spieltag bereits aus, weil Zuschauer einen Schiedsrichter in dessen Haus überfallen hatten.

„Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist“. Das ist nicht von mir, sondern von einem englischen Trainer, der es wissen muss.

Wir sehen das schöne große 26.000 Zuschauer fassende Pankritio-Olympiastadion immer, wenn wir durch Heraklion fahren. Aber dort spielt nur der drittklassige, 1929 von kleinasiatischen Flüchtlingen gegründete FC Ergotelis. OFI kämpft vor nur 9.000 Zuschauern im nahen Theodoros-Vardinogiannis-Stadion.

Wenn ich die Google-Übersetzung von OFIs Homepage richtig verstehe, befanden sich unter der Heimspielstätte einst armenische, christliche und jüdische Friedhöfe. Irgendwie haben sie die Klage des letzten nicht deportierten Juden abschmettern können, wie, steht hier nicht zu lesen.

Kretische Diät

Was ich an Apartmentferien schätze, ist die Selbstversorgung. Nicht am Buffet Gebackenes einsammeln, sondern selber einkaufen, was man essen und trinken möchte. Nicht unter Doofen platzen, sondern für sich sein mit Freunden. Ein paar schöne Gerichte kochen und den Wein in Strömen trinken. Morgens Sechs-Minuten-Eier, Don Dieter!

Ich war noch nicht bereit, als sich die drei heute morgen zu Fuß zum Rathaus von Gazi aufmachten, um eine kleine minoisch-hellenische Ausstellung zu besichtigen. Also kam ich eine Stunde später mit dem Auto, um sie abzuholen. Natürlich traf ich sie bei Wein und Nüsschen im Straßencafé, da konnte ich mir das sehenswerte kleine Museum auch noch anschauen.

Arische Ajax und Achilles

Eine hellenische Damenbüste um 300 vor dem Langhaarigen hat es mir angetan. Ein liebliches Gesicht, eine wilde Frisur, klingelnde Ohrgehänge und ein kesses Hütchen dünken mir mal wieder einen Beleg für die grandiose Hochkultur der griechischen Antike.

Genauso ist es den ersten Altertumsforschern gegangen, die bald erkannten, dass die Römer nur nachgemeißelt haben, was die Griechen einst erfanden. Doch dann begingen sie den kolossalen Irrtum, die Griechen von heute für die Nachfahren von Perikles oder Sokrates zu halten. Denn das heutige Griechenland hat zum größten Teil byzantinisch osmanische Wurzeln und ist damit Russland und der Türkei viel ähnlicher als Europa.

In einem Länderporträt erfahre ich, dass Erichs Namensvetter Erhart Kästner 1943 als Truppenbegleiter die deutschen Kreta-Eroberer zu Ebenbildern von Ajax und Achilles stilisierte und dass seine arischen Schwärmereien von den ersten Griechenlandbesuchern nach dem Krieg mitgeführt wurden.

Tavernentische am Meer

Gestern haben wir uns den Osten der Insel angesehen. Auf der Schnellstraße entlang der Nordküste ging es anderthalb Stunden  bis Agios Nikolaos und dann durch die „kretische Wespentaille“ senkrecht nach Ierapetra an der Südküste. Ganz anders als das betriebsame Heraklion liegt dieser Hafenort noch im Winterschlaf, aber in einem Monat sieht es sicherlich anders aus.

Vielleicht sogar in ein paar Tagen, denn es ist ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit, sagte unsere Wirtin Niki. Wenn dann die Sonne nicht scheint, setzt sich natürlich niemand an die herrlich romantischen Tavernentische am Meer. Wir steuern zielstrebig auf ein kleines blau bestuhltes Kafenion an einer belebten Straßenkreuzung und bestellen einen halben Liter Wein.

Prompt bringt der Wirt Tomaten, Gurken, Oliven, Käse und Zwieback und schiebt gleich ein paar Pommes mit Bratwurststücken hinterher. Schließlich ein niedliches Omelett-Bulgur-Häufchen. Nun benötigt es in der Pizzeria am türkischen Brunnen nur noch zweier gebratener Doraden mit Salat, um satt zu werden.

Da Ierapetras archäologische Museum geschlossen ist, gondeln wir an der Südküste entlang nach Myrtos. Gewaltige Gewächshausanlagen stehen bis an den Strand. Die Straßen über die Berge sind hervorragend ausgebaut und bestens beschildert, so dass wir in knapp zwei Stunden gemütlicher Fahrt wieder in Ammoudara ankommen.

Mehrmals begegneten uns an der Südküste bengalisch aussehende junge Fußgänger, vermutlich Flüchtlinge in Tagelohn. Wenn ich jemals gesagt habe, unser Wohlstand bedeutet mir nichts, überkommt mich kurz ein leichtes Grauen: diese Leute kämpfen um jeden Bissen, mitten unter uns Konsumenten.

Alltag in Ammoudara

Samstag ist Laiki-Markt in Heraklion. In Hamburg habe ich Märkte zeitlebens links liegen lassen und mich bei Aldi in einer Viertelstunde vollversorgt. Mir kam es darauf an, alles Wesentliche in kurzer Zeit ins Auto zu laden und dann eine Woche lang meine Ruhe zu haben. Inzwischen muss man bei den Discountern auch schon aufpassen, dass man keine teuren Markenprodukte bekommt. Oh, ja, und industrielle Kost soll nicht gesund sein!Spätestens bei Eiern regt sich mein Gewissen.

Der Laiki-Markt ist riesig und kostet mindestens eine Stunde Zeit. Allein die vielen verschiedenartigen Bauerntypen sind einen Besuch wert. Dick und dünn, jung und alt. Athletisch und tätowiert der Papa, grau gelockt der Opa. Der kleine, freche Enkel, kecke Frauen und Powermamas, schließlich die Fischerfamilie, bei der man aufpassen muss, nicht neben dem Ausrufer zu stehen zu kommen, denn dann fällt einem ein Ohr ab, und man kommt nicht vom Fleck, wegen der Engstelle an der Abzweigung zu den Herrensocken.

Wir kaufen wieder zwei Zahnbrassen, die Sohnemann mit flinken Bewegungen rasiert und ausnimmt. Dann noch zwei Pelargonien für Niki, bei der wir am Montag zum Lämmlein-Grill eingeladen sind. Später bringen wir alles in den Kühlschrank und fahren zu einem kleinen Segelhafen nördlich von Ammoudara, wo die Taverne ein Geheimtipp ist, und bestellen etwas Saganaki, Tzaziki und Souvlaki.

Zu fünft im Yaris bei Babis

Für zwei Tage waren wir fort. Ein Ausflug in die Berge bei Rethymnon bedeutet vier bis fünf Stunden Gurkerei über Serpentinen, zu fünft im Toyota Kleinwagen. Wir besuchen G, eine alte Freundin von A und E, und fahren mit ihr an die Südküste. Zwischendurch halten wir in der Mitte von nichts an einer kleinen, geschlossenen Taverne. „Wir sind kurz Kräuter sammeln. Wenn Ihr etwas benötigt, ruft uns an“ steht in Englisch auf einem Schild.

Kaum haben wir uns gesetzt, kommen erst zwei, dann weitere vier Gäste und schließlich auch das herbeigerufene Wirtspaar Babis und Janina. Beide schon im vorgerückten Alter, haben sie es mit ihrer lässigen Art und ihrer köstlichen Zitronenlimonade zur lobenden Erwähnung in mehreren Reiseführern gebracht, doch jetzt stöhnen sie, dass sie zu nichts mehr kommen vor lauter Besuch.

A versucht sich wieder an einer selbstauslösenden Gruppenaufnahme, die immer so viel Spaß macht, weil A bei den ersten Versuchen niemals rechtzeitig mit aufs Bild kommt. „Ihr seid lauter als Griechen“, sagt Babis. Schließlich erbietet sich ein Gast, uns zu fotografieren und die Bilder per Whatsapp zu schicken. Aber er hat es unterschätzt, wir sind geschlagende zehn Minuten damit beschäftigt, meine Telefonnummer zu seiner Kontaktliste hinzuzufügen. Aber das Bild war es wert! Und ich habe eine weitere Nummer im Speicher, die ich nie wieder los werde.

Babis Geheimtipp ist das Gasthaus seines Schwagers bei Frangokastello, zu Füßen des Küstengebirges einsam am Strand gelegen. Ein Grieche vom Typ junger Demis Roussos bringt die Speisekarte, die alles enthält, was des Griechen Herz höher schlagen lässt: Tzatziki, Saganakikäse, Apaki - gepökeltes Schwein, Oktopussi, gegrillte Paprika, fritierte Käse- und Zucchinibällchen, Schafskäsesalat und frisches Brot. Gelber Wein sowie Raki und Baklava aufs Haus machen dieses Schlemmermahl unvergeßlich.

Altes und Neues

In Rethymnon finden wir wieder die einfachen Zimmer über den Dächern der Altstadt mit dem lauschigen, grünen Dachgarten, auf dem sich Käse, Nüsschen und das gelbe Getränk theoretisch bis in den Morgen vernifteln lassen. Leider sind Bine und ich aus Altersgründen nicht mehr dabei, als sich A und E noch einmal durch das nächtliche Treiben der vielleicht schönsten Hafenstadt Kretas treiben lassen. Auf ihren Fotos wird es ganz deutlich: Zumindest der Tourismus brummt wieder.

Am Morgen frühstücken wir auf dem Marktplatz vor der kleinen byzantinischen Kapelle. Dann spazieren wir durch die Gassen voller Läden und Tavernen, besuchen das Archäologische Museum und die kleine alte Bäckerei, wo der hauchdünne Baklavateig, den bald sicher nur noch Fabriken herstellen werden, vom Uropa noch mit der Hand gewendelt wird.

Natürlich nehmen wir nicht die Küstenstraße zurück, sondern machen einen Umweg zum höchsten kretischen Berg Psiloritis, schneebedeckt von vielen Orten aus zu sehen. Dort, an seinem Fuße, hat man sich lange geweigert, Ausgrabungen an den historischen Ruinen von Eleftheria vorzunehmen, vermutlich, weil zu weit von der Zivilisation entfernt, aber immerhin 4.500 Jahre bis ins vierzehnte Jahrhundert unserer Zeit besiedelt, als die Venezianer den Ort platt machten.

Zu unserer Überraschung sind die Ausgrabungen, die jetzt dreißig Jahre andauern, verschlossen, dafür hat ein kleines, feines Museum eröffnet. Eine poetische Dokumentation legt den Schluss nahe, dass durch solche kleinschrittigen Forschungen immer weniger Zweifel bestünden, dass Homers Epen auf realistischen Szenarien beruhen. So gleicht eine von Archäologiestudenten rekonstruierte Feuerbestattung eines Kriegers einer Beschreibung in der Ilias.

Immerhin ahne ich jetzt, dass die minoische Geschichte auf Kreta nur ein historischer Wimpernschlag war. Denn es gibt Besiedelung seit 150.000 Jahren. Den Minoern, die um 1450 vC so abrupt verschwanden, folgten Mykener, Athener, Römer, Byzantiner, Venezianer, Türken, Engländer, Deutsche und schließlich „Neugriechen“, denn Kreta ist eigentlich gar nicht so. Aber das sollen die Politiker unter sich ausmachen.

Durchgezogene Linien

Fährt man auf griechischen Schnellstraßen, gehören tote Katzen und Hunde zum alltäglichen Bild. Tote Menschen ebenfalls, sie liegen dann natürlich nicht mehr am Straßenrand, aber an ihren Unfallorten stehen unzählige winzige Kapellchen, die daran erinnern, das Kostas oder Georgios vielleicht ein wenig zu schnell unterwegs gewesen sind.

Probleme mit der Radarkontrolle wurden in alten Zeiten von schwarzhemdigen Kretern in die Hand genommen, die die Geräte mit der Schrotflinte zerschossen, ihnen Säcke überstülpten oder sie einfach klauten. Das scheint jetzt von der Troika in einem neuen Disziplinierungsvorstoß in die Hand genommen zu sein, denn man sieht unzählige Starenkästen, vor denen allerdings immer mit Schildern gewarnt wird.

Zuletzt hat sich sogar der kretaerfahrene A gefügt und den Fuß vom Gas genommen, obwohl er sich eigentlich sicher ist, dass die Geräte abgeschaltet bleiben. Zumindest hält er es eine kleine Weile hinter langsameren Fahrern aus, ehe er, vom Vordermann natürlich unhörbar, lautstark sein Recht einfordert, dass der bitte auf die Standspur ausweichen solle, auf der aber immer mal wieder Geröll liegt oder ein Auto steht. Nein, die Kreter wirken irgendwie entmannt, der Verkehr ist allemal ruhiger als in Deutschland und bis auf die Motorroller warten die meisten geduldig, bis die Kreuzung frei ist.

Militärmurks

Im Länderporträt des WDR-Korrespondenten Rondholz lese ich, dass Griechenland zuletzt enorme Rüstungsgüter von Deutschland gekauft hat, und dass sie vor allem gegen ihren NATO-Partner Türkei gerichtet sind. Dafür gehen viele Schulden drauf, und der internationale Murks geht munter weiter, nachdem Briten und Amerikaner 1919, 1944 und 1967 den kleinasiatischen Überfall, den griechischen Bürgerkrieg und den Militärputsch angezettelt haben.

Und schon pfeift eine Kanonenkugel dicht über meinen Kopf hinweg. Türkische Belagerer versuchen Heraklion einzunehmen. Ich bin zu Fuß auf der venezianischen Stadtmauer unterwegs und ducke mich einfach weg. Vielleicht war es auch nur der Wind. Selten sind Stadtmauern aus dem 15. Jahrhundert noch so gut erhalten. Sie bedecken mit ihren vorgelagerten Geschützbastionen große Grundstücke und eignen sich eigentlich hervorragend für Spekulation.

Kräutertee mit Augenweide

Heraklion brummt, das kann man von hier oben sehen. Ferienflieger landen im Minutentakt. Die Läden sind lebendig, man sieht kaum Leerstände. Auch die Fußwege sind zumeist intakt, allerdings senken sie sich oft unvermittelt für Auffahrten. Alles ist zugeparkt, vor allem mit Motorrollern.

Ich setze mich in einen weichen Sessel eines Cafés am Eleftherias-Platz und bestelle einen entspannenden Karteraki-Kräutertee. Eine kühle Brise mildert den Sonnenschein. Beruhigende, nur leicht jazzige Musik plätschert. Davon habe ich geträumt. Ich beobachte wieder Passanten.

Junge Menschen tragen zumeist Turnschuhe. An „Gefallene Fräulein“ erinnern mich die löchrigen und hautengen Jeans, die die Mädchen vermutlich mit der Kneifzange anziehen. Ältere Männer haben gern längere graue Haare und einen Bart. Weite Hemden, unter dem Gürtel in die Hose gesteckt, sind bei ihnen beliebt. Es sieht männlicher aus als mein T-Shirt. Alte Frauen kleiden sich oft schwarz. Touristen lieben kurze Hosen. Aber die Frauen sind wie überall auf der Welt zumeist eine Augenweide.

Jetzt ist es Zeit für das Archäologische Museum. Ich kenne es bereits, freue mich aber schon lange auf die wunderhübschen Gegenstände aus Knossos und Phaestos und Hastenichgesehn. Die Menschen hatten zwar keine Glühbirnen und keine Kühlschränke, aber jede Menge Zeit für schöne Dinge.

In großen bronzenen Kochtöpfen wurden gigantische Festmähler zubereitet. Wein und Öl flossen aus zauberhaften Gefäßen. Kraftvolle Jünglinge sprangen über Stiere, barbusige Schlangengöttinnen bewachten buntbebilderte Tempel und stattliche Paläste. Und Fernreisen über die Ägäis nach Kleinasien, Mesopotamien und Ägyten waren groß in Mode, zumindest mit allerhand aufregender Tauschware an Bord. Gute alte Zeit!

Eine Insel mit zwei Bergen...

120 Kilometer nördlich von Kreta liegt Santorin, eine von 100 bewohnten Kykladen. Jeder kennt die Sehnsuchtsfotos geweißelter Lehmhäuser und blaubehelmter Kapellen unter blauem Himmel – steilgeküstet am Meer. Nun stehen wir an Bord der Fähre und segeln drei Stunden durch die griechische Ägäis.

Die See kann sehr rau sein, die Wellen sind schaumbekrönt, deswegen haben wir keinen Schnellkatamaran gewählt. Unser Schiff hat acht Decks und frischen Kaffee, der uns nicht aus der Hand geschlagen wird. Gerührt und nicht geschüttelt. Man kann sich frei bewegen und bei der Einfahrt zum Archipel an Deck zugucken.

Santorin ist eigentlich ein 50 km großer Vulkankrater, von dem nur der östliche Rand oberhalb des Meeres liegt. Am Ende der minoischen Zeit, man schätzt, 50 bis 100 Jahre vor deren Ende um 1450 vC, muss es einen gewaltigen Ausbruch gegeben haben, in dessen Folge ungeheure Tsunamis das Mittelmeer überrollten.

Die beiden Orte Oia und Fira liegen - ja, hier darf man sagen: malerisch – auf der Steilküste an der Vulkankante Caldera hingestreckt. Wir werden im kleinen Hafen Anthinios ausgeschifft, schnell, schnell, die anderen Fähren warten.

500 Touristen und zahlreiche Lkw ergießen sich auf die kleine Landefläche. Man steht ein wenig da wie der Ochs vorm Berg. Wie kommt man hoch, wo will man hin? A steuert einen Autoverleiher an, denn mit Taxi und Bus kommen wir zwar auf den Berg, haben aber immer noch kein Quartier.

Ich sehe auf Booking.com unzählige freie Quartiere zwischen 30 und 800 Euro pro Nacht, und schnell ist der Entschluss gefasst, für 25 Euro pro Tag erst einmal ein knallrotes Etwas mit vier Türen zu mieten. Es ist Stress pur, die engen Serpentinen den Berg hinauf sind ein einziger Stau, all diese Entscheidungen in diesem irren Gewusel. Für mich habe ich schon entschieden, nie wieder einen solchen übervölkerten Touri-Magneten aufzusuchen.

Turbodigitalismus

Das haben die alten Hellenen noch nicht gekonnt: Während der Fahrt mit dem Smartphone ein „fabelhaft“ bewertetes Quartier für 60 Euro rauszusuchen und sich dann mit Google Maps den Weg dorthin zeigen zu lassen. Wir entscheiden uns für einen netten Apartmentkomplex mit coolem Pool unterhalb von Fira und handeln den Übernachtungspreis auf 55 Euro herunter, Cash gegen Quittung. Reisende müssen wissen, wo ihr Bett für die Nacht steht, dann hellt sich ihre Laune auf, weiß ich aus Reiseleiterzeiten.

Durch enge Gassen kraxeln wir den Ort hinauf an den Kraterand. Doch was ist das? Hunderte Kreuzfahrtgäste versperren die Gänge, sie warten mit ihrem Essensvoucher auf das „landestypische“ Mittagsmahl in einer Taverna, um so bald wie möglich die nächste „Trauminsel“ anzusteuern.

Kaum hat man eine freie Stelle mit Meeresblick erreicht, kommen schon die Cruiser: „Wo liegt denn unser Schiff?“. Sämtliche Abgründe sind mit Nepplokalen gepflastert, freie Sicht, zugegeben „atemberaubend“, bekommt man nur, wenn man ein Drittel Wein für 13 Euro bestellt.

Wir wenden uns ab und laufen zum von der Rezeptionistin empfohlenen Lokal Kokkalo an der Hauptstraße am Ortsrand, wo nur Einheimische speisen, und das wieder einmal beweist, dass nicht nur die Zubereitung, sondern vor allem die Qualität der Tomaten, des Käses, des Tzazikis, der Oliven, des Brotes und des Weines entscheidend sind.

Am Nachmittag besuchen wir das Bergdorf Pyrgos und den Strand-Halligalli Kramari, wo uns ein Bouzouki-Virtuose zu Rhythmus vom PC ein Ohr abkaut, sein Verstärkerkabel reicht aber nicht bis zu unserem Tisch.

Am nächsten Morgen fahren wir zum nördlich gelegenen Sehnsuchtsort Oia. Gut geschlafen und biodynamisch gefrühstückt: Prinzenrolle mit Nescafé, erlebe ich das so früh noch wenig besuchte weiße Dorf am Meer fast wie einst meinen ersten Besuch in Venedig Anfang der Siebziger. So etwas Wunderschönes habe ich lange nicht mehr gesehen.

Wenn man jung ist und die vielen Gassen ohne Ermüdung, auf und ab, wie im Blankeneser Treppenviertel, durchstreift, kann man hier sicherlich die besten Fotos seines Lebens machen. Das haben sich wohl auch die Hochzeitspaare gedacht, die sich vor der Märchenkulisse in wehenden Gewändern auf den Dächern der weißen Lehmhöhlen porträtieren lassen.

Tanz auf dem Vulkan

Wo Luther meinte, man solle noch schnell einen Apfelbaum pflanzen, stellt der Grieche eine Kirche auf, fast jeder Zehnte scheint hier eine zu besitzen. Aber der Weltuntergang ist noch nicht gekommen, auch wenn man allerorten daran erinnert wird.

In dieser wahnsinnig intoleranten Zeit, in der ständig neue politische Korrektheiten diktiert werden, sollte man den Blick auf die Ausgrabungen von Akrotiri wenden. Das dortige Dorf bestand seit der Jungsteinzeit, wurde mehrfach von Vulkanausbrüchen und Erdbeben zerstört, zuletzt und final im 16. Jahrhundert vC.

Santorin ist weiterhin hochgradig erdbebengefährdet, man rechnet damit in Jahren oder Jahrzehnten, und trotzdem wird gebaut, gelebt, getanzt und gefeiert, und das ist gut so. Geht mir doch mit dem Klimawandel, es wird auch nach der unvermeidlichen Weltbevölkerungs-Explosion noch Leben geben, sterben müssen wir schließlich alle.

Turbotourismus

Unsere Rezeptionistin hat sich in Wut geredet. Sie hat mir vorgerechnet, dass die Seilbahn vom Kreuzfahrerhafen zur Calderakante von Fira an die 360.000 Euro pro Tag einnehmen muss. „Wo bleibt das ganze Geld?“ Aber sie ist froh, dass ihr der Turbotourismus den Lebensunterhalt finanziert: „We have no insurance, no savings“.

Wir sind drei Stunden vor Abfahrt zum Hafen zurückgekehrt, aber die Angst vor dem Rückstau war unbegründet. Es drängt sich zwar wie in Dantes Vorhölle, aber nur kurze Zeit, bis die Fähren wieder abgedreht haben.

Wir haben unser rotes Auto abgegeben, nicht ohne sämtliche vorher notierten alten Schrammen noch einmal abzuhaken, und uns  vor die Taverne gesetzt. Lkw stellen ihre Container vor uns ab, auch Busse bleiben mit laufendem Motor stehen, Menschen jeder Herkunft rollen ihre Koffer an uns vorbei.

„Where do you come from?“ soll neuerdings rassistisch sein! „Fährschiffscham“, „Bananenscham“, „Poolscham“, „Lederscham“, „Glatzenscham“, ich hätte noch tausend Ideen für Hipstermoral. In der Tat vereinen sich die Völker auf Santorin. Wir sehen Afrikaner, Asiaten und Südamerikaner, sicher sind auch Australier, Russen oder gar Engländer hier.

Erstaunlicherweise sind die Massen stets in weniger als einer Viertelstunde abgeräumt. Wenn ich gestern noch dachte, hier bricht bald alles zusammen, muss ich heute sagen: Respekt vor den Griechen! Es ist keiner vor unseren Augen umgekommen, es organisiert sich alles auf grandiose Weise wie von selbst weg.

Magic Mix

A ist durch magischen Zufall auf ein möglicherweise gefährliches Getränk gestoßen: Ermüdet von der Santorinspritztour entschloss er sich, bevor er sein Haupt bettete, sich statt eines Retsina-Schlummertrunks eine Zitronenlimonade zu mixen. Dabei griff er zu einer Wasserflasche, die im Kühlschrank versteckt lag und fragte dann verstört: „E, was hast du in den Zitronensirup getan?“. „Hast du etwa das Heilige Wasser genommen?“, fragte sie zurück. So haben wir den Zitronenlimonade-Raki erfunden.

Der Hoteleigner in Rethymnon hatte uns beim Abschied augenzwinkernd zwei Wasserflaschen mit hochprozentigem griechischem Grappa geschenkt und gesagt, wir sollten es der Regierung nicht sagen. Natürlich bezog er sich damit auf mich, denn ich stelle Bine grundsätzlich als „my government“ vor.

Nun diskutieren wir seit ein paar Stunden am Pool eines nahegelegenen Hotels, ob wir ein Patent anmelden sollen auf „Citraki“, das weltweit trendigste Kaltgetränk nach Hugo und Aperol Spritz. Mit einer konzertierten Marketingkampagne ließen sich Milliarden verdienen. Aber dann wäre auch Schluss mit dem Reiserentnerleben.

Ruinen schaffen ohne Waffen

Geld verdienen müssen allerdings die Griechen, und nicht nur ausgeben. Gerade habe ich das vierte Buch ergriffen, ein Rotbuch „Griechenland im Würgegriff“. Ich sehe das nicht so: Die EU ist ein Wirtschaftsprojekt, es geht um Wohlstand und Lebenssicherheit für 500 Millionen Menschen.

Jedes Jahr rund um die historische Wende im vergangenen Jahrhundert habe ich mich über den Aufstieg der Spanier und Portugiesen, dann der Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn und Balten gefreut, die ein halbes Jahrhundert „Ruinen schaffen ohne Waffen“ aushalten mussten, und denen es heute nach nur 30 Jahren so gut geht wie noch nie. Kapitalismus und Demokratie sind voller Nachteile, aber es gibt wohl nichts besseres für Renten, Löhne, Arbeitzeiten, Gesundheit, Freiheit und dergleichen.

Deutschland setzt die Benchmarks für den Wettbewerb der EU mit China und den USA. Es kann nicht angehen, dass korrupte Politiker die lächerlich geringe Menge ihres Steueraufkommens veruntreuen und an ihre Klientel verschwenden können und sich das ganze von der EU über die Weltwirtschaftskrise hinaus weiterfinanzieren lassen.

Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass man diese Verschuldung nie hätte zulassen dürfen. Aber nun ist sie da, und das „Diktat der Troika“ dient meiner Meinung nach dazu, dass sich die Einnahme-Ausgabe-Situation Griechenlands ein für allemal verändert. Es gibt den Kampfbegriff „Austeritätspolitik“, das mag per se von Übel sein, aber die Griechen müssen Steuern einnehmen lernen.

Es ist bereits Gewaltiges geschehen. Luftnummer-Behörden und Staatsaufgaben wurden geschliffen, auf unvorstellbar brutale Weise Renten und Löhne gekappt, ein Arbeitsmarkt flexibilisiert, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. Für mindestens eine Generation sind viele griechische Familien wieder zu Selbstversorgern geworden.

Und scheinbar haben diese Leute etwas behalten, von dem wir viel lernen können: Solidarität statt Heulen und Zähneklappern. Falls uns eines Tages ein Euro-Crash ereilen sollte: Was die Griechen in der Krise geleistet haben, das schaffen wir Deutschen nie und nimmer mehr.

Sorry, das musste mal raus, sagt was dagegen. Kreta lebt zu 70 Prozent vom Tourismus, zu 15 Prozent von Landwirtschaft und Industrie. Es sieht so aus, als hätten die das Gröbste hinter sich.

Wahlen

Aber die alten Seilschaften schlafen nicht. Zur Zeit sind hier Europa- und Regionalwahlen, in Kürze dann Parlamentswahlen. Tsipras' linkes Bündnis Syriza tauscht voraussichtlich nach vier Jahren die Plätze mit der konservativen Nea Demokratia.

Der Werbespot ihres Kandidaten Mitsotakis, natürlich Sohn einer Dynastie, läuft im Privatfernsehen der Kaufleute rauf und runter. Mitsotakis, wie er eloquent und strahlend argumentiert, Mitsotakis nachdenklich aus einem Flugzeug oder auf seinen Laptop blickend, Mitsotakis, die Hand an der Reling eines Fährschiffs, der Retter naht, und die alte Kaste kommt wieder an die Macht.

Wie dumm muss man sein, wenn man das nicht merkt? Konservative Politiker sind in Griechenland das Bindeglied der Oligarchen zur Gesetzgebung. Tsipras kündigt kurz vor der Wahl erstmals wieder höhere Löhne und Renten an. Auch Mitsotakis will Steuern senken, am Ende aber nur für seine Klientel.

Ein beliebtes Thema sind deutsche Reparationen, die tatsächlich nie gezahlt wurden. Dabei geht es nicht nur um Wehrmachtsmassaker in Partisanendörfern, sondern vor allem um Kriegsschäden und  niemals zurück gezahlte Kredite, die sich die Nazis von den griechischen Banken erpresst hatten.

Aber auch hierzu habe ich eine unkorrekte Meinung: Die Alliierten sind sich wohl bewusst gewesen, dass der Versailler Vertrag und die Reparationen in Kombination mit der Weltwirtschaftskrise ursächlich für den Aufstieg des Nationalsozialismus waren.

Deswegen und in Abgrenzung zum sowjetischen Osteuropa wurde Westdeutschland in Nato und EU verpackt, damit es nie wieder das Bedürfnis verspürt, irgendetwas revidieren zu wollen. Etwaige Reparationswünsche der gesamten Welt an Deutschland und Japan wären heute so gigantisch, dass ihre Vollstreckung unvorstellbar ist. Das ist ein Skandal, aber Geschichte ist so.

Heulen und Wehklagen

Zurück in die Berge. Es ist warm geworden, und unser Bewegungsdrang schrumpft. Zwar dürfen wir im Pool eines nahe gelegenen Hotels schwimmen, aber die meiste Zeit vergeht horizontal. Morgens Frühstück, nachmittags kretische Diät, so halten wir es.

Also fahren wir ein paar hundert Höhenmeter in frischere Luft und spazieren um das Dorf Rogdia. Am Ende sehen wir ein paar Männer vor einer kleinen schmutzigen Bar sitzen, wir nennen sie die Taverne am Taubenschlag. Der Besitzer kennt A und E bereits und tischt auch für uns als einzige Gäste gern und reichlich auf.

Auf dem Rückweg begegnen wir einer gestürzten Frau, ein paar Nachbarinnen sind hinzugeeilt und begleiten sie in ihr Haus, aus dem noch eine Weile Heulen und Wehklagen erklingt. Ich bilde mir ein, einem Ritual beizuwohnen: die Frauen stützen sich, aber das ganze Elend der vergangenen zehn Jahre lastet schwer auf ihrer Seele. Diesem Dorf geht es sichtbar nicht gut.

Am letzte Abend mit unseren Freunden gehen wir noch einmal zur Strandbar. Alles ist bereit für den Sommer. Nein, wirklich, die griechischen Gastwirte sind etwas Besonderes. Herzlich und offen, immer zu einem Schwätzchen aufgelegt, am Ende bringen sie kleine Gratisschweinereien, hier einen hübsch gefächerten Fruchtkorb mit Eis, dort fritierte Hefebällchen mit Honig, und heute trinkt der Kellner sogar einen Raki mit.

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke...

Dann reisen unsere Freunde ab. Ein großes Loch entsteht, aber es fühlt sich auch gut an. Wäre ja auch noch schöner, wenn man sich zu zweit nicht aushalten könnte. Wir setzen uns ins Auto und besuchen das CretAquarium, die minoische Ausgrabung von Malia und den Touristenort Chersonissos.

Die ausgestellten Mittelmeertiere haben ihre Grillgröße bei weitem überstiegen, und viele Becken scheinen bald zu platzen. Aber man kann riesigen Haien und vielen Brassenarten aus nächster Nähe zuschauen. Ich nehme mir vor, erst einmal keinen Fisch mehr zu essen, der Vorsatz hält sechs Stunden.

Die Touristenorte im Norden Kretas scheinen auf den großen Ansturm zu warten. Im Griechenlandbuch einer Ethnologin las ich ihre Wahrnehmung, dass jeder Grieche am liebsten nur ein kleiner Unternehmer sein will. „Was für edle Seelen!“, würde Goethe reimen. Hier reihen sich tausende Autovermietungen, Tavernen und Souvenirshops so aneinander, dass es ein Grauen wäre, würden nicht die Sonne scheinen und Himmel und Meer blau glänzen.

Chania

Die Hafenstadt Chania im Westen der Insel haben wir uns bis zum Schluss aufbewahrt. Die Nationalstraße an der Nordküste ist allein schon eine Reise wert. Gut ausgebaut, aber kurvenreich, kann man die 120 Kilometer von Heraklion gemütlich mit 70 bis 80 km/h zwischen rosa Oleanderblüten cruisen und an Stelle von überteuerten Autobahn-Raststätten-Snacks eiskalte Fruchtcocktails in Strandbars schlürfen und geloopter Loungemusik lauschen. Hinter Rethymnon fährt man am Fuß der Weißen Berge, die Straße mutet an wie der Yellowstone Highway.

Diesmal haben wir tatsächlich über Telefon durchgebucht. „Hervorragend“ wurde das Harismari Cozy Hotel im Herzen der Altstadt klassifiziert. Das Parkhaus habe ich auch im Handy gefunden, und der Fußweg von dort führt uns durch die alte Markthalle. Natürlich müssen wir uns an Kreuzfahrergrüppchen vorbeischieben.

Mama Maria und Tochter Stella erwarten uns, Sohnemann stillend, mit einem kühlen Saft und selbst gebackenen Keksen vor ihrem Hotel. In dem alten venezianischen Bürgerhaus hat sich ein Innenarchitekt keine Grenzen gesetzt, von Kassettendecke mit Einbaustrahlern über verschlungene Retrolämpchen bis zur verglasten Designer-Regendusche, das ganze Programm inklusive Nespresso-Maschine und Rakifläschchen. Für 'n Appel und 'n Ei...

Besoffen vor Glück spazieren wir zum Hafen. Wieder hören wir von Restaurants, von denen sonst nur Griechen wissen: Dort schlemmen wir Shrimps saganaki. Langustchen in Tomaten-Schafskäsesauce, ein Gedicht. Und die abendliche Meeresfrüchteplatte im Neoria, unvergesslich. Es ist der Konsumrausch, der eine Leere füllen will, die wir gar nicht haben.

Schäfchenwolken im Sonnenuntergang über dem alten Hafen. Ein Bild für die Götter. Alle Hauptgassen treffen sich an diesem schillernden halbrunden Becken, und die Unzahl der Tavernen kann diese Kulisse nicht mehr schmälern.

Chania ist eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Siedlungsstätten Europas. Der zweitgrößte Ort der Insel war bis 1971 Hauptstadt Kretas. Auf dem Kastell über dem Hafen finden sich minoische Ruinen. Dass kein Palast gefunden wurde, liegt vermutlich daran, dass sich die Generationen stets wieder am  steinernen Material bedient haben.

„Kydonia“ wurde 2000 Jahre später sogar bei Homer erwähnt. Ihre heutige Form erhielt Chania im sechzehnten Jahrhundert durch einen venezianischen Festungsbaumeister. Ein Modell im Seefahrtsmuseum zeigt die heute noch existierenden gewaltigen Galeeren-Arsenale.

Nur 50 Jahre hielt die Befestigung den Osmanen stand, danach wurde die kleine Janitscharenmoschee gegenüber dem Leuchtturm errichtet, heute ein Kitschkunsttempel. Das Seefahrtsmuseum steht auf der westlichen Bastion, und seine Schwerpunkte liegen natürlich auf der grandios verpatzten Nationwerdung im 19. und 20. Jahrhundert. Was man mit dieser Ausstellung machen könnte!

Reisen und Speisen

Nun verleben wir unseren letzten Tag am Pool des Marirena, wir verlassen die Insel. Ich glaube, dies war eine der besseren Reisen. Besser als vor 45 Jahren, als ich mit drei weiteren jungen Männern noch braun werden wollte? Alles hat seine Zeit.

Mir wird oft gesagt, meine Reiseberichte seien zu politisch. Ich halte das für typisch deutsch. Wir ärgern uns über jeden, der eine andere Meinung hat, ich mich auch, und deswegen diskutieren wir auch nicht gern miteinander, weil es zu oft Streit gibt. Reisen sind aber niemals unpolitisch. Ich reise, um zu lernen, und um zu verstehen, auf was für einem Planeten ich lebe. An Reisen muss man sich abarbeiten. An Menschen auch.

Ach so, ich schreibe auch zu viel über das Leibliche? Dann nichts wie herkommen nach Langenfelde. Ich mache Tzaziki mit Bauersalat und kross gebackene Doraden oder butterzarte Lammschulter, es gibt Retsina und Raki, und wer nicht mitdiskutiert, der bekommt noch einen und noch einen, bis wir einer Meinung sind...

Was noch zu Sagen bliebe:

 Kläffende Köter, wo man steht und geht. Jedes kleine Anwesen hat einen Kettenhund, der loslegt, sobald man sich nähert. Friedlicher sind die wilden Hunde und Katzen, die sich aus den Mülltonnen ernähren.

 Mülltrennung gibt es, zumindest in zweifacher Form: Blau für jedwede Verpackung, braun für Restmüll. Als guter deutscher Kontrollfreak habe ich zum Spaß in viele Container hineingeschaut, und siehe, es sah meist besser getrennt aus, als noch vor fünf Jahren.

 Griechen lieben Autowracks, können sich zumindest nicht von ihnen trennen. In jeder Straße stehen ein paar herum. Die Troika sollte mal die griechischen Verschrotter an Kiesow verscherbeln...

 Todesanzeigen hängen überall. Das finde ich eine schöne Sitte. Leider auf kyrillisch, man wüsste gern, wer die Verstorbenen gewesen sind. Überhaupt ist die griechische Schrift ein großes Hemmnis, um sich zurechtzufinden. Aber die IT-Revolution wird auch dies Problem lösen.

 Ein Bauernsalat besteht aus Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Paprika, Oliven und Schafskäse mit Öl und Kräutern sowie Salz und Pfeffer. Ich wusste das, habe mir aber zeitlebens fast nur Blattsalate gemacht. Nicht nur das muss sich unbedingt ändern.

Tunesien 2019

Jemand tritt mir in den Rücken. Die Economy-Sitze von Tunisair sind eng und steil. Neben mir bramabasiert eine deutsche Rentnerin. Ihre Krücke drückt auf mein Knie. Wieder und wieder erhalte ich kleine Stöße von hinten. Schließlich schnalle ich mich ab und schaue nach hinten. Habe ich es mir doch gedacht: Eine Fünfjährige langweilt sich und prüft ihre Grenzen.

Als staatlich geprüfter Kinderdompteur weiß ich, was zu tun ist: „Kleine Maus, du trittst mich in den Rücken“, sage ich zuckersüß und blicke der kleinen, dunkelhaarigen Tunesierin lächelnd in die Augen. Ihre Mutter sagt sanft: „Du machst ihm Schmerzen!“ Ich lächle auch die Mutter an und setze mich wieder. Doch nach kurzer Zeit beginnt das Treten erneut.

Natürlich sage ich von jetzt an nichts mehr. Unsere Boeing 737 startet um 18.30 Uhr von Hamburg nach Monastir. Nach einer Stunde erhebt sich meine Nachbarin, so dass auch ich mich etwas bewegen kann. An der Toilette spricht mich eine junge Frau an: „Sie haben Glück, sie schläft!“ Als ich zu meinem Sitz zurückkehre, sehe ich das Kind dösend auf den Sitzen liegen. Allmählich wird mir klar, dass die junge Frau an der Toilette ihre Mutter war, und dass sie froh ist, dass ihr Kind nicht weiter strampelt.

Muslimische Kinder scheinen den Himmel auf Erden zu haben, das ist mir bereits als ehrenamtlicher Lesehelfer an einer Harburger Migrantengrundschule aufgefallen. Heute morgen im Lift des Hotels in Sousse: Ein Vater mit zwei kleinen Söhnen betritt den Aufzug. Während wir vom sechsten Stock zum Frühstückssaal hinunterfahren, spielt der Fünfjährige an den Knöpfen. Immer wieder drückt er den ersten Stock. Gottseidank nicht die anderen vier, ich habe Hunger. Aber sein Finger umkreist auch die Alarmglocke, und der Vater schaut ihm derweil bewundernd zu.

50 Jahre nach Summerfields antiautoritärer Erziehungswelle erlebe ich häufig, dass auch Menschen anderer Kulturkreise mit ihrer elterlichen Autorität nichts mehr anzufangen wissen. Dabei sind die deutschen Autobahnen schon ganz voll von „freien, selbstbewussten“ Menschen.

Winter am Mittelmeer

Aber ich bin nicht nach Tunesien gekommen, um Kulturkritik zu üben, ich beobachte nur und grüble. Es ist Mitte Januar 2019. Gerade fing der Hamburger Winter an, interessant zu werden, es kommen wohl arktischere Temperaturen. Hier ist es 17 Grad warm, die Sonne scheint. Unser Hotel am Strand von Sousse ist immer noch so gepflegt und bequem wie im vergangenen Jahr, aber das Buffet macht mir Sorgen. Ich hatte den Weihnachtsspeck doch schon fast wieder heruntergehungert.

Vor zwei Tagen schickte mir mein Bruder zur Nacht eine Spiegel-Schlagzeile: „Generalstreik in Tunesien!“. Nun habe ich dem Spiegel ja noch nie geglaubt, aber weil ich die Nachricht am Abend nicht mehr durchgelesen hatte, wurde mir gegen Morgen etwas blümerant. Geht unser Flieger überhaupt? Geraten wir in eine neue arabische Rebellion? Werden wir zu Geiseln genommen und in der Sahara enthauptet? Nehmen wir besser gelbe Warnwesten mit?

Am morgen recherchiere ich. Die Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten hat zu einem 24-stündigen Warnstreik um höhere Löhne aufgerufen, der bereits wieder vorüber ist. Ein „Generalstreik“ ist etwas, womit das Volk die Regierung stürzt, die eine Million Warnstreikenden der UGTT allerdings sind die Regierung, lieber Spiegel!

Es gibt wenig Informationen über Nordafrika in Deutschland. Uns interessiert nur, wie wir die armen Schweine wieder los werden, die bei uns irre geworden sind. Angeblich bekommt man in Tunesien nach wie vor gute Jobs hauptsächlich über Familie und Freunde. Die staatliche Tunisair hat 30 Flugzeuge und 8.000 Angestellte. Die privatisierte AirMaroc dagegen 50 Flugzeuge und nur 3.000.

Deswegen muss der tunesische Staat seine Fluglinie aus Steuergeldern unterstützen, und deswegen kann er auch die Löhne nicht noch weiter erhöhen. Dieses Geld für die subventionierten Staatsunternehmen fehlt natürlich anderswo, weshalb der Polizeiapparat nach wie vor einen gigantischen Aufwand betreibt, um Volkswut zu verhindern.

Aber wir werden das ändern. Im vergangenen Jahr ist der Tourismus um 45 Prozent gewachsen. Wir steigern das Bruttosozialprodukt, und gleich gehen wir zum Shopping in die Medina.

Immer wieder Achmed

Die Souks von Sousse sind mir ein Rätsel. Heute, am Sonntag, strömen die Einheimischen hinein in die engen Altstadtgassen. Ich treffe mich mit meinen drei Mitreisenden im Straßencafe am Eingang zur Stadtmauer. Man sieht viele junge Machos mit Undercut, Sportblouson, zersplissenen Jeans und Sneakers, modische Mädchen mit und ohne Kopftuch. Muttis im Wintermantel, Vatis mit langem Bart und Nachthemd.

Wir dicken Europäer sind eindeutig Minderheit. Erkennbar an unserem roten All-you-can-eat-Armband ist Bine bereits wieder zweimal angesprochen worden: Kennst du mich nicht aus deinem Hotel! Die adäquate Antwort ist: Achmed, ich habe dir tausend Dinar geliehen, wann bekomme ich sie zurück?

Ansonsten ist die Koberei in der Medina heute auszuhalten. Ich wirke mit meiner unkorrekten Mütze und der Sonnenbrille vielleicht auch nicht gerade wie einer, der Gold oder Sandalen kaufen wird. Das Angebot dieser großen, alten Ladenstadt ist immer noch orientalisch absurd: Kaum etwas kann man gebrauchen. Es ist besonders verwirrend, wenn man Kleiderpuppen und Verkäufer nur daran unterscheiden kann, dass letztere in ihr Smartphone schauen. Ich muss wohl noch mehrere Male hindurchgehen, um mich an das fremdartige Gewusel zu gewöhnen.

Tunesische Klänge

Am nächsten Morgen auf dem Balkon der Hotelanlage: Der Sound wechselt zwischen Müezzin und Adele. Zum Sonnenaufgang wird man leise und sanft vom Gebetsausrufer geweckt. Das kennen wir, und ich finde es mittlerweile genauso angenehm vertraut wie das Gebimmel unserer Langenfelder Kirche. Wenn aber den ganzen Vormittag lang vom menschenleeren Poolgarten laute Popmusik herüberklingt, im Wechsel zwischen Orient-Rap und Helene Fischer, fühle ich mich gestört.

Es hat ja etwas Quasireligiöses, wenn die halbe Welt nur noch mit Kopfhörer unterwegs ist und man nirgendwo mehr der Musikindustrie ausweichen kann. Seht, ihr Schafe, das ist eure neue Showbiz-Transgender-Religion, der Herr sagt euch, ihr könnt auch Frauen werden, ihr könnt Muslime sein oder Heiden, Hauptsache, ihr bekommt von uns was auf die Ohren. Ich hatte mir vorgenommen, mich langsam an meine Hörgeräte zu gewöhnen, sie aber schnell wieder im Hotelsafe verschwinden lassen.

Half inclusive

Unser Hotel am nördlichen Rand von Sousse liegt direkt am Strand der Bucht von Hammamet. Wir blicken morgens in die östliche Sonne über dem Mittelmeer. Gegen Nachmittag verschwindet sie im Westen hinter der riesigen Volksverpflegungs-Zentrale schräg unter uns. Das Jaz Tour Khalef ist derart rundherum gebaut, dass es keiner weit zum Buffet hat. Vier bis acht Stockwerke beinhalten unzählige sternförmig einbetonierte Balkone.

Am uns gegenüber gelegenen Ende des Halbrunds befindet sich ein supersalziges Meerwasser-Thermalbad. Zum Draußenbaden in Pool und Mittelmeer wäre es viel zu kalt. Essenfassen für uns Halb-Pauschalisten ist von 7 bis 10 und von 18 bis 21 Uhr. Der Stil der Gerichte orientiert sich an den am Wochenende mehrheitlich die Anlage besuchenden Nordafrikanern, und da Käse, Fleisch und Wurst eher nicht europäischen Geschmacksgewohnheiten entsprechen, bieten sich vielfältiges Gemüse, Salat und Obst an. Gestern aß ich nur Kartoffelmus, gegrillte Paprika und etwas panierten Fisch.

Heute morgen sind zahlreiche muslimische Gäste abgereist und wir saßen direkt hinter einer britischen Unterschicht-Familie mit hartem Londoner Vorstadt-Akzent. Woran ich die gesellschaftliche Verortung festmache? Nun ja, sie waren noch etwas dicker als wir, reichlich tätowiert und so spärlich bekleidet, wie es beim Eintritt zum Buffet ausdrücklich nicht erwünscht wird. Aber bald verschwinden sie zum Rauchen auf die Terrasse, so dass wir ablästern können. Irgendjemand von uns äußert, so hätten „die“ Deutschen früher auch ausgesehen. Früher?

Sonnenlos in die Nacht

Einen Tag später blicke ich bei wolkenverhangenem Abendhimmel aus dem Hotelbett auf die Schiffe, die im Golf vor Anker gegangen sind. Ohne Sonne fragt man sich bald, wonach man hier suchen soll. Durch die Medina ließ sich bei krassem Licht gut schlendern, denn im Süden der Altstadt haben die Wohngassen manchmal hübsche Accessoirs und Farben. Wir setzten uns an der großen Moschee vor ein Café und beobachteten einfach nur Pflasterverleger und Passanten.

Heute dagegen sind wir nicht ins Zentrum gefahren, sondern durch den nördlichen Stadtteil Hammam Sousse spaziert. Die lebendige Rue de Palmiers kennen wir bereits aus dem vergangenen Winter, in dem es häufig regnete. Auch heute suchen wir wieder nach Art Deco-Details und Geschmacksscheren zwischen akkuraten Gartenmauern und orientalischen Stadtvillen. Bürgersteige sind stets ein Abenteuer, denn ich gehe wieder am Stock, seitdem ich mir die Achillessehene beim Gehfussball gezerrt habe.

Der ruhende Ball

Gehfussball? Ich hatte jüngst im Fernsehen über den Walking Football der Senioren in England gelesen und war begeistert. So etwas musste es bei uns doch auch geben! Ich fand heraus, dass der VFL Jesteburg in der Nordheide so etwas anbietet. Für mich waren junge Frauen und Fußbälle etwas, wovon ich seit Jahrzehnten sicher war, ich würde sie nie wieder berühren.

Zumindest beim Fußball habe ich es noch einmal getan. Ich stand auf dem Platz, drehte mich mit der Pille um den Angreifer, ging ein paar schnelle Schritte, passte den Ball zu einem frei stehenden Mitspieler und rief in mich hinein: „Ich lebe noch!“ Nun ja, drei Mittwochabende habe ich durchgehalten, dann verletzte ich mich wie erwartet und humple nun, wie es sich für mein Alter geziemt. Das mit dem Junge-Frauen-Berühren kann ich mir wohl endgültig abschmincken.

Hier war bis jetzt jeden Abend internationaler Bezahlfußball in der Hotelhalle zu sehen. Vorgestern lief La Liga, wenn auch nur Levante gegen Valladolid. Gestern sah ich den verzweifelten Steuerflüchtling und Vergewaltiger Christiano Ronaldo in seinem Diasporateam Juve herumstolpern. Man stelle sich vor, ein solcher Artist in einer auf Manndeckung programmierten Maschinerie, am Ende seiner grandiosen Geschichte mit einem Bein im Gefängnis. Da macht es Messi besser, er bleibt beidfüßig in Spanien, denn er weiß, Haftstrafen unter zwei Jahren muss man, wenn es nicht um Gewaltverbrechen geht, gar nicht absitzen. Ein Leben ohne Messi ist für mich denkbar, aber sinnlos.

Wolken über Tunesien

Nun sitze ich gut genudelt wieder im Hotelbett. TV und Telefon-News sind abgeweidet, da muss ich wohl oder übel zum Buch greifen. Geschichte Nordafrikas, Lüders‘ Armageddon im Orient, Baedeckers Tunesien oder die Biografie der Who? Letzteres hat den Vorteil, dass ich mir dazu historische Rockbands auf Youtube anhören darf. Und morgen kann mir Helene Fischer gestohlen bleiben.

Es ist so langweilig hier, dass man ganz auf sich selbst geworfen ist. Wie soll man dem Buffet wiederstehen? Wie soll man Bewegung bekommen, wenn man doch nur durch schmutzige Viertel humpeln kann? Wie soll man den bunten Souk genießen, wenn man bei jedem interessierten Blick mit Verkaufsabsicht angesprochen wird?

Heute mittag haben wir lediglich etwas Salat gegessen. Ich traf die anderen drei auf dem Dach eines Einkaufszentrums mit Blick über die Hafenstadt. Sousse hat 170.000 Einwohner und ist die drittgrößte Stadt Tunesiens. Wir wohnen drei Kilometer nördlich des Zentrums und müssen dorthin immer für vier Dinar (1,20 Euro) mit dem Taxi fahren, wenn wir nicht am Strand laufen wollen. Im Hafen befinden sich ein paar Schiffe, fünf, sechs weitere liegen im Golf auf Reede. Wir wissen nicht warum. Ach ja, ein paar unheimlich kitschige Koggen bieten „Piratentouren“. Und es gibt ein modernes Schnellboot der Küstenwacht, dass sich niemals bewegt.

Who is Who

Das Abendessen gefällt mir immer besser. Erst häufele ich mir einen schön bunten Salat an und schütte ordentlich Olivenöl drüber. Dann grase ich ein wenig am Buffet: Kartoffelpuffer und Blumenkohl-Pakora. Hähnchenschenkel und Truthahnbrust süßsauer. Und zum Abschluss wie immer Eis mit Schokosauce. Ich spüre: es ist zu viel, aber seit den drei Spiegeleier-Toasts am Morgen habe ich ja nur ein paar Nüsschen bekommen.

Jetzt ist es wieder wie vergangenes Jahr: Wolkenverhangen und windig kühl, kein Grund, das Hotel zu verlassen. Die anderen tun es trotzdem. Ein Freund hat meinen fünfzehn Jahre alten Eee-PC mit Lubuntu-Betriebssystem am Laufen gehalten und das hoteleigene WiFi ist stark genug, sämtliche auf Youtube gespeicherten Who-Videos ruckelfrei abzuspielen, während ich die Bandbiografie studiere.

Ich habe seit ein paar Jahren weitgehend damit aufgehört, Romane zu lesen oder Spielfilme zu sehen. Ich möchte meine Zeit nicht mit melodramatischen Erfindungen vergeuden. Zuerst wandte ich mich wieder Politik und Geschichte zu, nun plündere ich seit ein paar Jahren das Musikregal der Hauptbücherei. Es fing mit Bob Dylan, Bruce Springsteen, Neil Young, Eric Clapton und Keith Richard an. Dann ging es weiter mit den Allman Brothers, Leonard Cohen, Tom Waits, Cher, Genesis, Fleetwood Mac, Pink Floyd, Aretha Franklin, Lemmy Kilmister, The Kinks, AC/DC, Green Day, David Bowie.

Es sind vier Dinge, die ich daraus lerne: 1. Engländer prügeln sich gern. Und fast jeder ist von Erziehungsberechtigten geschlagen worden. 2. Ohne Drogen würde es keine Rockmusik geben. 3. Die sexuelle Befreiung war eigentlich Selbstversklavung minderjähriger Groupies. 4. Rockmusiker wollten nicht so viel arbeiten wie ihre Eltern, doch sie mussten schließlich härter schuften, als die meisten von uns.

Ich habe ein Leben ohne Prügel, Drogen, Groupies und Schufterei geführt. Ich bin gerade noch am Irrtum vorbeigeschrammt, das Leben als endlose Party anzusehen. Und wenn ich darüber lese, bin ich ganz froh, nicht in England gelebt zu haben.

Rauchen verbindet

Vorgestern abend hat man so getan, als befänden wir uns in einem Luxushotel. Wir wurden zum Menü ins Restaurant L‘Oliverie gebeten, und uns wurden von den gleichen Leuten die gleichen Speisen am Tisch serviert. Trotzdem war es eine schöne Unterbrechung der Langeweile.

Am Ausgang sah ich langbärtige Islamisten rauchen. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass mir der eine eine Zigarette anbot, aber ich griff zu, obwohl ich niemals wieder eine anfassen wollte. Pfeife und Zigarre hatte ich nicht dabei, aber ich konnte mir die Gelegenheit nicht nehmen lassen.

Die beiden Bärtigen waren Araber aus England, der dritte ein britischer Inder. Sie blödelten mit einem vierten, der sich als Schotte entpuppte. Alle waren sie gegen den Brexit, und wir hatten ein paar extrem lustige Minuten. Leider sind sie vermutlich abgereist, ich hätte gerne noch weiter mit ihnen rumgealbert.

Hotel-Ausbruch

Am Sonntag schließlich unternehmen wir unseren ersten Ausflug. Ich hatte an der Rezeption gefragt, wie man am bestens ins 160 Kilometer entfernte Tunis kommt. Der Rezeptionist hatte darauf angeboten, uns einen Tag lang nach Tunis, Karthago und Sidi Bou Said zu fahren.

Am frühen Vormittag setzt er uns am Bardo Museum ab. Hier ist also der Ort, an dem vor drei Jahren vier Terroristen 20 Touristen erschossen. Aber vor allem ist es lausekalt. Die Sonne hat seit ein paar Tagen nicht mehr geschienen, und wir schleichen bei 10 Grad an den römischen Mosaiken vorbei. Bei der nächsten Gelegenheit setzen wir uns draußen in die Sonne und wärmen uns wie die Krokodile. Dann besichtigen wir noch eine Ausstellung über die Arabellion. Was bewegt mich mehr: Zehn Jahre tunesische Revolution oder 75 Jahre Befreiung Leningrads? Beides macht mich furchtbar traurig.

Frieden und Gerechtigkeit wird es niemals nicht überall geben. Unser Rezeptionist verdient 200 Euro im Monat. Sein Job ist sicher, immerhin ist unser Hotel schon den ganzen Sommer über ausgebucht. Natürlich wünscht auch er sich einen guten Diktator. Und ich kann ihn verstehen, alles ist seit Ben Alis Sturz schlechter geworden. Wer will schon Freiheit?

Auf der Fahrt nach Sidi Bou Said hält er unvermittelt an einem See. „Carthagos harbour“ sagt er nur und zeigt auf eine Insel. Wir stehen an einem grandiosen Ort. Kaum zu erkennen: hier hatte die punische Flotte ihre kreisrunde Garage. An dieser Stelle entstand Europa durch die Vernichtung einer Zivilisation. Erst einen Tag später wird mir klar: Hier hätte man um Erlösung beten können.

Auf Sidi Bou Said ist unser Guide stolz. Recht hat er. Das weißblaue Bergdorf ist wunderschön. Ja, Macke und Klee waren auch hier. Schöner als Taormina ist es allemal. Sanft ruft der Müezzin, während wir Süßgebäck zum Milchkaffee verdrücken und aufs sonnig spiegelnde Meer vor Karthago blicken.

Wintersonne in Tunesien: Touristisch ist eigentlich tote Hose. Man müsste sich ein Auto mieten und rumreisen. Dann würde ich nicht im Hotelbett Wagners Ouvertüren oder billige Popriffs der Sechziger hören. Ich habe auf Youtube Keith Moons isolierten Drumpart zu Baba O‘Riley und John Entwistles Bass-Furioso My Generation gesehen, sicherlich minimale musikalische Meilensteine, aber jetzt hier in Tunesien entdecke ich unerwartet Karajan und Furtwängler. Wobei wir wieder bei Hitlers Orgasmen wären. „Leningrad esse delendam!“ Oder wie Woody Allen es sagte: „This music wants me to invade Russia“.

Downtown

Heute sind wir am Nordbahnhof unterwegs gewesen. Auch wenn Sousse potthässlich ist, man muss sich ja bewegen, und ich will den Ort wenigstens ein wenig abgelaufen haben. Da sah ich aus der Ferne ein gläsernes Dachgeschoss auf dem Palace Hotel. Wie ich erwartet hatte, gab es im zwölften Dachgeschoss ein Café-Restaurant mit Blick über Hafen, Medina und Mittelmeer. Das ist nun also unser Highlight des Tages: Ein Mornaq rosé mit Nüsschen und Käse und hinterher eine Dorade in der Altstadt. Was will man mehr?

Inzwischen haben wir uns angewöhnt, zum Mittag entweder im Fischrestaurand Lido am Hafen oder im Cafe Resto in der Medina einen gebratenen Fisch und Calamari zu uns zu nehmen. So eine Mahlzeit kostet mit Vorspeisen zwischen drei und sechs Euro.

Auf dem Weg dahin denke ich mir: Das Volk gilt hier wirklich gar nichts. Oder warum gibt es nirgendwo weder Fußgänger-Überwege noch vernünftige Bürgersteige? Der Verkehr ist lebendig, manchmal dicht, aber man kommt, mit Ausnahme des Platzes vor der Medina, meist gut durch.

Die Straßen sind ausgezeichnet. Die Mehrzahl der Autos sind ältere Kleinwagen, aber man sieht auch viele Mittelklasse- und Luxusfahrzeuge. Ab und an entdeckt man sogar chinesische und indische Pkw, die es aufgrund ihrer Sicherheitsstandards nicht auf den europäischen Markt schaffen. Seltener dagegen sind Mopeds, Fahrräder gibt es fast gar nicht.

Ein Grauen für Vegetarier sind die örtlichen Metzger. Sie hängen einen Kuhkopf und Ochsenbeine oder halbe Schafe vor den Laden. Ich nehme an, dass das im Sommer wohl nicht mehr geht. Furchtbar elend sehen die Hühner aus, die in Käfigen vor sich hin vegetieren. Sie haben sich viele Federn ausgerissen und warten darauf, dass ihnen der Schlachter den Garaus macht. Heute abend vielleicht nur Couscous und Rosenkohl?

Sie haben die Wahl

In der NZZ lese ich, dass der 92-jährige Präsident Essebsi sich in diesem Jahr noch einmal zur Wahl stellen will. Der Greis, der seine politische Laufbahn noch zu Habib Bourghibas Zeiten begann, ist nun bestimmt keine Lösung, um das nordafrikanische Land in die Zukunft zu führen.

Sein Ministerpräsident, der 43-jährige Chahed, ebenfalls in der säkularen Partei Nidaa Tounes, hat sich mit einer Neugründung von dieser abgespalten und kandidiert gegen Essebsi. Allerdings vertritt er einen unbeliebten Sparkurs, um IWF-Kredite für Öl und notwendige Importe zu erhalten.

Essebsis bisheriger Regierungspartner Ghannouchi von der Muslimbrüder-Partei Nahda hat 2013 den historischen Pakt mit Essebsis Säkularen geschlossen, wofür vermittelnde tunesische Organisationen den Friedensnobelpreis erhielten.

Doch nun geht es um das Geld der Saudis und der Ägypter, mit denen Essebsi sich verbünden will. Diese sind Feinde der tunesischen Muslimbrüder, denn deren demokratische Kompromisse sind immer noch eine Besonderheit im islamischen Raum.

Kleine Haie

Heute Mittag im Fischrestaurant: Hai in würziger Tomatensoße. Der kleine Raubfisch ist butterzart. Danach gehen wir durch die Fischhalle und inspizieren das Angebot. Frische kleine Rotfische – Rougets, Doraden, Krabben, Calamari, alles glänzt uns an. Die angrenzende Gemüsehalle bietet riesige Fenchel und Artischocken, rote Möhren und Spitzpaprika, Kräuter und Salate und natürlich Mandarinen und Orangen, die überall wie Unkraut an den Bäumen hängen.

Im Fernseher des Lido laufen ausnahmsweise einmal nicht Fußballspiele, sondern nordafrikanische Popvideos. Ich kenne das schon vom Zappen über indische oder Balkansender. Üppige Frauen mit Kreolen, Kajal und Schlauchbootlippen spielen Ringelpietz mit harten Männern, die schnell weich werden.

Eine ältliche Clooney-Type wälzt sich verzweifelt allein im Bett, die Schlampe trällert ihr Lied in Lack und Leder, in Rückblicken wird ihre Verführungskunst dokumentiert, vielleicht kriegt er sie auch, aber am Ende spürt ein jeder Berber: Nur Verhüllung schützt vor diesen Urgewalten, und deswegen müssen die Flittchen auf der Straße Anmache erdulden, damit hier eins klar ist: Schützt die Männlichkeit!

Inzwischen habe ich einen Ort in der Medina gefunden, an dem man sich aufhalten kann. Eine Wegekreuzung mit Alte-Männer-Café und unserem Dachgartenrestaurant. Ich sitze hier gern und schaue Paaren und Passanten zu. Eine Männergruppe trommelt leise auf den Stühlen und singt ein klagendes Lied. Drei andere gucken abwesend auf ihr Brettspiel.

Es ist Selbstbedienung, man holt sich seinen Mokka oder Minztee für 20 Cent an der Kasse und setzt sich vor den Fernseher oder in die Gasse. Ich habe das Gefühl, ich gewöhne mich langsam an diesen „Urlaub“. Vielleicht würde ich gerne so leben, wenn endlich alle meine Freunde mit mir in Rente sind und täglich auf ein Lied vorbeikommen.

Arabellion

Mein Buch über die Who ist zäh zu lesen, es erinnert an ein Geschichtsstudium. Die Musik der Who finde ich nach wie vor furchtbar. Die ersten Hits nach langen Probejahren werden akribisch mit ihrer Entstehungsgeschichte geschildert. Ich habe das Gefühl, ich kenne Pete, Roger, Keith und John jetzt persönlich, und ich könnte sie zum Brettspiel oder zum Trommeln treffen.

Was für ein anstrengendes Leben. Jeden Abend auf der Bühne abrocken und dann bei Wind und Wetter in einem dieser entsetztlichen englischen Fahrzeuge der Sechziger heim, wenn überhaupt ein Heim da war.

Merkwürdige Riffs von Townsend, Fills von Moon, empfindsamer Stottergesang von Daltrey, verbindende Basslinien von Entwistle. Erfolgreich durch endlose Wiederholung und Ärger, Ärger, Ärger.

Pete Townsend und Keith Moon zerstörten abendlich ihre Instrumente, Roger Daltrey schwang dafür sein Mikro wie ein Lasso. Ihre Innovation war: Moves. John Entwistle schaute immer staunend zu, wenn sich die drei an die Gurgel gingen. Es war ein Rollenmodell für die 68-er Rebellion. So versuchten Jugendliche die Welt zu ändern, und dann wurden sie selber Elche.

Lafer und Lichter

Wir machen heute Abend auf piekfein und speisen auf dem Dach von Sousse. Hocherfreut deckt uns der Kellner des Palace Hotels einen Tisch in der äußersten Ecke des gläsernen 12. Stockwerks ein, damit wir gegen 18 Uhr den Sonnenuntergang und die Lichter der Großstadt sehen können.

Wir bleiben fast die einzigen Gäste, denn eine Rechnung um 50 bis 100 Euro können sich wohl weder Touristen noch Einheimische leisten. Dafür erhalten wir eine Flasche eiskalten Jour&Nuit Rosé mit Brot und Vorspeisen, Räucherfischtartar und cremeweiche Langustinen in Pastis.

Unter uns der Habib Bourgiba-Platz mit beleuchteter Reiterstatue und Tor zu Altstadt und Fischmarkt. Rechts sieht man die alte Stadtmauer bis zur Kasbah-Festung, deren Turm als Leuchtturm für den Hafen dient. Nach Osten ziehen sich die Lichter vom Südbahnhof bis zum Flughafen von Monastir.

Die Nachspeisen nehmen wir wieder auf Kosten des Hauses von unserem Hotelbuffet. In der Bar bekomme ich mein Bier bereits ohne Aufforderung. Stolz trage ich meine HSV-Socken, denn der Tabellenführer der zweiten Liga hat sein erstes Heimspiel der zweiten Saisonhälfte gewonnen. Sehen kann man hier zwar kein Sandhausen, aber dafür Messi mit einem grandiosen 6:1 gegen Sevilla. Schnell verhülle ich meine Socken.

Nun sitze ich bereits wieder im Boardingbereich von Monastir und warte auf TU865. Es gab Probleme mit unserem alten Schalenkoffer, denn Bine hat die Medina fast leer gekauft. Sie hat nur ihr kleines Handgepäck mitgenommen und den größeren unserer beiden alten Plasteteile verschenkt. Sie wunderte sich, als ich mit dem immer noch großen dicken Koffer ankam, nun wundert sie sich noch mehr, denn sie kriegt ihn nicht zu. Aber in Hamburg sind Minusgrade, also ziehe ich Sweater, Wollweste und Goretex-Jacke gleich über, was bei 20 Grad kein Vergnügen ist.

Ist so ein billiger Urlaub sinnvoll? Ich werde es morgen wissen, wenn wir vor die Haustür gehen. Vielleicht dient die relative Wärme der Gesundheit, doch unsere Mitreisenden haben sich erkältet. Nach ein paar Tagen zeigt sich: Wir hatten zwar keine Erholung nötig, bekamen aber trotzdem welche. Wiederholen werde ich es nicht mehr. Ich habe ja die Auswahl. Sevilla, Cordoba, Malaga und Granada gibt es ebenfalls zum Spottpreis. Und da war ich noch nicht.

Baskenland - Bilbao und San Sebastian

Vor 45 Jahren fand ich auf der Straße eine alte, schmutzige Baskenmütze. Damals gab es noch keine Baseball-Caps in Deutschland, Sepp-Herberger-Mützen waren uncool. Einige Verwegene trugen Herrenhüte. Und Baskenmützen, warum auch immer.

Ich habe dann diese Filzkappe zerstört, und das kam so: Nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, organisierte ich mir eine gebrauchte Waschmaschine. Wohl wissend, dass etwas sehr Schmutziges sehr heiß gewaschen werden muss, habe ich sie auf 90 Grad eingestellt. Leider fand sich meine Baskenmütze nach der Wäsche nicht mehr an. Dafür war meine gesamte Unterwäsche blau.

Nun bin ich auf dem Flug ins Baskenland. Mal sehen, ob ich einen Ersatz finde. Es wäre an der Zeit, denn alle jungen Menschen tragen heute „Unkorrekte“, wie die neuerdings verbreitete Schiebermütze nach Art des Weltmeister-Trainers von Bern einst auch genannt wurde.

Da ich die Empfehlung bekommen habe, meine Kopfhaut vor der Sonne zu schützen, wäre eine Baskenmütze ideal, um mein Hippiewesen noch einmal zu dokumentieren. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Leute in Woodstock Baskenmützen kannten, sie trugen eher Indianerbänder, aber das würde mir nichts mehr nützen, obwohl ein Teil von mir immer noch Indianer ist. Aber ich schweife ab.

Ein Herrenwitz

D und W trafen sich jüngst zufällig auf der Herrentoilette des Frankfurter Flughafens. Da sie sich lange nicht mehr gesehen hatten, verabredeten sie in absehbarer Zeit eine gemeinsame Kurzreise und fragten mich, ob ich nicht mitkommen wolle - nach Bilbao und San Sebastian, Mitte Oktober 2018, eine Woche am Ende des Jahrhundertsommers.

Nun habe ich bereits den Genfer See überflogen und sehe tiefe Schluchten unter mir, das französische Midi? Wie meist bin ich mit der S-Bahn zum Hamburger Flughafen gefahren und wurde erst etwas ruhiger, als ich die leeren Sicherheitscheck-Anlagen erblickte. Eine gute Stunde habe ich noch auf den Abflug nach München gewartet, dann starteten wir in einer großen Nordkurve über Quickborn. Sorry Freunde, eine dicke Wolkenschicht nähert sich von Süden. 

Mein Fußabdruck

In München hatte ich noch etwas Zeit, mich fremd zu fühlen. Jeder Ort hat ja sein Publikum. Das Volksparkstadion und das Thalia Theater, Eppendorf und Wilhelmsburg, die Flughäfen. Der Anteil der attraktiv gestalteten Menschen ist hier leicht erhöht. Ich sage mal so: Es fällt einem leichter, dafür einzutreten, dass alle Menschen Brüder sind, wenn man nicht gerade nachts in der S-Bahn sitzt. Aber passt das jetzt zusammen, zu sagen, ich würde mich auf dem Münchner Flughafen fremd fühlen?

Ein guter Freund hat mir heute morgen geschrieben, ich hinterließe ja jetzt wieder meinen großen CO2-Fußabdruck, obwohl er gerade aus Madeira zurück ist. Ich bin halt ein typisch deutscher Baskenmützen-Konsument, ich konsumiere Geiz mit Schnipseln von Abenteuer und Mozzarella.

Kurz vor der Landung noch etwas Unkorrektes zum Überlesen: Im kommenden Jahr wollen wir mit unserem zehn Jahre alten Golf Diesel bis Montenegro fahren. Meines Wissens stösst der kein CO2 aus, aber ich bin mir nicht sicher. Dieses Auto hat fast 200.000 km auf dem Tacho und funktioniert und sieht aus wie neu. Als Nachhaltigkeits-Fanatiker will ich den Grauen so lange rocken, bis er tot umfällt. Angeblich sollen 600.000 km machbar sein. Angesichts des Wertverlusts und der Ökobilanz beim Kauf eines Neuwagens lohnt sich eigentlich fast jede Reparatur. Aber das Verkehrsamt hat uns jetzt den Betrieb untersagt. Weil ich das Diesel-Update nicht nachgewiesen hatte! Ha, sagt Bine, wer ist denn hier der Betrüger, und wer der Betrogene. Also fahren wir trotzdem weiter, denn inzwischen haben wir die Trickserei installieren lassen, von der VW behauptet, nun sei alles wieder gut und wer‘s glaubt, wird selig.

Unter Bauern

Der Flughafen von Bilbao ist klein und ländlich. Ein nordspanischer Regional-Airport, wenig deutsche Touristen, viele baskische Bauerngesichter. Hier fühle ich mich nicht fremd. Gleich links hinter dem kleinen Terminal steht der Bus nach Bilbao. Für drei Euro bringt er mich in 20 Minuten ins Zentrum, zur Plaza Moyua.

Don D hat in unserer Whatsapp-Gruppe eine Nachricht hinterlassen. Er ist bereits von Köln nach Vitoria/Gasteiz geflogen, aber den Mietwagen hat er aus Versehen in Vitoria/Brasilien gebucht. Wo ist das Problem? Wir treffen in zwei Tagen die Schwester von D, zusammen mit W, also S und W, die noch in Burgos sind und eh nur mit Bus und Bahn reisen. Während D die 50 km vom baskischen Vitoria nach Bilbao mit dem Bus zurücklegt, mache ich mich mit der Metro auf den Weg zum Vorort Barakaldo, dort soll der Bus zum Bergdorf El Regato abgehen, denn D hat für uns zwei dort ein Hotel gebucht.

Ich laufe den Stadtteil ab, frage ein paar Leute auf Latein, dann habe ich Glück: An der Herriko Plaza steht mein Bus, und er fährt gleich los, so wie er es jede Stunde einmal tut. Jetzt werde ich durch ein grünes Flusstal kutschiert, dann wird es zum Stausee, dann ist Endstation. Das Hotel Erreka Alde liegt am Ortsende, das Dorf hat vielleicht 100 Häuser, eine Kirche und mindestens fünf Bars. Es ist himmlisch ruhig hier, das Quartier ist preiswert, aber luxuriös. D ist bereits da, er hat vom Busbahnhof in der Innenstadt lieber ein Taxi genommen, doch nun wissen wir ja, wie es geht.

Euskal Herria

Das politisch autonome Baskenland liegt an dem Meeresknick, den die Atlantikküste der Biskaya auf der Höhe der Pyrenäen macht. Natürlich sind sich auch die Autonomen nicht einig. Es gibt französische Basken, knapp 20 km östlich von San Sebastian beginnt das Pays Basque, und es gibt Navarra mit einer baskischen Minderheit. Aber es gibt ja auch Europa, und da ist mir der Nationalismus dieser Bergvölker schnuppe.

Die Ureinwohner des Baskenlands haben sich schon mit aller Kraft gegen Römer, Mauren und Karolinger gewehrt. Die Sprache dieses keltiberischen Bauernvolks gleicht keiner der in Europa Gesprochenen. Francos Verbot der Euskera, der baskischen Sprache, führte zum Terrorismus der ETA.

Athletico Bilbao, mehrfacher spanischer Fußballmeister, lässt bis heute nur Basken mitspielen. Man stelle sich das einmal vor: der HSV ohne Quiddjes, die Bayern ohne Basken, Franzosen, Spanier, Holländer, Brasilianer, Kolumbianer, Türken, Polen, Portugiesen, Österreicher, Schweden... Endlich mal kein 0:8 mehr. Und Athletico ist noch niemals abgestiegen!

Fosteritos

Das Verkehrssystem der Basken ist enorm, überall fährt irgendwas, man weiß nur nicht voneinander, und man muss überall neu bezahlen. Im Bus vom Flughafen in die Stadt drei Euro, in der Metro 1,85 Euro, im Bus nach El Regato 1,29 Euro. Dazu kommen die Busgesellschaften Alsa, Pesa, Bizkaibus und Bilbobus, die Regionalbahnen Renfe, Feve und Euskotren, die haben sogar eine Straßenbahn. Und jeder hat andere Infopunkte, nur am Busterminal San Mames stehen die Automaten verschiedener Firmen.

Die nagelneue Metro wurde von Norman Fosters Architekturbüro entworfen, die eleganten muschelförmigen Eingänge aus Glas und Stahl heißen auch „Fosteritos“. Wir fahren 100 Meter Rolltreppe in den Untergrund und steigen an der Plaza Moyua aus, von wo wir durch die im 19. Jahrhundert neu bebaute Gran Via zur Altstadt „Casco Viejo“ gehen. Noch können wir unseren Café con leche im Freien trinken.

„Hier irgendwo muss die Markthalle Ribera sein“, sage ich zu Don D, und tatsächlich, sie steht seit einer halben Stunde in unserem Rücken. Das Angebot übersteigt das von Ds Heimatstadt Paderborn um ein Millionenfaches, angeblich gibt es dort nur Tiefkühlfisch, aber grimmiger Wolfsbarsch, geknöpfte Tintenfische, getrockneter Bacalao oder zehnfach Muscheln sprechen mich nicht so an wie Krebsgetier, gehäutete Conejos oder dicke, fette Chuletons, aber dazu kommen wir später.

Sieben Gassen

Beim Bummel durch die sieben Gassen „Siete Calles“ kommen wir zur Plaza Unamano und können nicht anders, als erneut im Freien einzukehren: Das Fernsehen überträgt Real Madrids Heimniederlage gegen das baskische Eibar und die Bar Bacaicoa bietet einen großen Teller Pintxos, die baskischen Tapas, zusammen mit einer Flasche weißem Hauswein für 13 Euro. Da kann man selbst zur Mittagszeit nicht Nein sagen, zumal sich um uns tausende ansammeln, um das Gleiche zu tun.

Ich habe meine für zehn Euro erstandene Filzkappe aufgesetzt, doch die Kellnerin weist mich darauf hin, dass ich sie auf französische Art seitlich trage, und setzt sie mir zentralistisch zurecht, bevor sie uns fotografiert. Kann es sein, dass diese Mütze zu groß für mich ist?

Beschwingt wandern wir am Ufer des Ria de Bilbao Richtung Guggenheim Museum. Wir überqueren die Calatrava-Seilbrücke an den brutal eckigen Zwillingstürmen von Isozaki und nähern uns der unglaublichen Rauminstallation des Frank-Gehry-Gebäudes, das der Titan-Architekt unter die Brücke über den Fluss eingepasst hat. Ein paar weltberühmte Skulpturen – eine Spinne von Bougeois, Silberkugeln von Kapour, das Hündchen von Koons - kommunizieren mit dem Museum, aus jeder Perspektive und bei jedem Licht sieht das Ganze völlig anders aus.

El Regato

Die Kraft reicht nicht mehr aus, um das Innere anzusehen, wir kommen ja am Ende der Woche zurück. Nach der Mittagsruhe in unserem Hotel besuchen wir die Bars von El Regato. Natürlich läuft Fußball, Barca gegen Sevilla, und mein persönlicher Messias schießt das 2:0. Er grüßt in die Kamera, und ich verstehe. Er sagt: „Danke, dass du an mich glaubst, Reiner!“ Doch dann säbelt ihn ein Andalusier um, Messi fällt auf die Hand und bricht sich den Arm. Ich spüre den Schmerz meines Erlösers, er krümmt sich und wird nach elend langen Minuten bandagiert vom Feld geführt. Nach unzähligen Vino tintos, Cervezas und Pintxos tauchen keine neuen Gäste mehr auf, und wir verlassen den Ort, an dem ich Messis Kreuzigung miterleben musste. Darauf genehmigen wir uns bei Igor noch einen riesengroßen Gin Tonic und wanken heim.

Im Zwiegespräch mit Automaten

Aber wie kommen wir nach San Sebastian? Google maps zeigt uns, dass es am San Mames-Stadion von Athletico Bilbao verschiedene Buslinien gibt. In Schweden kann man schon nicht mehr mit Bargeld zahlen, in Bilbao finden wir zumindest keine Bezahlschalter. Aber unter den diversen Automaten am Busterminal sagt uns einer, das Pesa jede Stunde für 12,30 Euro fährt und 1.20 Stunden benötigt. Man kann die Tickets mit Banknoten oder Karte bezahlen und sich dann in die Bar setzen und frühstücken.

In San Sebastian nehmen wir ein Taxi zu unserer Airbnb-Wohnung im Vorort Altza, die auf dem Berg über dem Seehafen Pasaia liegt. Wir besteigen die Serpentinen und erkunden die Einkaufsmöglichkeiten der hügeligen Trabantenstadt aus den Siebzigern. Es sieht ein bißchen aus wie Chemnitz, aber im Erdgeschoss der Plattenbauten gibt es überall unzählige Bars und Pastelerias. Was machen die Spanier anders als wir Deutschen? Sie gehen abends aus, denn man kann im milden Herbst gut vor den Gaststätten sitzen oder stehen und Freunde oder Nachbarn treffen. Es muss schön sein, ein Baske zu sein.

Pasaia

S und W kommen aus Burgos hinzu. Der Fruchtkorb vergrößert sich. Der Kaffeeverbrauch ebenfalls. Heute am Sonntagabend wollen wir die Hafengegend erkunden. Die Vermieterin hat Don D etwas erzählt, was ich nicht verstanden habe. Zielstrebig wandert er entlang des prekären Hafenrands und redet etwas von einer Fähre. Nebel wabert von der Flußmündung herauf.

Wir kommen durch eine Gasse. „Tourist go home“ hat einer gesprayt, schließlich ist das hier der Jakobsweg! Plötzlich biegt D rechts ab und wir stehen vor bunten Schiffen. Durch den Nebel sieht man das gegenüber liegende Ufer, ein kleines Boot schält sich heraus und kommt näher, legt an. Es ist der Fährmann von Pasaia, ein schwarzer Mann. „Don't pay the ferryman“, höre ich, als W ihm acht Euro für unsere Überfahrt bezahlt. Und schon geht es los zum Hades.

Wir landen an der Santiago Plaza des hübschen alten Fischerdorfs, voller Bars und Restaurants, die meisten jedoch geschlossen. Es ist dämmrig, neblig und kalt, wir haben Hunger auf ein ordentliches Tellergericht. Sonntagabends isst man nicht auswärts in Spanien, erinnern sich D und W, und wir bestellen ein paar Kroketten, Hühnerflügel mit Baguette und trinken heißen Tee. Hier beginnt Don D seinen schmerzenden Running gag, dass er mir wortlos eine abgenagte Elle und Speiche hinhält...

Im Fernsehen läuft kein Fußball, sondern Pelota. Bei diesem baskischen Nationalsport wird ein Hartgummiball mit der flachen Hand gegen eine von zwei 90-Grad-Wänden geschlagen, und der Gegenspieler muss wie beim Tennis ordentlich springen. Das Publikum ist bunt, vielleicht ein wenig überaltert. Bei kritischen Ballwechseln gehen alle ordentlich mit, und ich kann mir vorstellen, was abgeht, wenn Pelota mit halbrunden Schuhlöffeln serviert wird, wo der Ball bis 300 km/h schnell wird...

Heiliger Sebastian, verschon mein Haus, zünd' andre an

Ausgehungert starten wir am nächsten Morgen in die Altstadt von San Sebastian zum Frühstücken. Die nördlichste Stadt Spaniens liegt an einer muschelförmigen Strandbucht, die „La Concha“ genannt wird und von zwei großen Hügeln begrenzt wird. Von dort bestand einst eine hervorragende Schussposition gegen Engländer, Franzosen und andere Freibeuter.

Doch eine strategisch günstige Lage fordert Gegner heraus, und so brannte San Sebastian zuletzt während der napoleonischen Besetzung bis auf die Grundmauern nieder. San Sebastian wurde zum klassizistischen Kurbad der spanischen Königin und Francos, die der Madrider Sommerhitze entfliehen wollten.

Im Oktober erreicht das Thermometer jetzt noch 15 bis 20 Grad, doch an diesem Montagmorgen erwacht die Stadt nur langsam. Die Gastronomen füllen ihre Lager, die berühmten Pintxo-Bars tafeln ihre Häppchenberge bei halb herunter gelassenen Jalousien auf. Schließlich finden wir ein offenes Restaurant, in Windeseile bedient der Barmann die Kaffeemaschinen, während er Eier mit Speck brät und krosse Pommes Frites aus der Küche holt. Das war jetzt aber für den Start einmal etwas Ordentliches, Senor!

Als wir die Gassen wieder betreten und zum Sporthafen hinüberspazieren, scheint strahlende Sonne. Tonnenschwere Marmorquader sichern die Felsenküste des Monte Igueldo. Vor dem Rathaus – ein ehemaliges Casino – demonstrieren Hebammen. Auf dem  Strand haben Aktivisten politische Parolen gezeichnet, die von der nächsten Flut fortgespült werden. Man könnte kilometerweit auf der Strandpromendade flanieren, doch irgendwann zieht es uns mit dem Bus Nr. 13 zurück zur Siesta in die Trabantenstadt.

Fußball ohne Wurst

Denn ich muss heute Abend ins Stadion. Real Sociedad San Sebastian spielt gegen den Aufsteiger Girona, was ich allerdings noch nicht weiß: Not gegen Elend. Die drei bringen mich drei Metrostationen nach Anoeta, 100 Meter vor dem Stadioneingang, wo wir uns nach einem Imbiss trennen, die drei zu den Pintxos, ich rein ins Vergnügen.

Rechts von mir ist ein Drittel des Stadions abgerissen und offen für einen Neubau. Es zieht. San Sebastion stürmt auf mein Tor, aber Girona lässt sie nicht. Kaum ist Pause, öffnet jeder Zweite ein in Alufolie verpacktes Baguette. Es gibt im ganzen Stadion keine Wurst! Jetzt wird mir einiges klar, denn auch die zweite Hälfte endet 0:0. Und die Basken stürmen diesmal vergeblich auf das andere Tor.

Pintxios

Am nächsten Morgen frühstücken wir in einer Pasteleria von Neu-Chemnitz/Altza, ehe wir die 13 zum Boulevard besteigen, um auf dem Zurriola-Strand zum Tidenbeobachter zu werden. Heute ist es zuerst grau, kühl und windig, aber das hindert die Surfer nicht daran, sich in die Biskayawellen zu werfen.

Schlussendlich komme auch ich zu meiner ersten großen Auswahl an Pintxos, für die diese Stadt berühmt ist (und für vieles andere, das wir uns aber nicht leisten können). Wir bekommen vom Barmann vier Teller, und während er unsere Getränke abfüllt, bedienen wir uns an der Theke an Babyaalen mit Wachtel-Spiegeleiern im Reisbett, panierten Artischockenspießen, Omelettstücken mit Schinken, Anchovi-Oliven, Krabben- und Lachsspieße, Fischsalat- und Iberoschinken-Baguettes, Oktopussis an Tomate. Wurstenden, enthäutete Paprika oder gebackener Ziegenkäse jeweils mit Wachteleiern, und schließlich neckt mich Don D erneut mit Messis Knochen.

Mobiles Baskenland

Mich drängt es ins Museum. Zuerst besuche ich die Barockkirche Santa Maria mit einer außergewöhnlichen Kunstsammlung. Die Kreuzabnahme ist hyperrealistisch und die Mariastatue mit ihrem Puppengesicht schaut mich an mit Augen wie Angela, dass man unwillkürlich an #metoo erinnert wird. Das San Telmo Museum für baskische Kulturgeschichte ist in einem Dominikanerkloster am Fuße des Monte Urgull untergebracht. Ein ungelenker moderner Erweiterungsbau beinhaltet Regionalkunst und Kommerz, aber unvergeßlich bleiben die historischen Alltagsgegenstände und der Fiat 600, der die Basken mobilisierte.

Für unsere Rückfahrt nach Bilbao teilen wir uns auf. S und W nehmen den Schnellbus, während D und ich mit der S-Bahn 100 km und drei Stunden lang durch die baskischen Berge fahren. 36 Haltestellen! Die Bahn bewegt sich in den Flusstälern, zuerst zu den Biskayabädern Zarautz und Deba, dann ins Landesinnere nach Eibar, wo die Zweite Spanische Republik ausgerufen wurde, der der Bürgerkrieg folgte, und immer weiter und immer industrieller bis zu den Vororten von Bilbao.

Bilbao-Effekt

In Bilbao sind wir diesmal im Vorort Erandio untergekommen, in einer schicken, modernen Drei-Zimmer-Wohnung direkt an der Metrostation. Am Abend wird wieder einmal Rücksicht auf meine Wünsche genommen: Ein Chuleton vom Grill soll es werden. Diese gigantischen T-Bone-Steaks gibt es nur im Kilo, werden wir belehrt. Das iberische Rind hat enorm viel Fett, das Fleisch ist fest, aber saftig und herzhaft. Im Amarena in der Altstadt wird es auf der zischenden Pfanne in Stücke geschnitten serviert, so dass man sich ranhalten muss, dass es nicht durchgart. Über bleiben ein riesiger Knochen, relativ wenig Fett und zwei überglückliche, genudelte Fleischfans.

Am letzten Tag wollen wir ins Guggenheim. Die Sonne brennt, und das setzt das erstaunliche Titangebäude in ein herrliches Licht. Es zieht jährlich eine Million Besucher an, davon 60% aus dem Ausland, und war ausschlaggebend für Hamburgs Entscheidung für eine spektakuläre Elbphilharmonie, die mittlerweile den gleichen “Bilbao-Effekt” ausübt. Ähnlich wie Herzog & de Meuron hat Frank Gehry die Umrisse des Hauses zuerst auf einem Zettel hingeworfen, ehe er es verfeinerte.

Natürlich ist der Inhalt nebensächlich, unten Stahlgewitter und Elektronik, in der großen dreistöckigen Lichthalle ein Stoffmonster mit bunten Tentakeln. Im Dritten Stock moderne Malerei von Van Gogh bis Twombly, in der Mitte Giacometti als Wechselausstellung, obwohl sich bei seinen Skulpturen wenig ändert.

Diego schwärmt von Dortmund

Gegen Abend wollen wir in unserem Viertel nach Tellergerichten Ausschau halten, aber das einzige Vollrestaurant von Erandio kocht nur am Wochenende abends. Kochen die Spanier etwa lieber selber? Wir bekommen die Adresse einer Bar, und das ist gut so, denn sie zeigt das Champions-League-Spiel Dortmund gegen Athletico Madrid, von dem Madrids Trainer nach dem 0:4 schwärmt: “Hoffentlich kann Dortmund so weiterspielen, denn es macht großen Spaß, ihnen zuzusehen.“

Der coole alte Mann hinter dem Tresen meint, in einer halben Stunde ginge es los mit dem Tellergericht, er müsse nur den Koch herbeitelefonieren. Während die drei sich mit Pintxos anfüttern, betrachte ich den Dortmunder Torwirbel durch mein Voll-Damm-Bierglass. Pünktlich zum Spielende präsentiert der Koch einen Auflauf aus Schnitzeln, Käse und Spiegeleiern, der nicht zu schaffen ist. Das Baskenland macht satt

Ich werde meine Basken-Käppi wohl ebenso selten tragen wie meine Prinz-Heinrich-Mütze, die ich einst auf dem Fischmarkt erstanden habe. Wenn ich es baskisch trage, sehe ich blöd aus, und wenn ich es französisch trage, hält man mich für einen Fremdenlegionär. Aber mal schauen, der Winter wird lang.

Radtour durch das

Land Wursten - 

Von Cuxhaven

nach Bremerhaven

 

Drei Tage im Spätsommer. Ein Strohwitwer in der Septembermitte. Normalerweise keine gute Zeit für mehrtägige Radtouren in Norddeutschland. Also mit dem Fahrrad auf dem Autoträger nach Berlin und dann von Museum zu Museum? Oder gar ein dreckiger Billigflug?

 

Ich hatte an Manchester gedacht, wegen der Fußballstadien, das war kurzfristig immer noch günstig zu haben, aber ein Reiseführer aus der Bücherhalle törnte mich kräftig ab. Reiseführer machen einfach keine Lust auf Reisen. Sevilla und Athen waren wegen der Kurzfristigkeit meiner Gedankenführung viel zu teuer geworden. Und Berlin schließlich auch. Einen klapprigen Wohnwagen in Brandenburg hätte ich noch kriegen können.

 

Doch dann sagte der Wetterbericht eine Rückkehr des Jahrhundertsommers an. Wirbelstürme in der Karibik schleuderten warme kontinentale Luft nach Nordeuropa. Auf meiner Prioritätenliste stand eine Radtour ab Cuxhaven oder – logistisch schwierig - entlang der Oberweser von Hameln nach Hann. Münden. Wenn ich eins gelernt habe, dann: Abwarten und Teetrinken. Meine Lust auf eine Radreise von Cuxhaven nach Bremerhaven und weiter über Bremen und Stade nach Hamburg wuchs von Stunde zu Stunde.

 

Fluchtweg für Strohwitwer

 

Montagmorgens im Bett plante ich meine Anreise mit dem Metronom. Er kostet 25 Euro plus Radgebühr und beginnt in Harburg. Das Radbillett kann man nur am Bahnsteig kaufen, also müsste ich etwas früher mit der S-Bahn anreisen, die ja von meiner Haustür bis nach Harburg durchfährt. Normalerweise.

 

Ich kaufe HVV-Karten stets mit dem Smartphone, schon um Störungen zu sehen, und da war wieder mal eine: Brand im Jungfernstiegtunnel, Chaos im Hamburger Nahverkehr! Plan B war mein Fahrradträger, den VW in Cuxhaven zu parken, nach drei bis vier Tagen dorthin zurückzukehren. Allerdings: Gestern, am Sonntag, wollte ich zum Regionalligaspiel des HSV II nach Lüneburg, und ich kam nicht mit dem Auto aus Hamburg raus! Stau im Elbtunnel und Sperrung der Ebbrücken. Google maps zeigte mir am Montag: Der Fluchtweg war wieder frei.

 

Wie durch ein Wunder hatte ich noch eines von drei Schnitzeln im Kühlschrank. Und Käsebonbons. Schnell schmierte ich ein paar Leberwurstbrote, mit Rucolaresten belegt, und tankte Milch und Apfelschorle. Da mein Fahrrad nur zwei Taschen hat, nahm ich lediglich etwas Unterwäsche, die klitzekleine Kulturtasche, eine absolut wasserdichte Regenjacke und meine Ladegeräte mit.

 

Beim Abreisen bin ich neuerdings etwas hektisch. Mit dem Träger rammte ich das Fahrrad. Dann stieß ich mir bei der Schlusslichtkontrolle den Kopf. Schließlich fiel mir das 25 Kilo schwere E-Bike fast vom Träger. Über zwei Stunden sollte die Fahrt nach Cuxhaven angeblich dauern, es wurden vier. Das ist der Grund, warum ich in meinem Leben erst einmal dort war: Es liegt am Arsch der Welt und ist schwer erreichbar.

 

Durch das Alte Land kann man nur 50 oder gar 30 fahren. Baustellen und Umleitungen pflastern den Weg. Hinter Stade geht es etwas schneller, aber meist nur mit 70 und durch viele Ortschaften. Damit man mich nicht mißversteht, ich fahre gern langsam, aber ich bin eben erst gegen 14 Uhr angekommen. In einem Vorort in einer ruhigen Seitenstraße sattelte ich mein Ross.

 

Keine Wurst und auch keine Krabben

 

Wie mir die Radkarte Nordseeküste erzählte, weht der Wind fast immer aus Richtung Bremerhaven. So auch heute. Anfangs war es zudem noch etwas kühl, so dass ich schon anfing, an meinem Elan zu zweifeln. Bei schlechtem Wetter und ohne Elektrounterstützung wäre das kein Spaß geworden, aber der Sonnenschein und der Blick in die Wurster Heide hoben meine Laune.

 

Wursten ist nicht das Land der Würste, sondern der Wursaten. „Die auf den Wurten sitzen“ waren die ersten Bewohner kleiner flutsicherer Hügel an der Wattenmeerküste. Seit 1000 wurden die friesischen Lande eingedeicht. 1517 wird der genossenschaftlichen Republik der Seefahrer und Bauern in der Schlacht am Wremer Tief vom Bremer Erzbischof der Saft abgedreht, die Gerichtshoheit der Ratgeber aus den 16 Kirchspielen der Wursten endet.

 

Hinter dem Deich führt mich der Weg durch das Spiekaer, Cappeler und Dorumer Neuland, heute beliebte Ferienwohnungsgebiete. Außendeichs an den Salzwiesen und vor dem Watt läuft leider kein asphaltierter Weg, so dass sich erst am Dorumer Kutterhafen ein Blick auf die Nordsee öffnet. Zu dumm, dass ich das Schnitzel dabei habe, ein Krabbenbrötchen wäre auch nicht schlecht…

 

Bock auf Pötte

 

Als ich den Containerhafen zehn Kilometer vor Bremerhavens Zentrum erreiche, setze ich mich für die Hotelbuchung auf eine Bank. Bereits Wochen zuvor hatte ich das untersucht: Es waren immer last minute ein paar günstige Zimmer zu bekommen. Ich buche das kleine „Hotel an der Karlstadt“ in einer Gasse im Zentrum. Ich habe mir das mit der Übernachtung absichtlich offen gelassen, denn manchmal findet man am Wegesrand etwas Aufregendes oder man hat einen Platten oder man bekommt Heimweh.

 

Ein älterer Herr mit Hund setzt sich auf die Bank neben mir und wundert sich in angenehmem Bremer Tonfall, warum die jungen Leute immerzu in ihr Handy schauen. Als ich ihm erkläre, welches Hotel ich gerade reserviert habe und welchen Weg dahin mir die Navigation zeigt, staunt er. Er erklärt mir den besten Weg durch den Hafen. Aber vorher sende ich meiner Frau ein paar Fotos nach Polen.

 

Ich bin ein Pottkieker. Seit ich in der Grundschule alles über den Hamburger Hafen gelernt habe, fühle ich mich wie Hans Albers: „Ick bün‘n Wrack, ich muss hinaus auf See“. Aber ich bin wählerisch: Auf Windjammern durch die Dänische Südsee kreuzen fand ich lausekalt und langweilig. Auch mit den kleinen Motorbooten von Freunden konnte ich nie etwas anfangen, mit Segeln sowieso nicht. Kreuzfahrtschiffe verabscheue ich. Nur dicke Pötte, Tanker und Frachter, zählen.

 

Das Bremerhavener Containerterminal zählt nicht zu den Großen der Erde. Aber die Autoverladung ist Weltspitze. Die aufgereihten Autos reißen nicht ab und hinter jeder Biegung liegt ein neues 200 Meter langes Autoschiff. Aber wieso verlassen die Laderampe dicke BMW? Kommen die aus Bayern? Das Internet weiß Rat: die fetten SUVs werden in Spartanburg/Virginia hergestellt. Das gleiche gilt für Daimler-Benz und seine Fabrik in Tuscaloosa/Alabama.

 

Über zwei Millionen Autos jährlich werden in Bremerhaven verschifft. Das allein bringt fast 7000 Arbeitsplätze. Ich ärgere mich immer über die Panzerlimousinen, aber wenn sich dereinst das Elektroauto durchsetzt, kann Deutschland einpacken. Ach ja, ich vergaß die Fischerei und die Werften. Das ist nun auch nicht mehr so doll. Seit Island und Norwegen Mitte der Achtziger Jahre ihre Fischereizonen auf 200 Seemeilen erweitert haben, gingen 6000 Arbeitsplätze verloren. Es gibt nur noch drei Fischereischiffe. Aber eine Restaurantmeile mit zehn Fischgaststätten, Showküche und Räucherei. Man muss wissen: Der meiste Fisch war bereits einmal gefroren und wurde in Bremerhaven aufgetaut.

 

Havenwelten

 

Bremerhaven hat ein schlechtes Image. 1827 vom 60 km entfernten Bremen an der Wesermündung gegründet, haben Rotterdam, Antwerpen und Hamburg ihm im 20. Jahrhundert den Rang abgelaufen. Ein Eigenheim in Bremerhaven galt irgendwann als nahezu unverkäuflich. Wie sehr staune ich da, als ich an der Wasserseite südlich des Hafens eine gigantische Perlenkette moderner Apartmenthäuser mit Yacht- und Museumshäfen erblicke, und dazu eine regelrechte Skyline der „Havenwelten“. Es passt alles so nahtlos und ästhetisch zusammen, dass ich spontan entscheide, eine zweite Nacht zu bleiben. Doch für heute ist es genug, die Aufregung und die Unsicherheit der Entscheidungen hat mich enorm geschlaucht, und ich falle nach 50 Kilometern ermattet in mein Hotelbett.

 

Die zahllosen Attraktionen der „Havenwelten“ werde ich kaum alle besuchen können, denn in den kommenden Tagen sind strahlender Sonnenschein und Temperaturen bis 28 vorausgesagt. Gut gefrühstückt mit Lachsbrötchen und fünf Bechern Milchkaffee schwinge ich mich auf mein Kalkhoff Sahel und überquere erst einmal die Geeste, die hier in die Weser mündet, Richtung Fischereihafen.

 

Im Morgenlicht erscheint mir das Hafencity-Panorama noch schöner als gestern. Vor der Fähre nach Nordenham kringelt sich eine mopsfidele Grundschulklasse, und als ich auf der Schleuse für ein Foto Halt mache, werde ich per Lautsprecher-Geisterstimme aufgefordert, weiterzufahren, denn ein Schiff verlässt den Fischereihafen, es muss schließlich klappen mit der Klappbrücke.

 

Also kehre ich zurück in die nördliche Richtung und nähere mich dem merkwürdigen segelförmigen Hochhaus im Stile des Burj al Arab von Dubai. Was mag das sein? Und darunter das amöbenförmige Gebilde im Stil der Bayern-München-Arena? Noch sind die Strandkörbe leer, kein Wunder am Dienstagmorgen, dem 17. September.

 

Vor dem Schifffahrtsmuseum stehen drei Merkwürdigkeiten an Land: Ein antikes Tragflächenboot aus meinem Geburtsjahr, eine Barkasse mit Betonrumpf und ein Hafenschlepper mit Voith-Schneider-Rotationsantrieb. Im Museumshafen liegen die üblichen Verdächtigen, der Dreimaster Seute Deern, das Feuerschiff Elbe 1 und der Dampf-Eisbrecher Wal, sie bilden eine harmonische Einheit mit den um sie herum stehenden Gebäuden.

 

Der große gläserne Segeltower entpuppt sich als das Atlantic Hotel Sail City, die Amöbe dahinter als Wissens- und Erlebniswelt Klimahaus, darunter befindet sich das Einkaufszentrum Mediterraneo mit gläserner Fußgängerbrücke zum Columbus-Shoppingcenter und zur Kaufhausmeile Bürgermeister-Smidt-Straße. So was von gelungen!

 

Ich bin eine verdammte Landratte...

 

Auch das grandiose Klimakterium, das mir sicherlich das Mysterium der verlängerten Hundstage erklären könnte, lasse ich links liegen. An der Stadtinfo greife ich ein paar Prospekte ab und sehe, am Neuen Hafenbecken starten Hafenrundfahrten, alle Dreiviertelstunde. Doch erst einmal bleibe ich Landratte und radle durch die aparte Apartmentbebauung.

 

Was ist da los mit unserem Geld? Wer kauft sich diese 1001 Luxuswohnungen mit Meerblick und Marina am Rande der bewohnbaren Welt? Sind es Rentner auf der Flucht vor den Nullzinsen? Oder sind es wagemutige Kreditnehmer? Internationale Versicherungskonzerne, Schwarzgeld, Rotlichtgeld, organisiertes Verbrechen?

 

Die FAZ hat 2016 reportiert, dass die Stadt überaltert sei und sich ein Linken-Bürgerschaftsabgeordneter sogar eine „seichte Gentrifizierung“ wünscht. Ein ganzer Straßenzug im Vorort Lehe sei nur 1,5 Millionen Euro wert, soviel wie eine Wohnung in Harvestehude. Das liegt daran, dass in Bremerhaven besser verdient wird als in Hamburg, und dass das Land Wursten so flach ist. Die Gewinner wohnen halt im ländlichen Niedersachsen und zahlen dort ihre Steuern. Seit die amerikanische und die britische Besatzungsmacht sich nicht einigen konnten, führt Bremen ein verfassungsrechtliches Eigenleben und kassiert Länderfinanzausgleich. Das passt.

 

Um 12 Uhr besteige ich die Barkasse. Der Kapitän der Hafenrundfahrt entschuldigt sich für seinen norddeutschen Akzent, er stammt hörbar vom Balkan. Unter der Klappbrücke zum Kaiserhafen wird es knapp, nur fünf Zentimeter Luft hat unser Boot. Der Kapitän scherzt viel und macht mit einem Puster ins Mikrofon vor, wie es klingt, wenn man sich festfährt. Wir sehen Schwimmdocks und Trockendocks, ein frisch lackierter Containerfrachter aus Hong Kong leuchtet so was von blau in der Sonne. Dann geht es zu den Autoverladern und den 120.000 Parkplätzen und schließlich zu den modernen Verladebrücken für die Boxen, die unsere Spielsachen bringen.

 

Go west, young man!

 

Nach soviel Sonnenschein bin ich bereit für geistigen Input und gehe ins Auswandererhaus. Ein Freund hatte mir erzählt, es sei noch viel interessanter als die Hamburger Ballinstadt, das stimmt gar nicht! Es ist eine Sensation, ein tolles Konzept und ein Erlebnis. Ich bekomme die Identität eines Deutschen, der zwischen den Weltkriegen nach Amerika auswandert. Mittels einer Chipkarte kann ich an vielen Stationen seine Emigration nachverfolgen.

 

Nach der Wartehalle besteige ich an der Kaianlage den Schnelldampfer Lahn und kann mich gemütlich in der „Galerie der sieben Millionen“ mit Blick auf die Havenwelten niedersetzen, während mir allerhand Geschichtliches erzählt wird. Im normalen Leben benutze ich historische Hörliteratur allerdings zum Einschlafen. Dann komme ich durch zahlreiche Installationen von der Arme-Leute-Kajüte bis zum Luxussalon, und überall kann ich mir Videos und Originalerzählungen von Auswanderern abrufen.

 

Am Ende erwartet mich in New York Ellis Island, wo meine Einreise wie erwartet abgelehnt wird. Ich habe im Fragebogen meine Verarmung und Erkrankung und meine anarchistische Einstellung erwähnt und soll zurück in die Alte Welt. Nun ja, als Besucher geht’s natürlich weiter ins Grand Central Trainterminal, wo ich erfahre, dass mein Emigrant nach Argentinien gereist ist und dort arm blieb. Das ging besonders in den USA nicht jedem so, wenn auch viele bereits in den Schlachthöfen Chicagos hängenblieben. Hier stehe ich und fühle am eigenen Leibe die Verlorenheit eines Migranten. Wo soll ich hin, was soll ich tun? Ach, lebe wild und gefährlich, Arthur!

 

Ich finde mich nun im Erweiterungsbau vor einem Kiosk aus den Siebziger Jahren wieder. In den ausgelegten Zeitungen wird 1973 der Anwerbestopp für türkische Gastarbeiter vermeldet. Eine Museumsangestellte zeigt mir, dass ich ab jetzt die Identität eines 2014 eingewanderten Syrers annehme. In einem Antiquariat mit Devotionalien meiner Hippiegeschichte, im originalgetreuen bundesdeutschen Reisebüro, Fotoladen, Frisörsalon und Kaufhaus finden sich Anhaltspunkte für den Verbleib verschiedener nach Deutschland Geflüchteter. Ich muss durch eine Ausländerbehörde und kann mir schließlich im Roxy-Kino zwei Grimmepreis-Kurzfilme anschauen, ehe mich mürrische Mitarbeiter auf die Straße setzen: Feierabend!

 

HSV: Mission impossible

 

Hinaus in die Sonne und Essen fassen. Ganz neu für mich ist Büffelmozzarella in Spaghetti alla napoletana. Genudelt verziehe ich mich in mein Hotelbett. Ein Anruf in der Sky-Kneipe „Das Rüssel“: „Übertragt Ihr das Zweitligaspiel des HSV in Dresden?“ „Nein, wir zeigen Champions League - Brügge gegen Dortmund.“ „Wer will das sehen?“

 

Theater gibt’s erst wieder am Wochenende, also beschließe ich, in den Kinopalast „um der Ecke“ zu gehen. Es läuft die fünfte Fortsetzung von Mission Impossible in 3D, und ich bin der einzige Gast im gesamten Saal! Eine Handlung habe ich zwar nicht erwartet, aber dass mir zwei Stunden lang die Welt um die Ohren fliegt, schon. Parallel in der Kicker-App: Der HSV siegt sich an die Tabellenspitze!

 

Wie ein Mäusebussard

 

Mich erwarten flotte Träume, dann am Mittwochmorgen wieder Lachs- und Honigbrötchen mit fünf Milchkaffee. Meine drei Plastiktüten sind schnell verstaut, und jetzt radle ich, den Akku frisch aufgeladen, durch das prekäre landseitige Bremerhaven nach Norden zurück. Hinter Langen gerate ich auf den alten Postweg, der einer steinzeitlichen Trasse folgt, ablesbar an den Hühnergräbern am Wegesrand. Weiter geht’s über Dorum, Cappel, Spieka an die Nordsee. Wenn man mit Rückenwind radelt, riecht das Wurster Land noch einmal so frisch. Kühe ruhen am Kanal, Schafe grasen am Deich, Pferde ködeln vor sich hin, Raubvögel vergrämen Mäuse…

 

Nach 30 Kilometern komme ich endlich vor den Deich. Es ist eine Pracht: der Nationalpark Wattenmeer, die Salzwiesen, die Küstenheide, die Hamburgische Insel Neuwerk am Horizont. Bald komme ich nach Sahlenburg und zum Strandbad Duhnen. Der Zugang zum Watt wird bewacht. Ich frage gar nicht, was es kosten soll, denn ich habe keine Zeit für nasse Füße. Ich will nach Cuxhaven.

 

Wie erwartet fällt die Stadt an der Deutschen Bucht ab. Die berühmte Kugelbake ist ein spröder Holzleuchtturm und die Alte Liebe ein ehemaliger Seeschiffanleger, der heute als Aussichtsplattform dient. Allein, diese Aussicht hatte ich bereits 15 Kilometer lang. Für eine Fahrt zu den Seehundsbänken oder eine Pferdewagentour ins Watt fehlt mir die Möge. Durch die langweilige Einkaufsmeile und den Schlosspark Ritzebüttel radle ich zurück zum Auto, das ich in einer ruhigen Vorortgasse geparkt habe. Google maps zeigt: Vollsperrung der B73 bei Buxtehude, also wähle ich die Verbindung zur Elbfähre Wischhafen-Glückstadt und besichtige das hübsche Otterndorf. Diesmal benötige ich nur zweieinhalb Stunden, natürlich ist in der Blomeschen Wildnis eine riesige Umleitung nach Elmshorn eingerichtet.

 

Ach, ich vergaß: Der Wind. Es macht wuwuwu, wenn man durch einen Windmühlenpark radelt. Durch den Rückenwind fühlt es sich an wie Windstille. Ich finde Windenergie richtig und gut. Das Land Wursten ist voll davon. Zu voll. Die Produktion in Bremerhaven beschäftigt statt 8000 nur noch 1200 Leute. Der vermaledeite Netzausbau. Bremerhaven gilt inoffiziell als „Stadt ohne Zukunft“. Aber der Norddeutsche fürchtet ja eh nur, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Passend dazu das Warnschild am Acker: „Eisabwurf durch Windkraftanlagen möglich“ Siehste. Passiert ist mir rein gar nichts.

Wiener Träume im Juni 2018

Wenn Özil und Gündogan mit dem österreichischen Bundespräsidenten posiert hätten, und wenn die Türken 1529 und 1683 vor Wien die beiden im Team gehabt hätten… Dann wäre das mit dem Wiener Schnitzel und der Spanferkelstelze ein Problem für mich. Unser heuriger Wienbesuch findet zudem im Ramadan statt.

Wir hätten uns fünfmal am Tag nach Mekka gewandt und wären schließlich sieben Tage lang mit der Postkutsche über die Alpen heimgefahren, denn mal ehrlich, das mit der Dieselabgas-Abschaltelektronik hätten die Muslime nicht hingekriegt.

Der fliegende Teppich – unser Billigflug - wäre orientalischer Mythos geblieben. Überhaupt wäre es hier an der Operngasse nicht so verdammt laut, und der Klimawandel hätte Nordeuropa nicht zum Brutkasten gemacht, so dass man bei offenem Fenster schlafen muss.

Eine Maria Theresia und einen Franz Joseph mit seiner Sissi hätte es nie gegeben. Mozart auch nicht. Der ganze Barock wäre ins Wasser gefallen. Der Jugendstil hätte Spuren von Suren. Die Donau wäre blau und nicht braun. In der Hofburg stünden Minarette. Und Österreich hätte nicht gerade sieben Moscheen geschlossen.

Unter unserem Fenster ist die Hölle los. Eine Sirene übertönt die andere. Ein Anschlag? Wien hat es meines Wissens noch nicht getroffen. Als wir zum Stephansdom spazieren, fällt mir eine vereinzelte Polizistin auf. Dabei wären Betonsperren gegen Lkw angesagt. Ich nehme mir vor, bei jedem Motorengeräusch zur Seite zu springen.

Das war auf Sizilien noch anders. Da brauste in jeder belebten Marktgasse mindestens eine Vespa durch die Menschenmenge. Hier in Wien ist alles außerordentlich geregelt und sauber. Die Paläste und Kirchen sind nachts beleuchtet. Und ab 4 Uhr morgens kommt der brausende Verkehr auch auf den Magistralen zum Erliegen.

50 Euro umsonst

Selten ist mir der Verkehrsinfarkt so zum Bewusstsein gekommen wie hier. Wir haben idiotischerweise vom Flughafen bis zum Café Museum ein Taxi genommen, weil wir Verspätung hatten und unsere Aachener Freunde schon da waren. Natürlich standen wir eine Dreiviertelstunde im Stau und bezahlten die 50 Euro umsonst, aber A. hat sich sehr gefreut, als wir plötzlich vor ihm standen, denn dass wir diese Wienwoche zu seinem Geburtstag mit ihnen teilen würden, hatte E. vor ihm geheimgehalten.

Aber was hier unter unserem Airbnb-Appartment Tag und Nacht durchrauscht, ist schon enorm. Nicht nur, dass die Zahl der Protz-Pkw erhöht scheint, sie fahren auch gern mit gepimptem Auspuff und hupen. Während man sonst oft nur noch das Sirren von Reifen hört, geht es hier bereits ab 6 Uhr wieder los mit lautstarker Beschleunigung nach dem Abbiegen aus dem Opernring.

Wir wohnen also mitten drin, in der dritten Stiege im fünften Stock. Der Naschmarkt ist nicht weit. Die Stadtregierung hat im ersten Weltkrieg eine Meile lang Buden errichten lassen, um Gastronomie und Lebensmittelhandel zu fördern. Aber das deftige österreichische Essen ist eben nichts für jedermann, der Wiener kauft lieber drumrum beim Hofer oder Billa, deswegen dominieren internationale Speisen und türkische Kleinhändler.

Kunst kommt von kaufen Lassen

In direkter Nachbarschaft sind auch die Museen und Theater. Im Leopold Museum und der Albertina dominieren die Kunstsammlungen eines Kaufhauskönigs und eines Staranwalts, die ansehnliche Werke von Monet bis Warhol rechtzeitig gekauft haben und die mit ihrem Handeln die Kunstgeschichte geprägt und marktgerecht gedeutet haben.

Für Donnerstag haben wir vier Restkarten im Burgtheater bekommen, letzte Reihe Parkett. Vor uns behinderte Sicht durch Sitzhünen, aber annehmbare Akustik dank Mikrofonen, und ein dreistündiger Spannungsbogen dank einem großartigen Ensemble. Gegeben wird der Volksfeind, eine politische Tragödie von Ibsen.

Joachim Meyerhoff spielt den Badearzt Stockmann, der die Vergiftung des Grundwassers durch die örtliche Gerberei weder bei den Honoratioren, noch bei der Lokalzeitung, noch beim Volk angezeigt bekommt, weil keiner die guten Einnahmen durch das Kurbad riskieren will.

Das linke Agitproptheater erlebt gerade seinen Abgesang. So wird Meyerhoffs Spitze „Der Vizekanzler ist ein Neonazi“ nur halbherzig beklatscht, und selbst das Programmheft muss zugeben, dass die hohen Umweltstandards in Europa die Leder-Fabrikation nach Asien und Afrika verdrängt haben, ohne von der Untergangsrhetorik „Der Kapitalismus stirbt“ zu lassen.

Ruhe in der Operngasse!

Die WM hat begonnen. Unsere Wohnung hat einen Großbildflachmaten, ich schaue aber Irans 1:0 gegen Marokko lieber im Bett auf dem Telefon. Nun hat also erstmals die Schia über die Sunna gesiegt. Im Frieden, doch der Krieg zwischen Teheran und Mekka tobt. „S‘war immer so!“

Es ist die Zeit der großen Hetze gegen Muslime. Österreichs Kanzler Kurz will Europa vom osmanischen Brandherd abschotten. Derweil schütten die USA wieder Öl ins Feuer. Ach so, wir brauchen das Öl! Aber das von den guten Saudis und nicht von den bösen Iranern. Denn sonst wird es ganz schnell ruhig in der Operngasse.

Österreich und Bayern möchten ihre Grenze schließen. Italien will kein Flüchtlingsschiff mehr. Macron plant Lager in Afrika. Ein Abschottungssignal soll die Völker daran hindern, sich im Mittelmeer zu ertränken.

Städtereisen sind auch nie unpolitisch. Wir vergeuden Flugbenzin. Wir gentrifizieren Airbnb-Appartments. Wir erzeugen unermessliches Tierleid durch das jährliche Braten von 20 Millionen Wiener Schnitzeln, steht im U-Bahnhof Karlsplatz auf einer Statistik zu lesen. Die Drei haben seit vier Tagen an die 20 Flaschen Veltliner, Welsch Riesling und Zweigelt vernichtet. Das wäre es allunter osmanischer Herrschaft undenkbar gewesen.

Ronaldos Stelze

Mein Ramadan: Im Griechenbeisl steht eine krosse Spanferkelstelze für 21 Euro auf der Karte. Ich denke Tag und Nacht nur noch an sie, doch bisher habe ich gefastet. Ich musste im Beograd mit macedonischer Mezze und im Café in der Josefstadt mit biologischem Galette-Pfannkuchen vorliebnehmen. Für dieses Wohlverhalten durfte ich mit den Dreien Christiano Ronaldos drei Tore gegen Spanien sehen.

Er hat sich beim Freistoß zum 3:3 das rechte Hosenbein hochgezogen, seine Cowboystellung eingenommen, sich verträumt über die Arschbacken gestreichelt und mit dem Unterkiefer gemalmt. Da wusste ich: Er hat die Bogenlampe mental vorgekaut. Drei Schritte, den 200-Millionen-Body in Schräglage, Schuss mit der rechten Stelze, das weiß belederte Füßchen gestreckt, den verzweifelten Spaniern lang und längere Hälse geschraubt und in den rechten Winkel getroffen.

Stau vor der Oper. Wir sind vom Hundertwasserhaus zurückgekehrt, 15.000 Schritte zählt meine App. Wummernde Bässe. Bunte tuntige Pride-Parade der Schwulen und Lesben. Ist das albern? Ich spüre Rührung. Dies sind die letzten großen Demonstrationen gegen den heranrasenden autoritären Rollback in unserer Gesellschaft. Ein donnerndes Bekenntnis für die Freiheit. Zugegeben ein bißchen laut.

Geheimorganisation W.I.E.N.

Eine Städtereise sollte vielleicht doch etwas mehr geplant sein. So richtig weiß keiner von uns, wohin er will. Ins Museum will niemand. Ich schließe mich dem Wunsch an, in die Josefstadt zu fahren, habe aber nicht zugehört, es geht nur um die Suche nach einem schönen Gartenlokal für A.s Geburtstag. Er weiß allerdings noch nicht, dass sich weitere fünf Gäste angemeldet haben, deswegen ist die Suche richtig und wichtig und erfolgreich. Der Biergarten ist lauschig, der Wein ist spritzig, die Gespräche auch, aber Spanferkelstelzen gibt es dort auch nicht.

Ich mache mich am Sonntag allein auf zum Architekturmuseum, um etwas über die Gründe für die barocke und klassizistische Pracht zu erfahren, die einen allerorten erschlägt. Aber da hätte ich mir besser ein Buch gekauft, denn genauso ist die ständige Ausstellung ausgeführt.

Auch die Sonderschau „SOS: Der Brutalismus ist in Gefahr“ hebt meine Laune nicht. Ich mag modernes Bauen, und zur Jahrhundertwende ist in Wien einiges kongenial eingefügt worden, jedoch fast alles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Entstandene finde ich einfach nur schrecklich.

Das Museum für moderne Kunst öffnet erst in der kommenden Woche neue Ausstellungen, so gehe ich gezwungenermaßen bei allerschönstem Sonnenwetter hinüber ins Kunsthistorische. So viele abgeschlagene Köpfe sieht man selten: Johannes der Täufer, Holofernes und die moderne Frau. Susanna im Bade und andere mythische Nackedeis. Männlein am Kreuz, unter dem Kreuz, mit dem Kreuz und entjungferte Jungfern. Und die Honoratioren just in time. Schließlich Breughel, eine Wohltat, echte Menschen! Bauernfeste dauerten noch drei Tage, dafür hat heute keiner mehr Zeit. Am Ende mache ich noch einen Rundgang unter römischen Skulpturen und ägyptischen Mumien.

In der Hofburg und am Michaelerplatz stauen sich die Asiaten, die Osteuropäer und die Fiaker. Auch an Graben und Stephansdom ist High life in Dosen, obwohl kein Geschäft geöffnet hat. Ich flüchte in die östliche Altstadt und suche ein Beisl, aber eine Haxe kann ich mir in der drückenden Hitze abschminken.

Dann ist Zeit für die erste deutsche WM-Niederlage gegen Mexico und eine Taxifahrt zur Mariahilfer Straße. Josef Hader ist ein Wiener Kabarett-Urgestein, und er tritt im Stadtsaal auf. Erwartungsfroh installiere ich mein Hörgerät, aber leider ist das Wienerisch trotzdem schwer zu verstehen. Hader hadert mit seinen Frauen, das ist lustig und traurig. Und warm…

Beim Frühstück im Straßenlokal – wir haben die Wohnung bereits ausgecheckt und warten auf den Rückflug – betrachten wir noch einmal das Geschehen am Opernring: Alles kobert. Busse laden Japaner aus, zumeist Frauen. Ein Asiat hat sich ein Citybike freigeschaltet, kann aber nicht radfahren und stürzt, fährt weiter. Straßenbahnen kommen im Minutentakt.

Haben wir etwas versäumt? Gerne wäre ich einmal Tram gefahren. Schönbrunn, Belvedere, Hofburg… Vielleicht war es die falsche Jahreszeit, jedenfalls für imperiale Besichtigungen. Einen Heurigen in Nußdorf oder Grinzing haben wir auch nicht heimgesucht. Vielleicht sollte man doch vorher einen Reiseführer studieren, zumindest, was gute Restaurants angeht, denn bei den vielen spontanen Jausen blieb meine Spanferkelstelze ein feuchter Altherrentraum.

P.S.

Wieder kein Roaming. Die EU hats umsonst gemacht, aber die Telefongesellschaften bieten einfach keine Netzpartner an.

Die S-Bahn von Wien-Mitte braucht bis zum Flughafen 25 Minuten und kostet für Senioren nur 2,30 Euro.
 
Bine meint: Aber ein Schnitzel und Gulasch hast du doch gehabt! Geschenkt. Mein Traum lebt weiter.

Die größte Insel des Mittelmeers: Sizilien

Signorina Caterina führt uns auf die Terrasse. Sie leuchtet vor Stolz. Es ist die alte Familienvilla der Cipollas, die sie uns vermietet hat. Nach der anstrengen Anreise brauchen wir einen Moment, um uns zu fassen. Wie gut, dass die junge Sizilianerin mit dem Bettenbeziehen noch nicht fertig ist. So sind wir gezwungen, in uns zu gehen und den Mittelmeerblick auf uns wirken zu lassen.

Unter uns liegt der Golf von Porticello. Hinter der Landzunge von Sant‘Elia steigt ein imposantes Küstengebirge in den Himmel. Am Fuße der Berge ziehen sich am gesamten Ufer Bebauungen hin. Caterinas in die Terrassen des Capo Zafferano gebaute Villa mit Blick auf dieses Panorama hat ihre besten Jahre hinter sich. Jedenfalls verschlingt die Erhaltung des riesigen Gartenanlage offenbar mehr, als die Mieteinnahmen einbringen.

Doch wir fühlen uns in dieser sehr persönlichen „Casa Cipolla“ ihres Onkels aus Amerika gleich pudelwohl. Die zwei Schlafzimmer mit jeweils einem Bad sind mediterran farbig gekachelt, die Möblierung ist sizilianisch antik, und die vier Terrassen bieten sogar einen gemauerten Grill mit Pizzaofen. Wir haben offenbar einen großen Fehler gemacht, als wir die drei Wochen Szilienurlaub planten: Wir haben keine sechs Wochen gebucht.

Überbucht

Um halb vier war die Nacht zuende gewesen. Dabei ging unser Flug um kurz vor sieben, die Mehrheit von uns vieren – ich nicht - wollte zwei Stunden früher in Fuhlsbüttel antreten. Völlig zurecht, wie wir feststellten, als um halb fünf quer durch das Flughafenterminal eine 500 Meter lange Menschenschlange vor dem Eurowings-Schalter stand.

Diese Airline ist das Mieseste, was mir je untergekommen ist. Erst wurde unser dreistündiger Nonstop-Flug kurzerhand eine Woche vorher in einen sechsstündigen Gabelflug über Stuttgart geändert, weil überbucht war. Dann wollte man mir keinerlei Auskunft darüber geben, wer die Zusatzkosten bezahlt, denn der Mietwagen-Schalter in Catania wäre zur Zeit unser verspäteten Ankunft am Samstag um 13 Uhr bereits geschlossen gewesen.

Aber Billiger-mietwagen.de hat es wieder einmal rausgerissen. Nicht nur, dass das Callcenter immer sofort den Hörer abnahm – bei Eurowings hing ich 20 Minuten in der Leitung - man gab mir den guten Rat, kostenlos zu stornieren, neu zu buchen und Eurowings allfällige Mehrkosten erstatten zu lassen. Wie gesagt, dazu gab es keine Stellungnahme der Fluglinie („Übernachten Sie doch in Catania“).

Billiger-mietwagen.de vergleicht weltweit alle Stationen und sucht die Preiswerteste heraus. Da war ich denn doch erstaunt, als ich nun kurzfristig einen um 200 Euro billigeren Fünftürer für 500 Euro fand. Ich hatte wohl vorher nicht nach Stationen mit Shuttlebus gesucht, die Vermieter am Flughafen waren nun schon doppelt bis dreimal so teuer. Es sind aber die gleichen…

Langer Rede, langer Sinn: Wir kamen, sahen und wurden umgehend zum Firefly/Hertz-Verleiher fünf Meilen weit in die Stadt transferiert, wir bekamen einen niegelnagelneuen Dacia Duster Diesel, leider nicht den erhofften verbeulten und verhurten sizilianischen Fiat 500 L, den man hier nicht mehr kaputter hätte fahren können, denn so viel ist klar: Ohne Unfall kommen wir hier nicht weg.

Bolognese dionysisch

Allein der kaum zwei Meter breite kurvige Pfad hinunter zur Casa Cipolla hätte schon für Kratzer sorgen können. Aber was ich dann gestern abend im Feierabendverkehr auf dem Weg zum Einkauf im Ort Bagheria erleben durfte, lässt mich erwarten, dass unser rumänischer Mini-SUV in den kommenden drei Wochen etwas erleben kann. In Rom und Paris hatte ich das jüngst gar nicht mehr vorgefunden, was in den Siebzigern noch gute mediterrane Sitte war: Fahren wie des Teufels arme Seele.

Sizilien scheint nach meinen ersten Eindrücken noch so anarchisch zu funktionieren, wie sich das die 68er vorgestellt hatten: Vorfahrt wird nicht gegeben, und der Müll gehört in die Gosse. Es lebt sich doch auch gut ohne Regeln. Deswegen sind wir ja hier. Ich habe dann köstliche Spaghetti Bolognese gekocht, mit 80 Prozent Fleischanteil und dickem Parmesanstaub. Ein roter Etnawein und ein weißer Grillo hoben die Laune ins Manische. Überhaupt dünken uns traditionell der Tag vor der Abreise und der Anreiseabend dionysisch entkorkt.

In Hamburg waren wir freitags nach der Schmitt-Rottluff-Ausstellung zum Mazza in den Alsterarkaden und danach zum Souvlaki in der Osterstraße, und zwar beides in der prallen Hamburger Sonne. Am Samstagabend nach der dreistündigen Anfahrt von Catania Richtung Palermo spiesen wir bereits im Wohnzimmer der Villa Cipolla, denn noch wird es abends mai-kalt, und es gibt Mücken.

Barock am Strand

Ich mag Appartmentferien lieber als Hotels, dieser ewige Druck, bis zehn zum Frühstück zu erscheinen und dieses Überangebot an Eiern… Zu unserem ersten Morgenbrunch läuten die Frauen gegen acht, und es gibt zu leckerer regionaler Coppa und Formaggio drei Spiegeleier und Cappucino. Dann Pane mit Kastanienhonig und Ananas, Birnen, Pfirsiche und Mispeln.

Und der Erlebnisdruck geht gleich weiter: Zwischen den Villen spazieren wir den Berg hinunter zu Badefelsen und Stränden. Ein Barocksessel wird von den Wellen umspült, bevor ein beherzter Jogger stoppt und das entsorgte Möbel aus den Fluten die Treppe hinauf an die Straße transferiert. Dort steht natürlich schon anderes Gemöbel, auf dem Weg nach Sant‘Elia und Porticello liegen tagelang etliche Matratzen auf der Straße, die Autos fahren fast drüber hinweg. Im übrigen scheint man seine Müllsäcke voller Gottvertrauen an den Gartenzaun zu hängen, von wo sie sich von Getier und Winden verweht über die Ränder der bewohnten Welt verstreuen. Nein, in Tunesien war es kaum schmutziger, aber Afrika ist ja auch nur Luftlinie zweihundert Kilometer weg.

Die Fischerorte auf dieser Landzunge haben ihre besten Jahre noch hinter sich. Ich habe bereits von dieser Mischung aus ästhetischem Bauen und pittoreskem Verfall gelesen. Bunte Boote, hübsche Gässchen, jahrhundertealter Rauhputz, Plastikmüll und kristallklares Wasser, in Sizilien keine Gegensätze. Wir mäandern durch Sant‘Elias Häuserschluchten und Badebuchten und gönnen uns ein landesübliches Halbpfünder-Eis im Briochebrötchen. In Porticello fragen wir vor einem Fischrestaurant nach einem Taxi, und flugs bietet der Sohn des Padrone an, uns zurückzufahren. Als wir ihm einen Geldschein aufdrängen, lacht er: Er sei der Boss, aber er gäbe es gern an seine Boys weiter.

Pesce mista

Da müssen wir natürlich am Abend zurückkehren, allein, die gegrillte Fischplatte des Al Faro Verde kann sich mit Hamburgs Hafenportugiesen in keinster Weise messen. Überhaupt enttäuscht uns Porticello am Sonntagabend: Entlang des unspektakulären Fischereihafens zieht sich ein knallbunter Chinesenmarkt, den sich die Einheimischen anschauen, indem sie mit dem Auto zwischen den Ständen hindurchfahren, die angesagtesten Gaststätten scheinen zwei knallbunte Pizzerien zu sein, und der Gelatimann nimmt acht Euro fünfzig für drei Eis.

Unser rumänischer Möchtegern-Range Rover hat ein eingebautes Navi, und auf der Heimfahrt erkunde ich unter weiblichem Protest im Vorbeiflug die Gassen Porticellos. Nein, ohne Kratzer wird es wohl nicht abgehen, aber noch bleibt unser Straßenkreuzer heil, auch, als wir in stockdunkler Nacht durch zwei verschlossene Tore und über dunkle Pfade in unserere Gated Community zurückkehren.

Palermo sehen und sterben

Ich habe Roberto Savianos Buch über die Camorra von Neapel gelesen. Und eine Geschichte Sziliens. Phönizier, Karthager, Griechen und Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber und Normannen, Spanier, Franzosen, Österreicher, Engländer, zuletzt Nazideutschland und Amerikaner, alle hielten Sizilien besetzt, der italienische Staat und der Papst am allerseltensten. Großfamilien und Clans gelten da allemal mehr. Es wundert mich deshalb eigentlich nicht, dass sich der Süden Italiens nicht mit dem Staat gemein macht, und dass die dunkle Seite der Macht davon profitiert.

Am Montag haben wir den Regionalzug nach Palermo genommen. Dazu haben wir das Auto im Vorort Santa Flavia geparkt. Dann sind wir über den Ballarò-Markt bis zu den Quattro Canti gelaufen. Die Marktstände ziehen sich über einen Kilometer durch die Gassen. Obst und Gemüse sehen fantastisch aus, ein Meter lange Zucchini und ein Pfund Erdbeeren kosten je einen Euro, frisch gesottene Octopussi werden angepriesen, „Puuulllpiiiii….“, und mittendrin zieht mit Marschmusik eine Trauergemeinde mit ihrem Sarg. Dann erleben wir die erste Schießerei, wir haben es ja gesagt! Aber es ist nur ein Feuerwerk für den toten Padrone.

An der zentralen Straßenkreuzung Quattro Canti stehen sich vier Barockecken eng gegenüber und hier finden wir es: Das geschichtete Palermo. Araber und Afrikaner, normannisch-arabische Kirchen, Renaissance, Barock, 19. Jahrhundert. Restauriert oder verfallen: Synkretismus nennt es die UNO. Den Normannenpalast haben wir ausgelassen, für 48 Euro Eintritt gucken wir uns die 7.000 Quadratmeter Goldmosaik-Weltkulturerbe lieber im Internet an. Es ist denn auch etwas verräterisch, dass die UNO die islamisch-christliche Fusion erst vor drei Jahren ausgezeichnet hat, Nachtigall, ick hör dir trapsen…

Ist es nun starker palärmischer Verkehr, wenn sich in den Gassen alle Naslang eine Vespa oder ein Fiat an dir vorbeidrängt, oder ist unsere sechsspurige Kieler Straße nicht viel grausiger? Sybille fühlt sich unbehaglich, sie fremdelt, ich dagegen liebe es. Wir haben noch einen Fehler gemacht: In der siebten Urlaubswoche hätten wir uns eine Wohnung in Palermo nehmen sollen.

Wir wollen aber auch nicht alles schaffen und schlendern, gesättigt von Caprese, Carpaccio, Involtini, Gnocchi und Carbonara zurück zur Zentralstation. Es sind nur noch drei Minuten vor der stündlichen Abfahrt, als ich den Schaffner beim Einsteigen frage, ob die Biglietti abgestempelt sein müssen. „Unbedingt“ deutet er an, also rase ich zum Stempelkasten und entwerte die Fahrkarten. Und richtig: Der Kontrolleur scannt jedes Ticket genauestens und wirkt enttäuscht, dass er die vier Touris nicht stante pede aus dem Zug schmeißen darf.

M&M

Nach einem Ruhetag - mit in unserer Casa gegrillter Merluzze (Seehecht) - fahren wir nach Monreale und Mondello. Ersteres ist für seine Burgkathedrale mit Goldmosaiken aus dem 12. Jahrhundert berühmt, die sich mit der von Palermo messen wollte. Letzteres ist ein Badevorort der feinen Leute Palermos, die im 19. Jahrhundert hierher mit der Kutsche anreisten. Die einstündige Hinfahrt und die halbstündige Weiterfahrt zu M&M tätigen wir auf der Ortsumgehung, denn vom Verkehr in der Stadt wird abgeraten.

Das ist nun aber eine klassische Unschärferelation, denn im Augenblick des Zusammenstoßes sind die allermeisten Fahrzeuge bereits wieder vorbei. Herkömmliche Unschärfe-Situationen sind Kreuzungen und Wendemanöver. Wenn Fahrzeuge aus allen Himmelsrichtungen aufeinander treffen, scheinen die Vorfahrtsregeln aufgehoben, jedenfalls so lange, bis es gekracht hat. Tut es aber wohl eher nicht. Es erinnert mich an das Gefangenendilemma, wo zwei Angeklagte von der Aussage des anderen nichts wissen, wenn aber einer den anderen anklagt, könnte er begnadigt werden. Dumm nur, wenn beide das gleiche sagen, dann werden sie gehängt.

Also wartet der die Straße blockierende Wendehals lieber, bis ihn die heranrasende Vespa im hohen Tempo zwischen Bordstein und Stoßstange passiert hat, denn seine Kalkulation ist postmortal, er stellt sich die Schmerzensschreie nach multiplen Brüchen und den Genickbruch seines Gegners beim Abtransport vor und rechnet humanistisch. Schöngeist und Optimist muss man eben sein im sizilianischen Verkehr. Ich habe die Erfahrung von 40 Jahren Volksparkstadion Parkplatz Blau im Blut, ich weiß, wer zuerst bremst, hat schon verloren und kommt zu spät zur Sportschau. Doch der SUV bleibt wiedermal heil.

In Monreale könnte man einkehren, der goldene Prokrastinator in der Apsis hat einen stechend ikonischen Blick, aber wir beschließen, zum Mittagessen nach Mondello zu fahren. Also wieder heraus aus dem engen Parkhaus und hinein ins mondellene Strandleben. Im Mai ist das Wasser zu kalt, finden die Mädels nach einem Kurztauchgang. Während in Hamburg die erste Hitzewelle des Jahres vergeht, pfeift ein kühler Wind über das Mittelmeer. Auf der Belle Epoque-Seebrücke ist ein feines Restaurant, aber wir haben schon am anderen Ende des Strandkilometers schlecht gegessen und nehmen den Espresso im Sand.

Ich betrüge die drei: „Wollen wir am Wasser zurückfahren?“ „Ja!!!“ Und verschweige, dass ich statt über die Tangente mitten durch Palermos Hafenviertel fahre. Irgendwann merken sie es doch, aber da sind wir schon wieder hindurch. So schlimm war es gar nicht. Kann es sein, dass gar niemand nach Palermo will? Schon vor zwei Tagen schienen die Vorortbahn und die Parkplätze am Bahnhof Santa Flavia merkwürdig leer. Jetzt kaufen wir das Obst von den fliegenden Händlern und das Brot aus der Paniceria. Nur eine Macelleria haben wir noch nicht besucht, zum Fleischgrillen bleibt uns ja auch kaum Zeit. Morgen wieder Spiegeleier.

Cefalù

Zwischen Palermo und Messina liegt an der Nordküste ein kleines nettes Nest. Dort hat der Normannenkönig Roger II. im 12. Jahrhundert einen Dom erbauen lassen, um dem Papst du zeigen, dass er der Macker auf der Insel ist. Herausgekommen ist ein sehr, sehr schöner Dorfplatz mit vielen Cafés und Restaurants mit einem Blick auf zwei Glockentürme, die weder Fisch noch Fleisch sind.

Im Inneren ist dem Domherren irgendwann wohl das Geld ausgegangen, nur in der Apsis konnte der byzantinisch grimmige Jesus in Goldsteinchen auf die Gemeinde niederdräuen. Drumherum muss wohl in der Barockzeit wieder etwas Geld hineingekommen sein. Auch der Säulengang des Klosters sollte etwas Besonderes werden. Jedenfalls bekommen wir für unser Eintrittsgeld einen Zettel mit 100 Nummern und Erläuterungen zugesteckt. Jedoch, das gute Werk will Weile haben. Nur zwei Ecken mit Säulen sind fertiggestellt, und die Erläuterungen beziehen sich auf deren verwitterte Kapitelle. Die restlichen 50 Säulen sind einfach nicht mehr oder noch nicht da.

Cefalù ist ein „malerischer“ Touristenort wie so viele, und beim Bummel durch die Gassen teilen sich die Geschlechter. Frauen blicken in die Läden, Männer fotografieren die Wäsche auf den Balkonen. Überhaupt haben die Orte, die wir bisher gesehen haben, eine schiere Unmenge schmiedeeiserner Galerien. Ganz selten sieht man eine rauchende Person oder jemand, die Wäsche aufhängt, vielleicht benutzt man die Balkone, um Einkäufe in Körben heraufzuziehen oder Mülltüten abzuseilen.

Das ist jetzt nur eine persönliche Vermutung. Bisher haben wir auch keine privaten Mülltonnen gesehen. Die vollen Plastiksäcke werden mehr schlecht als recht abgeholt und nachgefegt wird nicht. Cefalù allerdings war blitzsauber, ganz im Gegensatz zu den Wohnstädten, die wir durchfuhren. Was bleibt noch hängen? Der blaue Himmel und das blaue Mittelmeer. Frische Erdbeeren. Espresso und Cappucino. Antipasti und Primi piatti. Und der SUV blieb wiedermal heil.

Verwittert

Am Freitag, am Ende der ersten Woche, fuhr ich noch einmal allein nach Palermo. Mich interessierte das regionale Archäologiemuseum und der angeblich so quirlige Vucceriamarkt mit gefülltem Ziegendarm oder gesottener Milz am Spieß. Ich habe es im Fernsehen gesehen, vielmehr auf Youtube, denn wir gucken ja nur noch Fußballspiele live, alles andere auf Nachfrage. Die hübsche und naive Moderatorin, eine dieser merkwürdigen Medienmädelmischungen aus attraktiv, halbschlau und devot, probierte sich durch das ambulante Marktangebot und konnte doch das leichte Angewidertsein nicht verbergen, was ich sympathisch fand.

Was mir beim ersten Palermobesuch nicht so präsent war: Ich liebe Italiens verkommene Fassaden. Seit ich mit 16 zum ersten Mal in Venedig war, weiß ich, dass verfallende Städte romantisch sein können. Zum Sterben schön. Nicht wie Wismar oder Greifswald, das war ja ein historisch gesehen blitzkriegartiges Bauvernichtungsprogramm durch totale Konzentration auf Menschenverbesserung. Hier wird an vielen Kirchen und Palästen seit mindestens 500 Jahren nicht mehr gearbeitet, und an Wohnhäusern und Menschen sowieso nicht.

Außerdem halten fantasielose deutsche Einfaltsbauten und die Nachkriegsarchitektur ja keinen Vergleich mit dem kreativen Chaos informeller Gesellschaften wie Italien aus. Wenn eine lehmfarbene italienische Hausmauer verwittert ist, gleicht sie der Arte povera oder dem Readymade und ist so quasi unter Denkmalschutz gestellt. Der Adel hat sich in Palermo aus den Städten zurückgezogen und sie den Armen überlassen. So kommt es, dass zwischen Barockkirchen und Renaissancepalästen allerorten Araber und Afrikaner eingezogen sind.

Der Vucciriamarkt ist eine Enttäuschung. Natürlich hatte ich nicht vor, Innereien zu essen. Aber ein in Öl gebackenes Ricottabrötchen hätte ich mir vielleicht gekauft. Nur ein einziger Fischstand ist zu sehen. Dann folgt eine Gasse voller Gemüse und Souvenirs, danach ist auch schon finito l‘amore. Am Fischstand beobachte ich eine große Schüssel mit Muscheln. Immer wieder spritzen einzelne Vongole mit Wasser. Sie protestieren! Als Tierschützer müsste man sie jetzt entführen und zurück ins Meer werfen. Aber der Händler hat sicher Schutzgeld bezahlt und holt dann seinen großen Bruder, um mich in Beton mit den Meeresfrüchten zu vereinen.

Der große Thunfischkopf schaut mich nachdenklich an. So ein meterbreites Thunfischsteak sieht schon deftig aus. Und die Pesce miste würde ich glatt mitnehmen für die kommenden WM-Parties bei Peter. Einfach mal die Vielfalt des Meeres auf den Grill legen! Doch Italien gegen Deutschland kann es dieses Jahr nicht geben. Auch Holland ist abgebrannt. Wir müssen uns wieder von den Franzosen und Spaniern schlagen lassen.

An der Piazza San Domenico warten schon ein paar Hundertschaften eindrucksvoll uniformierter Carabinieri auf mich. Irgendein wichtiger Mensch muss hier bewacht werden. Vielleicht ist Berlusconi gerade im bisher einzigen brutalmodernen Bankgebäude und Kaufhaus der Altstadt unterwegs, das am linken Ende der barocken Piazza fensterlos und massiv an ein klassizistisches Wohnhaus angeklatscht worden ist. Zwischen Archäologischem Museum und der neugebauten Oper Teatro Massimo decken die Kellner entlang der schmalen Via Bara All‘Oliva und Via Orologio gerade ihre Außentische.

Europa reitet den Stier

Natürlich sind das zweite und dritte Stockwerk des Museums geschlossen. Aber angeblich befinden sich die Hauptwerke alle im Parterre. Es beginnt mit phönizischen Skulpturen, Torsi zwar, aber was will man nach 3000 Jahren erwarten? Dann geht es über zu Römerstatuen, leider mehr schlecht als recht rekonstruiert, Claudius sieht nun aus wie Angela Merkel. Und griechische Handelsware, Krüge mit der bekannten Mythologie in schwarz auf braun: Zeus belästigt Hera, die beschwert sich bei #metoo. Der immergeile Göttervater entführt die schöne Europa, indem er sich in einen Stier verwandelt.

Dyonisische Jugend lässt sich volllaufen und tanzt sich in Disco-Trance. Kentauren schleudern Steine auf Kaineus, der sich mit dem Speer wehrt. Kaineus war einst ein Mädchen, welches von Poseidon vergewaltigt wurde. Dieser hat ihr dann aus Reue die Bitte erfüllt, ihn in einen hässlichen, starken und unverwundbaren Mann zu verwandeln, damit ihm sowas niemals mehr widerfahre. Und nun machen ihn die Vorläufer der Autofahrer platt, so sad!

Vieles Ausgestellte stammt aus Ausgrabungen in unserer Nähe, ein paar Kilometer entfernt von unserer Casa Cipolla stand auf einem Hügel die antike Siedlung Solunt. Und natürlich aus Selinunt oder Agrigent im Südwesten Siziliens, die wir nicht besuchen werden, weil uns vor dreistündigen Fahrten durch die Berge graust. Ich wandere durch das Hafenviertel Kalsa zurück zur Bahnstation Palermo Centrale.

Immer noch mehr als 1000 Jahre Baugeschichte! Ursprünglich von den Arabern besiedelt, bauten die sizilianischen Adelsfamilien ihre Paläste und Kirchen, im Zweiten Weltkrieg wurde der Stadtteil stark bombardiert, dann sorgten Armut und Mafia für Stillstand. In den Achtziger Jahren begann Italien, sich gegen die Syndikate zu wehren, heute werden bereits einige Häuser wie der Palazzo Chiaramonte restauriert, und wie üblich sind Albergheria oder La Kalsa auf dem Weg, zum Szene- und Touristenviertel zu werden. Dann werden die Araber wieder einmal weichen müssen, sorry Leute, Ihr habt das mit der Gentrifizierung eben niemals verstanden!

Piraino

Nach einer Woche verabschieden wir uns vom Capo Zafferano und reisen 150 Kilometer an der Nordküste weiter Richtung Messina. Wir haben das Appartment „Villa Helios“ bei Piraino vor allem wegen seinem unglaublichen Balkonblick auf Thyrrenisches Meer und Liparische Inseln gewählt, auch wenn wir jetzt noch nicht viel näher am Ätna oder an Taormina sind.

Signorina Torre öffnet uns ihre Altersversorgung, eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern, zwei Bädern und zwei Balkonen in einem Dreifamilienhaus am Berg. Unter uns die Serpentinen der Via Torre delle Ciavole nach Piraino und das Fischerstädtchen Brolo, am westlichen Bildrand die Landspitze Capo d‘Orlando. Wenn man sich ein wenig zurücklehnt und in den Sonnenuntergang schaut, sieht man nur noch Meer, Meer, Meer...

Wir kaufen üppig ein. Ich entscheide mich gegen Thunfisch und für ein T-Bone-Steak. 800 Gramm müssten reichen. Frustappetit. Der HSV siegt ein letztes Mal gegen Mönchengladbach und steigt nach 55 Jahren aus der ersten Klasse ab. Seit ich zehn war, habe ich an jedem Wochenende, ich betone, an jedem Wochenende meines Lebens, die Bundesliga verfolgt. Zugegeben, es gab Sommer- und Winterpausen, und ein schwacher Trost ist, dass in diesem Herbst die Zweite Liga den Spielbetrieb eher aufnimmt, als die Erste. Hoffentlich muss der HSV nicht gleich nach Sandhausen oder Aue.

Die kleine Bergstraße von Piraino mare nach Piraino monte ist wegen Steinschlags gesperrt. Wir befahren den 430 Meter hohen Burgberg von hinten. Nach dem Einparken komme ich mit einem älteren Anwohner ins Gespräch. Er auf italienisch, ich auf lateinisch mit Amore-Accento. Er lebt hier und zeigt uns den Weg zum Normannenturm und zum Café Saraceno. Granita heißt das eisekalte Sorbet, dass es in ganz Sizilien in allen Geschmacksrichtungen gibt. Ich wähle Limone, Achim Café, die Mädels nur Dolci zum Cappucino.

Dann entscheiden wir, die von Signorina Torre empfohlene Osteria U Vurparu aufzusuchen. Mit Google maps kein Problem. Google zeigt uns Anfahrt, Fotos, Speisen, Öffnungszeiten und ein paar hymnische Bewertungen, die von italienisch ins Deutsche übersetzt werden. Was soll ich sagen: Die Leute hatten Recht. Und der SUV hat immer noch keinen Kratzer.

Taormina

Erst die Mücken. Ich werde mitten in der Nacht hellwach, wenn ich dieses Summen höre. Da hilft nur Hörliteratur mit römischer Geschichte, bald bin ich wieder eingeschlafen. Dann der Regen.  Bine holt die Wäsche vom Balkon, damit sie nicht nass wird. Jedes Jahr dasselbe. Ich nehme Wäsche für zwei bis drei Wochen mit, doch nach drei Tagen hängt alles Getragene sauber auf dem Wäscheständer in der Sonne.

Der sonntägliche Sonnenuntergang vor unseren Balkonen war traumhaft gewesen. Doch am Montagmorgen ist das Meer grau, und es regnet weiterhin. Wir beschließen, nach Taormina zu fahren. Eigentlich ist unser Standort nicht besonders günstig, Es ist genauso weit nach Taormina oder zum Ätna wie von unserer Wohnung in der dritten Sizilienwoche im Zentrum von Catania, rund zwei Stunden. Und Messina soll, durch Erdbeben und Weltkrieg bedingt, nicht sehenswert sein.

Die Autobahn nach Messina ist eigentlich ein unterbrochener Tunnel. Als wir zur Meerenge zwischen Sizilien und Kalabrien kommen, der italienischen Stiefelspitze, Homers Skylla und Karybdis, scheint zwar die Sonne, wir sind aber sofort wieder im Tunnel verschwunden. Die Geschwindigkeit auf Autobahnen ist in Italien auf 130 begrenzt, und das ist gut so. Denn die Fernstraßen sind viel enger und kurviger, man möchte sich gar nicht vorstellen, zu was einige Sizilianer bei einer Freigabe des Tempolimits in der Lage wären.

Warum man allerdings auch in kilometerlangen dunklen Tunnels ohne Standstreifen 130 fahren darf, erschließt sich mir nicht. Und erst recht nicht, warum alle Naslang die zweite Spur gesperrt wird, ohne das irgendein Loch oder eine Bautätigkeit zu sehen ist. Dafür soll man dann 60 fahren. Tut aber keiner, auch wenn immerzu vor Radarfallen gewarnt wird.

Taormina ist das östlichste Shoppingcenter Siziliens. Ein griechisch-römisches Theater, Ausblicke auf das Meer und den Vulkan Ätna sowie ein paar sehr hübsche Gassen am Berg scheinen ausschließlich dem Marketing zu dienen. Goethe hat Taormina einige Seiten der Italienischen Reise gewidmet, natürlich in unsterblicher Tourismus-Prosa. Guy de Maupassant meinte gar einen friedlichen Zauber der Theaterkultur zu verspüren, er wusste nicht, dass sich hier in römischer Zeit Raubtiere und Gladiatoren zerfleischten.

Oscar Wilde, Thomas Mann, Wilhelm II und Kaiserin Sissi urlaubten hier, genauso wie später Greta Garbo, Marlene Dietrich, Cary Grant oder Elizabeth Taylor. Ich sehe nur Kommerz, Kommerz, Kommerz, und zwar in einer Tiefe und Breite, dass man das Reisen einstellen möchte. Es scheint doch alles gekauft zu werden, argumentiert Achim. Aber wenn nahezu jedes Haus ein Laden oder eine Gaststätte geworden ist, was bleibt dann noch übrig?

Es hat uns zwar gefallen, aber so langsam perlen die Reize Siziliens an mir ab. Entweder ist es 3000 Jahre lang verkommen und überbaut, oder es ist wie Disneyland. Ich muss das erstmal verdauen. Genau wie die köstlichen Tortelloni alla panna, die ich so lecker schon lange nicht mehr bekommen habe, noch dazu bei Preisen wie im Schanzenviertel. Bines Cozze sah zauberhaft aus und erst unsere Vorspeise Caprese! Was gibt es Appetit-Anregenderes als Tomaten, Mozzarella und Basilikum mit Olivenöl, Balsamico und frisch geriebenem Pfeffer? Nein, wir sind jetzt etwas länger als eine Woche unterwegs, und wir sind satt, satt, satt, vom Erlebten und Gegessenen, nicht vom Erbrochenem, denn Cozze bedeutet Muscheln. Und unser rumänisches Low budget-Angeberauto hat immer noch keinen Schaden genommen.

Tyndaris

Prasselnd brät mein T-Bone-Steak in der Pfanne, wir hatten es dann doch am Samstag erst einmal eingefroren. Seit Tante Carla uns vor 40 Jahren in‘s Blockhouse eingeladen hat, bin ich verrückt danach. Allein, bisher war es mir oft zu teuer. Immerhin muss man bei 800 Gramm mindestens 300 Gramm für Knochen und Fett abziehen, was bleibt dann noch übrig? An diesem zweiten Regentag bin ich der Patron, für die anderen mache ich Spaghetti mit Resten von Hühnchen in Zitrone und Oliven mit Broccoli.

Nun ist bei Kurzgebratenem immer die Gefahr gegeben, dass man das Medium verfehlt, deswegen gebe ich dem vier Zentimeter dicken Fleischgiganten nur zwei bis drei Minuten pro Seite und lege ihn dann bei 140 Grad in den Ofen, während die Nudeln al dente geraten müssen. In Öl geschwenkt, Weine entkorkt, just in time auf den gedeckten Tisch – weg mit dem Scrabble-Spiel, ja jetzt, nein sofort – und dann mein rebellisches Karbonadenstück auf den Teller gehievt. Was soll ich sagen, es war der Höhepunkt des ganzen Urlaubs und sollte in keiner Reisebeschreibung fehlen.

Nach dem Mittagsschlaf fahren wir auf der Küstenstraße 20 Kilometer nach Tyndaris. 400 vor C. vom Tyrannen von Syrakus auf einem Küstenhügel (wo sonst?) als Festung zur Beherrschung des Thyrrenischen Meeres errichtet, geriet es bereits im ersten Punischen Krieg in römische Hände. Augustus‘ Feldherr Agrippa eroberte es 200 Jahre später im Bürgerkrieg vom Vertreter der Senatspartei Sextus Pompeius. All das kann man ahnen, wenn man das 3000 Personen fassende griechische Theater oder die restaurierte Basilikaruine inmitten einiger ausgegrabener Wohnhausfundamente mit Bodenmosaiken anschaut. Auf dem Burgberg von Tindari steht zudem die wundermilde Wallfahrtskirche der Schwarzen Madonna von 1950. Hätte ich das gewusst, der HSV wäre nicht abgestiegen.

Lipari

Eine fette Dieselwolke dampft über dem Meer. Das Tragflügelboot hat Gas gegeben. So sieht es aus, wenn man im Hafencafé von Lipari bei einem eiskalten Granite arranciata auf die Rückfahrt wartet. Doch von Anfang an:

Schon von unserem Schlafzimmerfenster konnten wir die Liparischen Inseln sehen: Sieben Vulkane zwischen dem Norden Siziliens und dem Stiefel, darunter Vulcano, Lipari und Stromboli. Die Homepage der Fähre hatte mir den Dienst verweigert, wir rechneten mit stündlicher Abfahrt ab Milazzo, doch leider müssen wir von zehn bis 12.15 Uhr warten, denn die Fähre nach Lipari um 9.30 Uhr war die Letzte des Vormittags, und genau hier war der Zeitplan der Internetinformation immer abgestürzt.

Schlecht gelaunt sitze ich in einem der Flugzeugsessel der Fähre. Wir sind zwei Stunden durch ein heruntergekommenes Industriehafen-Dorf gestreunt, beim Fotografieren eines Zwiebel-Lieferwagens gingen mir die anderen drei flöten, mein E-Plus-Mobilnetz ist seit Palermo nicht mehr verfügbar, und nun werde ich eine Stunde im Dieselmief durchgeschüttelt. Doch nach der Ankunft verfliegt die Seekrankheit.

Ich führe uns durch die Gassen von Lipari zu einer empfohlenen Geheimtipp-Pizzeria, die hat mittwochs geschlossen. Dann finden wir am Fischereihafen ein Freiluftlokal und speisen gut mit schöner Aussicht. Während die anderen spazieren gehen, steige ich auf den ortsüblichen drei Jahrtausende lang umkämpften Burgberg und besuche das archäologische Museum.

68 Grundschüler lärmen am Eingang. Die Zahl weiß ich, weil die Lehrerin genauso viele Eintrittskarten kauft und die Museumsangestellte jede Karte mehrfach abstempelt. Der Kartenabreißer am Eingang warnt mich, doch lieber erst in die prähistorische Abteilung zu gehen, doch da sind die Kinder schon am Selfiemachen mit mir.

Und ich bin hier wegen der außergewöhnlich interessanten Ausstellung von griechischen Miniatur-Theatermasken, die man in den Nekropolen Liparis als Grabbeigaben gefunden hat. Da ist der Dicke mit der Morgenlatte, der zwischen seiner Matrone und einer Hetäre schwankt. Der ideale junge Mann, die nicht ganz unschuldigen Tänzerinnen, der mürrische alte Mann und der freundlich dämliche Peter Unlustig, der mich an jemanden erinnert…

Was waren das für Zeiten, als man allein durch solche Phänotypen der Komödie und der Tragödie berührt und geschüttelt wurde, als man noch nicht jede denkbare Erzählung über hatte. Als Kind war ich vom Hollywood-Historienschinken Ben Hur begeistert, viel später nur noch verärgert über die hölzerne Propaganda für heldenhaftes Christentum.

Glücklich und zufrieden sitze ich schließlich bei besagtem Orangensorbet am Fährhafen und warte auf das Schnellboot nach Milazzo. Ich habe viele Museumstexte einfach abfotografiert und freue mich auf das Studium während der rasanten Rückreise. Alle paar hundert Jahre wurden die Bewohner der Inseln überfallen und versklavt. Zuletzt 1544 vom osmanischen Korsaren Haireddin Barbarossa. So schließt sich der Kreis zu unserem Besuch im Topkapi.

Kalte Lava

Mein sizilianisches Frühstück am Freitag: Ein T-Knochen und Reste von Spaghetti Carbonara, danach zwei Honigbrote. Da wir am Samstag nach Catania weiterreisen und heute abend noch einmal einkehren wollen, esse ich die Reste von gestern und vorgestern. Schon als Kind mochte ich gern Knochen abnagen, ich bekam alle Kotelett- oder Hähnchenreste der Familie. Und Achims fabelhaftes Nudelgericht kann man doch nicht wegwerfen.

Dann brechen wir auf in die Berge. Da der Ätna von überall gleich weit ist, können wir die zwei Stunden Bergtour genausogut von hier aus unternehmen. Wir wollen ihn nur mal sehen und den Nationalparco dei Nebrodi mitnehmen. Google maps führt uns zu einem Eselspfad, den unser immer noch heiles Mietauto vermutlich nicht ohne Beule überstanden hätte. Schon bei der ersten Kehre müssen wir zurücksetzen, um einem alten Panda auszuweichen. Also fahren wir zurück nach Brolo und nehmen einen Umweg mit zweispuriger Landstraße. Endlos schrauben wir uns durch mittlerweile Regenwetter und Nebel ins Küstengebirge.

Leider sieht man immerfort, dass man nichts sieht. Es ist furchtbar grün, scheint also häufig zu regnen, es ist sehr einsam, und die Bergdörfer wie beschrieben: Seit Jahrzehnten gibt es keinen triftigen Grund mehr, hier zu leben. Siziliens größtes zusammenhängendes Waldgebiet kommt mir vor wie der Odenwald, nur die frei herumlungernden schwarzen Schweine sind anders.

In Randazzo kehren wir ein, und es zeigt sich wieder einmal die Natur unserer Kommunikation vor dem Kellner: Ich frage die drei, was sie möchten und gebe wie verstanden due Cappucini, un Americano, un Aqua frizzante und zwei Brioche in Auftrag. Dann holt Achim einen Espresso und ein weiteres Brioche, und die Mädels ordern landestypische Snacks und ein Bier, und schon ist der Tisch voll mit Bestellungen, die keiner aufgegeben haben will. Neulich war es noch toller. Bine bestellt grundsätzlich auf deutsch und hält keinen Augenkontakt, registriert also nicht, dass der Kellner nur Bahnhof versteht, bestellt schließlich noch einmal bei einem Kollegen, und schließlich ist es kein Wunder, dass sie drei Glas Wein und zwei Liter Wasser bekommt.

Da Randazzo den dreien nicht gefällt, fahren wir bald zurück. Der Ätna blieb in den Wolken, und Bine wunderte sich über weiße Konturen, ich äußerte die Vermutung, es sei Lavaschaum, um sie hopp zu nehmen, aber schließlich einigten wir uns auf Schnee, was ja sein kann, in 3300 Metern Höhe. Schwarze Schimmel, Olivenhaine voller Ginster, Ziegen oder Kühe, irgendwie wollte jeder die Deutungshoheit, und so kurvten wir und kurvten wir, und es nahm kein Ende, und schließlich waren wir wieder zuhause, und der Diesel hatte immer noch keine Schramme.

Catania

Die Sache mit den drei über Internet gebuchten Quartieren bei Palermo und Messina und in Catania ist so: Wir bezahlen zu viert insgesamt für drei Wochen unter 100 Euro pro Nacht. Aber dafür muss man auch etwas tun: Erstens muss man sich die Fotos sehr genau anschauen, damit man keine Ruinen bucht. Dann muss man die Bewertungen der Vormieter studieren, dabei ist es ganz hilfreich, wenn man sich französische, holländische oder gar italienische Kommentare mit Google translate übersetzen lässt.

Schließlich muss man die ganze Summe ohne Stornierungsmöglichkeit im Vorwege überweisen und hoffen, dass man nicht an Betrüger gerät, denn es sind ja alles Privatleute, die anbieten. Aber dafür hat man die positiven Bewertungen gelesen, und die entsprechen in unserem Fall zu einhundert Prozent der Realität. Man muss vorher Kontakt aufnehmen, den Ankunftszeitpunkt umreißen, und unbedingt auf eine erste Antwort setzen.

Das hatten wir bei unserer zweiten Wohnung „Villa Helios“ mit Meeresblick in Piraino mare versäumt, und so entstand bei der Autofahrt nach Messina der Eindruck, es gäbe gar keinen Vermieter, denn der unter der angegebenen Nummer Angerufene legte sofort wieder auf und stellte den Anrufbeantworter ein. Auch SMS wurde nicht beantwortet.

Gottseidank hatte Achims Mobiltelefon Internetanschluss, während Bines und meins nicht einmal mehr Telefonnetz hatten. Aldi halt mit seinem billigen E-Plus. Im Internet stellte ich also während der Autofahrt fest, dass Fewo direkt noch eine zweite Telefonnummer von Signor Antonino Torre aufführte, und dort erreichten wir jemanden. Der sprach allerdings kein englisch und wusste von nichts. Aber seine Tochter, die löste den Knoten, und versprach, uns am Ankunftsort zu erwarten.

Es war dagegen immer unkompliziert, „auszuchecken“, wir legten die Schlüssel auf den Esstisch und verschwanden. Mit Roberto, unserem Airbnb-Vermieter in Catania, hatte ich bereits vor Wochen E-Mails gewechselt, wir hatten uns über das Schietwetter in Hamburg ausgetauscht und er hatte sehr genau beschrieben, wo wir am Samstagnachmittag klingeln sollten.

Da wir noch im Barockstädtchen Acireale einen Imbiss einnahmen, verzögerte sich unsere Ankunft auf 15 Uhr, was wir ihm gegen 13 Uhr per SMS kundtaten. Sofort kam eine freundliche Antwort, und wir kurvten voller Gottvertrauen zur Via Antonino di Sangiuliano 82, was überhaupt kein Problem darstellte, denn wir befinden uns zwischen Bahnhof und barocker Altstadt, nur das mit den Parkplätzen wird schwierig.

Roberto lebt von der Vermietung des mehrstöckigen Hauses seiner Großmutter, er betreibt zudem ein B&B auf Zuruf, und er ist super super freundlich. Er hat eine Schweizer Freundin in Mailand und lernt deswegen sehr ambitioniert deutsch. Es ging also erst einmal eine halbe Stunde Konversation drauf, bei der wir vor dem Haus Gottseidank folgenlos im Parkverbot standen.

Catania soll zu den Orten mit den meisten Sonnenstunden in Europa zählen. Immerhin war die Maimitte bisher für hiesige Verhältnisse eher kühl um 20 Grad, ein paar Tage regnerisch, in Hamburg gab es dagegen bereits Hochsommer. Doch nun steigen die Temperaturen auch hier an. Die Stadt am Fuße des Ätna ist ungefähr alle hundert Jahre von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht worden. Noch im 17. Jahrhundert so umfassend, dass die ganze Stadt seitdem mit barocken Bauten wiederentstanden ist. Bis zum nächsten Erdereignis, das hoffentlich erst eintritt, wenn wir wieder fort sind.

Wir haben uns Catania als Schlussstein unserer Reise ausgewählt, weil unser Rückflug am Samstagmorgen stattfindet und wir so den Mietwagen am Abend zurückgeben können. Zum Flughafen fahren wir dann entspannt mit dem Taxi. Das ist mir deswegen wichtig, weil wir so eine genaue Übergabe mit Mängelquittung durchführen können. Wir haben zwar eine Kaskoversicherung ohne Selbstbehalt, so ganz genau weiß ich aber nicht, ob Felgen, Glas, Polsterflecken oder ähnliche Macken darunter fallen werden. Aber noch ist die Karre ja ganz.

Nacht und Tag

Und für mich ist eine südländische Großstadt, die Metropolregion hat 650.000 Einwohner, immer ein Garant dafür, dem ungeschönt authentischen Leben der Einheimischen zu begegnen, ganz anders, als in Cefalù oder Taormina, anders auch als in Rom oder Paris. Und diese erste Nacht in den Straßen werde ich nicht vergessen. Tausende flanieren durch den Pfingstsamstagabend, die Altstadt ist zauberhaft erleuchtet, die Bauten wirken gewaltig, der Wein auch, und, als wir gegen elf heimkehren, strömen weitere tausende aufgebrezelte Jugendliche in die Stadt. Das ist es, was ich über Sizilien gelesen habe: Die jungen Menschen hält es nicht mehr auf dem Lande, sie strömen in die Städte, um das Leben und die Liebe zu feiern.

Am nächsten Morgen kommt natürlich die Ernüchterung. Eine Stadt ohne Menschen ist wie Brot ohne Butter und Salz. Die drei sind ohne mich ins Inselinnere nach Enna gefahren, ich brauche eine Atempause und lese bis zum Mittag. Jedes Kind weiß, dass dann in einer südländischen Stadt nichts mehr passiert, aber ich denke mir, vielleicht machen die Menschen an Pfingsten eine Ausnahme. Tun sie aber nicht.

Lediglich ein absurdes „Foodfestival“ zieht die Massen an, vielleicht 50 Imbissstände, die landunter sind. Man muss eine Wertkarte erstehen, und man muss sich auch die vielen langweiligen fritierten Happen im wahrsten Sinne erstehen, an jedem Stand warten 50 Meter lange Schlangen, und es geht gefühlt alle drei Minuten ein Snack über den Tresen, weil die Karten erst mit dem Handy gescannt werden und die Friteusen eher für ein familiäres Grillfest dimensioniert sind.

Die Fassaden der einst noblen Häuser wirken bei Tageslicht mehr als verrottet, manche obere Stockwerke sind einfach weggehauen, weil wohl der Dachstuhl durch war, und nur die Besitzer der unteren Stockwerke ein neues, flaches Dach finanzieren konnten. Zumindest Süditalien steuert seit über hundert Jahren auf den Zusammenbruch zu, das kann man hier deutlich erkennen.

Aber vielleicht ist ja diese Nonchalance gegenüber dem Müll und dem Rott dereinst die Rettung, wenn Schluss ist mit Wachstum und Frieden. Bis zu acht Trenncontainer stehen an den Plätzen, doch am Abend sind sie voll, ich bin mir sicher, mit nahezu allem, was der Catanier so verbraucht hat. Der Rest fliegt durch die Straßen.

Hinter unserem Haus am Teatro Bellini beginnt bald ein Abbruchviertel, dann ein Neubauviertel, und die aufreizend gekleideten älteren Damen, die in den Hauseingängen der Ruinen warten – ohne zu kobern, wie die Huren in St. Pauli – stehen hier sicherlich nicht wegen der vielen afrikanischen Flüchtlinge, die offenbar auch hier wohnen, wo manche Häuser keine Besitzer mehr haben. Nachts ist dies ein trendiges Szeneviertel, und ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt steht ein barockes Weltkulturerbe zum Niederknien.

Syrakus und Noto

Mit 25 Minuten Verspätung erreicht meine Regionalbahn am Montagmittag Syrakus. Zwischenzeitlich ist mir eingefallen, dass montags die Museen geschlossen haben, aber zumindest der archäologische Park ist geöffnet. Syrakus ist eine griechische Koloniegründung aus dem achten Jahrhundert, römisch seit dem dritten Jahrhundert. Zu sehen sind ein griechisches und ein römisches Theater, ein 200 Meter langer Opferaltar und ein Steinbruch.

Im halbkreisförmigen griechischen Theater soll um 500 Aischylos seine Tragödie „Die Perser“ uraufgeführt haben. Im kreisrunden römischen Amphitheater dagegen wurden Gladiatorenkämpfe und Seeschlachten gezeigt. Auf Hierons Altar, der nur noch in seinen Grundmauern vorhanden ist, konnten bis zu 450 Opfertiere gleichzeitig geschlachtet werden. Und in der Latomie, dem 40 Meter hohen Steinbruch hinter den Theatern, mussten die 7.000 athenischen Angreifer, die sich im Peloponnesischen Krieg den Syrakusern ergeben hatten, schuften, bis sie umfielen. Blutgetränkte Erde, wohin man sieht.

Ansonsten bietet Syrakus nicht viel, wie ich auf einer Stadtrundfahrt feststelle. Ich mache die Tour, um den drei anderen bei unserem nächsten gemeinsamen Besuch raten zu können. Die wegen der Erdbeben und Ätnaausbrüche nicht ganz so alte Altstadt auf der Halbinsel Ortigia kannn man sich ansehen, aber nicht vor fünf Uhr nachmittags, und mit der genauen Adresse eines besseren Lokals.

Die Staatsbahn Trenitalia überzeugt mit ihrer Leistung. Der Fahrkartenautomat in Syrakus nimmt weder Geldscheine noch EC-Karte an. Und der Ticketverkäufer kann auf einen 20-Euroschein nicht herausgeben. Eine freundliche Italienerin wechselt mir schließlich, und mit einem Zehner darf ich dann bezahlen. Der Zug auf der Rückfahrt ist eine der modernen kurzen Regionalbahnen, die auch in Deutschland meist leer herumfahren. Deswegen ist es vielleicht nicht so schlimm, dass in der veralteten Bahn auf der Hinfahrt der Klobesuch bei Halt strengstens verboten war, denn der Zug war unten offen. Auch piepte es in meinem ersten Abteil, dafür war das Zweite unterkühlt. Es fährt halt kaum einer mit.

Dienstag gehen wir am Lido di Noto schwimmen. Es herrscht Landauf-Wind und die Wellen überrollen uns, doch die See ist gar nicht mehr so kalt, 20 Grad vielleicht. Danach besichtigen wir die Barockstadt Noto. Das wesentliche auch hier: Sich erstmal mit Ravioli mit Pistazien, Schwertfischsteak und Kaninchenbraten stärken, ein Schokoladenmousse-Cannolo und Limonensorbet mit frischen Erdbeeren drauf, und dann zwei Stunden sterbensmüde durch sinnlos kitschige Pracht spazieren.

Die sizilianische Oberschicht zeigte hier um 1700 noch einmal, was man alles aus der Kornkammer Sizilien herauspressen kann, ehe sie in den Wirren der Neuzeit abdanken musste und kaum jemand mehr für all diesen Luxus Geld hat. Aber wie der Wirtschaftsweise Sinn gerade bemerkt: Italien sollte lieber seine Löhne senken, sonst geht die Wettbewerbsfähigkeit noch weiter runter. Zumindest erklärt mir dieser Ansatz, wie die Pracht früher finanziert worden ist: Für‘n Appel und‘n Ei.

Vielleicht ist es aber auch so, dass der Sizilianer die „Gemütlichkeit“ der historischen Altstädte noch nicht für sich entdeckt hat und lieber in einem praktischen Neubau an der Peripherie lebt, als in engen, lauten und schmutzigen Gassen. Robertos Konzept, seine Wohnung über das Internet an gut zahlende Gäste aus aller Welt zu vermieten, ist dann auch noch nicht so schädlich wie in Berlin oder Barcelona, wenn sich erst durch lukrative Vermietung Restaurierung rentiert. Ach, Geschwätz, es gibt mittlerweile so gute Modelle von Sanierung ohne hohe Mieten...

Sizilien ist innovationfeindlich und starr im Denken, schreibt mein Geschichtsbuch. Niemand hilft einem, außer der Famiglia und den Heiligen, alle anderen wollen nur an dein Geld. Bine schleppt mich in eine Toulouse-Lautrec-Ausstellung im Palazzo Culturale – vielleicht nicht ganz passend -, aber hierbei erlebt man die ganze Rückständigkeit des Mezzogiorno: Originalfotos von Sexualität um die Jahrhundertwende sind mit einem großen Warnschild versehen: Verboten für Unter-18-Jährige und: Warnung an alle leicht verletzbaren, insbesondere religiösen Seelen.

Die Ausstellung zeigt keine Wunderwerke, eigentlich ist TL ja nur der Erfinder der satirischen Zeichnung. Aber er hat sich als erbkranker Zwerg nur in der Gesellschaft von Underdogs wohl gefühlt und damit das 20. und 21. Jahrhundert eingeläutet, wo RTL und BILD und HSV für alle da sind. Eins aber hat sich kaum geändert: TLs Can Can-Tänzerinnen des Moulin Rouge waren zwar revolutionär, sind aber bis heute das vorherrschende Frauenbild geblieben, hoch die Röckchen, und das Höschen und die Beinchen gezeigt. Zumindest kommt es mir bei den heutigen Girlies so vor.

Die Unterwelt-Fluglinie

Heute bekam ich eine Mail von meiner Lieblings-Airline. Ich möchte doch bitte gerne unsere Rückflüge einchecken. Es dauert eine Weile, bis das System nicht mehr abstürzt, aber dann bin ich drin. Vier Personen von Catania nach Hamburg. Nonstop, wie gekauft. Donnerwetter, alle vier in Reihe 1! Wollen die sich für den umgebuchten gegabelten Hinflug entschuldigen?

Ich bestätige und klicke auf Weiter. Ooops, man verlangt 24 Euro von mir. Ob ich die per Sofortüberweisung, Paypal oder Kreditkarte bezahlen will? Nein, gar nicht, die Flüge sind ja schon seit Monaten bezahlt. Ich versuche es erneut von vorn und hinten, mal über die Website und mal über die App, aber immer wieder will Eurowings 24 Euro sehen, ehe sie uns heimfliegen lassen.

Ich schreibe eine kurze geharnischte Mail an die Kundeninformation, wohl wissend, dass die sich einen Monat Zeit mit der Antwort lassen, aber noch bin ich im Urlaub. Dann habe ich eine Idee: Reihe 1 ist vielleicht ein Trick? Ich klicke die Buchungen an und ändere alle unsere Sitze auf Reihe 14. Weiter…

Und siehe da, jetzt bekomme ich meine Boardingpässe gratis. Ich meine, wie bezahlt und nicht abgeholt. Aber das ist doch einmal eine kleine Ungeheuerlichkeit: Die Lufthansa-Tochter entblödet sich nicht, ihren Kunden eine solche Falle zu stellen! Ein Weltkonzern, eine deutsche Vorzeigefirma, benutzt diesen fiesen kleinen Dreh, um ihre Kunden nach allen Regeln der Kunst reinzulegen!

Privilegiertes Sizilien

Dagegen ist uns hier nicht ein Haar gekrümmt worden. Kein Taschendiebstahl, kein Überfall, kein Raubmord, kein Unfall, und morgen wird das Auto ungeklaut zurückgegeben. Aber das Land ist zweifellos rückständig.

Die Privilegien der großen Männer: Man erlebt es immer wieder. Vor dem Teatro Bellini stehen die feingekleideten Leute. Da kommt ein silberner Alfa Romeo mit ausgeschaltetem Einsatzblaulicht vorgefahren, ein junger Mann, Typ Sarkozy, schnappt sich sein Jackett aus dem Fond und verschwindet in der Menge. Ah, jetzt kommt ein BMW-SUV mit einem eleganten Theaterbesucherpaar sogar mit Blaulicht vorgefahren. Der Vizequestore? Oder vergangene Woche: Ausnahmsweise gilt Tempo 80 im Autobahntunnel, von hinten kommt ein Corso von vier schwarzen Limousinen mit Blaulicht herangerast. Tempo 150. Mindestens.

Desgleichen die Ambulanz. Ich glaube es einfach nicht, dass es so viele Schwerverletzte gibt – ich habe keinen einzigen Unfall erlebt. Die machen einfach einen auf dicke Hose. Jede Nacht, ständig, orgeln die Krankenwagenmachos durch unser Schlafzimmer. Und hupen tun die Leute, als wenn alle Welt blind und taub wäre. Die Kreuzung rechts neben meinem Bett ist einfach toll: Die Ampel (wieso Ampel?) ist auf gelbes Blinklicht geschaltet, und die Hauptstraße hat nur so lange Vorfahrt, wie keiner abreißen lässt, sonst rasen die anderen los, allen voran die Zweiräder. So geht es bis nach der Tiefschlafphase. Aber ich finde das irgendwie urban.

Rotto

Noch einmal habe ich mir eine Scherbensammlung in Syrakus‘ Archäologiemuseum angetan. Einsicht: Die konnten schon seit Urzeiten Design. Und die Göttinnen waren niemals so schön wie heute. Oder aber, die alten Griechen haben schon damals den großmütterlichen Typus der Hetäre vorgezogen. Und es gibt einfach zu viel Altertum. Würde man mitten in Syrakus ein zehn Meter tiefes Loch graben, hätte man sofort ein neues Museum.

An den letzten beiden Tagen sind wir noch mehrmals durch Catania gezogen. Und jedesmal war es anders. Das Licht. Die Leute. Die Läden. Der Verkehr. Sizilianische Städte muss man sich schöntrinken. Wenn man locker und leicht durch die Gassen schlendert, als wenn man wieder 18 wäre, und die seit 30 Jahren Angetraute nur knapp über 20, wenn man begriffen hat, dass einen niemals jemand umfährt, weil alle auf sich selber aufpassen, wenn man die architektonischen Strukturen wiedererzuerkennen beginnt und den allgegenwärtigen jahrhundertealten Rott lieb gewonnen hat, dann ist man vielleicht, wenn man zurückgekommen ist, ein wenig verklärt und verliebt und romantisch, und überhaupt, es war eine tolle Zeit.

Aber in der letzten Nacht haben sie uns erwischt. Sechs Tage und Nächte lang haben wir Parktickets gezogen, am Donnerstag war der Automat defekt. Ich bin auf und ab gewandert, aber nirgendwo stand ein anderer Apparat. Die Service-Telefonnummer war abgekratzt. Ich habe einen im Internet übersetzten Zettel „Il parcheggio è rotto” deponiert und noch spät am Abend vom Balkon beobachtet, wie sich Anwohner vergeblich bemühten, ein Ticket zu ziehen und achselzuckend weiterzogen. Doch am nächsten Morgen hing ein meterlanger Strafzettel auf italienisch an der Scheibe.

Man konnte einigermaßen verstehen, dass 25 Euro zu bezahlen waren, und dass man 30 Prozent abziehen darf, wenn man innerhalb von fünf Tagen zahlt (zuzüglich zehn Euro Bearbeitungsgebühr). Das hätte ich auch von zuhause getan, wenn eine vernünftige Bankverbindung zu erkennen gewesen wäre. Aber wenn man nicht zahlt, gibt es noch einmal 26,50 Euro drauf, und das Mietwagenunternehmen bucht dann 61,50 Euro plus 65 Euro Bearbeitungsgebühr von Achims Kreditkarte ab.

In der Banco popolare erhalten wir nur einzeln Zutritt, ein Bewaffneter schützt uns dabei. Wir ziehen eine Wartenummer und werden nach einer Viertelstunde belehrt, dass das Strafmandat bei der Post eingezahlt werden muss. Die Tourist Information weist uns den Weg zur Post, doch verstehen tut der leidlich englisch sprechende junge Mitarbeiter den Strafbescheid auch nicht. Offenbar ist man in Sizilien mit Zahlungen an den Staat nicht so vertraut.

In der Post erhalten wir wieder nur einzeln Zutritt, wir ziehen eine Nummer, warten ein wenig, und dann geht es zu wie beim Postsparkassenamt vor 50 Jahren: Der Postler beschreibt alle vier Überweisungsträger und nimmt unsere Daten auf, dann kassiert er 17,50 plus zehn Euro sowie zweimal 1,50 Euro Komission für seine Viertelstunde Handarbeit. Danach ist der Fall für uns Geschichte, und für die Mietwagenfirma auch. Wir bringen den silbergrauen Mammut-Pkw zurück und bekommen die Quittung: Keinerlei Schäden, 0 Euro zu berappen. Na, das ist doch ein paar Limoncello wert!!!

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Was es noch anzumerken gibt:

Der Sizilianer grillt zwar nicht, aber er zündelt. Mal kommt der Qualm von links, mal kommt er von rechts, irgendwo verbrennt immer gerade jemand etwas.

Schlechter Beton scheint ein Zeichen der Neuzeit zu sein. Ob an Balkonen oder Brücken, oft ist die verrostete Armierung bereits nach wenigen Jahrzehnten zu sehen. Das haben die Römer mit ihrem opus cementum besser hingekriegt, aber die hatten ja auch keine Mafia.

Die Mafia soll übrigens überall auf der Insel Müll verbuddelt haben. Oft auch Giftmüll aus ganz Europa. Bekannt wird das immer, wenn in einem kerngesunden Dorf nach und nach immer mehr Leute an Krebs sterben.

Eine findige Entsorgungs-Einrichtung ist der Postkonkurrent GPS: Jeder Andenkenladen verkauft GPS-Briefmarken. Irgendwann liest der Tourist im Kleingedruckten, dass die roten Postkästen die GPS-Post nicht transportieren, aber gelbe GPS-Briefkästen gibt es so gut wie nirgends.

Es gibt eine ganz klare Linie, wie man sich im Verkehr verhält. Wenn sich jemand vor einen anderen geschoben hat, hat er gewonnen. Egal, ob Vorfahrt oder Spurwechsel: Vorne ist meins und hinten ist seins. Wie rieselnder Sand. Aber immer Lücken lassen für die Vespen!

Arabischer Frühling:
Tunesien im Winter 2018

Keine Jecken an Bord. Die Hälfte sind Tunesier, und ob die am kommenden Aschermittwoch einen Kater haben, bezweifle ich. Wir sind mit TunisAir auf dem Weg von Hamburg nach Monastir, und die andere Hälfte sind Norddeutsche. Es wird also auf keinen Fall lustig.

Und es sind wohl viele Rentner wie wir, mit der festen Absicht, sich für wenig Geld den Bauch voll zu schlagen und bei 15 Grad den lieben Gott eine gute Frau sein zu lassen. Zweimal hat Bine bereits diese Halbpensions-Reiseveranstaltung in Sousse mitgemacht, zweimal bin ich daheim geblieben. Schließlich habe ich zugesagt, weil wir eigentlich zu viert reisen wollten und weil ich eine orientalische Seele habe. Aber dazu später vielleicht mehr.

Im Februar im Sonnenschein draußen sitzen, auch wenn‘s nur arabischer Frühling ist und kein Sommer, dafür verkauft man seine Seele. Wir reisen in ein Land, aus dem andere flüchten. Wir reisen in ein Land, das zwar vor ein paar Jahren seinen Diktator gestürzt hat, in dem sich aber seitdem trotzdem nicht viel verändert hat. Ich maße mir jetzt besser kein Urteil an, aber in den Büchern, die ich gelesen habe, ist sehr viel von tief verwurzelter Korruption und einer alles erdrückenden Staatsangestelltenfamilie die Rede. Bevölkerungswachstum schafft zudem viel Verelendung. Und dann ist da der Islam, an den Menschen glauben, die zwischen Westeuropa und Taliban schwanken.

Unser Hotel liegt nicht weit von dem Ort entfernt, an dem vor drei Jahren ein Islamist mit der Maschinenpistole viele Touristen getötet hat. Es ist also statistisch gesehen in keinem Falle damit zu rechnen, dass das hier wieder geschieht. Ich habe auch nicht vor, einschlägige touristische Sehenswürdigkeiten aufzusuchen, ich will die Knochenbrüche von meinem Leitersturz kurieren und gern etwas über die Menschen in Sousse erfahren.

Reisen war nie einfach. Auch wenn wir heute am frühen Nachmittag in die S-Bahn gestiegen sind und nun gegen Abend über dem Mittelmeer düsen, es bleibt immer die Frage, ob die Reise vertretbar ist. In Ländern mit großer Armut fühle ich mich unwohl, gleichzeitig trage ich zum Einkommen bei. In Ländern mit einer völlig anderen Kultur, in Dunkeldeutschland zum Beispiel, muss man sich ein wenig zurücknehmen. Also, wo eigentlich nicht?

Angeblich wird man in Tunesien oft angesprochen, teils, um Geschäfte einzuleiten, teils aber auch, weil man kontaktfreudig ist. Ich werde mich Gesprächen nicht verweigern, aber meine Erfahrungen mit Dunkeldeutschland sagen mir, dass man besser nicht als Besserwessi auftritt. Und schon gar nicht werde ich sagen, dass nichts und niemand da oben einem helfen kann, außer der Feuerwehr.

Wir werden also in einer Stunde in der Schlange vor den Zollbeamten stehen und dann von unserem Reiseveranstalter in den Bus von Monastir nach Sousse gesetzt. Ich rechne mit Zimmerbezug noch vor Mitternacht. Wir müssen unseren Tagesablauf erheblich ändern. Meist liegen wir zur Tagesschau im Bett, stehen aber auch um sechs wieder auf. Ab spätem Mittag essen wir kaum noch etwas, nun haben wir Halbpension mit Buffet am Abend.

Wollen wir es vielleicht einfach ausfallen lassen, das Abendessen? Mir wär‘s recht. Ich würde mich am liebsten mittags zum Falafel mit Hummus in die Medina setzen und beschreiben, was ich erlebt habe. Also Morgengymnastik und Poolschwimmen, drei Spiegeleier auf Toast und vier Kaffee, eine Stunde auf dem Balkon sitzen, 100 Seiten lesen. Ich weiß es einfach nicht, was das für eine Reise werden wird.

Ein Herz für Inder

Da ich noch nichts erlebt habe, schreibe ich jetzt doch etwas über meine orientalische Seele. Ich habe ein Herz für den Islam, wo er radikal für soziale Gleichheit eintritt und wo er die Familie hoch hält. Henry würde jetzt dazwischen grätschen: „Die sind doch 500 Jahre zurück und werden auch in 100 Jahren nicht weiter sein“. Das ist sicher richtig, aber ich sage den Yanomami-Indianern am Amazonas doch auch nicht: „Gebt den Urwald frei, wir brauchen Sojaöl“.

Nach wie vor halte ich das Kopftuch für ein antiimperialistisches Statement, zumindest für eine romantische politische Mode. Muslime fühlen sich als Opfer der Moderne und krallen sich an den Koran und damit an ihre Vergangenheit. Sie glauben in der Mehrzahl, dass die Emanzipation der Frau eine laizistische Verschwörung ihrer korrupten Eliten und der Amis ist. Deswegen wollen viele nach Europa. Ach, ich weiß, die Welt passt nicht zusammen.

Sousse mousse

Nun also unser erster Tag in Sousse. Die Sonne ist um sieben aufgegangen. Ab neun kann man auf dem Balkon Platz nehmen. Gott sei Dank (oder sollte ich sagen: „Der Feuerwehr sei Dank“?) ist unser Zimmer geheizt, denn nachts wird es lausekalt. Theoretisch könnten wir im Sole-Thermalbad mit Hamam und Fitnessraum entspannen, sehen wir auf unserem Rundgang nach dem Frühstück.

Unsere Miturlauber sind erstaunlicherweise in der Mehrzahl Afrikaner oder Araber. Nach einem netten Plausch mit der Reiseleitung machen wir uns auf den einstündigen Weg ins Zentrum. Auf halbem Wege, auf der Terrasse des Luxushotels Möwenpick, in dem Bine früher einmal logiert hat, trinken wir ein Glas tunesischen Wein und rauchen einen Cigarrillo. Der Kellner spendiert Mandeln und Käsebonbons.

Dann spazieren wir durch die Seitengassen des Strandboulevards und bewundern eine interessante Mischung aus frisch geweißelten oder hübsch abgeblätterten Betonfassaden, Bauruinen, Baulücken und anheimelnder orientalischer Bebauung. Es ist der Sonntag vor Rosenmontag, und je näher wir der Medina kommen, desto mehr fühle ich mich wie im Film. Sind das Gesichter aus Italowestern? Oder ist das der Aufmarsch zu „Tunesien sucht den Superstar?“

Gespräche mit Einheimischen laufen ab wie in der einschlägigen Reiseliteratur beschrieben: „Hallo, seid Ihr aus dem Jaz Tour Khalef?“ „Ja“ „Ich bin euer Koch. Geht Ihr Shopping?“ „Nein“ „Dort  drüben kann man gut einkaufen!“ „Wir wollen nicht einkaufen“ „Einen schönen Tag noch!“ Alles andere, was ich gesagt habe, habe ich mangels Resonanz wieder vergessen, denn der Mann war ja gar nicht aus unserem Hotel und wollte uns nur zum Kauf ankobern.

Die Bedienung in einer Bar: „Where you‘re from?“ „Germany“ „Oh, good football, Bayern, Borussia...“ „Äh, Hamburger SV“. Verständnisloses Grinsen. Bine kennt einen großen Supermarkt und wir kaufen Wein und Bier. Dann nehmen wir ein Taxi zurück und sparen uns die Medina für morgen auf. Wir haben achttausend verschiedene Bordsteinhöhen und Plattenverschiebungen überlebt. Immerhin fehlen keine Sieldeckel wie in Mittelamerika.

Das war‘s für heute. Genauso langweilig entspannt wie erwartet. Der erste Tag auf Reisen ist immer wie auf Koks. Jetzt muss man das nur noch 13 Tage wiederholen und nicht den Spaß verlieren.

Ecce homo

Der Rosenmontag fängt bedeckt an. Jetzt könnten wir uns Mainz wie es singt und lacht im Satellitenfernsehen ansehen, aber wir entscheiden uns für etwas rhythmische Bewegung mit den Stones auf Youtube. Hätte ich doch nur einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher. Nach dem Frühstück laufen wir zwei Berliner Rentnerinnen über den Weg, die auf dem Weg zur Seniorengymnastik sind.

„Voilà un homme“ begrüßen mich zwei Französinnen („Sieh an, ein Mensch!“). Nein, es macht mir nichts oder nur sehr wenig oder vielleicht nur ein bißchen was aus, dass die Achtzigjährigen gelenkiger sind als ich. Unsere junge, hübsche tunesische Animateurin verlangt mir alles ab, aber danach fühle ich mich reif für ein Pfeifchen auf dem Balkon. Die Sonne ist durchgekommen. Es fühlt sich saugut an.

Ich lade mir eine Tunesien-Landkarte auf mein Smartphone. Die phänomenale kostenlose Navigations-App HERE führt mich durch die ganze Welt. Ich kann an jedem Ort sehen, wo ich mich befinde, markante Gebäude werden dreidimensional abgebildet und auch meine Laufrichtung wird angezeigt. Und das, obwohl ich den Mobiltelefonempfang abgestellt habe und das Smartphone nur als Kamera benutze.

Eiszeit in Deutschland

Es sind die Tage der deutschen Regierungsbildung mit der Demontage von Schulz und Gabriel. Wer hätte sich träumen lassen, dass eine einstmalig großartige Partei so abwirtschaftet. Die dänischen Sozialdemokraten verlangen Deportiertenlager in Nordafrika für alle Asylbeantragenden in Dänemark. Da muss man wohl hin, wenn man Stimmen sammeln will.

Aber halten wir noch einmal fest: Die Amerikaner haben den Irak in die Luft gejagt und damit den mittleren Osten zur Implosion gebracht. Die Idee dahinter war, dass ganz viel Muslime sich umbringen, damit der übrig gebliebene Rest in hundert Jahren reumütig befriedet ein investitionsfreundliches Klima für zukünftige Marshallpläne schafft.

Danach sieht es hier nicht aus. Angeblich hat der IWF Kredite an Tunesien unter der Prämisse von Privatierungen vergeben und die oberen 300 haben sich Filets wie die Internetwirtschaft verschafft. Nun investiert niemand mehr, weil es sich die kleptokratischen Machthaber nachher sowieso unter den Nagel reißen.

Die tunesische Revolution 2011 war erstaunlich, aber die politischen Freiheiten haben das Land nicht über Nacht reich gemacht. Da der zuvor unterdrückte politische Islam erst einmal die Mehrheit im Parlament gestellt hat, bleibt es bei Staatswirtschaft und Subventionen. Der jährliche Pro-Kopf-Verdienst liegt bei 3.700 US-Dollar. Die Jugendarbeitslosigkeit bei 20 Prozent. Man sieht eine gut und stylig gekleidete Mittelschicht und viele bitterarme Seelen. Anfang dieses Jahres kam es wegen einer Mehrwertsteuererhöhung und gestiegenen Preisen zu heftigen Protesten.

 

Farbenfreudige Monotonie

Nun sitzen wir am westlichen Rand der Medina von Sousse auf dem Dach. Die von einer Mauer umgebene Altstadt beinhaltet weit mehr als 1001 Kramladen. Erst drängen sich hunderte Souvenirhändler in engen Gassen, dann wird das Angebot profaner und damit interessanter, denn es richtet sich an Einwohner. Einige Markthallen und Cafes lockern die farbenreiche Monotonie etwas auf.

Wir sind erst nach Süden, dann wieder zurück und dann nach Westen spaziert und haben die Souks hinter uns gelassen, nun speisen wir Couscous auf dem Dach eines kleinen Restaurants. Wir sind die einzigen Gäste. Erst sind wir an dem Bine bereits bekannten Lokal vorbeimarschiert, dann öffnete die Inhaberin ihre Tür und ihr Mann unterbrach sein Kartenspiel, um uns auf die Dachterrasse zu locken. Man merkt nicht nur hier, dass der Tourismussektor schwere Not leidet.

Gleich am Anfang der Medina wollte Bine sich eine große lederne Reisetasche kaufen. Der Händler war begeistert, ich gebe zu bedenken, dass sie die nun den ganzen Weg mit sich herum tragen müsste. Weil sie sich nicht umstimmen lässt, werde ich ärgerlich. Hier hat doch der Mann mit zu bestimmen. Da bekommt der Händler den Moralischen: Er würde gleich zu Mittag schliessen und hätte noch nichts eingenommen. Er müsste doch auf dem Weg nachhause etwas zu essen kaufen! Er verringert den Preis noch einmal von 25 auf 15 Euro. Ich setze mich wütend in ein nahegelegenes Cafe, ehe Bine den Kauf abschliesst. Es gibt zwei Erkenntnisse: Mit dieser Masche handeln wir jeden bis auf das Hemd herunter. Und wenn der Händler nicht gelogen hat, geht es ihm dreckig. Ich möchte ihm am liebsten zehn Euro zurückbringen.

Winter in Afrika

Die Nordafrikaner oder Araber haben unser Hotel offenbar nur am Wochenende besucht. Gleich am Montag waren sie fort, und es kamen vielleicht 50 Europäer zum Frühstück, während das Hotel 350 Gäste beherbergen könnte. Aber es ist auch Februar, die Außenpools sind unbeheizt und am Strand weht eine steife Brise.

Es gibt ein kleines, fast unbenutztes kreisrundes Sole-Thermalbad mit 32 Grad, und eine halbe Stunde nach dem Senioren-Workout in der Hotelhalle ist hier Aquagymnastik zu viert. Diesmal macht es der große bärtige Animateur anstelle der grazilen Vorturnerin vom Vortage. Ein Bademeister beobachtet und schmunzelt. Der Animateur ist ein Macho, er klatscht in die Hände, brüllt Befehle, pfeift ab und an scharf und er gibt uns das Gefühl, wir sind arme alte rosa Schweinchen.

Heute ist wirklich Winter in Nordafrika. Wenn die Sonne fort ist, pfeift einem der Wind am Strand die Ohren weg. Ich frage einen Angler, was er fangen will und vergesse gleich wieder, was er gesagt hat. Er fragt mich, wo ich herkomme, ich sage: Allemand. Er hält mir zwei Euro fünfzig hin und fragt, wieviel das wert sei. Ich sage: Sechs Dinar. Er will es mir schenken, weil er die Münzen nicht gewechselt bekommt, und ich reiche ihm sieben Dinar. Doch nun zeigt er in mein Portemonnaie und will plötzlich noch mehr Euromünzen von mir. Ein Hütchenspieltrick? Das finde ich nicht nett und gehe weiter.

Wir trinken gewürzten Tee im Möwenpick auf halbem Wege zur Medina und futtern Käse- und Schokokuchen, aber wir haben noch ein All-you-can-eat-date im Jaz Tour Khalef. Eigentlich ist uns einmal pro Woche ein tunesisches Menü im Restaurant L‘Oliveraie versprochen, aber wir wären dort die einzigen Gäste, beklagte der Oberkellner gestern. Er versprach uns Mazza und Couscous und einen Chateau Mornaq. Unser Tisch ist mit Blüten bestreut, und wir bekommen nach der marokkanischen Suppe aus Linsen und Kichererbsen einen Lammcouscous für acht Personen serviert. Da wir zwei Drittel zurück gehen lassen, bleibt Platz für zwei, drei klitzekleine Kügelchen Eis mit Espresso. Es ist ja auch eigentlich Selbstbedienung.

 

Mocca auf dem Museum

Auch am Aschermittwoch macht das Wetter Kehraus. Das hatte mir bereits mein Handy angezeigt, also planen wir nach der Morgengymnastik Museumsbesuche in der Medina. Zuerst die römischen Mosaiken, dann ein altes vogelwild gekacheltes Haremshaus und schließlich eine ehemalige französische Karawanserei mit nostalgischen Puppenarrangements.

Wir sind fast immer die einzigen. Im Haremshaus gibt es eine Dachterrasse, und die etwa 50-jährige warm und blickdicht angezogene Museumskassiererin bringt uns einen herrlichen arabischen Mocca mit Keksen. Das sind die kleinen Momente. Auch wenn es laut Wetterbericht jetzt sein könnte, dass wir mit Zitronen gehandelt haben. Dass bis zur nächsten Woche die Sonne nicht mehr erscheint und wir bei 10 Grad Wärmegewinn die nächsten Tage im Hotel verbringen.

Aber deswegen bin ich ja eigentlich hier. Längere Transfers nach Tunis oder Kairouan stehe ich nach meinem Beckenbruch noch gar nicht durch. Doch ein paar tägliche Stunden Wärme wären schon schön. Also gehen wir gleich nach der Rückkehr ins Hotel ins Solebad. Wir haben unsere Schwimm-Mp3-Player dabei und erregen damit kaum Aufmerksamkeit, außer beim Bademeister, der prompt nachfragt, aber jemand anders ist anfangs auch gar nicht da.

Im Solebad schwimmt man immer oben, wie im Toten Meer. Wenn man auf dem Rücken liegt und Jumpin Jack Flash hört, kühlen die Körperteile, die aus dem Wasser ragen, aus. Wenn man kopfüber liegt, kriegt man keine Luft und muss nach zwei fetzigen Love her madly-Doors-Minuten wieder auftauchen. Schon, damit einen der Bademeister nicht für tot hält. Da: Eine Muslima mit Kind steigt im Ganzkörperkondom in die Fluten. Irgendwann kommen die Gehbehinderten und bezahlen für die Wassersprudler, erklärt uns Elly, die Berliner Seniorengymnastik-Bekanntschaft, warum auf einmal alles um uns herum brodelt.


Zeit zum Schlafen, während Bine ihr geliebtes RTL-Radau-Fernsehen guckt. Dann schlendern wir zum Buffet, wo uns die Kellner wie alte Bekannte grüßen und ich mir einen leckeren halbvegetarischen Teller fülle: nur 50 Prozent Fleisch ist doch ein ethisch vertretbarer Wert. Danach trollen wir uns ins Bett, denn nun kommt die Kür: Ronaldo, Marcelo und Benzema spielen Champions League-Achtelfinale gegen Neymar, Cavani und Mbappé. Was für ein schöner Tag!

 

Ceterum censeo

Am Donnerstag das Gleiche, nur mit mehr Routine: Drei Eier auf Käsetoast, Café au lait, Säfte und Früchte. Ich mache die Seniorengymnastik mit, während Bine mit Elly shoppen geht. Anschließend spaddle ich eine gute halbe Stunde mit Booker T. im Ohr in der Salzlauge. Dann geht’s zum Heilfasten aufs Zimmer.

Grauer Himmel, 15 Grad. Ich blicke hinaus auf den Golf von Hammamet. Das Mittelmeer hat viel gesehen: Im achten Jahrhundert vor Christi besiedelten die Phönizier von der Levante aus Nordafrikas Küsten. „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“ wiederholte der Trump Roms, Cato, so lange, bis das Imperium vom Tiber im dritten Punischen Krieg 146 vor Christi die von hier 200 Kilometer entfernte Stadt restlos zerstörte. Das war aber in alten Zeiten normal, das benachbarte Hadrumetum, heute Sousse, war möglicherweise sogar hoch erfreut. Nordafrika wurde als Lebensmittel-Lieferant für Rom steinreich und stellte um 200 nach Christi mit Septimius Severus erstmals einen Kaiser. Ab dem fünften Jahrhundert hausten hier die Vandalen, ab 533 herrschte Byzanz, ab 639 kamen die Araber.

Und das vergessen wir ihnen nie. Sie waren bis zum Fall Konstantinopels 1453 die Fortschrittlicheren und die Smarteren, die Mächtigsten und die Erfolgreichsten. Genauso wie die Zerstörung Karthagos markiert die Eroberung Konstantinopels den Höhepunkt eines Imperiums, des Römischen wie des Osmanischen. Von nun an gings bergab. Im 19. Jahrhundert kolonialisierten Engländer, Franzosen und Italiener Nordafrika.

 

Das Eppendorf von Sousse

Gestern war zum Valentinstag geschmückt, und unser Hotel ist wieder gut gefüllt mit Arabern oder Nordafrikanern. Sie lassen sich einen von Amerikanern vermarkteten christlichen Feiertag gefallen, das wundert mich. Ich hätte die roten Luftballons zerschossen. Aber ich bin für Wandel durch Annäherung. Es gibt sowieso keine Alternative zum Leben in Saus und Braus. Jeder will das, egal ob Muslimbruder oder Rotgardist. Was die Leute verärgert, ist, dass es nicht voran geht mit der Konsumgesellschaft für alle. Und was sie nicht begreifen, ist, dass man dazu Investitionen braucht, und das Finanzkapital ist nun mal gottlos. Schrecklich gottlos.

Heute nachmittag, am fünften Tag, machen wir den zweiten Spaziergang durch die Umgebung. Unser Hotel ist eins von zahlreichen Riesenblockobjekten, die sich entlang der Küste die Strandgrundstücke teilen. Das geht so: Ein geschlossenes Haus, ein Skelett, ein vermülltes Stück Wüste, ein Objekt im Bau, ein Hotel mit vier oder fünf Sternen usw.

Die Hotelzufahrten sind aus Sicherheitsgründen mit einem dünnen Rollgitter versehen, zwei, drei Männer gucken nachlässig mit einem Spiegel unter die Autos und in die Kofferräume. Im Hotel wird zwar jede Tasche gescannt, aber der stets piepende Metalldetektor, durch den wir gehen müssen, ist kein Grund, uns weiter zu untersuchen.

Auf den Straßen befinden sich etliche Polizeisperren, aber nirgendwo, habe ich den Eindruck, könnte ein Tanklaster oder ein Attentäter wirklich aufgehalten werden. Wie denn? Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Manchester, Barcelona, Hamburg waren jüngst auch Terrorziele. „Nur“ drei islamistische Anschläge gab es 2002 und 2015 in Tunesien: Djerba, Tunis und Sousse.

Trump wäre sicher dafür, alle Touristen mit Schnellfeuergewehren auszurüsten. Ich denke, es ist an der Zeit, sich an den asymmetrischen Krieg, den die Amerikaner angefacht haben, zu gewöhnen und die Wahrscheinlichkeit häuslicher Unfälle einmal dazu ins Verhältnis zu setzen. Das Absinken der jährlichen Ankünfte aus Deutschland von 460.000 auf 130.000 ist extrem traurig, weil es die Zahl der nutzlos herumlungernden Jugendlichen erhöht.

Wir finden einen gut sortierten Supermarkt und ein recht edles Café, in dem gerade eine Fußballübertragung läuft. Der örtliche Wetterbericht in der Halbzeitpause zeigt für morgen 26 Grad und Sonnenschein an. Leider sind Sender und Spiel in Quatar auf der arabischen Halbinsel angesiedelt.

Auf dem Rückweg nutze ich meine Navigations-App, um durch Seitenstraßen zu gehen. Bingo! Wir sind anscheinend im Eppendorf von Sousse unterwegs. In der Avenue du Palmier ist richtig was los, in den Seitengassen stehen schöne Villengrundstücke. Die Bauten sind Mischungen aus Bauhaus und Art Deco, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright, mit maurischem Barock aus 1001 Nacht.

Dazwischen wieder die aus dem südlichen Europa bekannten halbfertigen Bauten, entweder unten fertig und oben offen oder umgekehrt. Fast wieder zurückgekehrt, erleben wir an der Hauptstraße, wie eine Herde Schafe und Ziegen durch ein heruntergekommenes Wohnviertel und über die Brachen getrieben wird. Rush hour in Sousse. In einem weiteren netten Café trinken wir einen Thé minthe und verzichten dann erstmals auf das Abendbuffet im Hotel. Es war ein schöner, grauer Tag

Monastir

„Well, I've been down so Goddamn long, that it looks like up to me“ singt Jim Morrison den Blues auf meinem wasserdichten Mp3-Player, als ich am Sonntagmorgen zur Aquagymnastik meine herunter gekommene Muskulatur dehne. Renaissance wird das bei mir auch nicht mehr, eher klassisches Altertum mit überraschenden Ausgrabungen. Tatsächlich fühlt sich das animierte Rentnerdasein hier im Low budget-Frühling trotz des fünften grauen Tages in Folge recht gut an.

Gestern haben wir uns ein Taxi genommen und sind nach Monastir gefahren. Fast der gesamte öffentliche Nahverkehr basiert auf den gelben Kleinwagen, die für eine Fahrt von vier Kilometern ins Zentrum nur zwei Dinar verlangen: umgerechnet 65 Cent. Beim ersten Mal hatte Bine noch 20 Dinar auf der Uhr gesehen (2,000 D) und sich gewundert, warum der Fahrer ihr zehn zurückgab. Für die 30 Kilometer nach Monastir verlangt der Fahrer 30 Dinar, zehn Euro, und das ist es uns Wert. Wir lassen uns am Bahnhof absetzen, um die Rückfahrt per Bahn zu planen. Man könnte auch ein Louage-Taxi nehmen, es fährt los, wenn es voll ist.

In Monastirs Medina das gleiche monomorphe Angebot. Es kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, einen von 1001 Shops voller Textilien und Taschen zu betreiben? Aber es gibt nur zu 32 Prozent Beschäftigung im Industriesektor. Immerhin noch 18 Prozent der Tunesier arbeiten in der Landwirtschaft, in Europa drei von hundert.

Als wir das Museum der Ribatfestung betreten, werden wir sofort von einem stämmigen alten Herrn gekapert, der keinen Widerspruch duldet. Aber er macht es gut, ihm fehlen zwar sämtliche Jahreszahlen, aber er kennt die überraschenden Details der Festung, in der sich seit dem achten Jahrhundert Araber und Osmanen verschanzten, und er nimmt mit meiner Handykamera witzige Aufnahmen von uns beiden auf.

Bine kennt die Strandpromenade, und dort gibt es ein paar herunter gekommene Restaurants. Vielleicht sieht das ganze ab Mai hier anders aus. Aber langsam fangen der Dreck und der Verfall an, mich zu nerven. Ich muss mir immer wieder sagen, es ist Februar, es ist ein grauer, kühler Tag, du bist völlig außer Form, du bist in Nordafrika für lau, was erwartest du eigentlich?

Mittendrin finden wir dann auf einmal wieder ein schickes Strandcafé mit modisch gekleideten jungen Leuten und einer bunten Speisekarte. Wir teilen uns eine wunderbar frisch gebratene Dorade. Eine freundliche Putzfrau verteilt derweil den Schmutz unter den Tischen, die Technik ist mir aus Pakistan bekannt, einfach den Lappen wenden und immer weiter wischen. Dafür sieht die eigentlich modern gestaltete Toilette geradezu übel aus, denn jedes tunesische Klo hat einen Bidetschlauch. Ob sie sich damit die Zähne putzen, oder warum schwimmt alles?

Unsere Vorortbahn fährt alle halbe Stunde. Sie verkehrt an der Küste zwischen Mahdia und Sousse und kostet einen Dinar (35 Cent). Sie hält am Flughafen und am Salzsee, zuckelt dann durch die Vororte. Viele Grundstücke liegen unbewirtschaftet, der Bahndamm und die Brachen sind voller Abfall, manchmal mit mehr Müll als Erde. In einigen Olivenplantagen weiden Schafe und Ziege, jeder Hirt hat höchstens ein Dutzend Tiere.

Port El Kantaoui

Das Wetter entwickelt sich wie ein Strickstrumpf: Ein‘ links, ein‘ rechts, ein‘ fallen lassen… In der Mitte der zweiten Woche fahren wir zum zehn Kilometer entfernten Retorten-Seebad Port El Kantaoui. Rund um das Möchtegern-St. Tropez mit ein paar tatsächlich recht großen Yachten stehen tausende mediterraner Einheits-Villen und ein paar Fünf-Sterne-Strandhotels. Hier fand das letzte Attentat vor drei Jahren statt. Im Juni, im Februar ist natürlich kaum ein Islamist da.

Wir trinken einen Saft im Sonnenschein, aber bleiben wollen wir hier nicht. Spontan entscheiden wir uns für das beste Restaurant von Sousse, das L‘Escargot. Um es spannend zu machen, lasse ich den Taxifahrer nur bis zum Riad Palms Hotel fahren, dann suchen wir die Avenue Taib Mehiri mit der App, denn laut Google sollen die Schnecken hier schmurgeln.

Das L‘Escargot überzeugt mit seinem dark-age-grottigen Rustikalfake, will in allem wie ein französisches Feinschmeckerrestaurant wirken. Binchen bekommt ein mit Kaugummikäse belegtes Seezungenfilet, ich fünf gegrillte Garnelen an Weichgemüse. Das eigentliche Vergnügen sind die vorher gereichten frischen Baguettes mit Knoblauchbutter, Harissa, marinierte Kartoffel- und Schalottenwürfel, Paprikapüree und herrliche grüne Oliven. Und der 2011er Jour et Nuit-Mornaq rouge, aus tunesischem Shiraz und Cabernet Sauvignon. Zwei halbe Flaschen müssen dran glauben, das Abendbuffet auch.

Am Donnerstag ist wieder landunter: Dicke Pfützen im Innenhof. Trotzdem können wir den Vormittag im Sonnenschein auf dem Balkon mit Meeresblick verbringen. Nachdem wir uns erneut ins „Eppendorf“ von Sousse aufgemacht haben, beginnt es zu regnen. Wir besorgen süße Teilchen vom Straßenrand und setzen uns zum 20-Cent-Kaffee an einen Kreisverkehr.

Dann klappt Bine die Segel ein und macht sich mit dem Taxi auf zum Hotelbett. Ich dagegen spaziere mit der Navi-App und der Schöffeljacke durch den strömenden Regen. Ich mag diese vielfältige Architektur! Es mag zwar Behörden ohne Ende geben, ums Bauwesen kümmern sie sich wohl eher nicht. Oder sie machen gegen Bakschisch die Augen zu.

Es scheint nur Privatinitiative einzelner Geldbesitzer zu geben, schließe ich aus diesem Teil der 200.000-Einwohner-Stadt, den ich abwandere. Die Bürgersteige sind sicherlich Sache des Hausbesitzers, deswegen sind sie alle drei Meter niveauverändert oder einfach weg. Dann parken wieder Autos alles zu, obwohl die Straße frei wäre, oder man pflanzt einen Meter hohe Bäumchen, vor denen man auf die Straße ausweichen muss.

Und mittlerweile ist alles voller Pfützen, ich muss also aufpassen, dass nicht ein gerade passierendes Fahrzeug mich mit Schlamm vollspritzt. Aber manches Haus hier ist ein Kleinod, stimmig in Mauer und Gittern, Büschen und Bäumen, Balkonen und Traufen, Farben und Formen. Und selbst die vielen in Bau befindlichen oder belassenen sind spannend, überraschend strukturiert, und sie bieten interessante Einblicke in die verschiedenen Phasen von Betonguss, Tonstein-Vermauerung, Mörtelbewurf und Fassadenverputz.

Doch um die Arbeitssicherheit ist es schlecht bestellt. Ich habe Männer im dritten Stock auf losen Latten stehen oder in zehn Meter Höhe am Rand der Betonplatte Hohlsteine vermörteln sehen, doch das absolute No-go war der Maler in unserer Thermalsole: Er arbeitet unter der Decke auf einer einspurigen, lediglich angelehnten Drei-Meter-Leiter. Das weiß doch jedes Kind, dass das abrutschen kann!

Allah akbar

Marhaba, hier spricht Ahmed. Ich habe diesen Computer übernommen. Seit Tagen bin ich diesem komischen alten Mann gefolgt. Nun habe ich mir Zutritt zu seinem Hotelzimmer verschafft, aber er hat alle Wertsachen im Safe eingeschlossen. Dafür hat er seinen PC angelassen. Was schreibt dieser Imperialistenknecht?

Gestern habe ich ihn auf der Strandpromenade angesprochen, ich habe gesagt, dass ich Kellner in seinem Hotel bin. Er hat wohl bei diesem STERN-Journalisten im Reisebuch Tunesien gelesen, wie man darauf reagieren soll: „Ahmed, ich habe dir 100 Dinar geliehen, wann bekomme ich sie wieder?“ hat er gesagt.

Dieser verwöhnte alte Sack hat in seinem Leben nie gehungert, der beschwert sich über Schmutz in unseren Straßen. Und nun lese ich, dass er nicht an Allah glaubt, dafür aber an die Feuerwehr. Was für ein Idiot ist das denn? Ist der von einer angelehnten Leiter gefallen, und die Feuerwehr hat ihn gerettet? Das ist bestimmt nicht sein Kismet gewesen, der war einfach zu blöd!

12.30 Uhr. Der Müezzin ruft. Ich höre ihn aus der Stadt bis hier her. Wo liegt Mekka? Die Sonne ist wieder hinter Wolken verschwunden. „Gott ist groß und Mohammed ist sein Prophet“. Ja, ich spüre es tief in mir, der gute alte Mo hatte den Größten. Wir Moslembrüder wollen doch auch nur die geistig-moralische Wende.

Was liegt denn hier rum? Geschichte Nordafrikas, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr. Ist der alte Mann etwa ein Spion? 25 Autoren berichten, die Hälfte Offiziere, die Hälfte Historiker. Tunesien wurde 1881 von Frankreich annektiert, weil es seine Schulden nicht bezahlen konnte. Das ist ja wie heute mit Griechenland, doch halt, Griechenland ist ja bereits annektiert.

Was ist, Ihr Ungläubigen? Das ist ein literarischer Perspektivwechsel, würde euer Marcel Reich-Ranicki gesagt haben. Und beileibe kein Gelungener. Ich werde den alten Mann entsorgen und an seiner Stelle nach Deutschland einreisen. Da soll es sehr schön sein, sehr sauber, Frauen zeigen sich mit allen ihren Reizen, besonders die Dicken, und die Steaks sind nicht so zäh.

Jetzt habe ich aber genug! Hier spricht Marcel Reich Ranicki. Eure Literatur-Feuerwehr von ganz, ganz oben. Schmarrn! Erbärmlich! Diese „Erzählung“ krankt an allem. Der Mann hat nichts erlebt. Er steckt voller Vorurteile. Er hat sich kaum mit Tunesiern unterhalten. Er hockt zwei Wochen in seinem Hotelzimmer und tut nichts, außer sich mit Animateuren zu stretchen und Teller vom Buffet holen. Und das Schlimmste: Er hofft, dass das jemanden interessieren könnte. Lasst ihn schnell wieder in sein gutbürgerliches Leben zurückkehren!

 

Was mir an Tunesien aufgefallen ist:

Geflügel ist immer zart und lecker, Rindfleisch nur was für Leute mit enormen Kaumuskeln. Fisch könnte, muss aber nicht sein. Gemüse ist oft doppelt so groß wie in Deutschland. Unappetitlich.

Unser Hotel Jaz Tour Khalef ist in jeder Hinsicht empfehlenswert: Freundlich, sauber, modern, charmant, familiär, fürsorglich, optisch angenehm. Wenig Deutsche.

Der Verkehr ist relativ ruhig, da nahezu ausnahmslos alle Autofahrer sich auf ihr Telefon konzentrieren müssen. Und da es keine Ampeln gibt, sondern nur Kreisverkehre, fließt man gemächlich dahin.

Jetzt endlich ist mir der Sinn des deutsche Flaschenpfandes klar: Vor allem Plastikflaschen und -tüten liegen wirklich überall rum. Ein Pfandsystem für Afrika ist meines Erachtens noch niemals vorgeschlagen worden.

Der Februar ist die Resterampe: Man sieht es auf der Rücktour mit dem Hotelshuttle. Manche können sich kaum auf den Beinen halten. Andere, rüstig, aber deutlich vom Alkohol gezeichnet, verabschieden sich innig von ihren 16-jährigen Lovern. Die letzten Tage hatte ich von der Dauergymnastik Rücken. Ich meine richtig Rücken...

Aber der Winter in Tunesien ist auch eine patente Vorstufe zum Seniorenheim. Die meisten Rentnerinnen hier haben ihre Männer bereits zu Grabe getragen und treffen sich mit ihren Freundinnen über mehrere Monate zum Sonnenbad. Im GroKoalitionsvertrag steht deswegen, dass ab 2025 die Renten sinken.

Madrid im Mai

 

Worin der geneigte Leser erfährt, wofür Fallschirm- tüten an der Plaza Major gebraucht werden, warum Pata Negra auch keine Lösung ist, weshalb ich nicht als Flitterfigur arbeiten möchte, was ich von den drei Museen und den drei M halte, wo es Foltermaschinen und Rinder- schnauzen zu sehen gibt und wie man den Sommer in Spanien am besten aushält...


Velasquez, Franco und Almodovar haben mich auf Madrid vorbereitet. Reiseführer beschreiben zwar Gastronomie, Kirchen und Museen, aber bis auf den Prado oder die Plaza Major konnte ich mir nichts merken. Über Diego Velasquez lernte ich etwas durch Youtube. Wie realistisch seine Porträts waren. Wie dunkel es in Spanien ist. Und wie fertig die Monarchie bereits um 1600. Goya porträtierte rund 200 Jahre später das Sterben der alten Zeit. Aber es dauerte noch bis 1975, dann kam Spanien in der Moderne an, ironischerweise befördert durch seinen König.

Pedro Almodovars oscar-gekrönter Spielfilm „Alles über meine Mutter“, letzte Woche auf arte, beschäftigt sich mit der Transgender-Thematik. Eine Mutter trauert um ihren verstorbenen Siebzehnjährigen, der einst von einem Transvestiten gezeugt wurde. Die Trauernde trifft auf eine Nonne, die vom selben Transvestiten Lolita geschwängert wurde, der mittlerweile Aids hat. Nach dem Kindbett-Tod der Nonne übernimmt sie die Fürsorge und zeigt das Kind Lolita, der so kurz vorm Sterben erstmals erfährt, dass er zweifacher Vater ist. Eine Hure mit Herz und eine alternde lesbische Theaterdiva sind auch dabei, eine traumhaft schöne Geschichte. Oder nicht?

Und dann war da noch die zwei Jahre alte „damals“-Geschichtsillustrierte, die ich neulich in der Bücherhalle geschenkt bekam. Titelthema: Spanischer Bürgerkrieg. Achim würde jetzt sagen: Darüber weiß man doch alles. Das hat man doch in der Schule gelernt. Oder im Geschichtsstudium. Achim weiß ja auch noch alles. Ich vergesse viel, und so lernte ich durch „damals“, dass immer noch über die Deutung gestritten wird. Wer die größeren Gräuel begangen hat, die Republikaner oder die Falangisten. Ob Franco Spanien willentlich aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten hat oder nicht. Und ob man die mindestens 100.000 Ermordeten nach 80 Jahren wieder ausgraben, ob man überhaupt in dieser Geschichte herumwühlen sollte.

Natürlich muss man das. Spanien hat eine großartige Geschichte. Blutig und brutal. Gold und Silber aus Amerika brachten es an den Rand der Weltherrschaft, aber es hat sein Imperium schnell wieder vergeigt. Ist die Inquisition dran Schuld? Oder die inzüchtige Monarchie? Schlechte Winde oder schwangere Nonnen?

Aber schauen wir uns die spanische Hauptstadt Madrid erst einmal an. Bine und ich treffen uns mit Sybille und Achim morgens um acht in der Boardingzone von Ryan Air. Die gleiche Besetzung wie schon in Provence, Istrien, Bretagne, Marken, Paris, Rom, Bramfeld... Ein eingespieltes Team also. Für sieben Tage haben wir gebucht, ein kleines Airbnb-Apartment wartet auf uns an der Plaza Espana. Somit haben wir jeder nur 230 Euro für Flug und Unterkunft bezahlt, hinzu kommen dann Frühstück, Tapas und Vino, Taxis und Eintritte - weitere 400 Euro zahlt jeder in die Gemeinschaftskasse. Wegen der Beschränkung auf Flugkabinengepäck fällt Souvenirshopping diesmal flach.

Der billigste Vielflieger

Der Steward der 200-Personen-Boeing 727 quasselt sich einen Wolf, um die Passagiere mit Parfüm zu beglücken. Calvin Klein und Paco Rabanne für 20 Euro! Ich habe mir noch nie so etwas gekauft, denn ich rieche auch so gut (Betonung auf so...). Außerdem bin ich verheiratet und treu. Und ich lasse mich nicht gerne vergackeiern. Die durchaus betrügerisch aufgestellte Airline hat uns mit Mails überzogen, doch bitte für vier Euro einen festen Sitzplatz zu buchen, und mich dann automatisch zwanzig Reihen hinter Bine platziert. Als mich meine Nachbarin in Reihe 28 bittet, doch mit ihrem Freund in Reihe zehn zu tauschen, sitze ich auf einmal auf dem Fensterplatz neben Bine. Das Abfüllen der Maschine hat natürlich eine halbe Stunde länger gedauert, weil alle falsch eingestiegen sind und dann durchgetauscht haben.

Die billigste Airline-Cateringmethode, die ich kenne, ist eine leere Wasserflasche, die man im Boardingbereich mit Trinkwasser befüllt, sowie die Mitnahme von Stullen und Obst. So was Kleinkariertes! Aber es macht mir Freude, die Marketingstrategen dieser Welt auszutricksen. Richtig fies finde ich die vertragliche Bestimmung, entweder online einzuchecken oder 50 Euro zu bezahlen. Für den Hinflug klappte das natürlich. Doch der Rückflug kann erst vier Tage vorher gebucht werden, also während der Reise. Was also mit den armen Schweinen, die kein Smartphone haben? Für 100 Mäuse könnte man sich bereits eins kaufen!

Ansonsten ist die Atmosphäre an Bord der Ryan-Air-Boeing entspannt. Erst war die Toilette versperrt, aber meine Erinnerung, dass sie zur Zeit noch kein Geld fürs Pinkeln nehmen, hat mich nicht getäuscht. Nach zwei Stunden fliegen wir über offenem Meer, und mein Offline-GPS auf dem Smartphone beweist mir, dass wir bereits über der Biskaya Bilbao anfliegen. In einer halben Stunde landen wir. Meine Lehne muss ich nicht erst in „upright position“ bringen, denn sie lässt sich gar nicht verstellen. Platz für die Beine ist dennoch genug, und der Kuschelfaktor einem Citytrip mit Bine würdig. Madrid, wir kommen!

Doch dann wendet sich der Jet nach Süden. Werden wir entführt oder landen wir auf einem Billig-Airport und haben es übersehen? Ich kann von oben Toledo erkennen, Autobahntunnel, Flüsse, alles wird mir durch meine Offline-App HERE gedeutet. Wir drehen wohl eine südliche Ehrenrunde, weil wir zu spät dran sind und keine Landeerlaubnis haben. Ein jugendlicher Bekannter ist jüngst auf seinem Flug zu den Philippinen über Sofia und Dubai in Frankfurt-Hahn gestartet und hat erst am Abreisetag erkannt, dass er noch eine Anfahrt dorthin organisieren musste. Es hat aber alles geklappt und auch wir landen gegen 14 Uhr mitten in Madrid.

Ich muss warten, bis alle Passagiere an mir vorbei gezogen sind, denn der Ausgang ist diesmal nur vorne und mein Koffer steht natürlich ganz hinten. Eine Spanierin hinter mir ereifert sich: Ich hätte nicht fotografieren dürfen, das sei gefährlich! „All electronic devices must be switched off“ hätte es doch geheißen. Ich halte dagegen: Dafür gibt es doch den „Flugmodus“, der das Telefon abschaltet. Aber vielleicht hat sie recht und ich habe durch meinen GPS-Gebrauch und das Fotografieren dem nordkoreanischen Geheimdienst ein leichtes Ziel zum Abschuss einer Rakete geboten. Oder gar dem Amerikanischen, der es dann dem Russischen oder dem Iranischen in die Schuhe schiebt. Und wenn die Bordelektronik auf Sinkflug schaltet? Verwirrt und verängstigt verlasse ich als Letzter das Flugzeug.

Gran Via

Wir fahren mit der pinken Metro bis Nuevas Ministerios und steigen dort um in die Blaue nach Plaza Espana. Ich habe gelesen, dass von 14 bis 16 Uhr keine Fahrräder mitgenommen werden dürfen, weil dann die Angestellten zu ihrem Mittagsschlaf fahren. Es ist auch weit und breit kein Bike zu sehen, aber die Metro ist wirklich rappeldickevoll. Die Plaza Espana wird von zwei über 100 Meter hohen Häusern aus der Francozeit umrandet, nicht weit davon, in der Calle Duque de Osuna 6, wartet Javier schon, um uns die Wohnungsschlüssel zu überreichen. Die kompakte Wohnung hat zwei Schlafzimmer, ein Bad und eine kleine, gut ausgestattete Küche, ist aber verkehrsmäßig ruhig zum Hinterhof gelegen und rustikal möbliert. Was hat sie nicht? Hmmm... Einen Ständer für ganze Serranoschinken? Geschenkt!

Die Mädels gehen einkaufen und wir Jungs konfigurieren das WLan. Dann stürzen wir uns gemeinsam in den Freitagabend. Ich habe mir die Gran Via als - halt - Einkaufsstraße vorgestellt. Aber sie ist eine lebendige Theater-, Schinkenmuseums- und Modemeile mit so unendlich kitschigen Art deco-Jugendstil-Barock-Classico-Hochhäusern, dass es eine Art hat. Das ist kein Stil, das ist Pariser und New Yorker Kopie, aber das hat was, und die Madrider Massen branden uns entgegen, als wenn es kein Morgen gibt.

Ich gerate in einen Fotografierrausch und sehe ein Licht, das sich gewaschen hat, fröhliche Menschenmassen mit Gesichtern aus Almodovar-Filmen, iberische Frauen mit rassigen Transvestitengesichtern, grauhaarige Madrilenen mit Zöpfen, staunende Asiaten, rosarote Engländer, ab und an hört man ein deutsches Wort. Ich habe mich vor Jahrzehnten in eine Spanierin verguckt, unendlich unerreichbar, eine Frau aus einer anderen Galaxis, eine Frau, wie es sie in Deutschland in meiner Generation selten gab, eine richtige Frau halt. Almodovar hat recht, die Transgender-Hure, die schwangere Nonne, die lesbische Diva, das maskuline Weib, das muss Madrid sein, aber ich werde es nicht mehr erleben. Und das ist wohl gut so.

Fallschirmhändler

Samstag ist der Tag, an dem mein alter HSV final um den Abstieg spielt. Bis zum Nachmittag erkunden wir die Innenstadt, von der Gran Via zur Plaza del Sol und zur Plaza Major, dann zur Plaza Cibeles und durch das Chuecaviertel zurück. Die Sonne bescheint am Sol ruhige Massenszenen. Dann sperrt ein Polizeiwagen vor uns die Gasse und hupt. Die Polizistin am Steuer ruft etwas in die Menge. Afrikaner stehen mit umgehängten Fallschirmen und betrachten sie.

Dann beginne ich zu verstehen. Die Policia fährt weiter, während die Afrikaner die Fallschirme aufspannen. Darin befinden sich Handtaschen, Sonnenbrillen und anderer Nippes. Mit den Schnüren lässt sich die Verkaufsware schnell wieder zusammenklappen und vor einer Polizeirazzia in Sicherheit bringen. Jetzt sehe ich überall die aufgeschlagenen Gabentische der Flüchtlinge. Seelenruhig stehen die dunkelhäutigen Verkäufer davor und warten auf Kundschaft. Die Polizei hat es offenbar aufgegeben, die Illegalen zu verfolgen und zu verhaften, sie hupt sie nur an.

Als ich am anderen Tag neben einem Fallschirmhändler telefoniere, packt dieser seine sieben Sachen, weil er denkt, ich alarmiere gerade die Justiz. Ich habe gelesen, dass Afrikaner in den südlichen Ländern oft in einer eigenen Gemeinschaft leben, wie in einer religiösen Großfamilie sich gegenseitig unterstützen, frei floatierend mit Touristensouvenirs handeln und keinerlei Rechte in ihrem „Gastland“ haben. Und es kommen jeden Tag Tausende hinzu. „Refugees welcome“ steht auf einem riesigen Spruchband in 50 Meter Höhe an der Plaza Cibeles. Man könnte wahnsinnig werden. Tausende ersaufen und stranden, und keiner weiß, ob das nicht auf Einladung passiert.

Iberico-Küche

Tapas sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Jedenfalls wirkt es immer etwas lieblos, was wir bekommen, und wird vor allem äußerst unfreundlich kredenzt. Kein Trinkgeld ist auch eine Antwort. Allein der Iberico-Schinken soll eine Großverschwörung der spanischen Agrarier sein: 90 Prozent der Pata Negra stamme aus Kreuzungen mit minderwertigen Duroc-Rassen, schreibt die SZ. So schmeckt er auch, kräftig im Geschmack, aber ölig, sehnig und zäh. Man kann keine Straße entlang gehen, ohne mit schwarzfüßigen Hinterbeinen gespickte Museo de Jamon-Tresen zu sehen, das geht auf keine Kuhhaut. Selbst, wenn die Spanier vor ein paar Jahren die chemische Keulenküche erfanden, europäische Gastro-Spitze sind sie in der Breite eher nicht. Das sind eindeutig die Deutschen mit Currywurst Schranke oder Grünkohl mit Kassler.

Nachmittags liege ich mit dem Telefon zu Bette. Verfolge den Liveticker der Kicker-App. Der HSV muss im letzten Spiel der Saison unbedingt siegen, um nicht abzusteigen. Sein Gegner Wolfsburg aber auch. Und der führt nach einer Viertelstunde. Nach meinem Powernap ist der Ausgleich gefallen. Hört das denn nie auf? 50 Jahre lang hat einem die Bundesliga ein gutes Gefühl gegeben. Diese Nachmittage mit Uwe Seeler oder Horst Hrubesch am Radio: „Tor im Volksparkstadion!“ Seit vier Jahren fragt man sich an jedem Samstag, den der Herr werden lässt, ob der Bundesliga-Dino nicht endlich besser die Kurve kratzt und dann auch am besten gleich Konkurs geht. Doch der HSV-Trainer wechselt in der 86. Minute einen blutjungen Stürmer ein, und der trifft zwei Minuten später zum Siegtor. Wie gern wäre ich jetzt mit meinen Fußballphilosophen einen Trinken gegangen...

Glitzerwesen

Am Sonntagmorgen teilen sich die Geschlechter. Die Damen besuchen den Flohmarkt Rastro, die Herren das Seekriegsmuseum. Ich erhoffe mir Erklärungen für die spanische Welteroberung und deren Zusammenbruch, doch leider sind die 10.000 Objekte nur spanisch beschriftet und dies dem Anschein nach mehr personenfixiert, als der Frage nachzugehen, wo man herkommt, warum es nicht so blieb, und wo man hinwill. Man bekommt einen Eindruck von der Entwicklung des Schiffbaus und der Schusswaffen seit 1500. Und das ist ja auch die eigentliche Antwort: Die Amerikaner dampften 1853 mit nur vier Kanonenbooten nach Tokio und sagten: Handelt mit uns oder wir schießen euch tot.

Wir treffen uns wieder beim Vino blanco auf der Plaza Major. Gebannt betrachten wir die schrägen Stillsteher und das gehörnte Glitzerwesen, welches die Kinder anbaggert, um dann den Eltern den Dankeseuro abzuluchsen, wonach das Wesen sich auf so eindrucksvolle Weise schüttelt, dass man auch noch spenden möchte. Bine meint, sie würde sich ungut fühlen, wenn ich so eine Tätigkeit ausüben würde. „Was macht denn Ihr Mann so?“ „Er arbeitet als Flitterfigur auf der Plaza Major!“

Nach Tapas und Törtchen im Mercado St. Miguel wandern wir zum Königsdomizil Palacio Real. Eindrucksvoller als das nach dem Brand in der Burg Alcazar im 17. Jahrhundert gebaute Renaissancegebäude, in dem der Elefantenjäger Luis Carlos und sein Nachfolger Felipe gar nicht mehr leben, finde ich den Akkordeonspieler, der einen Riff der Rainbirds auf so gekonnte Weise mit einem Salsa-Rhythmus kombiniert, das viele Frauen gar nicht anders können als an uns vorbeizutänzeln. Und dann fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: Es sind diese drei M, die die Geschichte verändert haben: Marx, Mohammed und Las Mujers.

Paseo del Prado

Jetzt endlich nach drei Tagen, wälzen wir Reiseführer. Wir haben die City am Wochenende erlebt. Die Temperaturen waren freundlich, heute sogar sonnenfrei. Ab morgen soll die Bullenhitze kommen, also besuchen wir den Prado. Ich habe mich bereit erklärt, für die Eintrittskarten anzustehen.

Zum Abend kommen die Mädels vom Spaziergang mit einer Tischreservierung zurück. Ein Fischlokal in der Umgebung hat es ihnen angetan. Ich bin jetzt auch für was Leichtes und freue mich diebisch, dass das 33. Meisterschaftsendspiel von Real Madrid in Malaga dort live übertragen wird. Die Königlichen müssen gewinnen, denn Barcelona hat mehr Tore und spielt zuhause gegen den Schwächling Eibar. Nun kommt wieder meine Tuntenthese: Ronaldo ist eigentlich eine Frau. Erst schießt er das frühe 0:1, dann trifft ihn jemand am Knie und er wälzt sich jammernd am Boden. Wie im Europameisterschaftsendspiel Portugals gegen die Franzosen, als er humpelnd und bandagiert zurückkam und dann schließlich flennend den Platz verließ. Auch jetzt kommt er wieder, denn Malaga ist stark, könnte ausgleichen, doch Barcelona liegt im eigenen Stadion 0:2 zurück.

Die Kellner sind tiefenentspannt, denn sie wissen, dass die Weißen das nicht mehr vergeigen. Wir bestellen eine Fischplatte mit Gambas und Tintos jeder Größe, Hummer und Frischfisch von einem anderen Stern, wie aus der Milchstraße geangelt. Während wir eine ganze Nachtischselektion für vier wegschlürfen, schießt Real das 0:2. War auch bitternötig, denn mein Liebster Messi dreht das Spiel der Katalanen eigenhändig mit 4:2. Es nützt ihm nur nichts, die Transe wird wieder Weltfußballer, und heute Abend ist am Paseo del Prado die Hölle los. Wie bei den Welt- und Europameisterschaften der Spanier, wie bei den Pokal- und Meisterschaftssiegen von Real und Athletico, hier gibt es fußballerisch immer etwas zu feiern, und auf der Reeperbahn war ja gestern auch gut was los, denke ich, wenn auch nur, um dem Gott des Gemetzels ein Opfer zu bringen.

Veraltete Kunst

Zwei weitere Tage sind um, es ist Dienstag, 22.30 Uhr, ich sitze allein mit meinem Laptop an der Plaza Bilbao und trinke ein Bier im Freien. Etwas zu Essen bekomme ich nicht mehr, aber ich habe eigentlich auch nur Durst. Zwei Museumstage liegen hinter uns. Am Montag habe ich mich eine halbe Stunde vor dem Prado angestellt und dann die anderen Drei herbeigerufen. Es ist  d a s  Kunstmuseum Spaniens, von König und Hochadel herbeigesammelt. Die spanische Öffentlichkeit verdankt es aber Napoleon, der Spanien besetzte und den König 1811 zwang, seine Schätze auszustellen, so wie das 1793 bereits das revolutionäre Frankreich im Louvre getan hatte.

Spanien, das dunkle Land, das verspätete Europa, hier hängen die Werke von Velasquez und Goya, zwei Lohnsklaven der Mächtigen, die den inzüchtigen und narzisstischen Monarchen den Spiegel vorhielten, doch die waren zu dumm, um zu erkennen, wie hässlich sie waren. Wirkliche Menschengesichter porträtierte Velasquez mit Hofnarren und Bettlern, die er als antike Philosophen ausgab. Ein Treppenwitz der Kunstgeschichte. Dann Goyas schwarze Phase. Ich habe keinen guten Tag und schleppe mich durch den Prado. Eigentlich liebe ich alte Kunst, aber es muss der Tag dafür sein, so wie der Tag für die Freude an einem guten Fußballspiel nicht immer mit den realen Finales zusammengeht.

Beamtenlaufbahn

Heute morgen wollten wir nach Toledo. Doch Reiseführer geben keine Auskunft über die Tücken der Eintritts- und Fahrkartenbestellung. Ein Autor bekommt für drei Monate Arbeit ein paar Tausend Euro. Dafür kann man nicht reisen und testen, da schreibt man ab, was man im Internet und bei den anderen findet. Weder erzählt einem jemand, dass die Museen um die Mittagszeit keine Warteschlange haben, noch bereitet einen jemand darauf vor, was einen am Madrider Bahnhof Atocha erwartet. Mit genügend Zeit bewaffnet entern wir den Bahnhof, um die Bahn nach Toledo zu bekommen, die laut Internet jede Stunde abfährt und 30 Minuten für  die 70 Kilometer benötigt.

Doch wo bekommt man die Tickets? Der eigentliche alte gläserne Atochabahnhof ist zu einem grünen Gewächshaus als Wartehalle umgebaut worden, das wissen wir.  An der ersten Kasse stehen wir an, aber es gibt hier nur städtische Billets. Am Renfe-Fahrkartenverkauf muss man eine Wartenummer ziehen: 710. Die Anzeige steht auf 628. Ich versuche es erneut an einem Automaten und erfahre, dass die Züge nach Toledo für die nächsten zwei Stunden bereits ausverkauft sind. Immerhin schaffe ich eine Buchung für vier Personen am nächsten Tag, denn wir wollen natürlich nicht heute in der prallen Mittagshitze in Toledo ankommen. Doch weder mit Achims Kreditkarten, noch mit meiner EC-Karte, gelingt die Buchung.

Inzwischen ist eine Stunde um, Bines Nummer wird aufgerufen. Indes, sie hat die falsche Nummer gezogen, man will ihr partout nur Billetts für heute verkaufen. Wir schimpfen die Beamtin am Tresen gehörig aus und wünschen der Bahngesellschaft lauthals den baldigen Ruin. Dann schließlich nimmt der Automat, den wir ein weiteres Mal durch 25 Buchungsschritte hindurch bemühen, Sybilles Kreditkarte an. Erleichtert beschließen wir, den schönen Sonnentag statt in Toledo im Museum Thyssen-Bornemisza zu verbringen.

Malasana

Durch die interessanten Erlebnisse beflügelt, bewege ich mich auf eigene Faust durch die drei Stockwerke. Von italienischen und niederländischen Primitiven bis zum Expressionismus spannt sich die Sammlung der beiden Industriebarone, und heute sehe ich wieder etwas. Die Geschichte der Kunst in Portäts und Kostümen, in Landschaften und Farben, die es wahrscheinlich gar nicht gibt. Ich bin eh fast farbenblind.

Zum Mittag verabreden wir uns telefonisch in der Cafeteria. Ich bestelle ein blutiges Steak und erhalte ein saftiges Ochsenfilet, was ja nicht selbstverständlich ist. Alles schmeckt heute besser. Nach dem Cafe Americano drehe ich eine zweite Runde und werde schließlich von den Dreien per Telefon vor van Gogh weggerufen. Man will am Sol Eis essen gehen.

Heute abend möchte ich es ausprobieren. Wie es ist, allein in einer spanischen Stadt zu sein. Die Drei gehen treudeutsch um acht zum Mampfen, ich warte bis halb zehn und starte ins Ausgehviertel Malasana. Meine HERE-App navigiert mich prächtig zur Plaza Dos de Mayo mit der Erinnerungsskulptur an den spanischen Widerstand gegen Napoleon.

Noch ein Treppenwitz: Alle alten Mächte wurden 1815 restauriert, und dabei hätte es sich im französischen Imperium so viel besser gelebt. Angenehm lebt es sich auch im amerikanischen Traum, wenn man nicht gerade Drohnenziel ist, denke ich und trinke um Mitternacht ein weiteres Bier an der Calle del Reyes. Die Madrider Kellner brauchen eine Weile, um einen zu entdecken, aber dann bekommt man zum Bier gleich noch Kartoffelchips oder ein Spiegelei.

Toledo stahlblau

Am Mittwochmorgen stehen wir rechtzeitig im unterirdischen Atocha-Anbau von Architekt Moneo und suchen unser Gleis. Punta Baja steht auf dem Display. Eine Viertelstunde vergeht, bis wir die Abfahrtsplattform finden. Hier erst wird Gleis 14 angezeigt. Dort angekommen, sehen wir eine lange Schlange. Sicherheitskontrolle! 2004 sind bei zehn Bombenexplosionen  im Madrider Bahnverkehr fast 200 Menschen umgekommen und über 2.000 verletzt worden.

Pünktlich um 10.20 Uhr legt der Schnellzug los. Wir gleiten, bis auf den letzten Platz besetzt, durch hügelige Agrarlandschaft und später glattes kastilisches Ackerland, ultraschnell, sanft und leise, 30 Minuten, ein Genuss! In Toledo nehmen wir schlauerweise ein Taxi zur Hügelfeste Alcazar, und tun dies auch zurück, denn es ist der heißeste Tag des Jahres – jedenfalls für uns. Die Gassen sind mit Tüchern bedeckt, um die Touristen vor der Sonne zu schützen. Wie soll das erst im August werden?

„Antiguos instrumentos de tortura“ steht auf einem Hinweisschild, aber die Mädels wollen nicht gefoltert werden. Auch “Exhibition catapults and siege machines” mißfällt. Rinderschnauzen, Hoden, Schweinsfüße und Ziegengehirne werden im Mercado angeboten. Toledo ist ein einziger Taschenmesserladen. Degen, Klappmesser, Wurfmesser, sogar Harakiri-Schwerter für die vielen japanischen Touristen werden verkauft. Vor der Kathedrale spricht uns ein Mann an: Auf englisch erzählt er, dass beim Monasterio ein  toller Artesanatladen um 13 Uhr zumacht und die Kathedrale doch den ganzen Tag offen sei. Bine versteht nur, dass um eins eine Monstranz durch die Stadt getragen wird.

Monströs ist aber nur die Kathedrale, für jeden Heiligen, dem irgendwann einmal ein Kreislaufkollaps zu Visionen verhalf, gibt es gigantische Zuckerbäcker-Altäre. Besonders interessant ist eine dreidimensionale Barockinstallation. Dreidimensional deswegen, weil ein Loch in der Decke gleißenden Schein auf Putten und Heiligenfiguren wirft, etwas so Plastisches habe ich noch nie gesehen, und hier hat die Gegenreformation einen guten Job gemacht.

An der ältesten Moschee der Stadt, die ja einmal muslimisch, jüdisch und christlich war, nehmen wir dazu passend einen arabischen Imbiss mit Hummus, Falafel, Couscous und Kebab ein. Dann wandern wir in der Gluthitze umher, denn unsere Rückfahrt ist erst um 19.20 Uhr gebucht.

Reina Sofia

Den letzten Tag teilen wir uns wieder auf. Die Frauen besuchen den botanischen Garten, Achim  eine Kirche mit Deckengemälden von Goya, ich hänge bis zum Mittag auf dem Sofa ab. Dann treffe ich mich mit ihm im Museum für moderne Kunst Reina Sofia. In einem absolut ungeeigneten ehemaligen Hospital, das kaum Rundgänge ermöglicht, findet sich vor allem spanische Moderne, also Picasso, Miro und Dali und wenig Gegenwart. Einzig wegen Picasso ist das Museum besuchenswert, aber da ich bereits einmal eine alle Phasen umfassende Werkschau des großen Meisters mit Objekten aus dem Reina Sofia gesehen habe, zeigt sich mir wieder das Problem der Kunstmuseen: Von jedem Künstler ein paar Zufallstreffer anzusehen, ist unbefriedigend, mir gefällt es besser, ein Lebenswerk im Zusammenhang zu verstehen. Unterm Strich muss ich sagen, die drei Museen haben mich ein wenig enttäuscht. Aber vielleicht hatte auch einfach meine Tage.

Gar nicht enttäuscht bin ich von der Marisqueria La Chalana, Calle de San Leonardo an der Plaza Espana. Sybille und Bine haben den versteckten Eingang beim Einkaufen in unserem Viertel entdeckt und gesehen, dass man auch vor Mitternacht dort essen kann. Ich erwähnte bereits die Grillplatte mit Fisch und Meeresfrüchten. Zum Abschlussabend kommen wir wegen unserem Sieben-Uhr-früh-Flug am Freitag bereits um sieben, was zum Beispiel im Paellarestaurant mit dem Senioren-Treppenlift gar nicht ging. Wir wurden dort erst um 20.30 Uhr eingelassen, gegen zehn kamen die ersten Spanier. Das Chalana gibt es in fünf Städten, und es scheint ein Geheimtipp zu sein. Jetzt bestellen wir die kalte Platte voller knackfrischer Schalentiere: Hummer, verschiedene Krebse, Langusten, Krabben. Ein großartiges Krachen und Kratzen, ein Lutschen und Saugen... die Portion für zwei reicht für vier.

Ein Taxifahrer hat uns bestätigt, dass in unserem Viertel auch frühmorgens immer Taxen fahren, deshalb verzichten wir auf eine Vorbestellung. Pünktlich um fünf stehen wir bereits am Flughafen und haben nun doch zwei Stunden Zeit. Ich bekomme einen Fensterplatz und sehe so linkerhand das Baskenland und die Gironde, meinen Jugend-Urlaubstraum Lacanau Plage, und schließlich das ganze Holland mit Amsterdam, ehe in Deutschland Bewölkung aufzieht. Es sind angenehme 18 Grad, von denen der Deutsch sprechende Apotheker an der Calle Major noch geschwärmt hatte: „Der Sommer in Spanien ist nicht auszuhalten!“

Abschließend würde ich sagen: März und April sind sicher geeignetere Madridmonate, wohl auch Oktober und November. Aber eins machen wir ja sowieso seit Jahren falsch: Man sollte abends erst nach zehn Uhr aufbrechen, denn dann ist Madrid am schönsten. Und zwar überall. Und dann machen einem 27 Grad Wärme überhaupt nichts mehr aus.

Mit Sonnenbrille im Bett

Portugal im Februar

15 Grad sind noch kein Sommer. Seit Dezember habe ich täglich auf die Wetterkarte geschaut. Immerzu war es im Süden der Iberischen Halbinsel 10 bis 20 Grad warm und sonnig. Fast hätte ich zum Jahreswechsel zwei Wochen Malaga gebucht, um der Dauererkältung ein Ende zu bereiten. Und nun ist es hier auf jeden Fall noch zu kühl, um im Schatten draußen zu sitzen. Doch die Sonnenplätze auf dem Mirador Santa Catarina sind alle frei, denn wer reist schon im Februar nach Lissabon?

Wir vier lassen es ruhig angehen. Diskutiert war, gaaanz spät aufzustehen, gaaanz lange zu frühstücken, gegen Mittag aufzubrechen und vor dem Abend zur Siesta zurückzukehren, damit wir Bine wie nach einem Jetlag auf ein portugiesisches Leben nach Mitternacht umschulen.

Doch gleich am zweiten Tag prügelt sie uns um neun aus dem Haus, um auswärts ein Käffchen mit Hörnchen einzunehmen. Gleich darauf stehen wir an der Straßenbahn-Haltestelle. Mit der Linie 28 kann man um die Altstadt herum fahren. Doch die gute alte Tram kommt nicht. Also nehmen wir ein Taxi zur Haltestelle Martim Moniz.

Bairro Alto – Baixa - Alfama

Dabei könnten wir es uns in unserem Zuhause richtig gut gehen lassen. Unsere Luxuswohnung haben wir wieder über Airbnb gebucht. Sie liegt mitten im Ausgehviertel Bairro Alto, am Rande des Ausblickpunktes Santa Catarina. Sie hat eine riesige Küche mit allen erdenklichen Automaten, drei Bäder, ein Wohnzimmer und zwei Schlafgemächer und kostet weit unter tausend Euro die Woche. Aber auch keine 500...

Gleich um die Ecke liegt ein kleiner, günstiger Supermarkt. Am ersten Tag haben wir noch gemütlich in unserem Wohnzimmer gefrühstückt und uns dann wieder hingelegt. Wer will denn hier auch rumlaufen? Bine und ich haben schon gestern das Viertel erkundet, von überall geht es bergauf und bergab. Welche Vollidioten bauen eine Millionenstadt in solche Schluchten?

Am Martim Moniz stellen wir uns erneut an einer Straßenbahn-Haltestelle an. Jetzt kommen gleich drei hintereinander. Vor zwei Wochen hat sich Elke den Fuß gebrochen. Mit ihrer Krücke sei sie am Flughafen flott durch die Passkontrolle gekommen, und am Taxistand hätte man sie gleich an der Warteschlange vorbei gewunken. In der Straßenbahn bietet man ihr auch sofort einen Sitzplatz an. Weniger als einen Meter Abstand an der Hausmauer entlang kriecht die alte gelbe Tram mit dem gemütlichen Holzinterieur um die Alfama-Altstadt unterhalb der großen Festung Sao Jorge herum.

Am Aussichtspunkt Santa Luzia folgen wir einer Eingebung und steigen aus. In gleißender Sonne liegt der Tejo unter uns. Rote Dächer türmen sich wie eine riesige Pralinenschachtel. Nach einem Galao – ein Espresso mit sehr viel Milch – in der Sonne, rufen wir wieder ein Taxi, denn die Straßenbahn will uns nun nicht mehr weiter mitnehmen, wenn wir nicht erneut zwölf Euro bezahlen, und so fahren für fünf Euro zum Rossio-Platz.

Durch die Fußgängerzone Rua Augusta schlendern und humpeln wir zum Tejo-Ufer, landen am riesigen Comercio-Platz, wo wir uns erneut in der Sonne aalen. Dann fahren Elke und Bine mit dem Taxi heim, während Axel und ich zum Nordbahnhof hochwandern, um nach einer Autovermietung zu suchen. Denn in einer Woche wollen wir weiter zur Algarve.

So haben wir an einem Tag drei Places-to-be in Lissabon kennengelernt. Baixa heißt das Tal zwischen den beiden Hügeln Bairro Alto und Alfama, es wurde nach dem Erdbeben 1755 schachbrettartig wiederbebaut. Wir haben eine Ahnung bekommen, was uns in den kommenden Tagen erwartet. Falls wir uns ein wenig die Beine vertreten möchten...

Reisepreise

Zum Mittag treffen wir uns in einem der unzähligen kleinen Restaurants bei unserem Domizil und schießen erneut ins Schwarze. Ein Menü mit fritierten Stockfisch-Kartoffel-Frikadellen, Wein, Flan und Bica, dem portugiesischen Espresso, kostet 6,50 Euro.

Ehrlich gesagt: Eine Reise beschreiben, ohne die Kosten zu erwähnen, find ich nicht gut. Beispielsweise Mietauto: In Lagos bei Faro haben wir in der Altstadt ein Poolappartment gemietet, zu einem ähnlichen Preis wie unser Heim in Lissabon. Die 300 Kilometer wollen wir mit dem Mietwagen zurücklegen.

Wenn man sich an die großen Markenvermieter wendet, erhält man Preise von bis zu 500 Euro genannt. Deswegen haben wir uns schließlich gestern über ein Vergleichsportal den abseits gelegenen lokalen Autoclick Rent-a-car gesucht, der nur 60 Euro für einen neuen Fiat 500L nimmt. Fünf Türen für die ganze Woche! Das schreit geradezu nach Betrug.

Im Preis sei alles inklusive: Kilometer und Versicherung ohne Selbstbehalt. Der Haken könnte unsere Kreditkarte sein, von der ja alles frei abgebucht werden kann. Der Vermieter darf eine Kaution für den Selbstbehalt einziehen, im Falle des Unfalles wird uns dessen Abbuchung vom Vergleichsportal „nach AGB“ ersetzt. Wir sind gespannt. Ob das Auto fahren tut, ist eher sekundär.

In Lissabon bewegen wir uns derweil mit den Öffentlichen. Wobei Taxifahren zu viert am billigsten und am schnellsten ist, und falls man mal im Stau steht, hat man viel zu schauen. Die herrlichen alten elektrischen Straßenbahnen fahren sehr unregelmäßig, weil ständig jemand auf den Gleisen parkt. Dann kommen eben gleich drei hintereinander, davon ist mindestens eine leer.

Mit drei Euro pro Person ist das Vergnügen, eine Viertelstunde im Stehen durchgeschüttelt zu werden, natürlich etwas teurer. Das Taxi nimmt fünf Euro für uns alle vier. Metrofahren kostet zwar nur 1,40 Euro, und wir haben die Station Baixa-Chiado praktisch vor der Haustür. Aber dies ist nur eine optische Täuschung. Hat man sich in den Untergrund begeben, muss man erst einmal mehrere hundert Meter in den erdbebensicheren Treppenhäusern gehen und dann auf verschlungenen Wegen in 50 Meter Tiefe absteigen. So ist man gut und gerne ein paar Kilometer zu Fuß unterwegs, um von A nach B zu kommen.

Der Autovermieter lässt Axel keine Ruhe. Er will unbedingt den Voucher ausdrucken und hinfahren, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie seriös die Buchung ist. Mit Google finden wir schließlich einen Copyshop in der Nähe, aber Axels USB-Stick tut es dort nicht. Wir könnten den Voucher als E-Mail schicken, dafür müssen wir aber wieder nachhause. Dann klappt es, nach einer Stunde erhält Axel für 15 Cent seinen Voucher.

Nun fahren wir mit der grünen und dann der roten U-Bahn in den Norden der Stadt. Gegen Mittag kommen wir an und stehen wieder in einer Warteschlange. Doch sehr schnell kommt ein seriös wirkender Mitarbeiter und bestätigt, dass alles seine Ordnung hat. Auch die All-Inclusive-Versicherung der Buchungsplattform sei in Ordnung. Trotzdem besteht Axel auf einer zusätzlichen Versicherungsbuchung, die zwar 100 Euro kostet, aber nun können wir relativ sicher sein, im Schadensfalle nicht mit bis zu 2.000 Euro haften zu müssen. Und Axel gehört die Kreditkarte!

Old school

Da wir ja eine ganze Woche hier sind, ist es mir egal, womit wir unsere Zeit verplempern, denn so geht Rentnerurlaub nun mal. Zum einen wissen wir jetzt, wo wir das Auto abholen, und zum anderen haben wir nicht mehr das untergründige Gefühl, das noch irgendwas schief gehen wird.

Was schief gehen kann, geht schief, meinte schon Kapielski, bezog sich dabei auf Ostfrieslands Deichschafe. Ich gehe auch schon ganz schön schief, und ich gehe jede Wette ein, dass ich mich in den nächsten Tagen noch einmal hinschmeiße. Die Bürgersteige bestehen aus kleinteilig verlegten glatten Steinchen, und manchmal fehlen ein oder zwei. Da ich meinen Blick wegen der bunt gekachelten Häuser immer nach oben richte, ist es nur eine Frage der Zeit, wann ich in ein Loch trete und umknicke.

Aber als alter Fußballer bin ich bisher immer fantastisch abgerollt, jedenfalls hat mir schon einmal eine attraktive ältere Dame begeistert Beifall geklatscht, weil sie meinte, ich müsste mich eigentlich schwer verletzt haben, so weit rolle ich manchmal mit angelegten Armen über die Schulter ab.

Elke meinte auch zu Beginn, ich sähe irgendwie älter aus. Ich gebe zu Bedenken, es läge wohl an dem Schnurrbart, den ich mir wachsen lies. Ja, ruft sie erstaunt, so sei es. Ich finde, ich sehe aus wie der späte Clark Gable. Old school eben. Oder wie Ahmet, ein Bekannter, der wirklich gut aussieht, viril, und jung, und osmanisch. Aber Bine ist dagegen, und es kitzelt.

Leerstand

Ich mache mich nun selbstständig und fahre durch an den Tejo. Cais do sodre heißt das alte Hafenufer, von dem die Schiffe über den Tejo und die Vorortbahn nach Belem starten. Hier soll ein Ausgehzentrum der Jugend sein, na ja, wer diese triste und verlassene Hafengegend mag... Die Jogger auf jeden Fall, Lissabons Jugend hat alle Zeit der Welt, bei 30 % Arbeitslosigkeit.

Warum fast jede zweite Häuserfassade – oft ganze Wohnblocks - im Zentrum zugemauert sind, habe ich mich gefragt. Ein Reiseführer bietet eine Erklärung an: Soziale Mietpreisbindung hätte seit längerer Zeit die Renovierung unwirtschaftlich gemacht, und so müssten die armen Eigentümer die Häuser verfallen lassen und auf bessere Zeiten warten. Dies wiederum könnte bedeuten, dass in sanierten Häusern Wohlhabende einziehen, und schwupps, haben wir die Banlieues mit Abgedrängten und Abgehängten. Aber auch da wohnt angeblich zur Zeit, was Geld besitzt. Die winklige Altstadt ist bei den Lissabonnern einfach out.

Kunst kommt von Können

Nach einer Stunde erreiche ich das Museum für alte Kunst. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch ist das Hauptwerk. Schon weil es mit seiner anarchischen Symbolik völlig heraussticht aus den katholischen Agitprop-Bildern. Einen Luther findet man hier nicht. Dafür den Namensvetter des jetzigen Papstes, Gott hab ihn selig. Er hat sich wahrscheinlich im Vollrausch die Hände und Füße punktiert und wurde dafür selig gesprochen. Eine barbusige Kurtisane hat 43 Jahre mit nur drei Stück Brot in der Wüste gebüsst, und dafür wurde ihr ein rassige Nacktbüste zuteil, die sogar in einer Kathedrale stehen durfte. Auch pausbäckige Putten unter notgeilen Bischöfen versteht man erst aus heutiger Sicht. Freud hat's herausgefunden: Oh, na, nie!

Nur mit viel Wunderglauben haben es die Portugiesen geschafft, sich den abenteuerlichen Gewürzhandel mit Indien und das Gold Brasiliens reinzuholen. Davon zeugt Kunst aus Goa, China und Japan. Gerade kommt eine staunende Gruppe japanischer Touristen vorbei, wie üblich einer mit Mundschutz. Die betrachten das wahrscheinlich zurecht als Beutekunst und wollen es eines Tages zurück haben.

Nachdem Portugals und Spaniens Segler versenkt waren, sind Engländer und Amis ja mit Dampfschiffen aufgekreuzt und haben die Asiaten gezwungen, sich zu prostituieren. Der Westen war der Bestimmer. Aber bald könnten sich die Verhältnisse umdrehen, der Wettbewerb zwischen den durch Marketing bzw. Religion gesteuerten Demokraturen hat begonnen.

Portugal hat zur Zeit einen Schuldenstand von 130 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, was immer das ist. Ohne EU könnten sie die Zinsen nicht mehr bedienen. Seit einem Jahr hat sich die neue Linksregierung von der Austeritätspolitik verabschiedet und erhöht Löhne und Renten. Immerhin wächst die Wirtschaft auf der Iberischen Halbinsel wieder ein wenig.

Am Mittwoch fahren wir nach Belem, das Hieronymitenkloster und den Turm im Tejo zu besichtigen. Manuelinik nennen die Portugiesen den Megakitsch, den sie im 15. Jahrhundert parallel zur Renaissance entwickelt haben und den ihnen aus gutem Grund niemand nachgemacht hat. Belem liegt sieben Kilometer weit westlich am engsten Punkt der Tejobucht und verteidigte einst die Einfahrt nach Lissabon. Vasco da Gama ist hier losgesegelt und liegt in der Klosterkirche aufgebahrt, Gottseidank unter Stein.

Alfama

Wir fahren mit dem Taxi gleich wieder zurück nach Alfama, weil wir dort zurecht bessere Restaurants vermuten. Gleich oberhalb des Bahnhofs Santa Apolina finden wir ein kleines Garagenbistro mit Trip-Advisor-Empfehlung. Wir bestellen das Menü mit frisch gegrilltem halben Hähnchen bzw. Dorade, Wein, Nachtisch und Bica und zahlen zu viert zwanzig (20!) Euro. Als hätten sie den Euro abgewertet. Da gibt sogar Axel fünf Mäuse Trinkgeld.

Heute fühle ich mich immer noch frisch genug für eine Treppenviertelwanderung, die anderen fahren heim. Ich beginne am Pantheon und an der Igresia Sao Vicente, steige dann zum Castelo hoch. Beim Rundgang falle ich von einer Ohnmacht in die andere. Ich beginne mich in Lisboa zu verlieben. Wirklich alle drei Meter gibt es eine neue Perspektive zu bewundern. Die abgeblätterten alten farbigen Putze bilden im Sonnenschein abstrakte Gemälde ohnegleichen, dazwischen sieht man Grafitti auf allerhöchstem Niveau.

Und immer wieder Cafes und Bistros. Was mag hier erst los sein, wenn man im Schatten sitzen kann. Ich steige ab zur Baixa und komme am anderen Ende des Tales am Elevador Santa Justa wieder an den Hügel Chiado. Der vor hundert Jahren von einem Eiffelschüler entworfene Fahrstuhl zur 50 Meter hohen Aussichtsplattform soll fünf Euro kosten. Da laufe ich lieber.

An der Rampe zum Chiado werden die großen Shoppingbrands für Schlauchbootlippen-Teens angeboten, also entweiche ich durch ein vertikales Loch in der Mauer und komme an der beim Erdbeben 1755 pittoresk zerstörten Carmo-Kirche heraus. Nun ist es nicht mehr weit zur U-Bahnstation Baixa-Chiado an der Rua Garrett, wo ich mich, erstaunt darüber, dass ich gar nicht müde werde, vor der Pasteleria A Brasileira neben den für Fernando Pessoa freigehaltenen Tisch setze und einer Jazzband lausche. Über Whatsapp rufe ich Bine herbei und wir genießen gemeinsam noch einen großartigen Kakao.

Alfama müssen wir wiederholen, ist beschlossen, doch frühmorgens um elf besuchen wir erst das Museum für moderne Kunst im Chiado. Eine alte Brotfabrik ist dafür entkernt und bietet gerade genug Platz für das bißchen eigenständigen Beitrag Portugals zur Moderne. Dann gehen wir zum Markt auf dem Praca Figueira und schließlich den Berg hoch zum Kastell.

Binchen fängt an, sich über meine Fotografierwut aufzuregen, aber ich kann mich einfach nur noch an Readymade-Färbungen und Treppen-Geometrie festhalten. In einer Schule für inklusive Kultur, sie nennen sie Zirkusschule - ich vermute Drogentherapie, finden wir ein Restaurant mit Panoramablick und speisen eine Kleinigkeit. Zum Galao mit Pastel de nata - Vanillebrei im Blätterteig - steigen wir allmählich wieder vom Berg hinunter und nehmen bereits am Abgang zur Baixa ein Taxi zum Nachmittagsschlaf. Axel hat durch den Trip Advisor gute Restaurants in der Nähe gefunden, in einem bekommen wir saftige Seezunge und Dorade, im anderen am anderen Tag deftige Alentejokost vom Schwein.

Das war der Rausschmeißer, wir genießen noch einen süffigen madeirischen Ponchacocktail aus Zitronensaft, Honig und Rum. Dann müssen wir packen. „Lasst die Schlüssel morgen einfach auf dem Tisch liegen“, schreibt Vermieter Luis über Whatsapp.

Lagos

Axel reicht uns Sangria und kalten Hund. Die Wäsche trocknet im Garten. Eine Flasche Rose und ein Cerveza haben wir bereits unterwegs genossen. Der erste Sonnen-Sonntags-Spaziergang an der Algarve liegt hinter uns. Lagos hat uns gestern kühl empfangen. Die Autoanmietung verlief leicht und locker, das Fahrzeug ist fabrikneu und es passen alle vier Koffer und beide Rucksäcke in den Kofferraum.

Nur mein Navi funktioniert in Portugal nicht. Wir müssen zwar über die Tejo-Brücke Vasco da Gama und dann nur noch Richtung Algarve fahren, aber Axels Tipp, mir schnell noch die Navi-App HERE gratis herunterzuladen, war Gold wert. Sie führt uns bis zu der Haustür unserer Künstlerwohnung in der Altstadt in Lagos.

Die Hauskeeperin Carmo empfängt uns und gibt Tipps für die geräumige Maisonnette-Wohnung. Sie gehört einer Schauspielerin und Schriftstellerin, die ihre Winter in Lissabon verbringt, vermutlich, weil es dann doch zu kalt ist hier. Der Anreisetag war bedeckt, es wurde auch mittags nicht wärmer als 15 Grad. Das Haus empfängt uns ausgekühlt und klamm. Zahlreiche elektrische Radiatoren müssen angestellt werden, doch am ersten Abend reicht es nicht für warme Füsse.

Jetzt knallt die Sonne durch die Fenster und das alte Gemäuer hat sich erwärmt. Zwar ist uns die Backofen-Sicherung beim Aufbacken der Brötchen durchgebrannt und wir finden ums Verrecken nicht die Elektrik des Hauses. Deswegen bekomme ich keine Frühstückseier und das Carbonara für heute Abend ist in Frage gestellt. Aber nach einer Weile kommt mir die rettende Idee. Im ganzen Haus hängen ungefähr 100 großvolumige Gemälde und Collagen. Als ich ein paar davon wende, finde ich den Stromkasten und der Herd ist wieder in Betrieb.

Am Montag unternehmen wir etwas. Wird ja auch Zeit. In der Sonne liegen, Altstadtschlendern, Carbonarakochen, Sangriatrinken, Hello Dolly auf DVD sehen, das ist Sonntagsleichtsinn. Die Schauspielerin-Vermieterin hat lauter Klassiker in ihrer Filmothek, aber Barbra Streisands Jazz ist nichts für meine drei Saufkumpanen. Jules und Jim von Truffaut gefällt auch nicht, weil französisch mit portugiesischen Untertiteln. Und Scrabble ist nicht so mein Ding.

Seefahrt

Wir fahren nach Sagres, ohne den Reiseführer zu konsultieren. Südwestlichstes Kaff Europas. Kleinstadt mit 1.900 Einwohnern. Ich fühle mich trotzdem wie 500 Jahre zurück. Alle segelten sie hier vorbei: Kolumbus entdeckt die Bahamas 1493. Vasco Da Gama segelt 1497 bis Indien. 18 von 237 Männern Magellans kamen 1522 von ihrer Weltumrundung zurück. Die Italiener malten das Mittelmeer.

Wir stehen am Fort und blicken auf die See. Gleißende Sonne, kühle Brise, blauer Atlantik, der sich auf die Felsen erbricht. In Lagos und Lissabon startete die Globalisierung, als Henrique el Navigador eine nautische Schule gründete. Es begann eine Welt-“Eroberung“, die bis heute anhält.

Es sind nur 30 Kilometer zurück. Wir fahren über den kleinen Küstenort Burgau, den uns ein Freund empfohlen hat. Leider ist sein wunderschön gelegenes Aussichtsrestaurant noch im Winterschlaf, und so ertränken wir unseren Kummer mit Vinho Branco und Cerveja zu Omelett und Burger. Kurz danach wieder die Montagsleichtigkeit in unseren vier Betten.

Der winterverlassene Badeort Lagos mit seiner Touristenneppmeile wäre eigentlich zum Kotzen, wenn die Sonne nicht schiene. Gegen 17 Uhr muss ich sogar im Bett die Sonnenbrille aufsetzen. Ich lese in der SZ online, dass die Bürgermeisterin von Barcelona den Bau von 40 Hotels untersagt hat. Airbnb ist mit einer kleinen Geldstrafe belegt worden, weil sie die Vermieter nicht lizenzieren. Viele Katalanen haben die Schnauze voll von 40 Millionen Besuchern jährlich. Mieten und Preise steigen, die Altstadt wird umgewandelt.

Ich bin da gespalten. Wir schaffen eine Menge Arbeit. Wir versorgen unsere in die Jahre gekommene Künstler-Vermieterin mit einem zusätzlichen Einkommen. Allerdings ist unsere Wohnung in Lissabon ganz und gar für Touristen gebaut gewesen. Auch wir hatten nachts lautes Partyvolk vor dem Fenster. Doch in Lissabons Altstadt waren viele Häuser auf eine so sorgfältige Weise zugemauert, da fragt man sich: Richten sich die Hausbesitzer auf jahrelangen Leerstand ein? Was würde ich machen, wenn ich ein solches Gebäude erben würde? Eine Million investieren und 300 Euro Miete kassieren? Ein interessantes Thema, von dem ich leider viel zu wenig verstehe.

Mittwochmorgen scheint die Sonne besonders grell. Zeit, eine Bootsfahrt zu den Atlantikfelsen Ponta da Piedade zu unternehmen. Wir fahren mit dem Auto zur Marina, denn wir haben immer noch eine Fußkranke dabei. Dann buchen wir eine Tour mit der offenen Schaluppe und legen um 12.30 Uhr ab.

Ich habe seit einigen Bootstouren in nordischen Gewässern eine Phobie vor kalter Meeresluft und ziehe alles an, was ich mit habe. Fünf Schichten mit Kapuze und Mütze. Darüber die Schwimmweste. So fühle ich mich pudelwohl, während wir eine gute Stunde zu den pittoresken Sandsteinfelsen schippern, mittendrin und untendurch. Im knalligen Sonnenschein ein rotbraunes Vergnügen, die verschiedenen Schichten der Erdgeschichte dräuen aufrecht über uns. Sie könnten auch einstürzen, aber dieses Mal halten sie noch Stand.

Zum Mittagessen fahren wir nach Portimao, und unsere geringen Erwartungen werden nicht enttäuscht. Stralsund und Wismar unterschieden sich 1989 nur durch Backstein und Braunkohlegeruch. Der ruinöse Verfall ist einfach schöner in Lissabon, und auch hier ist die vorherrschende Farbe Weiß mit abgeblättertem Blau und Lehmrot.

In Lagos besuchen wir das Sklavenmuseum, wo um 1444 die ersten Afrikaner verkauft worden waren. Die Ausstellung gibt keine Auskunft über die Namen der Nutznießer dieser Schweinerei, über den dreckigen Dreieckshandel zwischen Guinea, Brasilien und Portugal, über das Sterben der indigenen südamerikanischen Bevölkerung, die durch die widerstandsfähigeren Schwarzen ersetzt wurde. Aber vermutlich haben die Europäer nur das jahrtausendealte Handelsnetz der Araber genutzt, die schon in vorgeschichtlicher und antiker Zeit Sklaven fingen.

Nach fünf Tagen Lagos muss ich mein Urteil etwas revidieren, und das gilt vielleicht auch für Lissabon. Wir sind außerhalb der vollständig erhaltenen Stadtmauer um die Altstadt von Lagos gegangen. Es ist zwar nicht schön und bedeutend, was hier gebaut wurde, aber einen Leerstand kann ich nicht entdecken. Die Gassen innerhalb der Mauern scheinen einfach nur Touristen anzuziehen. Für ältere Menschen kann das hier nicht gut sein.

Die morgens geöffnete Markthalle bietet die aufregendste, vielfältigste und glischigste Menge an Frischfisch, die ich je gesehen habe. Aber in unserer Wohnküche Degenfisch, Pulpo, Wolfsbarsch oder Rochen zu braten, möchten wir unserer Vermieterin nun doch nicht antun.

Nassfahrt

Am Freitag weckt uns prasselnder Regen und heulender Sturm. Unser Abreisetag badet. In die bergigen Straßen der Sierra Monchique trauen wir uns jetzt nicht mehr, und auch mein Vorschlag, aus Bildungsgründen Landstraße zu fahren, wird abgelehnt. Dabei hätte ich gern noch etwas mehr vom Alentejo gesehen. Auch wenn sich während der 300 Autobahnkilometer eine sehr monomorphe Landschaft aus Korkeichen, Pinien, Feigen- und Mandelhainen, Weiden und Sträuchern zeigt. Durch den Regen scheinen die Naturfarben kräftiger und lebendiger.

Wir haben zwei Suiten in einem großen Stadthotel an der Avenida da Roma gebucht, natürlich zu einem Drittel des in der Rezeption angeschlagenen Preises. Ich gönne mir zur Feier des Abschiedes ein blutiges Kalbskotelett, wie immer ohne Beilagen, wenn man Kartoffeln und Reis beiseite lässt. Dafür aber mit fünf Flaschen Wein zwischen Nachmittag und Nacht, die letzten drei von der Halbinsel Setubal in 30 Kilometer Entfernung. Wir tun was für unser Geld!

Unsere beiden Aachener Freunde sind am frühen Morgen heimgeflogen. Bine und ich hinterlegen die Koffer und frühstücken in einer Pastelaria. Dann gehen wir zu Fuß zum Museum Gulbenkian an der Praca Espanha. Das eigentliche Lissabon scheint aus fünfstöckig bebauten Wohnstraßen mit bis zu zehnstöckigen Hochhäusern zu bestehen. Auf Stil wird nicht geachtet. Um zehn Uhr kommen wir an einer riesigen orthodoxen Kirche vorbei, an der geschrieben steht: „Gourmetmarkt von Freitag bis Sonntag 12 bis 22 Uhr“. Bei näherem Anschauen entpuppt sich der Campo Pequeno als größte Stierkampfarena des Landes.

Das Gulbenkian stellt die Sammlung eines armenischen Ölhändlers aus, der in den Zwanziger Jahren mit dabei war, den Irak auszunehmen. Irgendwann entschloss er sich, dem portugiesischen Staat, der ihm Asyl bot, etwas zurückzugeben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nicht von Außen, das Museum ähnelt einem Atombunker. Dafür um so mehr von innen, denn das Licht und die Besucherführung sind zauberhaft. Und zeigt beispielhaft ausgesuchte Spitzenleistungen aus der Kunstgeschichte dieser Welt.

Ägyptische Porträtbüsten, Griechische Münzen, Römisches Glas, Persische Teppiche, Chinesische Vasen und schließlich Französisches Rokoko. Und dann abendländische Malerei: Von Rembrandt und Rubens bis Manet und Turner. Da haben wir uns den dritten Galao des noch jungen Tages mit vier Backteilchen aus Huhn, Fisch, Gemüse und Kartoffeln im Museumsgarten redlich verdient. Die modernen Portugiesen lassen wir aus, dafür wandern wir weiter zur Avenida da Liberdade, der Champs Elysees Lissabons.

Wir sehen den markanten Boulevard später aus dem Flugzeug. Jetzt nehmen wir ein Taxi zum höchsten Mirador im Stadtteil Graca, der Taxifahrer schwenkt allerdings erst auf meine Frage in die richtige Richtung, wir werden für sieben Euro um die halbe Stadt gefahren. Aber vielleicht war es ihm auch zu steil. Der Anblick ist naturgemäß noch eindrucksvoller als vom Ausblickspunkt unterhalb unserer Wohnung im Bairro Alto. Wir sehen das Castelo, die Kirchen, die Brücken über den Tejo, viele rote Dächer und Hochhäuser und nehmen Abschied.

Warum ich so wenig über das Essen geschrieben habe? Es war halt immer und überall, es war billig, aber es schmeckte. Lissabon bietet Sternerestos, und die können mehr als frische Meeresfrüchte und saftige Steaks. Alles andere muss ja gar nicht sein, wir haben uns dann doch mehr flüssig ernährt. Allein die Unmengen an Queiso und Jamon zum Frühstück und zum Wein...

Unvergesslich bleiben die gekachelten Fassaden und die glasierten Bürgersteige, die Enge und die Hügel. Ich bin nicht gestürzt und nur ein paar Mal gestolpert. Ich steige wieder 100 Stufen, ohne gleich zu keuchen. Ich kenne ein paar begnadete portugiesische Fußballspieler mehr, denn sie spielen jeden Abend und in fast jeder Kneipe. Und ich muss gestehen, der eitle Fatzke CR7 ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn er immer noch in Spanien gegen Messi um die Krone spielt. Im Mai sind wir in Madrid...

Golf in der Rhön

Worin der geneigte Leser erfährt, was an unten liegenden Nockenwellen und Rhöner Scheiterhaufen schön ist, warum russisches Handgeld direkt ins Gefängnis führt, wo sich ein Kissinger irgendwie beerdigt fühlt und weshalb Ferdinand P. niemals Golf fuhr...

Eigentlich sollte ich jetzt gar nicht hier sein. Sondern erst in drei Wochen. Aber da hat das Kaiserhof Victoria geschlossen. Daher hat Bine mir ein Wellness-Wochenende in Bad Kissingen schon für Mitte Dezember geschenkt, obwohl wir Anfang Januar noch einmal an der Rhön vorbei kommen. Das Hotel in der schönen alten fränkischen Kurmetropole hat ihrer Schwester schwer gefallen, und ein windelweicher Badeaufenthalt tut ja eh immer gut. Auch wenn ich gerade wieder schwer erkältet bin. Und obwohl wir 1.000 Kilometer fahren müssen.

Ich hätte Testfahrer für Volkswagen werden sollen. Beim Bummel durch die Kissinger Fußgängerzone entdecke ich auf dem Grabbeltisch den Bildband „Ferdinand Porsche und die Entwicklung des ersten Volkswagens“. 300.000 Kilometer müssten mit unserem Volkswagen Golf Spardiesel wohl zu erreichen sein. Über die Hälfte haben wir schon rum. Weil wir einfach gern fahren, ob nach Südeuropa oder Süddeutschland, ob vier Tage oder vier Wochen. Und der sieben Jahre alte Golf läuft und läuft und läuft…

Wir fahren gern zusammen, wir hören Deutschlandfunk oder Hörliteratur, wir lesen uns etwas vor, zum Beispiel „Streitkultur in der Ehe“. Wenn man sich sonst nichts zu sagen hätte, hierbei geht es naturgemäß hoch her. Im Auto immer dabei sind heißer Tee und belegte Brote. Zum Mittag stehen wir bereits am Fuldaer Schlosspark. Überrascht registriere ich, dass wir immer noch in Hessen sind, und nicht in Bayern, als wir einen Stadtspaziergang machen und in einer gemütlichen Gaststätte in der barocken Altstadt einkehren. Ochsenbäckchen habe ich erst im vergangenen Jahr kennengelernt, im wahrsten Sinne des Wortes butterzartes Kopffleisch, das gehörig mit fast flüssigem Fett durchzogen ist, aber gerade deswegen eine Delikatesse ohnegleichen ist. Wir speisen es mit gebratenen Schupfnudeln, Rotweinsauce und Rosenkohl, obwohl wir Bad Kissingen mit dreimal abendlichem Halbpension-Buffet gebucht haben.

Adel und Sozialgäste

Das riesige Kaiserhof Victoria heißt so, weil es einmal einem Herrn Kaiser gehört hat. Es entstand in den 1840er Jahren, erlebte einige Besitzer, sah Bismarck und Kaiserin Sissi kuren, und wurde schließlich bis 1996 von der Arbeiterwohlfahrt für BFA und DAK geführt. Genauso verhält sich auch die Concierge an der Rezeption. Als wären wir auf Krankenschein hier. Den Voucher will sie sehen. Dann reicht sie uns wichtig (im Stil von: „Ich sag es nur einmal“) vielerlei lustige Gutscheine für unser Wochenendpaket und die Kurkarte, die unser Hiersein legitimiert.

Bad Kissingen ist irgendwie merkwürdig. Ich empfinde manches an unserem wunderbar mit Stuck und Säulen überladenen Jugendstil-Hotel auf interessante Weise unstimmig und aus der Zeit gefallen. Nach der Gesundheitsreform ging das Kurbad wohl fast den Bach hinunter. Das letzte große Luxushotel Steigenberger neben unserem Haus wurde vor zwei Jahren abgerissen, dort liegt nun eine große umzäunte Brache direkt gegenüber der voluminösen Kuranlage auf dem Weg in die Kaufzone. Wie ein Mahnmal. Wenn man den Kaiserhof Victoria googelt, stößt man auf einen korrupten Oberbürgermeister, der 2008 eine halbe Million Provision für den Verkauf des Hauses an einen russischen Investor angenommen hat und 2014 fast drei Jahre Gefängnis dafür bekam.

Der jetzige Hoteldirektor geht in einem Interview in der Mainpost offen davon aus, dass Bad Kissingen weiterhin nur die Zielgruppe „50plus“ anspricht. Dazu gibt es einen Leserbrief: „… um 21 Uhr werden die Gehsteige hochgeklappt und das Klientel in den "Szenekneipen" sitzt sich selber fest. Es kommen keine interessanten Gäste nach Bad Kissingen … Wenn du ein Gespräch in einem Lokal aufziehst, geht‘s entweder um Krankheiten oder psychosomatische Traumata … Mit knapp 50 fühle ich mich in Kissingen wie fast beerdigt…“

Aber wir beide sind ja über 60 und sowieso Teil der Mehrheit. Man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass die Jungen nichts mehr zu melden haben. Sie haben kein Geld, keine Jobs und keine Krankheiten. Ich dagegen kann die Wellness-Angebote an diesem Wochenende aus gesundheitlichen Gründen gar nicht annehmen! Während Bine jeden Morgen um sieben im Pool spaddelt, lese ich mich bei Ferdinand Porsche fest.

Lasst die Finger vom Wein!
Lasst die Finger vom Wein!

Im Viertakt

1972 zerlegte ich meinen ersten Käfer, mit „Jetzt mache ich es selbst“ in der Hand, irgendwann konnte ich selbst den Motor allein aus- und einbauen. Ich habe fast jede Schraube am VW gedreht, kenne alle Typen von 1960 bis 2003, meine Jugend war eine einzige Testfahrt, mal mit, mal mit wenig Heizung. Ohne Heizung sind die Porsche-Ingenieure 1934 zweieinhalb Wintermonate mit drei Prototypen 150.000 Kilometer durch den Schwarzwald gebraust, über 700 Kilometer am Tag!

Zum Abendessen-Buffet ist der prunkvolle Kaisersaal wegen Gästemangel geschlossen, wir werden in den Wintergarten geleitet, der sich auch so anfühlt, weil die schweren bleiverglasten Holzfenster noch aus der Kaiserzeit stammen. Zu unserer Verwunderung und Freude platziert man uns an einen Vierertisch, so lernen wir ein älteres hessisches Ehepaar kennen und müssen nicht an unserer Streitkultur weiterarbeiten. An den ersten beiden Abenden lasse ich mir so viel Zeit mit den leckeren Salaten und Vorspeisen, dass der Hauptgang geleert ist, als ich mir welchen genehmigen möchte. Aber das macht überhaupt nichts, und wir amüsieren uns prächtig über den tschechischen Kellner, der alle Getränkebestellungen aufschreibt und wiederholt und dann doch meist das Falsche bringt. Er ist Azubi im ersten Lehrjahr und kämpft gegen das Bonsystem der Bestellung, das muss man verstehen, die russischen Investoren wollen ja etwas Gewinn machen.

Weißwurst, Wellness, Walking

Das Frühstück dürfen wir im Kaisersaal einnehmen. Es gibt natürlich viel zu viel, sogar Weißwürstl mit süßem Senf und Salzbrezn. Danach sind Bine und ich die einzigen im Schwimmbad. Ein paar Minuten Walking auf dem Crosstrainer, dann etwas Kraulen (ich meine Schwimmen), danach machen wir uns landfein. Wir gehen nicht in die alte Kurhalle mit der Rakoczy-Solequelle, die sich mehrere hundert Meter lang direkt vor unserem Hotel erstreckt, weil wir kein Interesse an einem Kurkonzert mit Stehgeigerin haben. Stattdessen gehen wir schnurstracks in die Fußgängerzone mit ihren Andenkenläden und Mode für die verblühte Frau.

Wer sich am Ende des Lebens noch Klunkern für 10.000 Euro kauft, muss wirklich sehr krank sein. Aber auch Svarovski, das alpenländische Diamant-Imitat für Möchtegerns, steht zur Disposition. Gleich neben dem besagten Buchladen, in dem die herrliche Volkswagen-Konstruktions-Lektüre wohl jahrelang auf mich gewartet hat, findet Bine ein billiges Kochbuch für bunte Vorspeisen im Glas. Perfekt für unser Brunchbuffet am zweiten Weihnachtstag. Man kann ja mit Essen alles machen, wenn man es nur farblich korrekt schichtet. Aber essen und trinken können wir jetzt nichts mehr, selbst Glühwein wäre jetzt zu viel. Wir überqueren die Fränkische Saale am Kurpark und sehen ein charmantes Weinlokal in einem Schinkelpavillon, doch, da wir Wein mitgebracht haben, beschließen wir, später wiederzukehren.

Bine geht dann zu ihrer Kakaobutter-Anwendung, auf die ich dankend verzichte, weil ich Massage von fremder Hand als übergriffig empfinde. Nach dem Mittagsschlaf beginnt die samstägliche Radioübertragung der Bundesliga und schließlich ist Orgelkonzert mit Kerzenschein in der Erlöserkirche. Ich denke dabei an mechanische Benzinpumpen, Nockenwellen-Stößelstangen und Torsionsstäbe an Achsschenkeln. Und an Räucherlachstatar, Piccata von der Poulardenbrust an Linguini mit Trüffelsahne und Rhöner Scheiterhaufen unter Vanillesauce. Und an mich unter dem Käfer liegend, bei Minusgraden dem TÜV-Bericht trotzend.

Ich war ein Problembär

Meine Spezialität war das Wiederbefestigen abgerosteter Pedale, die Fehlersuche bei Motorstillstand, die Einstellung von Zündzeitpunkt und Ventilspiel, Auspuffwechsel und Kupplungstausch, das Nieten der Bremsbacken und schließlich sogar die handwerkliche Herstellung passender Bremsleitungen aus Rohware. Wie habe ich es geliebt, wenn ein Problem auftrat. Das fehlt mir heute, denn unser Golf hat in 157.000 Kilometern lediglich vier abgefahrene Bremsklötze und ein defektes Radlager gehabt, und das habe ich auch noch machen lassen.

Hitler wollte dem Volk einen Wagen für unter 1.000 Mark verkaufen und damit beweisen, dass das nationalsozialistische Deutschland Amerika wirtschaftlich überholen konnte. Porsches Ergebnis war zwar bereits 1936 fast jedem anderen Auto überlegen, weil der kleine luftgekühlte Heckmotor alles konnte und der Käfer bereits damals sehr stabil war, doch gelang es nicht, den Preis zu halten, und ziemlich schnell wurde der Bau militärischer „Kübelwagen“ angeordnet, obwohl viele Deutsche bereits einen Volkswagen-Sparvertrag angefangen hatten. Wenn 1933 nicht passiert wäre, hätte ich dann 1972 vielleicht bereits an selbstfahrenden Autos rumrepariert?

Hamburg punktgleich auf den letzten Plätzen

Der handgerührte VW Golf bleibt jedenfalls stehen in diesen drei Tagen, denn am Sonntag machen wir einen ausgiebigen Spaziergang im Luitpoldpark an der Fränkischen Saale. Unser Weinlokal im Schinkelpavillon hat leider geschlossen, also nutzen wir den Wellnesspaket-Gutschein für „ein Stück Kuchen mit Kaffee- oder Teespezialität“ an der Hotelbar. Zu deutsch: einen Teebeutel im Glas mit Obsttorte. Der HSV verliert in Mainz, punktgleich mit St. Pauli auf den letzten Plätzen. Und wir erwärmen die kalten Füße im Whirlpool und besuchen die 45-Grad-Dampfsauna, immerhin, so viel Wellness geht dann doch noch. Zum Abendbuffet werden wir wieder zu zwei Franken platziert, die nur 45 Kilometer von ihrem Haus in Volkach am Main im Kaiserhof kuren und sich auf Weihnachten im Kreise ihrer großen Familie freuen.

Ich freue mich auf die Hochrhönstraße. Ferdinand hat noch 1938 Zeit gefunden, an seinem Sportwagen zu bauen, der nach dem Krieg zum Porsche 356 wurde. Was hätte er für eine Freude an der A7 zwischen Fulda und Schweinfurt gehabt! Wie die kurvenreiche Autobahn seit 1968 über riesige Viadukte die Rhön überquert. In den Siebziger Jahren brach mein Vater bei jeder neuen Brücke in spitze Entzückensschreie aus, während er unseren Silbermetallic-Fließheck-VW 1600 mit 135 km/h krampfhaft in der Spur hielt. Die Hochrhön-Bundesstraße dagegen wurde bereits in den Dreißiger Jahren angefangen. Sie führt nur 25 Kilometer über die „Lange Rhön“ von Bischofsheim nach Fladungen, aber sie ist bei rauhreifbedeckten Bäumen und Wiesen im Nebel sooo schön. „Soooooo schön!“ hätte mein Vater gerufen. Wir wollten in Hann. Münden zu Mittag essen, doch irgendwann ist es Bine der Gurkerei genug und wir steuern über den Knüllwald auf die A7. Bine am Steuer, lege ich das Schlafhörnchen an und träume von unserer Silvesterfahrt an den Bodensee, aber das wird wieder eine andere Geschichte.

 

Mit dem E-Bike in den Alpen -

Vinschgau 2016

 

Ob ich ein Körbchen haben möchte, fragt mich der Fahrradverleiher. Freudig bejahe ich, so könnte ich Handy, Wasserflasche, Tabakspfeife oder Landkarte immer bereit halten. Doch er hat mich auf den Arm genommen. An ein fast 5.000 Euro teures KTM Macina Race Mountain-E-Bike will er kein Lenkerkörbchen schrauben.

 

Der Südtiroler Bikeverleih in Spondinig ist was ganz Feines, lauter edle Karbonrahmenräder, nach phänotypischen Marketingkriterien zusammengebaut: das Ultraleicht-Rennrad für die Weitfahrer, das knackige Mountainbike für die Hoch- und Runterfahrer und in der Ecke ein paar Senioren-Tourenräder, am meisten jedoch nachgefragt: E-Bikes.

 

Hier in den Alpen sind sie fast alle schick in Schale unterwegs: Komplette Fahrradklamotten kosten gut und gerne einen Tausender, sie schützen vor dem bösen Blick, vor dicken Beinen und vor Was-weiß-ich, man kann aber auch mit abgeschnittenen Jeans und alter Funktionswäsche unterwegs sein, denn wenn man am Berg einen motorlosen Radler überholt, ist man eh der Spielverderber.

 

Vinschgau

 

Günther hat mir von seinen Alpenradtouren erzählt und in mir den Gedanken geweckt, es noch einmal elektrisch unterstützt zu versuchen. Jahrelang bin ich mit dem Peter auf dem Motorrad alle Alpenpässe abgefahren, stets habe ich die Helden bewundert, die es mit dem Fahrrad schaffen, aber viel gesehen von der herrlichen Landschaft habe ich nicht, denn ich musste auf Straße, Kurven und Verkehr achten.

 

Bergwandern ist auch nicht so mein Ding, zumindest hat man die elektrische Unterstützung der Wanderbeine noch nicht erfunden und ohne finde ich es zu anstrengend. Deswegen habe ich mir ein superkräftiges E-Mountainbike ausgeliehen, während der gut trainierte Günther eines ohne Motor gewählt hat.

 

Unser Quartier ist Prad am Stilfser Joch, mitten im oberen Etschtal zwischen Reschenpass und Meran. Und eben jener Reschenpass sei mit einem wunderbaren Radweg abseits der Fernroute versehen, hat Günther geschwärmt, und von Vinschgauer Brotfladen, Kaminwurzen und Sennerkäse und Tiroler Gröstl...

 

Am Montagmorgen hatte es noch geregnet und wir hatten uns einem geführten Stadtrundgang durch Glurns angeschlossen. Was für ein wunderbarer Einstieg! Das kleine Örtchen am Eingang zum Taufertal wurde im Mittelalter reich durch seine Grenzlage zwischen Tirol und der Schweiz. Als sich die Handelsrouten änderten, verarmte Glurns so schnell, dass sich weder ein Abriss der Bürgerpaläste noch der Stadtmauern lohnte und die Stadt so bis ins zwanzigste Jahrhundert in ihrer ursprünglichen, dem Graubündischen angelehnten Form erhalten hat.

 

Tanas

 

Gegen Mittag kommt die Sonne hervor – sie bleibt die ganze Woche – und wir starten mit unseren Leihrädern ins Etschtal zum Marmordorf Laas. Es ist schwer, im Vinschgau einen guten Gasthof zur Jause zu finden, entweder ist Ruhetag oder es wird nur für Halbpensionsgäste gekocht. Das All-Inclusive-Unwesen hat auch hier Einzug gehalten, und hinzu kommt, so klagt die Gastwirtin des St. Georg in Agums, man bekommt auch kein Personal mehr, das den harten Anforderungen eines Zehn-Kilometer-Arbeitstags zwischen Küche und Biergarten gewachen ist.

 

Von Laas aus wollen wir einmal eine Bergauftour testen. Ich hatte es mir so vorgestellt, dass ich langsam hinter Günther herradele, doch es zeigt sich, dass Bergauffahren ohne Motor so langsam geht, dass ich besser in meinem Tempo voranradle und ab und an warte. Die KTM Macina geht ab wie Schmidt's Katze, schnell bin ich ein paar hundert Höhenmeter bis Allitz hochgezogen. Trotzdem merkt man die Anstrengung, ich bin froh über die Pausen, während Günther jeden Höhenmeter mit voller Körperkraft abstrampelt und dabei niemals entmotiviert wirkt. Zum Spaß will ich es einmal mit seinem Bike versuchen, aber schon nach zwanzig Metern gebe ich entsetzt auf. Was für eine Strapaze!!!

 

Auf der Karte ist nach einer Höhenstraße bis Tanas auf 1500 Metern (Laas liegt 900 Meter hoch) ein Mountainbiketrail oder ein Wanderweg zurück ins Tal bei Eyrs verzeichnet, wir wissen es nicht genau. Dass das Wetter weiterhin trocken bleiben wird, sehen wir an den Heuwiesen- und Apfelplantagen-Sprinkleranlagen, die in vollem Betrieb auch uns an manchen Kehren mit einem Schwall frischen Bergwassers bedenken. Was für ein fantastischer Blick ins Etschtal, in meiner E-Euphorie träume ich von einer Befahrung des Stilfser Jochs, was sich aber doch als GDS, als größte denkbare Selbstüberschätzung, erweist.

 

Hinter Tanas befrage ich eine attraktive junge Bergbäuerin nach dem Weg zurück ins Tal. Sie erinnert sich, kürzlich einen Weg hinaufgewandert zu sein und weist in eine Richtung. Was solls, zur Not müssen wir die Räder schieben. Günther steigt sowieso erst einmal ab, denn er hat ein weltanschauliches Problem mit Radfahren im Wald. Sowieso übertreten wir manches eherne grüne Gesetz, wir fahren 2.000 Kilometer mit dem Auto hierher, wir essen zu viel Fleisch, wir haben einfach zu viel Spaß.

 

Es wird dann doch noch eine rasante Jagd. Dafür ist so ein Vollballon-Mountainbike mit seinem tiefgehängten Knochenlenker bestens geeignet, im Stehen ein paar Feldwegserpentinen hinunter zu brausen, immer schön hinten bremsen, am besten etwas sliden, wie ich das in der Jugend machte, nur später dann mit dem Geländemotorrad auch nicht mehr. Wie auf Bestellung kommt uns eine Einzylinder-Enduro entgegengebrettert. Und dann sind wir unten in Eyrs und vollständig begeistert von diesem tollen Tag.

 

Meran

 

„Was, bis Meran und wieder zurück? 100 Kilometer?“ Das habe ich zuletzt 1973 in England geschafft, mir tut noch heute alles weh. „Nee, es geht 50 Kilometer nur etschabwärts, und zurück hast du ja dein E-Bike“, entgegnet Günther. Und es ist tatsächlich kaum ein Pedaltritt nötig auf dem Radweg durch Apfelplantagen und an Laas, Schlanders, Goldrain, Bergkastell und Tröll vorbei bis zum letzten Höhensprung ins Meraner Tal. Aber wer in aller Welt hat Sporträdern Betonsättel verordnet? Der kleine geschlitzte Steg unter dem Po berührt nur wenige Zentimeter meiner unteren Beckenknochen, die auch ohne radlerische Anstrengung bald erbärmlich weh tun.

 

Günther führt mich bei 30 Grad Hitze auf den Tappeiner Höhenweg über die Stadt. Durch das historische Passeier Tor kommen wir zurück ins Meran der Betuchten. Das ist halt Italien, das muss man neidlos anerkennen, das Land des guten Geschmacks. Eher ein Frauenparadies voll Designerläden, aber nicht die Edelmarkenshops der It-Girls, sondern kunstgewerbliche Unikate, Selbstgeschneidertes, etwas für die Frau mit Persönlichkeit, der im Urlaub einfach mal ein Tausender für eine einzigartige Jacke nicht zu viel ist. Ich habe auch so eine. So eine Frau.

 

Aber die 50 Kilometer zurück kann ich nicht mehr antreten, ich fühle mich schlapp und krank und nehme die Vinschgau-Regionalbahn, die ab 17 Uhr wieder Räder mitnimmt. Günther radelt die gesamte Strecke zurück, wir treffen uns nach 40 Kilometern in Laas im Gasthof Krone. 20.21 Uhr steige ich wieder in die Bahn, denn ich fühle eine Erkältung hochkommen. Ich habe nur ein Hemd an und friere erbärmlich auf den letzten zwei Kilometern im Dunklen.

 

Reschenpass

 

Nach zehn Stunden Schlaf ist von einem Infekt nichts mehr zu spüren. Und ich tausche das Rad. Einen anderen Sattel hat der Verleiher nicht, also nehme ich einen handelsüblichen Senioren-Tiefeinsteiger mit Gelkissenplatte und antiquiertem Akku auf dem Gepäckträger. Schwächer, kurzatmiger, schwerer, aber gegenüber dem karbonleichten Steißzerstecher wie eine Sänfte. Die 30 Kilometer auf den Reschenpass mit 600 Höhenmetern müssten auch damit zu packen sein.

 

Wir radeln etschaufwärts über Glurns nach Burgeis, ein zweites Südtiroler Juwel mit riesigen alten Gasthöfen, darüber thront das beeindruckende Benediktinerkloster Marienburg. Von hier führt der steile, asphaltierte Radweg am Berghang entlang durch Nadelwälder und über grüne Almen zum aufgestauten Reschensee.

 

Zwei Gründe waren für die Gewinner des Zweiten Weltkriegs ausschlaggebend, Südtirol nicht an Österreich zu geben: Italien hatte zunächst Triest an Jugoslawien verloren und sollte nicht noch mehr Gebieten verlustig gehen, und das nach Ansicht der Alliierten vom Kommunismus bedrohte Italien brauchte die Wasserkraftwerke der Alpen für seine Industrieentwicklung. Dafür wurden die Orte Reschen und Graun durch eine Staumauer im Süden des Reschenpasses unter Wasser gesetzt, eine für meine Begriffe nützliche Operation, die von den Südtirolern allerdings immer noch als Gewalttat aus Rom empfunden wird.

 

Der alte Kirchturm von Graun ragt aus dem Wasser, und an einer Kamerasäule kann man davor Selfies machen, die für immer im Netz zu bewundern sind: www.bergfex.it, Webcam Schöneben, Mittwoch, 7. September 2016, 15 Uhr. Der Reschenpass ist natürlich kein richtiger Pass, 600 Höhenmeter sind aber genug für meinen Akku. Ganz zum Schluss muss ich noch ein paar Kilometer ohne Saft leicht bergauf radeln, eine Steigung, die ich auf dem Hinweg gar nicht gemerkt hatte. Nicht allein deshalb habe ich in der folgenden Nacht einen Krampf in der Kniekehle, den ich so wohl noch nie erlebt habe.

 

Trafoi

 

Am Donnerstag greifen wir das Stilfser Joch an. Von 900 auf 2800 Höhenmeter in 28 Kilometern, der gigantischste aller Alpenpässe, das ist natürlich nicht zu schaffen. Man bräuchte drei volle Akkus, bei Günther bin ich mir gar nicht mal sicher, ob er es nicht auch so schaffen würde, wenn es ihm um Rekorde ginge. Aber wir wollen uns einfach nur bewegen, jeder nach seiner Kondition. Das Trafoijoch auf 1500 Meter bleibt unsere Marke.

 

Wir sind so verblieben, dass heute jeder losfährt, wenn er bereit ist. Schließlich geht es 15 Kilometer rein bergauf, gestern war die Strecke bei gleichem Anstieg doppelt so lang. Alleine mit die Beine... Günther kurbelt los, während ich mir noch auf dem Tablet eine ZDF-Doku über die Grinsekatze Hillary Clinton anschaue. Aber die Sonne scheint so herrlich, die Luft ist so frisch, dass ich nicht lange still sitzen kann.

 

Es ist mir unangenehm, die echten Fahrradhelden zu überholen, die offenbar stundenlang kurbeln wollen, eine mir immer noch völlig unverständliche Willensleistung. Jahrelang bin ich an ihnen mit dem Motorrad vorbeigefahren, jetzt werde ich selber von ultralauten Krachkonvois überholt.

 

Auch deswegen habe ich das Motorradfahren aufgegeben, es macht mittlerweile fast jeder, die Autobahn nach Süden ist voll von Autos mit Motorradanhängern, und gefühlt jeder Zweite hat keinen regulären Auspuff. Pkw überholen recht vorsichtig, der Lastwagenfahrer dagegen schert sich oft einen feuchten Dreck um Sicherheitsabstand. Nach einer Stunde habe ich Günther eingeholt, der an der ersten von zwei blitzsauberen Serpentinen frühstückt. Gemeinsam beobachten wir, wie es immer wieder zu Beinahe-Unfällen oder -Umfallern kommt, weil Autos und Motorräder zu weite Radien fahren.

 

In Trafoi, wo einst Freud über die Psychopathologie des Vergessens nachdachte (Oh, na, nie!), zweigt eine Straße zu drei heiligen Quellen ab. An einem herrlichen Gebirgsbach-Panorama vor einer alten Kapelle picknicken wir Kaminwurzen und nehmen ein verdientes Nickerchen. Dann machen wir uns wieder getrennt auf den Heimweg. Fast 60 km/h erreiche ich und bin in 15 Minuten zuhause, Günther dagegen bringt seine Bremsen zum Glühen, weil er niemals versucht hat, in einer Kurve mit dem Knie auf den Boden zu kommen. Das ist mir allerdings auch heute nicht gelungen.

 

Martelltal

 

„Um zehn beginnt eine Führung durch die Marienburg“, erzählt Günther mir um neun Uhr. Das wird mir zu hektisch, ich votiere dafür, die Bikes auf dem mitgebrachten Fahrradträger zu schnallen und ins Martelltal zum Stausee zu fahren, um eine letzte lockere Runde auf 1800 Meter Höhe zu drehen. Doch leider ist die Staumauer gesperrt, und wir müssen den nördlichen Bergpfad über die Kuhalm zurückradeln. Egal. Im Nachhinein wäre historischer Input über Pfaffen und Grafen nicht schlecht gewesen, denn wir haben von Prad aus alle vier Himmelrichtungen abgefahren und sind es zufrieden. Auf einem Bergbauernhof erstehen wir Sennerkäse, im Tal werden Kürbiskernöl und ein paar Weine gekauft, dann bringen wir die Räder zurück und fahren ins Hotel zur Post Glurns zum Herrengröstl mit Kalterer See.

 

Dann packen wir und zuckeln am Samstagmorgen über Reschen- und Fernpass zurück nach Deutschland. Vor dem Leermosstunnel ist Blockabfertigung, es wird der entspannteste Stau meines Lebens. Mit Blick auf die Zugspitze sitzen wir mit geöffneten Fenstern und lassen die Tage Revue passieren. Gegen 16 Uhr sind wir in Würzburg, wo Günther seine Frau trifft, mit der er zum Gardasee zurückfährt – sie soll nicht die ganze Strecke allein sein.

 

Ich trinke noch eine halbe Kanne Kaffee, esse die zweite Hälfte meines Marmorkuchens, höre die Bundesligashow im Radio und eine historische Vorlesung über Julius Cäsar und bin exakt zehn Minuten vor der Vollsperrung der Autobahnausfahrt Hamburg-Stellingen gegen 22 Uhr wieder daheim. Ach ja, ich musste seit Österreich nicht einmal tanken, unseren Turbodiesel haben wir auf 150.000 Kilometern höchstens 150-mal betankt. Mit Motoren kenne ich mich aus...

Perigord 2016 –

Das große Schwimmen

 

Worin der geneigte Leser erfährt, wo vor Jahrtausenden in die Hände gespuckt wurde, wo die weltgrößte Entität in Dosen zu finden ist, wovon die Briten möglicherweise genug bekommen haben und wie die Hockneybilder entstanden sind...

 

„This is a new song“, sagt Dylan an, und seine Minstreltruppe ballert los. „Seven dayyys...“ krächzt er zum Shuffle, ich gehe zum Kraulen über. Noch schmerzen die Gelenke. „Dadadadada dada dada“ schrammelt die elektrische Band. Ein Sonnenstrahl bricht durch den südfranzösischen Himmel. Wenn ich den Kopf unter Wasser habe, hört man die Bässe besser. Der Rhythmus der alten Bootleg-LP peitscht mich durch die stark gechlorten Neunmeterfluten. Ich drehe mich auf den Rücken. „Aua!“. Noch tuts weh. Aber nach 1.500 Kilometer Autofahrt verschafft mir das Schwimmen mit dem wasserdichten Mp3-Player seelische Ruhe und physische Kraft. Wir sind angekommen in Collonges-la-Rouge im Perigord.

 

Es war anstrengend, auch wenn man es während der Fahrt kaum registriert. Wie immer saßen wir zu viert im Golf, diesmal ohne Dackel Käthe, auch nicht mit Motorradanhänger, dafür mit zwei E-Bikes. Wenn man das Gepäck in Tüten statt in Koffern transportiert, reicht der Platz, leider nicht für eine Gitarre. Wir haben dann doch auf halber Strecke in Besancon zwei Zimmer vorgebucht, zu je 50 Euro, bis 18 Uhr stornierbar. Um 17 Uhr stehen wir vor dem Hühnerstall „Premiere classe“, einem Kabinenhotel an der Autobahn. Das gesparte Geld verfuttern wir in der Altstadt an der Doubs. Im Bett fielen mir bereits während der zweiten Halbzeit des Klassespiels der Spanier gegen die Türkei die Augen zu.

 

Ich hatte am Abend vor der Abreise sechs Backhus-Spitzwecken, fluffige Hamburger Sauerteig-Baguettes, mit Salbeipesto, Butter und Remoulade beschmiert und mit Kassler, Gouda und Salat belegt. Sybille und Achim führten Frikadellen und Kartoffelsalat mit. Literweise Tee und Kaffee waren auch an Bord. Leider wurde das Hinterachsgeräusch vom unwuchtigen Reifen immer lauter, und am zweiten Tag ließ sich der Radlagerschaden nicht mehr verheimlichen. Ob wir es noch 500 Kilometer schaffen?

 

Vor einer Woche hat die EM begonnen. Das hatte ich nicht gesehen, als wir im Winter das Ferienhaus buchten. „Du willst doch nicht etwa in unserem Urlaub Fußball gucken?“ fragen die drei empört. Bine schwört, ich hätte ihr meine Fußball-Leidenschaft zu Anfang unseres Vierteljahrhunderts verheimlicht. Mal sehen, wie ich mein Ziel erreiche: Dienstag spielt Deutschland gegen Polen, am kommenden Wochenende beginnen die K.O.-Spiele der letzten 16, vielleicht sind wir ja zufällig auf einem Marktplatz, wenn Frankreich siegt.

 

Beauregard

 

Monsieur Gilles, der Proprieteur unseres alten Bauernhof-Anwesens Beauregard, begrüßt uns  in Meyssac, wo wir trotz Lagerschadens bereits gegen 15 Uhr angekommen sind. Er führt uns durchs Haus und zum Petanque-Parcours hinter dem beheizten Pool, an dem die Rinder weiden. Dann hinterlässt er uns die Adresse einer Reparaturgarage und lehnt nach einem guten Glas Rosé aus dem Languedoc die Einladung zum Carbonara ab, gegen 18 Uhr speist noch kein Franzose.

 

Dieser Pool ist wahrscheinlich der Hauptgrund für unsere Entscheidung für das Haus gewesen, das mit vier Schlafzimmern und zwei Bädern auch für acht Leute reichen würde, ganz zu schweigen von den tausenden Quadratmetern Wald- und Weideland um unser „Maison de la vieille chene“ und die dreihundertjährige Eiche herum. Es liegt ein paar Autominuten vom romantisch roten Naturstein-Städtchen Collonges und von Meyssac entfernt – in der Mitte der Raute Bordeaux, Limoges, Clermont-Ferrand und Toulouse - und reiht sich würdevoll ein in die Reihe unserer vergangenen Viererbanden-Quartiere Cogolin in der Provence, Radici in Istrien, Plogoff in der Bretagne und San Ginesio in den Marken.

 

Dort hatten uns die gefühlten 13 Grad Pooltemperatur den Spaß am Baden etwas vermiest, so dass wir mit den versprochenen 27 Grad, deren Heizkosten „aufs Haus“ gehen, wie Monsieur Gilles versichert, bestimmt jeden Tag eine Langspielplattenlänge schwimmen können. Jedenfalls habe ich bald Bruce Springsteen erreicht, der nach Bob Dylan auf meinem Wasserwalkman aufgespielt ist, und den man nur schön chronologisch abhören kann.

 

Am Ende des Sonntages schneidet Achim die erste weiße Kugel Gaperonkäse mit dem Pradelmesser auf, das Bine in Collonges-la-Rouge gekauft hat. Sie hat Baguette vom Morgen aufgetoastet und eine Flasche Monbazillac blanc geöffnet, der sich als Dessertwein entpuppt. Aber erst einmal muss der Durst sowieso mit Badoit froid gelöscht werden. Denn wir kommen von einem Spaziergang zum Dorf zurück, circa drei Kilometer bergauf. Eines der schönsten Örtchen der Gegend, sagt einem jeder.

 

Gottseidank sind jetzt im Juni nicht so viele Touristen unterwegs. Das „Vieille Europe“ füllt die Gassen des roten Dorfes, dessen Sandsteinziegel merkwürdig ausgewaschen sind, als wenn es ständig regnet, und nicht nur heute. Jetzt hat Achim den Elsässer Riesling herbei geholt, nachmittags um vier die bessere Wahl. Oh je, und jetzt auch noch Schokolade. Schwimm ich oder schlaf ich? Ich werde berichten.

 

La cuisine – oh la la!

 

In Johannes Willms' Gebrauchsanweisung für Frankreich wird die Vermutung geäußert, dass die französische Revolution entscheidende Dienste für die Entwicklung der Gastronomie geleistet hat. Die Kochteams der Adligen waren nämlich von einem auf den anderen Tag arbeitslos und mussten sich selbst ernähren, indem sie Gastwirtschaften für Bürger eröffneten.

 

Bis zur Revolution 1848 muss der Vorgang abgeschlossen gewesen sei, jedenfalls berichtet Karen Blixen in „Babettes Fest“ von der Pariser Köchin, die als steckbrieflich gesuchte Revolutionärin ins pietistisch ärmliche Skandinavien flieht, dort als anpassungsfähiges Mädchen für alles reüssiert und nach Jahren in nordisch-protestantischer Einfachheit und Armut einen Lottogewinn für den Import feinster Pariser Rohwaren benutzt.

 

Davon kocht sie zum Erstaunen der breigewohnten Dorfbevölkerung ein Menü, dass sich die Balken biegen, und ein zufällig anwesender alter General erkennt den Speiseplan des führenden Pariser Gourmetrestaurants, das Babette einmal gehört hat. So geht es uns jetzt auch, aus dem hohen Norden an industriellen Schnittkäse und drei Wochen haltbares Schwarzbrot gewöhnt, na gut, wollen wir nicht unken, Sybille und Achim leben auch zuhause wie Gott in Frankreich.

 

Ich habe geschlafen, nach dem Besuch des roten Dorfes, selbst das Spiel Frankreichs gegen die Schweiz verschlafen, das wie erwartet 0:0 endete, das dritte der Gruppe, die Bleue sind durch, die Eidgenossen brauchten einen Punkt, und Rumänien gegen Albanien interessiert auch nicht richtig. Obwohl ein Sieg des Außenseiters, ähnlich wie Altona 93 gegen den Bremer SV, das ist immer spannend, aber sie haben es vielleicht gar nicht übertragen.

 

Beaulieu

 

Während ich dies schreibe, steht eine Flasche Sidi Brahim auf dem Tisch, Montagnachmittag, gleich gibt’s wieder Käse und Baguette. Die braune Kuh, die große Unifarbende mit ihrem Kalb, weidet hinter dem Schwimmbad und schüttelt die Fliegen ab. Rund 50 haben wir mittels Klebestreifen in der Küche erlegt und ihr hoffentlich Erleichterung verschafft.

 

Der handgepflückte Atlaswein ist eine Mischung tunesischer Cabernet- und Merlottrauben, schwer, blumig und gerade recht. Ich habe ihn gekauft, um muslimische Frauen zu unterstützen. Und um einem meiner Schüler mit gleichem Namen, dem ich gezeigt habe, wie er seine eigene Homepage baut, einmal ein anderes Titelbild anzubieten als Lamborghinis und Christiano Ronaldo. Mon dieu, Mousse de Canard und getrüffelte Nußwurst kommen auch auf den Tisch!

 

Dabei haben wir bereits heute Mittag im Hotel Le Beaulieau an der Dordogne köstlich gespeist, Menu du jour, drei Gänge, mit Weißwein für die drei und Wasser für mich, den Fahrer. An der Dordogne habe ich zuletzt vor 45 Jahren gestanden, damals war ich mit dem Paddelverein unterwegs, eine Frankreichprägung für die Ewigkeit. Als pubertierender Langhaariger nachts auf einem Rockfestival Französinnen kennengelernt und in einer Disco Cola getrunken, am nächsten Tag von den Mädchen zum Essen auf dem Campingplatz eingeladen, es gab Pfannkuchen, oh la la!

 

Ich hasse Pfannkuchen. Und ich liebe Bob Dylan, seit ich vor 50 Jahren zum ersten Mal „Blowin' in the wind“ sang. Prägungen sind so einfach. Die Mutter, die Harmonien G-, C- und D-Dur, der Blues und die andere Frau. „I want you“ näselt der Meister, während ich meine Bahnen strample. Fünf Bootleg-LPs sind ganz schön lang, ich bin in der Mitte der dritten angelangt, als er mit der Band elektrischen Rock 'n' Roll einspielte und jemand die verworfenen Stücke archivierte. Morgen kommt hoffentlich bald die Sammlung „Mein Mix“ dran mit meinen All-Time-Favourites. Ich werde berichten.

 

Castelnau

 

Von Beaulieu waren wir heute vormittag mit gemütlichen 70 km/h zum Chateau de Castelnau gegondelt, das ein begüterter Baritonist vor Jahrzehnten restauriert und mit mittelalterlicher Kunst versehen hat. Eine dreieckige Anlage, die seit dem 13. Jahrhundert den Grafen zum Teilen und Herrschen gedient hat, ab dem 15. Jahrhundert schusswaffenfest gemacht, dann aufgegeben, weil Städte und Bürger die Macht übernahmen.

 

Aufgegeben ist auch unser Ferienquartier Beauregard, einst ein Gutshof mit Pfeffermühlen-Türmchen und großen Stallungen. Monsieur Gilles hat nur ein kleines Gebäude renoviert, der Rest steht versperrt und zugewachsen dahinter und drum herum. In der ganzen Gegend scheint die Landwirtschaft vor zehn bis zwanzig Jahren zum Erliegen gekommen zu sein, jedenfalls lese ich das aus den zahlreichen efeu- und moosbewachsenen jungen Eichenwäldchen, die in den Niederungen gewachsen sind. Außer Vogelgewitscher und dem Gekreische der Frauen ist es herrlich still hier. Man könnte morden...

 

Dienstagmorgen, als die Damen mit den Rädern zum Markt in Meyssac aufgebrochen sind, erreiche ich auf dem Schwimmwalkman die gesuchte Stelle mit Bruce Springsteen. „The promise“ habe ich von YouTube herunter geladen, den Song gibt es nicht auf Platte. Um 1970 hat Springsteen erfahren, dass ihn sein Freund und Manager mit Knebelverträgen getäuscht hat. Er hat ein oder zwei Platten aufgenommen, der Sound der E-Street-Band zeichnet sich ab, und die Sechs spielen „The promise“ zusammen im Studio ein. Bruce schreit sich die Seele aus dem Leib, weil er seinen geliebten Dodge verkauft hat, um seinen Traum vom „Million-Dollar-Sound“ zu verwirklichen, und jetzt gehen alle seine Einnahmen an Mike Appel: „...sleeping on the backseat of a borrowed car“.

 

Dylan und Springsteen stehen für mich als Beispiele für die moderne Welt, in der es  Glücksrittern möglich geworden ist, ihre Träume zu verwirklichen, wenn sie es wirklich wollen. Die Grafen von Castelnau hatten ihre Ritter, um es anderen verwehren, da leben wir in besseren Zeitzonen, fast alle meine Träume haben sich erfüllt, auch wenn ich kein Rockstar geworden bin.

 

Eine Grille zirpt. Vögel flirten. Falter umschwirren mich. Unser Hauslurch geht die Wände hoch. Die weiße Cajal-Kuh mit den braunen Augenringen äst am Horizont. Ich blicke von der Terrasse auf die sechs Meter dicke Eiche und die Petanque-Bahn. Wir haben zweimal fünf Kugeln, und die Mädels spielen verdammt gut. Allein, nach der Sommerhitze, die am Dienstag gekommen ist, zog es uns früh zu Bett. Das alte Feldsteinhaus ist noch angenehm kühl.

 

La Roque Gageac

 

Die EM-Vorrunden sind mittlerweile vorbei. Alles hat sich zum Guten gewendet. Niemanden stört mein tonloses Versunkensein in die 17 vergebenen Chancen der Deutschen, Franzosen, Spanier oder Engländer gegen drittklassige Gemüseteams mit Zehner-Abwehrriegeln, die oft ihre einzige Chance im Spiel zum Ausgleich nutzen. Am Samstag beginnt die Finalrunde.

 

Angenehm temperiert war es auch am Mittwoch auf der Dordogne. Achim wusste von Motorboottouren im Felsenort La Roque Gageac. Anderthalb Stunden sind wir mit dem Golf über Martel und Souillac durch das Departement Lot gekurvt, ebenfalls gut klimatisiert. In der Kühltasche war eiskaltes Wasser dabei, und ich kann, wenn das Fahrzeug einmal in der Sonne geparkt werden musste, alle vier Fenster mit der Fernbedienung öffnen.

 

Auch unser Umgang mit dem Navi ist mittlerweile perfekt, kein Rechtsabbiegen auf die Bahngleise mehr, kein „Bitte wenden“ in den Fluss hinein, ich habe den Ton einfach ausgeschaltet. Mein Trick: Die nächste Routenänderung wird oben links angezeigt, in zwölf Kilometern links, da kann man sich so lange wieder hinlegen, und am Ende der Zwölf guckt man auf die Straßenschilder, ob man nicht aus Versehen einen Ort in Marokko eingegeben hat.

 

Wenn wir weiter so spachteln, kehren wir vollfett verarmt heim. Wir leben wie die Fürsten. Die Plats du jour in Besancon, Beaulieu und La Roque waren mit Foie gras, Saucissons, Fruits de mer, Carpaccios, Rumsteack/Frites, Truites et Legumes, Glaces et Chocolades, Vin, Bière und Cafés immer rund 100 Euro billig. So viel haben wir sicher auch schon für Käse und Baguettes ausgegeben.

 

Heute Abend gibt’s Confit de canard mit Gratin. Man kann sie in Dosen kaufen: im eigenen Fett stundenlang gesottene Ente. Die hauchdünn geschnittenen Perigord-Kartoffeln hat Achim mit einem Kräuterbund „Bouquet garni“ in Sahnemilch gekocht und mit Gruyere überbacken. Zum Aperitif reicht er einen Loiresekt aus Vouvray. Die zehnte Weinflasche in vier Tagen, ein weißer Macon, glaubt dran.

 

Morgen glaubt das Auto dran. Die charmante kleine Renaultgarage erinnert mich an einen Jugendtraum. Vor 40 Jahren habe ich einmal eine Autoschlosser-Lehre bei Renault Schulz in Billstedt begonnen. Wenn ich in der netten Werkstatt in Meyssac gearbeitet hätte, hätte ich sie vielleicht nicht abgebrochen. Alle drei Mechaniker kümmern sich nach und nach um mich.

 

Erst der gepiercte Geselle, der auf der Probefahrt das Rumoren der Achse bestätigt. Danach hebt er jedes Rad einzeln an, weil die vier Hebebühnen belegt sind, eine davon mit einem goldenen Peugeot 205 Coupé aus meiner Lehrzeit, aber er hört nichts. Auch der zweite Mann nicht. Die Achsen laufen frei und lautlos, hein? „Ist das Geräusch wuwuwuwu?“ fragt der Meister. Dann reibt er liebevoll den linken Hankook-Hinterreifen, den letzten seiner Art, VW-Erstausstattung, sieben Jahre alt, wohl fast versteinert, die anderen sind bereits neu: „Der hat Höhenschlag!“

 

Weil ich zuallererst die gleiche Vermutung hatte, habe ich ihn im Frühling bereits auswuchten lassen. So habe ich einst Fehlersuchen geliebt. Nachdenken, hören und ausschließen, leider ist mein Gehör dazu nicht mehr in der Lage, und damals bei Schulz habe ich einen Traum beerdigt, dass Automechanik spannende Fehlerdiagnose statt langweiligem Tauschgeschäft sei. "Thunder road - there's something dying out on the highway tonight..."

 

Bine meint Houellebeqs Roman „Unterwerfung“ erzählt auch vom Perigord. Er schildert die zukünftige Machtübernahme der Muslime in Frankreich. Was für ein armseliger Quatsch! Der Islam ist versiegelte Zeit, archaische Wüstenreligiosität, dabei wunderschön kapitalismuskritisch, weltverbesserisch und eher etwas für romantische Deutsche. Ja, es würde mich nicht wundern, wenn diese Melange aus Brüderlichkeit, Enthaltsamkeit, Realitäts-Blindheit und Rückständigkeits-Verherrlichung dem Michel nicht irgendwann gefallen täte.

 

Auf dem Freitagsmarkt von Meyssac zappelt ein Fisch zu meinen Füßen. Schnell kommt der Händler mit dem Kescher herum und fängt ihn wieder ein. Er wirft ihn mit anderen Forellen, die im Becken hinter ihm schwimmen, in einen Trockenbehälter und dann wird ihnen der Garaus gemacht. Vier ausgeweidete Forellen landen in Bines Einkaufskorb. Ich bin auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für sie. Ich habe an einen Blumenstrauß und einen edlen Burgunder gedacht. Ich radebreche mit der Blumenverkäuferin. Gegen 15 Uhr hat sie wieder rote Rosen. Der Weinladen führt einen Premier Cru Nuit Saint Georges von 2007.

 

Wir sind nicht gekommen um zu bleiben. Sondern um zu speisen. Unsere Reste-Essen muss man einfach beschreiben, ich kann und darf es nicht verschweigen. Weil wir heute Abend im Relais St. Jacques von Collonges reserviert haben, kommt nur ein klitzekleiner Imbiss auf den Terrassentisch. In Sybilles kaltem Gazpacho befinden sich neben in Olivenöl angeschwitzten Zwiebeln mit Knoblauch Tomaten, Salat und Gurken, ein Rest Gratin, etwas Sidi Brahim und jede Menge handzerstoßener Pfeffer und Gartenkräuter.

 

Auf dem Markt von Brive la Gaillarde hat sie dazu heute morgen ein Stückchen Galette mit Käse und Schinken erstanden. Ich war wiedermal schwer beeindruckt vom Angebot der hiesigen Bauern. Vielleicht ist das der Grund für die gestrige Brexit-Mehrheit: Schluss mit der Völlerei! Sie stecken Foie gras in alles: geräucherte Entenbrust, Feigen, Blätterteig, Schweinemedaillons. Ihre Feldfrüchte sehen so erfrischend anders aus als die EU-konformen Patentzüchtungen auf dem Hamburger Isemarkt. Das Geflügel hat gelebt und ebenfalls gut gespeist. Einem schier unermesslichen Angebot an konservierten Köstlichkeiten sowie Käse- und Wurstspezialitäten muss wiederstanden werden. Statt dessen bleiben uns nur Reste von Rilette, Quiche und Saucisson, fünf Käse, Baguette vom Morgen und Erdbeeren.

 

Rocamadour

 

Genieß es, wenn du noch Treppen steigen kannst, sage ich zu Bine und nehme die 216 Stufen zur Kirche von Rocamadour in Angriff. Tatsächlich ist es ja ein Privileg, hier zu gehen, andere sind die Treppe auf den Knien hochgerutscht. Die Menschen pilgern seit dem 13. Jahrhundert hierher, die Kirche ist an den Berg gebaut und verspricht Erlösung. Tatsächlich versuche ich, wie auf den Tafeln gefordert, etwas zu leiden, nach 100 Stufen bekomme ich dicke Beine und Pumpatmung. Dabei bin ich gut im Saft, wir schwimmen ja zweimal am Tag. Aber nach einer Foto-Pause komme ich gut weiter. Schön ist es nicht hier, aber skurril, am Interessantesten ist die Kaufleutegasse auf dem Weg vom Parkplatz zum Tempel. Da sind sich alle Touristenorte einig: Ohne Kommerz kein Geschäft.

 

Wir besuchen noch die Ziegenkäserei La Borie d'Imbert am Ortsausgang, deren Ställe und Produktionsräume man besichtigen kann. Ich habe gar nicht gewusst, was für dicke Euter Ziegen haben. Wir probieren und kaufen ein paar Käse, nur ein halbes Kilo, dann fahren wir an der Dordogne entlang zurück zu unserem Haus Beauregard um den deutschen Achtelfinalsieg gegen die Slowakei zu sehen. Yes, we can: Du darfst!

 

Ansonsten haben wir ein Haus ohne Internet und sind auf TV und Teletext angewiesen. In Brive gibt es im Zentrum wackeliges WiFi, genug um ein paar Minuten lang WhatsApps und Mails zu checken, aber dass man nicht mehr jederzeit mit Freunden chatten kann, ist gewöhnungsbedürftig. Auch fehlen mir Navigation, Kicker und Google. Ein Kochrezept für Bressehuhn, das hätte ich jetzt gern.

 

Und die politische Diskussion in den Echokammern. Dies Wort habe ich gestern bei arte gehört: Die digitale Menschheit hält sich im Internet gern in Bereichen auf, die ihre Haltungen widerspiegeln und verstärken. Dazu kommt die Schlagzeilen-Fokussierung, denn das Telefon hat ja keinen Platz. Götz George tot. Bud Spencer tot. Wolfram Siebeck tot. Achim noch nicht, nein, nur ein schwerer Infekt nach unserem Besuch in der prähistorischen Kältekammer.

 

Pech Merle

 

Das Geschehen nach dem Tode muss auch die ersten Menschen sehr interessiert haben. Grabbeigaben aus dem prallen Leben waren bei Begüterten früher gute Sitte. Das ist natürlich heute mit dem Zweimeter-TV oder dem Ferrari aus Platzgründen schwieriger geworden. Ich betrachte die Höhlenmalereien von vor 25.000 Jahren in Pech Merle. Wir werden mit 20 anderen in 50 Meter Tiefe geführt.

 

Die Kalkhöhlen des Perigord sind in Millionen Jahren durch unterirdische Ströme ausgewaschen. Dann fanden Menschen der Cro Magnon-Zeit Zugänge und sie werden mit ihren Pflanzen- und Fettfackeln staunend unter den Stalagtiten und Stalagmiten gestanden haben, allein die grandiosen Hallen mit ihren grotesken Kalkformationen müssen den armen Teufeln wie Geisterbehausungen vorgekommen sein. Einzelne Schamanenkünstler haben dann Mammuts, Bisons, Pferde oder Bären gezeichnet und geritzt, berühmt ist Pech Merle aber für seine einzigartigen Handumrisse: Der Künstler hat Hände auf den Felsen gelegt und mit Farbe bespuckt.

 

Turenne

 

„Sigthorsson geht vom Platz, der kann das Siegtor also nicht mehr schießen“, hatte der Kommentator noch beim 1:1 der Isländer gegen Portugal gekalauert. Jetzt hat er es gemacht, das Sigthor. 2:1 hat Island am Montag die Brexits aus dem Rennen geworfen. Ausgerechnet. Jetzt. Die Achtelfinals waren aber auch nicht besser als die Vorrunde. Lediglich Deutschland und Belgien haben es geschafft, die Zehnerriegel mehrfach zu knacken. Jetzt traue ich den Wikingern den EM-Titel zu, so wie 2004 Griechenland, das danach pleite ging. Denn die Deutschen scheiden am Sonntag gegen Italien aus.

 

Mein Puls geht 100. Etwa 20 Kilometer habe ich mir vorgenommen, und ich wusste, es wird bergig. Zehn Tage habe ich das Fahrrad stehen lassen, erst war es zu kalt, dann zu heiß, dann wollten wir etwas unternehmen, dann fühlte ich mich nicht danach. Heute am Dienstag passt es. 23 Grad, Schäfchenwolken. Quer über die Hügel liegt irgendwo der Märchenort Turenne.

 

Der letzte Vicomte La Tour hat die Burg und das Dorf auf dem Hügel nach 800 Jahren 1738 für 4,3 Millionen Livres an den König verkauft, er hatte im Spiel verloren und musste es versetzen. Danach durfte die Grafschaft erstmals Steuern zahlen, wie andere auch. Das Perigord ist in den Weltkriegen von Bomben verschont geblieben, allerdings war sie ein Zentrum der Resistance, was zur Folge hatte, dass viele Massenerschießungen durch die Reichswehr stattfanden. Aber im Algerienkrieg haben die Franzosen alles wieder wett gemacht.

 

Rauf und runter geht die Reise. In Vaillac verpasse ich prompt die Kreuzung und merke es erst vor Collonges, nachdem ich wieder eine größere Steigung gestemmt habe. Zum Dank darf ich fast fünf Minuten bergab radeln, wobei mich noch ein wahnwitziger Milchlaster bedrohlich fix überholt. Klugerweise habe ich das Autonavi dabei, weil meine Karte zu wenig aussagt. Dadurch finde ich die kleine Straße am Bahndamm von Turenne Gare, die mich von hinten auf den Bergkegel führt, auf dem die Burg Turenne steht. Bis oben hin pumpe ich fast ohne Pause, man gewöhnt sich doch an die Lastbewegung, auch wenn das 25-Kilo-E-Bike leicht untermotorisiert ist. Nein, es geht nicht von selbst!

 

Treppensteigen ist eine Erleichterung dagegen. Leider ist nicht viel übrig von der Mittelalter-Herrlichkeit, die der Anblick von Dorf und Burg von außen verspricht. Ein Wehrturm lässt sich mit 64 Stufen erklimmen und bietet einen schönen Rundumblick, den ich abgekämpft umso mehr genieße. Ich sehe meinen Heimweg, aber ich lasse mich jetzt vom Navi auf den kürzesten Weg leiten. Die meisten Steigungen gehen nur im ersten Gang, und ich bleibe trotz großer Anstrengung dabei: Das ist die beste Art, sich durch Bergland zu bewegen. Die Gerüche, der Sonnenschein, der Schatten, die Ausblicke, die Einblicke, die gemächlichen 20 km/h, alles das geht mit dem Auto nicht. Und mit dem Motorrad schon gar nicht.

 

Sarlat

 

Wenn man via Turenne La Gare über die weidegrünen Berge und durch die moosbraunen Wälder eine Stunde lang über einspurige Bauernwege durchs schwarze Perigord nach Salignac fährt und dort vor den Gärten von Eyrignac die Mädels entlässt, sind es nur noch zwanzig Minuten bis zum Mittelalterstädtchen Sarlat-la-Caneda. Das besondere an seinem historisch erhaltenen Zentrum ist, dass im 15. Jahrhundert nach dem Hundertjährigen Krieg auf viele gotische Mittelalterhäuser Renaissance-Stockwerke gesetzt wurden, ein goldenes Zeitalter wie heute.

 

Hier im Perigord sieht man selten moderne Architektur, lediglich die Église Ste.-Marie ist von Jean Nouvel mit gigantisch modisch grauen Toren versehen worden, sie dient jetzt als Markthalle. Auch im schönsten Teil des autofreien Sarlat ist Markttag, kein Vergleich zu Brive oder gar unserem authentischen Dorf Meyssac. Eine solche weihnachtsmarkt-ähnliche Ansammlung von Souvenir-Fressalien in Dosen habe ich noch nicht erlebt. So allmählich bekomme ich es satt, es wird Zeit, dass die Viertelfinales beginnen und wieder Zwieback gereicht wird.

 

Perigueux

 

Der Sommer 2016 ist auf seinem Höhepunkt. In Beauregard ist es bis auf vereinzelte  Treckergeräusche ruhig, Monsieur Gilles sammelt das Heu von seinen Feldern zu kreisrunden Paketen. In den Städten soll es zu Streiks und Demonstrationen gegen die Wirtschaftspolitik Hollandes gekommen sein.

 

Ich stehe mit einem Audioguide bewaffnet auf den Überresten einer römischen Villa aus dem 2. Jahrhundert. Die ganze Dordogneschleife von Perigueux war damals eine Colonia mit herrlichen Atriumhäusern. Die Römer wussten, wie sie ein Weltreich regieren: Jede Kolonie durfte ihre eigene Gottheit behalten. Hier war Vesunna die Chefin, sie wurde insgeheim zur Juno gemacht, nur die römischen Kaiser mussten mitangebetet werden. Die doofen Christen wollten das nicht, weswegen sie auch schon mal im hiesigen Amphitheater nördlich der Stadt mit ran mussten. Heute kopulieren hier zwei afrikanischstämmige Franzosen auf einer Parkbank, wo einst 20.000 Zuschauer den Heimatgladiator anfeuerten. Schon damals gab es Fan-Ausschreitungen, aus Pompeji weiß man, dass die von den reichen Familien finanzierten Spiele deswegen jahrelang abgesagt werden mussten.

 

Die alte Villa von Vesunna ist mit einem hohen Glasgebäude von Jean Nouvel überdacht, es erinnert an unseren Hamburger Schlump-Bahnhof, und der ist von Le Corbusier! Natürlich sind nichts als Grundmauern zu sehen, aber dank des Audioguides kann ich die Lage der Fußbodenheizung, den Veranstaltungssaal, das Speisezimmer, den Säulengang um den zentralen Atriumgarten erkennen. In Vitrinen liegen Fundstücke: Bleigefasste Fenster, Tür- und Schrankscharniere aus Eisen und Hirschgeweih, Webstuhlteile, Wasserleitungen, hastenichgesehen... Ich sag nur, wenn die Römer den Verbrennungsmotor erfunden hätten, hätte Italien Deutschland bestimmt erneut geschlagen.

 

„Ist dieser Fuß noch frei?“ Immer wieder versagt mein Leistungskurs-Französisch von 1975. Stuhl heißt doch nicht Pieds! Egal, im Café de la place kann ich nach der altrömischen Nummer ungestört einen leichten Imbiss einnehmen. Ob ich vegan geworden bin, fragt Peter über WhatsApp, nachdem ich die Telefonnummer des Cafés als WLAN-Passwort endlich richtig eingegeben habe. Er bezieht sich auf meine Käsebrot-Frites-Salades-Platte von gestern, denn ich bin ein manischer Essensfotoversender. Ohne Worte poste ich ihm meine sechs Chicken Wings. So langsam bekomme ich die Regional-Feinkost satt, ich will endlich wieder was Leckeres, Ungesundes, Unethisches, Globalisiertes.

 

Vieles, was mit "Neo-" anfängt ist Kitsch. Neobyzantismus, das erinnert mich an das neogotische Neorenaissance-Rathaus Hamburgs. Abadie, der Baumeister der Pariser Edelkitschkirche Sacre Coeur, hat die Kathedrale von Perigueux, die wohl tatsächlich einmal als Kuppelkirche in Form eines griechischen Kreuzes erbaut worden war, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu einer Zuckerbäckertorte weiterrestauriert. In ihrem Schatten gibt es eine sehenswerte Altstadt, die im Gegensatz zu Sarlat nicht ocker, sondern kalkgrau ist. In seinen Ausläufern wirkt Perigueux allerdings wie Greifswald 1990.

 

Auch Cahors hat mich nicht umgehauen. Die Stadt war mittelalterliches Bankenzentrum Europas und wurde von Dante mit Sodom verglichen. Im Hundertjährigen Krieg blieb die Stadt in der Lot-Schleife uneinnehmbar, wir fahren mit dem Ausflugsbötchen einen Halbkreis, aber auch von außen ist nichts Besonderes zu entdecken. Es ist grau und kühl geworden, Nordfrankreich ist seit Wochen regnerisch kalt, den Süden streifen immer mal wieder Ausläufer. Und wir sind immer dann in den Städten, wenn der Franzose abbaut: die Märkte, die Auslagen, den Mittagstisch.

 

Das bisher beste Essen – als ich noch Hunger hatte - haben wir Freitag anlässlich Sybilles Geburtstag im Relais de Quercy von Meyssac genossen. Natürlich waren wir die ersten Gäste. Wir sind ja auch die ersten beim Frühstück. Die Bedienung stammt sichtbar vom Lande, und so knallt sie uns auch die Speisekarten hin. Menü für 27 Euro in fünf Gängen, bitte. Pate mit Foie Gras. Zackig ausgehöhlte halbe Honigmelone mit Nußwein. Schmalziges Confit de Canard mit Bratkartoffeln, was sonst?

 

Inzwischen hat sich das Lokal gefüllt, die Bedienung hebelt die Teller nur so auf die Tische, sie leistet ganz allein Außerordentliches. Schräg mir gegenüber hat eine einzelne ältere Frau Platz genommen. Gemein, wie ich bin, frage ich mich, wie sie – offenbar Stammkundin - ohne Gebiss all die Speisen wegkriegt, die zu ihrem Menü gehören. Nun bekommt sie als erste die gewaltige Käseplatte vorgelegt, von der sie reichlich abschneidet. Schließlich wird ihr ein Rieseneisbecher gereicht. Ihre Söhne müssen enorm stolz auf sie sein, eine Frau, die sichtbar jeden Tag gelebt und geliebt hat.

 

Ruhetage

 

Heute, am Sonntag nach zwei Wochen, will ich einmal abends allein nach Brive fahren. Einmal sehen, ob es noch Leben in Frankreich gibt, oder ob die Isländer den letzten Funken der französischen EM-Freude zum Erlöschen bringen. Ich habe gestern Nacht zum ersten Mal in meinem Leben ein deutsches Halbfinale versäumt. Das heißt: nur die Elendsverlängerung und das Elfmeterschießen. Das Fußballspiel Italien gegen Deutschland war so entsetzlich langweilig und vorhersehbar, Jogi wollte nichts riskieren, die Italiener riskieren nie etwas, und nach dem 1:1 in der 75. Minute war mir klar: Da passiert nichts mehr bis Mitternacht. Ich bin dann ins Bett gegangen und um vier Uhr aufgestanden, um in den Videotext zu schauen.

 

Das letzte Viertelfinale, das die Franzosen schließlich 5:2 gegen Island gewinnen, ist da von ganz anderem Kaliber. Frühes Tor, Gegentor von Sigthorson verhindert, weiteres Tor, wieder Konter verhindert, zur Halbzeit 4:0: so spielen Europameister. „Allez, les bleues!“ skandieren die 150 Gäste des Gassenbiergartens in Brive. „Allons enfants de la patriiie... fiel dagegen am Anfang noch zaghaft aus. So entsteht Masseneuphorie.

 

Am Sonntag unternahm ich erst mit Sybille und später mit Bine eine Fahrradtour. Die kleineren Hügel gehen problemlos, für 60-Jährige machbar. Am großen Anstieg nach Ligneyrac muss ich einmal absteigen. Zwei fröhliche Großfamilien, die den Berg herunterkommen, äußern sich aufmunternd: Sie haben es gleich geschafft. Aber den Berg auf der anderen Seite wieder herunter zu radeln trauen wir uns nicht. Statt dessen halten wir einen Einkehrschwung in Collonges, wo wir Achim und Hartwig treffen, seinen Freund, der bei Nantes lebt, und uns besucht.

 

Zwei Wochen lang bin ich im Kreis geschwommen. Das Haupt gecremt. Die Schwimmbrille beschlagen. Auf dem weißen Boden des Pools bildete die südliche Sonne Hockneybilder. Vor meinem Augenhintergrund entstanden Schlieren. In meinen Ohren ein gegröhltes gebrochenes Versprechen. „Throw it aaall awayyy...“ Lass deine Sehnsucht fahren. Lebe. Ich lasse die anderen am Montag und Dienstag allein nach Lascaux, zu den Felsendörfern der Vezère und zu den Bastiden fahren. Ich bin angekommen. Glück ist für mich ein Zustand, egal wo. Ich will nichts mehr als Schwimmen und Sommerwärme, Vogelzwitschern und Grillenzirpen, Lesen und Schreiben.

 

So komme ich endlich auch einmal zum Kochen. Einfach und deutsch: Spaghetti Bolognese. Salat und Erdbeeren. Erst einmal kaufe ich beim Super U ein. Normalerweise hasse ich das Suchen im Überangebot, gehe nur zum Discounter, weil ich da weiß, wo was steht und was es mich kostet. Aber mein Zeitgefühl ist so gespreizt, so umgedreht, als koste alles nichts.

 

Ich lasse mir vom Fleischer ein Kilo Beefsteak zum Sonderpreis hacken und suche jeden Gang nach meiner Liste ab, die ich im Telefon eingegeben habe und die ich jetzt Gegenstand für Gegenstand lösche. Besonders bei der Auswahl der Weine, der Käse und des Obsts lasse ich mir Zeit. An der Kasse geht es üblicherweise noch gelassener zu. Viele ältere Leute zahlen mit Karte und brauchen endlos lange, um den Vorgang abzuschließen und ihre Waren vom Band zu räumen. Dazwischen beantwortet der Kassierer Telefonanrufe. Auch ich schaue in mein Offline-Smartphone, eine ganze Partie Schach geht zu Ende.

 

Dann stelle ich das Auto im Schatten der Eiche ab und beginne zu schnibbeln. Zwiebeln,  Schalotten und Knoblauchzehen werden im Entenschmalz vom Confit de Canard angeschwitzt, das wir sparsamerweise aufbewahrt haben. Dann brate ich das Hack und füge schließlich die kleingehackten Tomaten und das Kräuterpaket hinzu. Auch ein Rest brandsalziges Hühnerbrühen-Konzentrat muss dran glauben, weiß ja keiner! Für die Salatsoße nehme ich Zitrone zum Olivenöl, Essig ist nicht da, nur leider hat die Majonnaise auch Zitrone drin. Aber der wiedermal irrtümlich gekaufte Süßwein von Bergerac ist genau richtig für einen würzigen süß-sauren Gout. Nun können die Gäste kommen!

 

Marseille

 

Bine sitzt am Abend der Entscheidung in Marseille im Perigorder Pool und liest. Die EM kocht über. Der südfranzösische Sommer hat die 30 Grad erreicht. Selbst den Feldmäusen wird es warm, heute morgen schwamm eine mit hängenden Pfoten im Abflusssieb. Ich habe sie mit einem Löffel rausgekratzt und mit einem beherzten Wurf den Bussarden zur Verfügung gestellt, die Beauregard umkreisen. Aber Fliegendes ist wohl nicht ihr Beuteschema. Ich hätte sie an einem Band durch den Garten ziehen sollen, aber da hätten die Mädels sicher etwas dagegen gehabt.

 

Ich kraule meine Runden und bade in Rockmusik-Geschichte, die mir mein Leben erzählt. Dylan hat sich in allen Jahrzehnten immer wieder andere Rhythmusgruppen gesucht. Seine vertrauten Nasalmelodien ändern sich nicht mehr, aber die Klänge der Bands. Da ist dann zum Beispiel das spannungsreiche Getrommel auf den dunklen Toms, synkopiert mit Knacken am Snare-Rand und treibenden Beckenschlägen. Darunter schiebt ein Bass auf einem Ton. Immer wieder erstaunlich sind die Ingenieursleistungen der Gitarrenelektriker. Zwei, drei solcher Riffgeräte und ihre Solisten scheinen einen ganzen Musik-Kosmos auszumachen. Ding ding..., dang dang..., dongdongdong deng deng..., krch dadada, ding ding... Dann Dylans Krächzgesang „Series of dreams“ und sein Mundharmonikasolo. Aaaaaach!

 

Sarlat

 

Wir waren noch einmal gemeinsam in Sarlat. Die Diskussion ging darum, einmal während der Öffnungszeiten in einer Stadt zu sein, also von elf bis eins oder von fünf bis sieben Uhr. Mittagstisch oder Abendessen? Für letzteres spricht, dass wir dann gleich das Spiel Frankreich gegen Deutschland sehen könnten. Aber das kommt für Sybille nicht in die Tüte: „Ich gucke mir keinen Fußball an!“ Also fahren wir früh und treiben uns in der Mittagshitze in der schönsten Stadt des Perigord herum.

 

Ich fotografiere alle Ecken und Kanten noch ein zweites Mal durch, es macht bei mittlerweile 1400 Fotos ja nicht mehr viel aus. Es ergeben sich so viele erstaunliche Perspektiven, die Leute haben in der bewehrten Enge skurril gebaut, und das Licht ist großartig. Ich habe eine bewährte Methode, Fotounmengen zu verkleinern. Ich kopiere einfach alles in einen neuen Ordner und lösche gnadenlos, was mir nicht gefällt. Dann kopiere ich alles in einen dritten Ordner und lösche richtig. Am Ende bleiben 50 Bilder für die Homepage und 200 Bilder für die Mutti über. Man schult den Blick und kein Foto geht je verloren!

 

Das große Schwimmen

 

Schwimmen taten nicht nur wir, sondern auch die deutsche Nationalmannschaft. Wie kann es angehen, dass sowohl Boateng, als auch Schweinsteiger den Ball im Strafraum mit ausgestrecktem Arm wegfausten? Und als Kimmich wie ein Schüler den Ball verliert und Pogba Mustafi zum Tanzbären macht, ist es vorbei. Die Franzosen können in der zweiten Halbzeit die mittlerweile weltweit vorherrschende Spielidee des Zehnerriegels einsetzen, um ungefährdet ins Finale gegen Portugal einzuziehen.

 

Ich bin froh, dass wir das nicht live unter Franzosen erlebt haben. Ich hatte zwar gesagt, es wäre mir egal, wer gewinnt, aber beim Zuschauen werde ich dann doch immer zur Furie. Wenn reihenweise Querpässe auf den Flügel ins Aus gehen, wenn Bananenflanken niemanden finden, wenn Müller jede Chance kullernd versemmelnbröselt, kann ich nicht mehr still sitzen. Ich habe seit 50 Jahren deutsche Mannschaften Rückstände drehen sehen, daran gewöhnt man sich leider.

 

Aber die Werbestilisierung „der Mannschaft“ zum meisterlich Nivea-gepflegten Commerzbank-Mercedes finde ich widerlich. Zuerst habe ich den adidas-Werbespruch „First never follows“ nicht verstanden, aber der Anspruch, dass nur Sieger zählen, ist doch der helle Wahnsinn. Nein, wie gut, dass in diesen schwierigen Europazeiten die Deutschen nicht schon wieder die allerbesten sind. Aber auch Frankreich hat seinen Meister gefunden. Sie mussten das Spiel machen, die anderen hielten dicht. Nächstes Jahr nach Portugal?

 

Altenbach

 

Daschan Ding, Dossenheim dicht! Na, wir werden sowieso in Schriesheim von der A5 abfahren, um bei der Schwägerin in Altenbach zwischen zu übernachten. Fast 1.000 Kilometer sind wir schon wieder heimwärts gefahren, denn was ein Ende hat, muss auch zuende gebracht werden.

 

Es konnte ja nicht so weitergehen. Zeit spielte keine Rolle mehr. Geld auch nicht. Weder Wetterbericht noch Tagestemen interessierten, es fehlte noch, dass Bob Dylan gestorben wäre... Die Bussarde jagen weiter Hasen, während Mäuse ersaufen. Gänse werden gestopft, Enten gesotten, Ziegen gemolken, Kälber geschlachtet, Baguettes gebacken. Vivre continue.

 

Bine hatte sanft angemerkt, ob Ina abends nicht einfach – nur - ein paar Forellen reicht. Prompt hat sich Schwager Helmut über sechs Odenwald-Saiblinge hergemacht und sie sanft geräuchert. Die köstliche süß-saure Salat-Vinaigrette war leicht mit Süßstoff abgeschmeckt, darauf muss man erstmal kommen! Und zum Abschluss gibt’s wieder fünf pikante Käsesorten und selbst gebackenes Brot, dazu edlen Pfälzer Chardonnay. Wir sind eben immer noch Weltmeister!

 

P.S. Ich weiß, dieser Bericht hätte besser "Das große Fressen" genannt werden müssen.

P.S.2 Und kein Wort von Trüffeln! Ja, klar, die gibt's erst im Herbst. Und im Perigord kommt alles frisch auf den Tisch (oder aus der Dose)...

Radstadt Amsterdam

Weitere Fotos...

 

Worin der geneigte Leser erfährt, wo die holländischen Greise bleiben, wieso die Papp-Chipkarte zweimal piepen muss, wie man Renaissance-Emulsion herstellt und warum man besonders hier Kind reicher Eltern sein sollte

 

Ich liebe alte Lastenfahrräder. Gepäckträger vorn, Gepäckträger hinten, große Körbe, fetter Metallrahmen, Wurstreifen, Dreigangschaltung. Ich liebe alle Nutzfahrzeuge, früher den unerschwinglichen VW Fridolin, später den Kangoo, den selbst der Hersteller so hässlich fand, dass er ihn in seiner Werbung von einem Nashorn poppen ließ. Oder den Smart, der immer eine Parklücke findet.

 

Autos scheinen in der Amsterdamer Altstadt dagegen zum Schutz vor Lastenfahrrädern zu dienen. Jedenfalls wünscht man sich als Fußgänger unwillkürlich einen Panzer herbei. Je enger die Gassen, desto wilder werden sie. An den Kreuzungen der Grachten kommen sie aus sechs Richtungen, je zweimal rechts und links entlang der Gracht, zweimal aus den Querstraßen. Während Fußgänger verängstigt auf den Brücken auf ihre ökologische Nische warten, kommen sie aus allen Richtungen herangerast, ohne zu bremsen, eine Hand am Smartphone oder am Baby, ohne zu klingeln, denn das würde wohl das unheimlich heimliche Verständnis der Radfahrer untereinander durcheinander bringen.

 

Und dann sind da die Motorroller, die auf den Radwegen mit voller Geschwindigkeit unterwegs sind, und - helmlos - fast überall die Radfahrer noch überholen. Amsterdam befindet sich in einem Überlebenskampf. Zwar finden sich unter den Radfahrern alle Generationen, na gut, sagen wir mal, ab 60 ist Schluss, aber man sieht nicht einen einzigen Rollator - übrigens auch ein tolles Nutzfahrzeug - geschweige denn gar Greise. Die sind entweder alle totgefahren, oder sie haben sich zum Sterben in die Vororte zurückgezogen.

 

Puppenstuben-Gemütlichkeit

 

Eine weitere Erklärung wäre, dass Greise einfach nicht mehr aus ihrem Haus raus kommen. Unsere Mietwohnung an der Kinkerstraat liegt im ersten Stock, doch die Treppe ist so steil und eng, dass man sich in Augenhöhe an den Stufen hochziehen kann. Vor dreißig  Jahren war ich zuletzt in Amsterdam, damals leitete ich als Reiseführer eine Busausfahrt aus Hamburg-Farmsen. Die erfahrene Reiseleiterin unsereres zweiten Busses hatte mich vor den ärgerlichen Reaktionen der Gäste auf die engen und kleinen Pensionen gewarnt. Also schwärmte ich während der Anreise von der holländischen „Puppenstuben-Gemütlichkeit“. Am Ende schienen meine Businsassen begeistert, während die des anderen Busses, wie erwartet, Regressforderungen wegen der engen Treppen und der kleinen Zimmerchen stellten.

 

Ich bin mit einem Freund nach Amsterdam gefahren, weil mich mein Weib verlassen hat. Wieder einmal hat sie sich ein schönes Wochenende mit einer ihrer Lieblingsschwestern gegönnt und mich allein in Langenfelde zurückgelassen. „Mit mir nicht“, habe ich mir gesagt und getan, was ich gern tue, nämlich einen Städteausflug gebucht. Allerdings nicht wegen der Lastenfahrräder, sondern wegen der Museen. Rijksmuseum und Historisches Museum will ich erleben, und mit dem Freund teile ich die Vorliebe für holländische Renaissancemalerei.

 

In fünf Stunden sind wir im umweltfreundlichen Golf Spardiesel bis zum „Olympisch Stadion“ gefahren, dort warten wir eine halbe Stunde an der Einfahrt zum Park+Ride-Parkhaus. Es kostet für vier Tage sagenhafte acht Euro, wenn zwei Personen mit der Straßenbahn ins Zentrum und zurück fahren. Dies müssen wir mit dem Ein- und Auschecken mittels Papier-Elektronik-Scheckkarte beweisen, und zwar in jeder Tram zweimal. Ich bin einigermaßen skeptisch, ob es klappt, denn wenn man es einmal vergisst, muss man den vollen Satz von 50 Cent pro acht Minuten zahlen…

 

Wir verlassen die Tram hinter dem Museumsplein und trinken auf dem Albert-Kuyp-Markt eine Tasse Bier, weil unser Quartier erst ab 16 Uhr frei wird. Miloud, unser Vermieter, hat dem Vormieter erlaubt, bis um 14 Uhr zu bleiben, und reinigt das Appartment nun in Windeseile. Wer über AirBnB bucht, sollte zwei Dinge beachten: Wenn man ein Mann ist, kann man eine Wohnung von einem Mann mieten. Wenn man eine Frau ist, sollte man eine Vermieterin wählen.  Miloud ist es besonders wichtig, uns das 200-programmige Satellitenfernsehen zu erklären. Überall versteckt liegen Schalter für Diodenlampen. Aber eine Bettleuchte fehlt. Das Touch-Küchenlicht bekommt (m)eine Frau niemals an, im Leben nicht. Die super-duper Saunazelle mit Badewanne und Seitenstrahlruder kriegen nur Techniker wie wir in einer Minute zur Dusche umfunktioniert. Auch wenn das kompakt-moderne Feuchtteil Miloud beim Kauf schwer beeindruckt hat, in der Realität ist alles bald kaputt gegangen.

 

Ich vermisse auch den Haarföhn nicht, aber der Freund ist im Besitz vollen (und nassen) Haares. Und dass Miloud vergessen hat, ein zweites Bett hinzustellen, wen stört’s? Er schleppt eine Luftmatratze und eine Matratze für die Bodenauslage an und verspricht, ein Schlafsofa zu besorgen. Am ersten Tag scheitert er an der steilen Treppe, am zweiten Tag findet er wohl den Hausbesitzer nicht, den er um Erlaubnis fragen will, das Sofa am Flaschenzug über die Giebelfront einzufliegen. Es bleibt jedenfalls bei der Bodenlage, und den Freund störts nicht weiter.

 

Bilderschwemme

 

Ich habe zuhause online Tickets für das Rijksmuseum gebucht und wir stehen pünktlich am Samstag um 9 Uhr vor der Nachtwache. Sie heißt so, weil das Bild einst völlig verdunkelt war, erst nach der Restaurierung sah man, dass Tageslicht durch ein Fenster im Dach auf die Bürgerwehr fällt, die sich zum Aufbruch verabredet, wobei einer schonmal über die Schulter des anderen schießt. Eigentlich sind wir wegen Vermeer gekommen, von dessen 40 bekannten Bildern drei hier aushängen. Zweifelsohne die Krönung der Sammlung, traumhaft schön, aber es macht mich nervös, immerzu auf die Lücke in der Menschenmenge zu warten, denn die gigantisch guten Gemälde sind nur einen halben Meter groß.

 

In Hollands „Goldenem Zeitalter“, nach der Sezession vom spanischen Habsburgerreich, dem siebzehnten Jahrhundert, profitierten vor allem die seefahrenden Niederlande vom Überseehandel, den die Spanier losgetreten hatten. Sie wurden so reich, dass ein unermesslicher Markt für Millionen Gemälde entstand, sowie eigentlich für alles, was sich in dieser Zeit bereits konsumieren lies. Man war calvinistisch-protestantisch, und das bedeutete wie heute auch, dass nur der in den Himmel kam, der sich in seinem Leben irgendwie bereicherte.

 

Dort, wo der Fluss Amstel im Mittelalter einen „Dam“ erhalten hatte, entstand Amsterdam, und um dessen Altstadt im siebzehnten Jahrhundert die „Grachtengordel“ mit prächtigen Bauten auf Abermillionen Holzpfählen. Bekanntermaßen liegen die Niederlande unter Wasser, und nur die Deichbaukunst der Altväter sorgte für fruchtbares Ackerland. Bereits die Römer profitierten von den Feuchtgebieten, da sie so ihre Truppen schnell herantransportieren konnten. Vierhundert Jahre herrschten sie, nur über die Elbe, in die germanischen Wälder, konnten sie aus bekannten Gründen nicht hinauskommen.

 

Im Rijksmuseum werden alte Zeiten lebendig. Ob Rembrandts Bataveraufstand gegen die Römer oder der Sezessionsfürst Willem van Oranje, imperiale Seefahrtsschinken und Kolonialgeschichte aus holländischer Sicht, Feest der Vrijheid op de Dam 1795 und Waterloo 1815. Das Museum dient auch dem „Nation building“ der Holländer, die eher ein eklektischer Verbund von Städten und verschiedensten Ethnien sind. Die stärkste Gruppe, die Christen, haben sich durch ihren Dr(ei)eckshandel mit Sklaven, Zucker und Tuchen am Rest der Welt versündigt, und heute erleben wir eine Völkerwanderung als Ergebnis der Entwurzelung der Kulturen durch den materialistischen Konsumismus Europas. Doch davon wird wenig erzählt.

 

Painted Desert

 

Zum Abend spazieren wir in die Altstadt, am Freitag zur Nieuwe Zijde, am Samstag zur Ouden Zijde. Jordaan, die Negen Stratjes und das Spiegelkvartier passieren wir stets zweimal. Nachdem wir sündhaft teure Ribeye-Steaks genossen haben, floaten wir mit den Massen zwischen Dam und Centraal Station. Jede Beilage zum Steak kostet extra, allein das Töpfchen Knoblauchschleim drei Euro. Mit zwei kleinen Heineken ist man so schnell bei 40 Euro pro Person, und dieses Preisniveau ändert sich auch nicht wesentlich, als wir am anderen Tag, zugegeben im ersten Stock des Oriental City mit Blick auf die Herengracht, klassisch asiatisch speisen. Da der Freund sich weigert, mit mir Spaghetti Carbonara zu kochen, zahlen wir schlussendlich beim Italiener sogar sieben Euro für einen Humpen Amstel. Aber das ist es alles letztendlich wert, und als wir am frühen Samstagabend im Rotlichtviertel zwischen Waage und Oude Kerk flanieren, wünsche ich mir, noch einmal 20 und Kind reicher Eltern zu sein.

 

Haschisch? Coffee Shops? Nichts für uns. Die wenigen Male, die ich es probierte, bin ich erst einmal von Hochhäusern gestürzt, und zwar die ganze Nacht lang. Im „Painted Desert“ von Arizona sah ich traumhafte Farben und dann, später im Bett, höllische Kreaturen. Kalte Duschen helfen dagegen, aber ich habe keinen Spaß am Rausch, wenn man einmal von der täglichen Fleischzufuhr und den WhatsApp-Chats mit Dieter und Werner absieht. Wozu an beiden Enden brennen, wenn doch allein das Studium der Weltgeschichte so befriedigend sein kann?

 

Der Sonntag ist erneut ein strahlend sonniger Frühlingstag, und so zieht es uns ins Amsterdam Historisch Museum. Doch passend zum auf Tourismus reduzierten Zweck der Stadt wird eine sehr geringe Informationstiefe gereicht, man faselt von der „Amsterdam-DNA“ und sucht sie in kleinen, bunt animierten Kernsätzen. Die Sezession vom Habsburgerreich, das Goldene Handelszeitalter, das frühe Ende des Traums von der Europameisterschaft nach 1700 (und 2016), die Französische Revolution und die Folgen, all das wird sehr schmal und plakativ und aus verengter holländischer Sicht dargestellt. Die Räume mit Amsterdamer Regionalkunst des 20. Jahrhunderts beweisen, dass die Stadt schon lange keine Geister von Weltrang mehr anzieht (mit Ausnahme von Johan Cruyff).

 

So bleibt Zeit zum Besuch des Rembrandt-Geburtshauses, denn die Frühlingssonne brennt auf der Kopfhaut. Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Das Haus des Malerfürsten an der Jodenbreestraat musste 1660 wegen seines aufwändigen Lebensstils zwangsversteigert werden, Rembrandt starb 1669 hoch verschuldet. In der Ausstellung bekommt man einen Eindruck von der Handwerklichkeit seiner Malerei. Eine Mitarbeiterin zeigt das Mischen von Farbpigmenten mit Öl. Man reibt das Gemisch mit dem Mahlstein so lange, bis eine Emulsion entsteht. Dann muss man nur noch die richtigen Farben raussuchen und mit ein paar kräftigen, pastösen Strichen den Turban des Apostel Paulus malen. Kinderleicht!

 

Man stelle sich vor, dass Schuhmacher oder Trankocher ein so hohes Besitzbürger-Interesse wie die Maler gefunden hätten: Was für Schuhwerk und welch deliziösen Waltran würde man dann in den Museen zu sehen und schmecken bekommen! Der Versuch mit der Tulpenzucht ging ja 1638 ziemlich in die Hose. Aber Werbung, Design und Kochkunst zeitigen heute weit kreativere Geister als die armen Schlucker, die sich für „bildende Künstler“ halten. Ach ja: Und Messi, der Erlöser, mein Running Gag...

 

Am Abreise-Montag besteigen wir die 7 zum Weterings Circuit und wechseln in die 24 zum Olympisch Stadion. Jedesmal beim Einsteigen die Pappchipkarte vor den Leser halten, dass es piept, und das Gleiche beim Aussteigen nicht vergessen. Dann im Park+Ride-Kassenautomaten erst die beiden Tramtickets scannen, dann den Parkschein einlösen. Bingo! Die Tramtickets hatten 5 Euro gekostet, das Parken abschließend 3 Euro!

 

Dabei wäre ich gern mit dem Fahrradträger gekommen. Ich hatte mir vorgestellt, ein Discounthotel in Noord zu buchen und dann an jedem Morgen und Abend auf mitgebrachten E-Bikes mit der Fähre über die Amstel überzusetzen. Doch damit wären wir totally oversized gewesen. Erst einmal fährt der Amsterdamer generell halbtote Räder, damit der Diebstahl nicht so weh tut. Und mit dem E-Bike hätten wir an jeder Ecke neues Hohngelächter ertragen müssen. Also: Das nächste Mal leihe ich mir ein Lastenfahrrad und transportiere Geldschränke über Grachten. 

Sommer im Winter -

Las Palmas de Gran Canaria 

 

Worin der geneigte Leser erfährt, warum wir nicht spanienkompatibel sind, wo kilometerlang Tetrapoden liegen, wovor kanarische Kellner sich fürchten und wieso die halbe Stadt als Tunte rumläuft

 

Urlaub in einer Großstadt am Meer, ein schönes Haus zu viert, das alles zehn Tage lang für 650 Euro. Wo kann man das finden? Natürlich auf den Kanaren. Nicht überall schön, aber warm.

 

3.500 Kilometer südlich von Hamburg herrscht ewiger Frühling. Man verstaut bereits in Fuhlsbüttel die Wintersachen und fliegt fünf Stunden. Auf Diät gesetzt, denn selbst Wasser ist bei Norwegian nicht kostenfrei. Ganz selbstverständlich schnappen wir uns in Las Palmas de Gran Canaria das Gepäck vom Förderband und trotten nach draußen zur Busstation. 20 Grad, Sonnenschein!

 

Wir haben Anfang Februar für zehn Tage gebucht. Einen von finnischen Architekten restaurierten 400 Jahre alten Ziegenstall in Las Palmas‘ Altstadt Vegueta. Wir reisen zu viert und haben in dieser Besetzung gute Erfahrungen mit Inselstädtchen im Atlantik gemacht, in Puerto de la Cruz de Tenerife und Funchal de Madeira haben wir jeweils eine Winterwoche lang unter freiem Himmel gespeist.

 

Skandinavischer Ziegenstall

 

Daran ist in Las Palmas de Gran Canaria heuer leider nicht zu denken. Es bleibt oft bedeckt und windig, so dass wir selbst nicht immer auf dem Dach sitzen wollen. Aber unser kleines Stadthaus ist schon sensationell. Zwei Stockwerke und eine Dachterrasse mit Liegen, Frühstückstisch und Sonnenschirm. Im natürlich fensterlosen Erdgeschoss eine moderne Küche mit schicker Poul-Hennigsen-Leuchte über dem Biedermeier-Esstisch, unser Schlafzimmer mit eigenwilligem Bad. Im zweiten Stock das Schlafzimmer der Freunde mit eigener Toilette und einem Wohnzimmer mit großen Fenstern zur Calle Sor Brigida de Castello.

 

Das klingt nicht besonders interessant, aber die Vermieter Sirkku und Mika haben viele alte Mauern freigelegt und uraltes Pinienholz aus anderen Ruinen verbaut, sie meinen, es sei unkaputtbar. Das Waschbecken besteht aus einer großen Holzrosette. Über der frei stehenden Badewanne wendelt sich die Treppe, sie ist aus Stahl mit dunklen Holzstufen, durch das Milchglas darunter fällt von oben Tageslicht. Unsere Doppelbetten stehen zwar in fensterlosen Hinterräumen, doch verschiedene Lampen geben ausreichend gemütliches Licht.

 

Zwar kann man das kanarische Chlorwasser nicht trinken, aber in der Küche befindet sich eine permanente Filteranlage, so dass wir gutes Wasser aus einem kleinen Hahn bekommen. Ein weiterer Hahn ist der Spülmittelspender, das sollte man nicht velwechsern. Aber bis auf einen leckeren Carbonara-Abend essen wir auswärts. Denn es kostet nicht nur wenig, es schmeckt auch.

 

Unspanische Zeiten

 

Bine und ich sind am ersten Abend noch unter uns, weil unsere Freunde einen Tag später aus Düsseldorf kommen. So ein Ankunftsabend ist immer ordentlich euphorisch. Wir gehen durch die engen Gassen der Vegueta-Altstadt zur Kathedrale und betreten gegen 17 Uhr ein von Sirkku empfohlenes französisches Restaurant, das O Soleil. Tatsächlich ist man bereit, uns zu dieser unspanischen Zeit einen kleinen delikaten Doradenteller mit pikantem Gemüse zu bereiten, vier Gläser Sauvignon blanc löschen den Durst, und so wandern wir mit gutem Bauchgefühl weiter zur Einkaufsmeile Triana.

 

Eigentlich sind wir nicht spanienkompatibel, denn in der Folge sind wir meistens in der endlosen Siestazeit unterwegs, die offenbar mindestens von 12 bis 19 Uhr dauert. An unserem ersten Abend erscheint mir die verkaufsoffene Triana-Altstadt lebendig und interessant, hinzu kommt, dass die Häuser hier durchgehend vom Ende des 19. Jahrhunderts stammen, viel Jugendstil, aber auch viel typisch spanischer Stilmischmasch aus schwulstigem Klassikbarock. Wenigstens ist hier alles in leidlich gutem Zustand, was man vom Rest der 400.000-Einwohner-Stadt nicht behaupten kann.

 

Zwischen den Altstadtteilen Vegueta und Triana, sechs Kilometer südlich des heutigen Zentrums, ist das ehemalige Flußtal mit einer großen sechsspurigen Rambla überbaut worden, deswegen ist die Erstbesiedelung Gran Canarias fast nur noch an den Gebäuden um die Kathedrale herum abzulesen. Nach 1472 versklavten die kastilischen Eroberer die seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert ansässige berberstämmige Urbevölkerung, um Zuckerrohr und später Wein anzupflanzen.

 

Bereits zwanzig Jahre später kam Kolumbus zu seiner ersten Atlantiküberquerung hierher und wohnte im heutigen Museum Casa de Colon hinter der Kathedrale. Vegueta ist nun ein gutbürgerlicher Wohnbezirk mit engen Gassen und relativ wenigen Bars und Läden, während die nördlich gelegene jüngere Altstadt Triana doch jede Menge interessante Geschäfte besitzt.

 

Helau mit Cortado

 

Am Samstag, nachdem die Freunde gegen Mittag zum Frühstück erschienen sind, wollen wir den gestrigen Spaziergang wiederholen, doch es ist Karneval. Schon auf dem Santo Domingo-Kirchplatz vor unserer Haustür stehen geschminkte Männer mit Ballettröckchen und Stöckelschuhen und machen Selfies. Erstaunlich viele als Frauen verkleidete Männer, tausende, erblicken wir, während die Sambazüge durch die Stadt ziehen. Zwar ist das Motto „Chicago 1920“, aber im Grunde sieht man jedwedes Narrenkleid.

 

In der Markthalle schließen die Händler bereits, während wir einen schnellen Cortado einnehmen, das Gegenstück zum italienischen Espresso, zwar mit heißer Milch, aber eben kein Cappucino. Wie lange wird es das noch geben, dass man einen frisch gemahlenen, mit der Hand gebrühten Kaffee mit frisch erhitzter Leche zum Preis eines Toilettenbesuchs bekommt?

 

Playa de las Canteras

 

Das vielleicht zehn Kilometer lange, im Nordosten von Gran Canaria auf einer Landzunge zur Halbinsel Isleta gelegene Las Palmas, wird auf seiner rechten Meereseite von der sechsspurigen Avenida Marittima erschlossen, an der man als Fußgänger direkt über den gigantischen Atlantik-Tetrapoden bis zum nördlichen Zentrum flanieren kann. Beziehungsweise muss. Denn einmal zwischen Vegueta und Triana auf den Fußgängerboulevard gelangt, gibt es erst nach ein paar Kilometern wieder eine Überquerungsmöglichkeit über die Autobahn hinweg in die Stadt hinein.

 

Auf der linken Seite von Las Palmas erstreckt sich im Norden die drei Kilometer lange Copacabana, die Playa de las Canteras. Der sehenswerte gelbe Sandstrand wird von einem vorgelagerten Riff vor den großen Atlantikwellen geschützt, doch was durchkommt, reicht immer noch für eine feine Meditation.

 

Die Mädels haben es vorgezogen, barfuss am Wasser zu flanieren, ich sitze auf einer Bank auf der breiten Fußgängermole und fotografiere Wellen und Surfer, als mir Axel eine Bierdose reicht, die er in einem kleinen Supermarkt gekauft hat. Das war für mich fast der schönste Moment an diesem Urlaub, einfach nur in der Sonne zu sitzen und den großen Wellen zuzuschauen und dazu kleine Wellen eiskalten Tropicals in mich hineinzuschlürfen.

 

Vom unteren Ende der Canteras an der Westküste versuchen wir mit GPS auf dem Telefon einen Weg quer durch die Stadt zum östlichen Ufer zu finden. Auf Madeira führte ich uns so unfreiwillig durch Straßentunnel, jetzt leitet das GPS uns über einen Hügel mit grässlichen Hochhäusern. Wie Mümmelmannsberg oder Chorweiler in einer Kakteenwüste, eine eigenartige Erfahrung. Spätere Versuche, die urbanen Qualitäten Las Palmas‘ zu erwandern enden ähnlich trübe. Ob es an unseren unspanischen Aktivitätszeiten oder an der Wirtschaftsdepression lag: Tagsüber ist die City einfach wenig anziehend. Vor allem, wenn immer mehr Wolken den Himmel bedecken.

 

Also steigen wir am Busbahnhof St. Telmo in einen Global-Guagua nach Maspalomas und fahren 50 Kilometer auf der Küstenautobahn ins Sonneneldorado mit den 100.000 Hotelbetten. Doch das hätten wir lieber nicht tun sollen. Da wir uns wieder einmal nicht informiert haben, laufen wir nördlich der berühmten Sanddüne auf der Suche nach etwas Interessantem kilometerlang durch die sprichwörtliche Middle of nowhere und landen schließlich an der Bar eines All-Inclusive-Hotels.

 

Muy pericoloso

 

Am Abend mieten wir schließlich ein Auto, online beim Besten: Cicar. Abzuholen und nach drei Tagen abzuliefern um 11 Uhr in der City, das ganze tutto completto für 100 Euro. Wir werden umsonst auf Golfklasse hochgestuft und erhalten ein fast neues Gefährt, das man problemlos in den Altstadtgassen der Vegueta geparkt kriegt. Auf drei Touren erkunden wir die Insel, und das ist etwas, worauf niemand verzichten sollte, selbst wenn in Las Palmas die Sonne scheint.

 

Ein Kellner einer Tapasbar in der City hatte uns vor der „Muy pericoloso“-Route an der steilen Westküste abgeraten, aber die kurvige Strecke hunderte Meter über dem Abgrund ist gut mit Leitplanken gesichert. Leider sind wir spät gestartet und schaffen keine ganze Umrundung, doch die tief stehende Sonne über dem Atlantik und der Blick auf den Vulkangipfel Teide von Teneriffa sind wunderschön.

 

Die weißen Bürgerstädtchen in den Bergen sind auch etwas ganz anderes als die Betonschluchten von Las Palmas. In Tejeda oder Teror würde sich ein Urlaub lohnen, vor allem, wenn man Lust aufs Wandern hat. Blauer Himmel, vulkanbraune Bergspitzen bis fast 2.000 Meter, seltene Flora, Meeresblick von überall. Und wie gesagt, ein Cortado zum Preis eines Toilettengangs, Tapas und Vino gibt’s für ‘n Appel und ‘n Ei. Der kühle Blanco hat stets einen fruchtigen Geruch und passt bestens zu den ungeschälten kleinen gesalzenen Kartoffeln, die Papas arrugadas mit der Mojosoße aus Essig, Öl und Kreuzkümmel. Häufig gibt's Oliven, Serrano- und Iberico-Schinken, Chorizo, Ziegenkäse, Pulpitos und Tortillas.

 

Teilung der Welt

 

Am letzten Tag regnet es sogar in Las Palmas, aber wir wollten sowieso ins Museum. Das Casa de Colon heroisiert natürlich die spanischen Eroberungen. Bereits zwei Jahre nach Columbus Entdeckung beschlossen Spanier und Portugiesen und der Papst die Teilung der Welt: Spanien bekam Amerika, Portugal Afrika und Asien. Eine senkrechte Linie westlich der Kapverdischen Inseln teilte die Einflusszonen, sie war so gezogen, dass der Vertrag später den Portugiesen das weit nach Osten ragende Brasilien zugestand. Man kann sich vorstellen, wie sich Franzosen, Engländer und Holländer geärgert haben.

 

Nun halten die Pensionäre der kolonialistischen Nationen hier ihren Winterurlaub, und 80 Prozent der Wirtschaft ist darauf eingestellt. Landwirtschaft besteht nur noch aus ultrahässlichen Bananenplantagen, aber die in der Markthalle erhältlichen Früchte sind viel, viel frischer und leckerer als bei uns. Das Wasser wird für die Hotelanlagen gebraucht, entsalztes Meerwasser zumeist. Und der große Hafen Puerto de la Luz versorgt alle sieben Kanaren mit dem, was die Besucher verbrauchen, zu äußerst niedrigen Steuern.

 

Als wir wieder in Hamburg landen, perlt das Regenwasser von den Scheiben des Airbus. Der Schnee vom Morgen ist bereits wieder geschmolzen. Liebe Nachbarn holen uns ab, und sie haben unsere Wohnung vorgeglüht. Der Tag nach der Rückkehr verläuft meist ebenfalls ordentlich euphorisch. Noch ein Monat bis Frühlingsbeginn!

Halberstadt – Tor zum Ostharz                 

 

Worin der geneigte Leser erfährt, was Wellness mit Würstchen zu tun hat, wo Graf Otto protzte, wie der Sohn des Prügelprinzen bewegliches Inventar abgreift und wie man den Müntzer von Stolberg vergessen lassen möchte

 

„Halberstadt? Was wollt ihr denn da?“ fragt ein Freund, der bis 1989 in Dunkeldeutschland festsaß. Wir wollen es gern warm! „Harz“ und „Wellness“ waren die Suchworte, als wir nach einem gemütlichen Stopover zwischen Heidelberg und Hamburg gesucht hatten. Nach den Weihnachtstagen im Odenwald haben wir noch vier Tage Zeit bis Neujahr. Duderstadt und Halberstadt poppten auf mit ansprechendem Angebot. Im Harz selber waren die von mir angeklickten Hotels ausgebucht. Also reservierten wir die Villa Heine am nördlichen Harzrand in Halberstadt.

 

Am Montag nach Weihnachten kommen wir an. Von Seesen über Goslar und Bad Harzburg fahren wir bis Wernigerode auf der Nordharz-Autobahn. Ich weiß, dass Halberstadt eine zu 80 Prozent im Krieg zerstörte Stadt ist. Die Altstadt mit dem Dom soll dagegen sehenswert sein.

 

Am Halberstädter Dom wurde 600 Jahre lang gebaut. Man war Hansestadt und wollte Magdeburg Konkurrenz machen. Im April 1945 vernichteten die Amerikaner die Altstadt, auch der Dom wurde schwer getroffen. Die DDR gab das ehemalige „Rothenburg am Harz“ dem Verfall preis, nur den Dom restaurierte man. Sein uralter Domschatz ist etwas für Kenner, ich bin keiner. Aber im Kreuzgang fühlt man sich, als würde einem in jedem Moment ein kalter Abt die Hand auf die Schulter legen.

 

Nach dem Besuch der Reliquien sind wir benommen in das Café Stephanus am Domplatz gestolpert. Es hat jenen erholsamen künstlerischen Chic und Individualismus, den wir von westlichen Museumscafés gewohnt sind. Auf der Fensterbank liegen alte Bildbände von Halberstadt. So munden Halberstädter Würstchen zu grünem Tee am besten.

 

Als wir am frühen Abend erneut zum Essen erscheinen wollen, schließt man gerade, denn das edle Objekt ist doch eher ein Fremdkörper, außer Tagestouristen verirrt sich wohl kein Einheimischer hierher. Man empfiehlt uns den Kartoffelkeller, doch auf dem Weg dorthin ziehen wir eine Trattoria vor, ich möchte lieber Carbonara statt Haxe.

 

Was wir bereits in der Einkaufspassage am Rathaus erlebten, wo eine asiatische Familie offenbar den gesamten „Foodcourt“ übernommen hat, vom Ostsee-Fischimbiss bis zum Currygrill, hier haben Rumänen das Sagen, und auf der Trattoria-Speisekarte dominieren Cevapcici und Soljanka. Unser Tag in Halberstadt scheint wieder einmal zu belegen: Die entvölkerten ostdeutschen Kleinstädte leben nach innen, man konsumiert in den Kaufzentren und kümmert sich um die vielen Alten und Kranken. Und wir pflegen – immerhin gut genudelt – die müden Knochen im Thermalbad der Villa Heine.

 

Wernigerode

 

Halberstadt liegt nur 20 Kilometer nördlich des Harzes unweit von Wernigerode und Quedlinburg. Wir wollten nach unserem Dombesuch zwar weiter nach Stolberg, ein weniger bekanntes Fachwerkdorf mitten im Ostharz. Doch da am entscheidenden Abzweig ein schwerer Unfall die Straße versperrte, entschieden wir uns kurzum für Wernigerode.

 

Während unseres Stadtrundgangs avisiert ein Bähnle die baldige Abfahrt zur Burg auf dem Berg. Mittelalter, Renaissance, Romantik, alles steckt wohl im Wernigeroder Schloss, doch sichtbar geblieben ist nur der Umbau zur historistischen Protzburg durch Bismarks Vizekanzler Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, der um 1890 abgeschlossen war. Das ist nun just der Teil der deutschen Rittergeschichte, wo ich das große Würgen kriege.

 

Habe ich Recht und hat genau diese adelige Sippschaft die Weltkriegskatastrophe ausgelöst? „Graf Ottos größte Leistung in dieser Position gelang ihm zweifelsohne im Herbst 1879, als er den Widerstand von Kaiser Wilhelm I. gegen den geplanten Zweibund mit Österreich brechen konnte, womit das wichtige Bündnis beider Staaten gegen Russland unterzeichnet werden konnte“, hat ein Deutschnationaler in Wikipedia eingeschrieben. Ja, richtig, Deutschland erklärte Russland 1914 den Krieg, als es gegen den Einfall Österreichs in Serbien mobil machte.

 

Völlig unkritisch werden die kunsthistorisch wertlosen Nachahmungen von Dekor im Wernigeroder Schloss mit dümmlichen Schlossfräulein-Episoden präsentiert. Das adelige Leben zu Zeiten des wahnwitzigen Wilhelm II. wird verherrlicht. Das Ganze toppt eine kleine Ausstellung des Kitschkünstlers Otmar Alt.

 

Nun gut, von den Schlosszinnen ist der winterliche Sonnenuntergang mit Ausblick auf den Brocken einmalig. Wir wandern bergab zurück ins Dorf und beschließen zu speisen. Ein gemütlicher altdeutscher Gasthof hat bereits gegen 17.30 Uhr geöffnet. Das Lokal ist noch leer. Aber sämtliche Tische sind reserviert. Hinter dem Tresen unterhalten sich mit dem Rücken zu uns drei Angestellte.

 

Ich räuspere mich mehrmals, bis man die Störer unwirsch zur Kenntnis nimmt. Nein, es sei nur ein kleiner Katzentisch an der Tür frei. Es ist wohl nicht zu bösartig, dies als HO-Mentalität anzusehen. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der staatlich verordneten Arbeitnehmer-Vergötterung bestimmen die gastronomischen Werktätigen immer noch, wo die Kundschaft Platz nehmen darf. Am Ende des Tages landeten wir daher, wie oben beschrieben, in der rumänischen Trattoria und in der Therme.

 

Villa Heine

 

WLAN im Hotel ist für mich ein Ärgernis. Als man noch statische Onlinemagazine auf dem Telefon blätterte, reichte es ja aus, aber heutzutage will ich Videos schauen, Musik hören, Fotos versenden und solches Zeug. Am liebsten mag ich Dokus auf Arte oder bei ARD und ZDF. Oft gibt es auch alte Fußballspiele bei Sport 1 und Eurosport.

 

Zur Zeit liebe ich besonders Filme und Bücher über tote Rockstars. Wie Lemmy Kilmister, David Bowie oder Glenn Frey. Oder solche, die es nicht mehr lange machen wie die Stones, Bob Dylan und Neil Young. Oder die ganz kurz Entflammten: Jimi Hendrix, Duane Allman, Janis Joplin. Das einzige, was mich von ihnen unterscheidet, ist, dass sie jeden Tag Musik machten und dabei jede Menge Drogen nahmen. Ansonsten haben wir alle fast das Gleiche erlebt.

 

Die Villa Heine ist das ehemalige Gründerzeitpalais des Halberstädter Würstchenfabrikanten. Sie wurde zu eben der Kaiserzeit gebaut, die ich so furchtbar finde, denn sie ist ja kaum vergangen, ja, es beschleicht mich langsam der Verdacht, dass Europa vielleicht doch ein Vehikel zur schlussendlichen deutschen Dominanz ist. Die Erfindung der Dosenwurst durch Heine steht in einer historischen Reihe mit Maschinen, die den Weltmarkt erobern.

 

Jedenfalls gucken wir vom Gang zu den Zimmern unseres Hotels auf die immer noch gigantische Würstchenfabrik, aus dem Zimmerfenster dagegen auf einen kleinen Park und das Thermalbad. Am nächsten Morgen verschwenden wir keine Zeit mit Schwimmen, sondern nehmen ein reichhaltiges Frühstück und machen uns schnell auf in den winterlichen Harz.

 

Stolberg

 

Quedlinburg kennen wir schon ein bisschen, deswegen gondeln wir auf einsamen Mittelgebirgsstraßen über Günterode nach Stolberg. Das 1.400-Einwohner-Dörfchen ist im Winter natürlich verschlossen und zugig, doch das Fachwerkensemble ist einzigartig und sehr romantisch. Wenn es nur nicht so blasen würde!

 

Unter diesen Bedingungen ist sogar Bine zu einem Museumsbesuch bereit und wir betreten das Haus des Münzmeisters. Stolberg lag einst im Zentrum des Harz-Bergbaus. Metallbearbeitung und Münzprägung waren die USP im ausgehenden Mittelalter. USP? Unique Selling Point. Einzigartiges Verkaufsargument. Alleinstellungsmerkmal Das Mantra der Marktwirtschaft. Wir sind die mit dem, was die anderen nicht so leicht anbieten können. Wir haben Eisen, Kupfer, Silber, Zinn und Gold und das Know how. Und das Startkapital.

 

Und Thomas Müntzer stammt aus Stolberg. Der Anführer der Bauernkriege, 1525 nach Folterung in Mühlhausen/Thüringen öffentlich hingerichtet. Geburts- und Sterbeort erhielten in der DDR den offiziellen Namenszusatz „Thomas-Müntzer-Stadt“. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden die Beinamen im Gegensatz zu den „Lutherstädten“ Eisleben und Wittenberg gestrichen. Wer sich in Deutschland revolutionär gegen den Adel verhält, gehört eben vergessen.

 

Blankenburg

 

Das Stolberger Schloss lassen wir aus, weil ein Fußweg hinauf gesperrt ist und uns nach einer Fahrt im warmen Auto ist. Also kommen wir am Nachmittag durch Blankenburg, und dort schraubt sich eine Straße so einladend zum Schloss hoch, dass wir nicht widerstehen. Ein Verein will die Blankenburg vor dem Verfall retten und hat eine kleine Ausstellung aufgebaut, die rührend das Vereinsleben darstellt, aber wenig Information über das Schloss enthält.

 

Im Hof stoßen wir zu einer Führung. Ob wir teilnehmen dürfen? Gegen einen kleine Spende gern! Der ältere Herr mit Baskenmütze und Ohrringen kommt gern von Hölzchen auf Stöckchen. Die Führung gerät größtenteils zu einer Erzählung über sein abenteuerliches Leben als Fotograf in der DDR. Die jungen Führungsteilnehmer verziehen sich meist in die von ihm nach und nach geöffneten Räume, während Bine und ich ihm an den Lippen kleben.

 

Nicht nur, wenn er zur Sache kommt, ist es spannend. Das Bauwerk ist mit seinem oftmals offen liegenden Verfall und seinen spärlichen Restaurierungsansätzen tausendmal interessanter als das Wernigeroder Schloss. Man erkennt die fast tausendjährige Baugeschichte: Mittelalterliche Mauern, gotische Fenster, die im Barock mit Gipsarmierungen von innen gerundet wurden, schließlich das gnadenlos pragmatische Einziehen von Zwischendecken für die realsozialistische Schule für Binnenhandel.

 

Der Sohn des berühmten Prügelprinzen Ernst-August von Hannover behindert derzeit die Instandsetzungen, indem er zur Restaurierung abgehängte Wandgemälde als bewegliches Inventar definiert, das also nach dem Entschädigungs- und Ausgleichsgesetz von 1994 ihm gehören würde. Schlossbesitz hat in Adelsdeutschland Bestand: Man bewohnte noch von 1930 bis zur Flucht und Enteignung im Jahre 1945 das Schloss, das der Familie im Zuge der Fürstenentschädigung 1924 als Privateigentum zugesprochen worden war.

 

Während zu Weihnachten im Odenwald noch Temperaturen bis 17 Grad herrschten, ist es im Harz mittlerweile frostkalt geworden. Nix wie rein ins Thermalbad! Wir heizen uns gemütlich auf und verbringen den letzten Abend mit Käsebrot und Rotwein vor dem Fernseher. Vergeblich haben wir auf der gesamten Strecke versucht, Lammfleisch für die Calvadosäpfelspießchen und das Hamburger Silvesterbuffet am anderen Tag zu erstehen. Sachsen-Anhalt ist lammfrei, denken wir. Doch Edeka bringt Weltniveau nach Halberstadt. Hier finden wir Lammlachse, Halberstädter Würstchen und weiteren Proviant für das Wochenende. Denn nun ist unsere Harzreise zuende!

Rom – mehr geht nicht

Worin der geneigte Leser erfährt, was der Mithraskult mit dem Blockhouse zu tun hat, wo das schönste Luftloch der Antike war, wo die Pieta am schärfsten ist und warum man auch im Norden froh sein kann.

Als ich noch im evangelischen Kirchenchor Trompete blies, hatte ich keine Ahnung von dem bizarren Spiel, an dem ich teilnahm. Ich war 16 und brauchte den Spaß. Jetzt bin ich auf dem Weg zum Papa. Er ist einer von den Guten. Nicht wie Innozenz, den Velasquez so grausam porträtiert hat. Nicht so despotisch wie mein alter Herr. In einer Stunde lande ich in Rom und werde Franziskus heimsuchen, ich Ungläubiger. Franziskus macht, dass ich wieder im Kirchenchor blasen möchte. Aber den Mann nimmt ja keiner ernst.

Niemand fährt den Fiat Uno, wenn er sich einen BMW leisten kann. Niemand nimmt einen Flüchtling auf, wenn er seine Eigentumswohnung vermieten kann. Niemand geht ins Zeltlager an der Autobahn. Beängstigend ist das plötzliche Umkippen der Stimmung im Lande, als die ersten Probleme publik werden. Nur noch wenige versetzen sich in die Seele der Hunderttausende armer Teufel, die Europa mühsam erreicht haben und nun ein paar elende Jahre auf die Abschiebung warten.

Dann allerdings heißt es wirklich hart werden. Denn das Grenzgemetzel kommt 2016 in die Medien. Franziskus wird davon sprechen, dass wir wie die Römer auf den alten Triumphbögen die Barbaren niederreiten, und wir werden wegschauen. Endlich wieder deutsche Gemütlichkeit. Vielleicht hat das Christentum ja etwas Gutes, aber der Mensch ist nicht so.

Das Gesäusel der Gaukler
Mehr als tausend Jahre haben die Päpste in Rom ihre Prachtspuren hinterlassen. Ich bin gespannt, wofür wir uns in den nächsten drei Tagen entscheiden. Petersdom vielleicht. Aber nicht die Sixtinische Kapelle. Um mir die Erschaffung der Welt in 50 Meter Entfernung über Kopf anzuschauen, bin ich nicht hergekommen. Auch nicht zum Schlangestehen.

Vieles habe ich mir bereits über Google Street View angeschaut. Unser Appartment an der Labicana. Das Grabmahl des römischen Bäckers. San Pietro in Vincoli. Den Quirinal. Wie weit zurück unsere Technik doch noch ist. In ein paar Jahren wird man sich dreidimensional ins Getümmel stürzen und das Gesäusel der Gaukler auf der Piazza Navona hören können. Zuhause auf dem Sofa, Carbonara e una Coca Cola auf dem Schoß.

Der Easyjet nach Fiumicino fliegt über die Poebene. Et bene. Sybille liest die ZEIT, Achim und Bine bättern im E-Book. Ich denke an die Online-Vorlesung einer Yale-Professorin über Römische Architektur. Viel habe ich nicht behalten. Dass die römischen Tempel griechische Kopien sind, weiß jeder. Dass die Römer bereits mit Zement bauten, vielleicht einige. Es ist sowieso nur wenig erhalten, nur was als Kirche oder Festung Verwendung fand.

Das Forum Romanum ist eine verwirrende Steinwüste. 1000 Jahre wurde hier übereinander gebaut. Von den etruskischen Hütten des Romulus bis zu den Thermen des Diokletian. Um 300 a.D. hat es Konstantin vermasselt. Im Zeichen des Kreuzes meinte er gesiegt zu haben, von nun an gings bergab. Ab 450 war bereits Konstantinopel Hauptstadt, die Kultur zog sich zurück in den byzantinischen Osten, der Westen verarmte geistlich, bis die Araber uns die alten Philosophen wieder zuführten.

Das goldene Kalb
Rom war schon immer eine kriminelle Stadt. Die herrschenden Senatoren-Familien verdienten sich dumm und dösig an der Welteroberung. Das Volk bekam flächendeckend Hartz-IV-Getreide und eine blutige Bundesliga. Es gab zwar Wasserleitungen und Fußbodenheizung. Doch Maschinen haben sie nicht erfunden. Es fehlten der Anreiz zum Tüfteln und das Kapital dafür. Denn das Geld der Oligarchen wurde nur in Landbesitz angelegt. Der einzige Kredit war der, mit dem Caesaren Heere besoldeten, um Beute zu machen. Eine Kreditfinanzierung zukünftiger Wirtschaftsideen gab es nicht und so blieb das elektrische Licht eben noch aus.

Nach zwei Stunden Flug landen wir 30 Kilometer vor der ewigen Stadt. Mit der S-Bahn fahren wir bis Ostiense, von dort mit der Metro zum Colosseo. Um 20 Uhr öffnet uns Ursula ihre Zweitwohnung. Achim hat vier Übernachtungen über eine Internetbörse für Appartments gebucht, zwei Zimmer, Küche, Bad für 600 Euro. Ursula empfiehlt gute Osterias und Pizzerias und Frühstückslokale. Aber das tollste ist ihre italienische Kaffeemaschine, mit der wir morgens verführerischen Duft bereiten. Dann besorgen wir Tramezzini und süße Teilchen und starten in den Tag.

Gleich um die Ecke liegt San Clemente, im 12. Jahrhundert erbaut, über einer Basilika aus dem vierten Jahrhundert auf einem Mithrastempel aus dem ersten Jahrhundert, vorher Münzprägestätte. Bis ganz unten zum heidnischen Altar hat man gegraben, mich beeindruckt besonders das steinerne Stieropfer des Gottes mit der phrygischen Mütze, ich denke an Osssobuco und Huftsteak.

Durch den Parco del Colle Oppio wandeln wir unter riesigen Pinienwipfeln zur Basilica St. Pietro in Vincoli. Der Moses von Michelangelo wendet angewidert sein Haupt von seinem Volk, das um das goldene Kalb tanzt. Gleich wird er die zehn Gebote zerschmettern. Über ihm liegt lasziv Papst Julius, der das Grabmahl bezahlte.

So war es immer, Kunst kommt von Geld. Was wäre die Kunst ohne die Selbstbespiegelung der Eliten, da führt ein gerader Weg von den römischen Skulpturen zu Warhol. Auch Goethe ist ja der Star der Gebildeten geblieben. Nur wer das Artifizielle versteht, gilt etwas. Aber am meisten gilt der, der sich einen leisten kann, der etwas von Kunst versteht. Goethe kam 1786 nach Rom und flippte fast aus. Im grauen Norden sei er später nie wieder froh geworden, sagte er sinngemäß.

Nationale Hochzeitstorte
Rom ist so voller Kunst, wie ich das auch noch nirgendwo gesehen habe. Hinter jeder Ecke erscheint eine neue Pracht. Doch manch neuerer Protz wird peinlich. Um die Jahrhundertwende haben die Nation gewordenen Italiener ihrem Kaiser Vittorio Emmanuele am Capitol eine übergroße Walhalla geschaffen, die von den Römern alsbald als „Hochzeitstorte“ oder gar „Schreibmaschine“ verspottet wurde. Und der Duce ließ das Forum Romanum mit einem imperialen Prachtboulevard überbauen, ehe den Faschisten gezeigt wurde, dass zur Weltherrschaft eine Idee gebraucht wird.

Von hier spazieren wir den Corso entlang zur Fontana di Trevi, die leider gerade renoviert wird.  Das schönste Stück haben wir allerdings noch vor uns, denn in westlicher Richtung durch die Altstadt kommt man an so vielen Piazzen und Palästen vorbei, dass man schnell die Foto-Karte voll hat, auch wenn ein Bild dem anderen ähnelt. Mir fehlt die Inspiration, Straßenszenen aufzulösen. Ich mag Menschen nicht ungefragt porträtieren. Manchmal gelingt mir ein Schnappschuss, manchmal sehe ich ein kleineres Motiv, aber im wesentlichen fotografiere ich barocke Schluchten.

Am Pantheon gefällt mir das Luftloch und der kleine Sonnenfleck auf der Kassettendecke. Doch dann ist Schluss mit der gelenkmarternden Pflasterwanderung und wir nehmen ein Taxi nachhause. Taxen sind im Zentrum tagsüber recht billig, nur nachts sollen sie angeblich fünfmal so teuer sein. Und was essen wir später? Carbonara, Calzone, Caprese, was sonst?

Ordnung muss nicht sein
Am Sonntagmorgen stiefeln wir zehn Minuten zum Frühstückslokal Panella an der Via Merulana. Typisch italienisch: Keine Ordnung in der Schlange. Ich bin tiefenentspannt und beobachte die Gäste. Einen drängelnden Römer will ich vorlassen, doch er besteht darauf, dass ich zuerst komme. Irgendetwas an dieser Ordnung verstehe ich nicht, das menschliche Maß möglicherweise. Café Americano mit Minipizza und Croissant am Bartisch vor der Location machen Appetit auf mehr, also ein zweiter Gang für schokosüße Hörnchen und Kringelküchlein mit noch mehr Freude am Anstellen. So geht Wachwerden in Rom!

Aus strategischen Gründen verschieben wir den Vatikan auf Montag, wo wir weniger Andrang erwarten. Stattdessen beschließen wir eine Stadtrundfahrt ab Stazione Termini. Natürlich kegeln wir auf dem Weg in eine Kirche. In Santa Maria Maggiore wird die Messe zelebriert, wir dürfen mit gebührendem Abstand einen katholischen Orgelchor mir Weihraucharoma unter goldener Kassettendecke genießen. Wie neulich im Kölner Dom bekomme ich Lust, daran teilzunehmen. Gar zu gern würde ich einmal meine Sünden beichten, vielleicht sogar einen Mord gestehen. Noch lieber würde ich mir aber all den Schmonzes anhören. Amore!

Der grüne Bus für zehn Euro fährt südlich ums Forum, am Circus Maximus und den Palastruinen der Augustusresidenz vorbei zum Capitol. Dann überquert er den Tiber an der Engelsburg und hält ein Weilchen vor dem Petersplatz, ehe er durch den Vatikan zurück zur Spanischen Treppe fährt, wo wir aussteigen. Leider wird auch sie renoviert. Ein großes James-Bond-Plakat schmückt die Baustelle, es ist wieder so weit: Daniel Craig mordet im Dienst seiner Majestät. Oder Ihrer Majestät?

Von hier wählen wir einen Gassenweg nödlich der Piazza Navona zum Campo di Fiori, der die Mädels enttäuscht. Warum auch immer, sie hatten frische Früchte statt aromatischer Öle und Fette im Angebot der philippinischen Mafia erwartet. Durch das ehemalige jüdische Ghetto geht es zurück zum Capitol. Als ich endlich eine Bezahlstelle zum Betreten des Forums gefunden habe, entschließe ich mich doch lieber zum Heimgang, denn ich sehe nirgendwo eine Toilette. Zwischen die Tempelruinen zu pinkeln, dass kann ich mir nur höchst bestraft vorstellen, da hilft dann auch keine Beichte.

Der Peterspfennig wird überschätzt
Am letzten Tag besorge ich früh Teilchen zum Frühstück und wir wandern bereits ab neun Uhr zur Metro C zum Vatikan. Doch die gibt es noch gar nicht. Der Plan, den Achim aus dem Internet ausgedruckt hat, ist offenbar ein Zukunftsszenario. Also suchen wir uns einen Taxenstand, denn an der Straße halten die Fahrer einfach nicht. Gegen zehn stehen wir vor dem Petersdom.

Wir hatten bereits beschlossen, uns nicht in der Schlange für die Sixtinische Kapelle einzureihen, sondern gleich in den Dom zu gehen. Doch die Reihe quer über den Petersplatz erweist sich als die Schlange für die vermaledeite Papstkirche. Wütend drängeln meine drei Begleiter sich unter dem Protest der Wartenden vor, während ich, preußisch bis auf die Knochen, mich am anderen Platzende hinten anstelle. Nach einer halben Stunde stehe auch ich vor Michelangelos Pieta. Im Reiseführer sieht man sie viel deutlicher als duch die Glasscheibe.

Der Petersdom ist wohl tatsächlich die „größte Kirche der Christenheit“. Beeindruckend finde ich eigentlich nur den dunklen Holzbaldachin über dem Petrusgrab und unter der Kuppel, ansonsten lässt es mich einfach kalt. Das ist des Guten zu viel. Das ist rotzfreche Protzerei. Überall diese Verzückung, diese multiplen Orgasmen. Keine andere Religion der Welt zeigt ihren Gläubigern so drastisch, dass man dran glauben MUSS.

Unser Gespräch dreht sich um die, die das alles gebaut haben. Waren sie elende und moribunde Sklaven? Oder gingen sie nach getaner Arbeit frohgemut nachhause? War Rom zur Renaissance eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder reine Ausbeutung? Fragen über Fragen, der „Petersdompfennig“ ist aber offenbar nicht alleinauslösend für die Reformation gewesen. Wo habe ich das nun wieder gelesen?

Nach einem Espresso am Borgo Pio wandern wir den Tiber hinab nach Trastevere. Es war einmal ein volkstümlicher Ortsteil am anderen Ufer, mit schönen engen verfallenen Gassen und heute unzähligen touristischen Restaurants. Italienische Küche kann man gar nicht kaputtsparen, merken wir. Für fünfzehn Euro pro Kopf genießen wir prima Primi Piatti mit Frascati della casa.

Dann schleppen wir uns zurück ans andere Ufer, doch der Markt auf der Piazza Testaccio findet montags nicht statt, und der beste Feinschmeckerladen Roms, Volpetti, öffnet erst wieder um 17 Uhr. Was für eine Ersparnis! Nach mindestens zehn Kilometer Gänsemarsch pro Tag, dengeln wir die morschen Knochen am Circus Maximus und dem Triumphbogen des Septimius Severus vorbei zum Colosseum und weiter zur Siesta in unsere Via Francesco Giambullari Nr. Otto.

Schwarzbraun ist die Haselnuss
Was unterscheidet Rom von Hamburg? Noch in der Tiberstadt hätte ich geschworen, ich werde im Norden nie wieder froh. Doch heimgekehrt fallen mir zwei Vorteile ins Auge: Das Barmbeker Grün und der öffentliche Nahverkehr. Am römischen Autoverkehr gibt es für mich nichts auszusetzen. Es flutscht wie Tikitaka, unser Taxichauffeur zum Flughafen telefoniert mit zwei Handies und jongliert bei 120 km/h über die dreispurige Autostrada, dass es eine Art hat.

Seit mir in Hamburg einmal beim Spurwechsel jemand reingefahren ist, habe ich fast mein Urvertrauen verloren. In Rom könnte mir das nicht passieren, glaube ich. Vor dem Auto ist dein Bereich, dahinter der der anderen. Ich meine einfach, der der mir damals vor den Deichtorhallen hinten reinfuhr, wollte auf gute deutsche Art Recht behalten.

Allerdings: Binchen hat in den Marken einmal zehn Zentimeter zurückgesetzt und einem Alfa Romeo eine zwei Zentimeter runde Delle mit der Anhängerkugel verpasst. Nach einem Jahr kam jüngst die Rechnung: 2.100 Euro für das Schleudertrauma der beiden Italiener. Insofern: Wir sind alle kleine Sünderlein. Franziskus, hilf!

Per E-Bike auf den Brocken

 

Himmiherrgottsakra! Fünfmal habe ich den Fahrradträger schon auf die Anhängerkupplung gehievt und jedes Mal geht’s nicht. Jedes Mal muss ich die Anleitung holen und gucken, wie man den Schlüssel dreht und den Knopf drückt und den Verschlussarm biegt, bis der Träger auf der Kupplungskugel festsitzt.

 

Es gibt Wunder der Technik, die funktionieren und man weiß nicht wieso. Es ist sowieso bereits 11 Uhr und ich muss noch drei Stunden bis in den Harz fahren. Gestern habe ich vier Halbe getrunken, heute bin ich spät aufgewacht, es fühlt sich an wie die zwölfte Erkältung in diesem Jahr, und dann habe ich noch die Geschichte des Beat-Clubs sehen müssen, ARD Mediathek, im Bett mit zwei Toast und zwei Eiern.

 

Wir schaffen das...

Bine ist fort und ich will es auch. Weil ein Freund mit mir nächstes Jahr in den Voralpen radeln will, habe ich mir vorgenommen, es einmal mit den 600 Metern Aufstieg auf den Brocken zu versuchen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich mit dem E-Bike schaffen kann. Von der Eifel über die Rheinhöhen habe ich mit dem Pedelec des Schwagers 250 Meter Aufstieg ohne Mühen geschafft, aber mein schweres Kalkhoff dünkt mich weniger mächtig als sein Kreidler.

 

Drei Taschen Material packe ich ein, es kann kalt werden Mitte September. Für 25 Euro habe ich mir eine Pension in Braunlage gebucht, der Harz ist schon seit langem Dumpingtourismus. Fast fünf Stunden brauche ich hierher, Staus, Jause und Schläfchen kosten Zeit. Also checke ich nachmittags ein und lege mich erneut hin, irgendwie fühle ich mich nicht. Harztypisch esse ich beim Griechen Gyros, trinke zwei Halbe Hasseröder und haue mich früh aufs Ohr.

 

Depressionszimmer hat ein Freund über WhatsApp beschrieben, was ich fotografiert habe. So Unrecht hat er nicht. Die dunkle Waldlandschaft, der eklig freche Iltis auf dem Parkplatz, die aufkommende Erkältung und der kategorische Imperativ, den ich seit Wochen verspüre („Wir schaffen das...“) machen mir des Nachts zu schaffen.

 

Jahrelang bin ich alle Alpenpässe mit dem Motorrad abgefahren. Bewundert habe ich die Radler auf den Passstraßen nicht gerade, ich hatte keinerlei Verständnis, warum man sich so etwas antut. Es liegt auch fern jeder Wahrscheinlichkeit, dass ich es je unternehme, bergauf mit Fahrrad gehört für mich zu den ekligsten Erinnerungen meines Lebens. Doch mit dem E-Bike ist alles anders geworden. Plötzlich sehe ich die Möglichkeit, Berge so langsam und mühelos zu befahren, dass ich noch etwas zu sehen und zu spüren bekomme, dass ich mich nicht vor Keuchen und Quälen nur noch frage, wann der Tag endlich vorbei ist.

 

Braunlage – Elend – Schierke - Brocken

Outdooractive.de heißt die Website, auf der ich meine Tour finde. Von Schierke bis zum Brocken sind es 600 Meter Daueranstieg, die reine Asphaltstrecke sind nur 20 Kilometer. Deswegen starte ich nach dem reichhaltigen Frühstück (es gibt sogar Eier) direkt von der Parkblick Pension, das sind noch einmal 16 Kilometer dazu. Allerdings wohl auch 200 Höhen- und Tiefenmeter mehr. Die Sonne scheint, es sind 10 Grad, ich habe die Sepp-Herberger-Mütze mit den Ohrenklappen an und sehe wiedermal bescheuert aus, aber ein Helm hilft nicht gegen kalte Ohren. Außerdem will ich nicht wie ein Rennradler aussehen, es reicht ja, wenn man ein paar junge Athleten überholt, man muss sich da nicht tarnen.

 

Elend erreiche ich bereits mit dicken Beinen, als es noch einmal heftig ansteigt, 12% vielleicht. Da muss ich passen. Japsend setze ich mich mit rasendem Herzschlag auf einen Baumstamm und gucke auf Hochsitz und Jägerlichtung. Nach einer Viertelstunde geht’s weiter, aber mir ist bereits so, dass das Kreidler-Pedelec vom Schwager mehr Biss hatte. Mein dicker Kalkhoff-Mittelmotor mit dem schweren 700-Euro Akku zwischen Sattelrohr und Hinterrad geht bergauf einfach nicht gut. Und außerdem bin ich völlig untrainiert, mal ein wenig Schwimmen, das reicht eben nicht.

 

Nach einer Stunde erreiche ich Schierke und nun geht es nur noch 10 Kilometer bergauf. Tatsächlich habe ich nach der ersten Pause ein wenig Langmut entwickelt, zügig radele ich die Brockenstraße bis zum Naturparkeingang. Und auch von da an scheint die Steigung machbar, ich radele ruhig im dritten von acht Gängen und schiebe mich 100 um 100 Höhenmeter Richtung Brocken. 800, 900 Meter Höhe werden angezeigt, dann wieder 800, was soll das denn, vermaledeit! „Go, man, go!“ und „Quäl dich, du Sau“ postet ein Freund über Whatsapp.

 

Irgendwann sehe ich eine sonnige Bank und ein grauhaariges E-Bike-Pärchen und setze mich hinzu. Pausen sind das A und O, bestätigen sie. Sie haben in der Eifel an vielen Hügeln geübt, waren jüngst an der Elbe von Sachsen bis Magdeburg unterwegs und sie raten mir, viel zu trinken, was ich fast vergessen hatte.


Nebelfrei und ohne Hexe

Die letzten Kilometer sind die schwierigsten, denn nun kommen viele Pferdekutschen und tausende Wanderer auf der Asphaltbahn zusammen. Man muss sie vorsichtig umkurven, weil sie gern mal ein Tänzchen zur Seite wagen, ganz zu schweigen von den Hunden an der langen Leine. Mehrmals bekomme ich hämische Kommentare zu hören: „Mit Elektrofahrrad, wie unsportlich!“ Wie das so ist, wenn man sich in der Gruppe stark fühlt und vergisst, dass man es wohl spätestens in 20 Jahren auch nicht anders machen wird, wenn man es nicht vorzieht, auf dem Sofa zu bleiben.

 

Aus dem Wald höre ich das Fauchen der Brockendampflok, ich selber fauche nicht weniger, aber die alten Fußballerbeine besitzen schon noch etwas Belastbarkeit, und gegen Mittag erreiche ich das sonnige Brockenplateau. Was für ein herrlicher Tag! Herbstsonne scheint über Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, der Blick geht zum Wurmberg und bis Bad Harzburg und Wernigerode.

 

Keine Droge kann mehr Zufriedenheit erreichen. Ich trinke meine Milch aus und suche vergeblich nach einem Papierkorb. Obwohl ein paar Tausend Besucher um das Hotel und das Brockenhaus versammelt sind, sieht alles recht sauber aus. Die Toilette kostet einen Euro. Ich bezahle Eintritt für das Museum Brockenhaus und entsorge meine Milch dort. In einer lohnenswerten Ausstellung wird über Geografie, Biologie und Geschichte des Brocken informiert.

 

Weil hier fast immer Nebel herrscht, hatte die graue Vorzeit natürlich keine andere Erklärung dafür als metaphysische Umtriebe der weiblichen Art. Goethe war also nicht allein schuld an der Walpurgisnacht. Im 19. Jahrhundert wurde die Harzreise chic. 1964 unternahm unsere Familie die erste Käfertour in den Harz. Bis zur Wende verlief die deutsch-deutsche Grenze zwischen Elend und Braunlage, schon 1990 wurde die Aufklärungseinrichtung der Volksarmee auf Betreiben von Demonstranten abgebaut. In der Ausstellung tut man allerdings so, als wäre die Bundesrepublik nur vom Osten überwacht worden.

 

Konferenzschaltung mit Apfelschorle

Die Kaffeepause hat mir gut getan. Bis Elend geht es jetzt nur noch bergab. Der obere Brocken ist am steilsten, hier muss ich ordentlich bremsen, um niemanden umzufahren. Es scheint ein eigenartiges Phänomen, dass Fußgänger immer nach ihrem Gehör gehen. Wenn das so ist, wird die Zunahme des Elektroverkehrs noch zum Gemetzel.

 

Outdooractive.de hat einen anderen Rückweg vorgeschlagen, über Drei Annen Hohne, aber es scheint mir ein geschotterter Waldweg zu sein, und ich möchte jetzt meine Ruhe haben. Doch getäuscht: Beim Anstieg von Elend nach Braunlage muss ich erstmals absteigen. Jetzt sind es vor allem die schmerzenden Oberschenkel. Ziemlich abgewetzt erreiche ich meine Pension, aber es ist noch nicht die Zeit zur Einkehr. Samstag, 15.30 Uhr, if you know what I mean… 

 

Zwei Sky-Schilder entdecke ich, ich wähle für die Bundesligakonferenz das Harzcafé. Fünf Spiele, ohne den HSV, der erst ab 18.30 Uhr spielt, werden live übertragen. Das gefällt mir nicht, denn nach jedem Tor wird zum Tatort umgeschaltet. Ich trinke einen Liter Apfelschorle und mache mich zur Halbzeitpause ausgekühlt von dannen. Nach heißer Dusche und Schläfchen checke ich in der zweiten Fußballkneipe ein, dem Restaurant Harzer Roller. Hasseröder und herzhafte Harzforelle versüßen mir die knappe Niederlage gegen Schalke, die wirklich besser sind, nicht 05, nicht 04, sondern 0:1. Immerhin hat der HSV nicht mehr so grottenschlecht aufgespielt wie noch 2013 und 2014.

 

Ich schaue mir meine zweite geplante Radtour nach Ilsenburg und Wernigerode an: 400 Höhenmeter. Am nächsten Morgen wird klar, dass ich das nicht mehr versuchen werde. Wegen des aufkommenden Blutmonds habe ich wieder furchtbar schlecht geschlafen und die zwölfte Erkältung ist nun da. Es muss einen Zusammenhang zwischen Überlastung, Vollmond und Immunschwäche geben, genauso wie es ganz sicher auch Hexen gibt. Allerdings nicht in meinem Leben.

 

Harzrundfahrt ohne Römer

Ich lade das Rad auf und fahre zwei gemütliche Dieselrunden über die sonnigen Harzhöhen des Naturparks, von Altenau durchs Okertal nach Goslar, zurück über alle Berge nach Clausthal-Zellerfeld, und weil die Straße nach Wildemann gesperrt ist, weiter nach Osterode und dann auf die A7 nach Hildesheim.

 

Dort gibt es ein „Roemer und Pelizäus-Museum“. Ich habe mich zwar von der römischen Geschichte etwas entfernt und studiere nach dem Osmanischen Reich jetzt online indische und chinesische Geschichte. Aber im Oktober geht’s nach Rom, und da kann ein wenig Auffrischung nicht schaden. Außerdem belege ich über Coursera.org gerade eine Yale-Vorlesung über römische Architektur. Wen die Prahlerei nervt: Ich vergesse alles sofort wieder, wie auch Konditionstraining bereits nach einer Woche Geschichte ist.

 

Ich bin echt dusselig: Der Herr Roemer war mit dem zweitgenannten Hildesheimer der Gründer einer archäologischen Sammlung, und die umfasst vor allem ägyptische Geschichte. Aber kein Problem, auf der Fahrt habe ich ja bereits Egon Friedells Kulturgeschichte des Altertums gehört. Und ein beinharter römischer Ägypterkopf aus der Soldatenkaiserzeit erinnert mich wieder an den Merkel-Imperativ „Wir schaffen das“.

 

Goodbye Hildesheimer

Hildesheim selbst ist ein überbauter Bombenkrater mit zwei zentralen, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebauten Kathedralen ohne jeglichen Schmuck. Stattdessen ist verkaufsoffener Sonntag und tout Hildesheim flaniert konsumierend durch die Grauen erregende handelsübliche Fußgängerzone. Time to say goodbye…

 

Bei Schneverdingen überlege ich kurz, ob ich das E-Bike noch einmal durch die Heide bewege, aber ich verspüre Sehnsucht nach dem Sofa. Zuhause angekommen erlebe ich das gleiche Phänomen wie vor der Abfahrt: Der Fahrradträger geht nicht ab! Erst nach ausgiebiger Lektüre entdecke ich des Pudels Kern: Man muss das Gerät an den Lichtern anheben und dann den Hebel nach einer binomischen Zauberformel bewegen. Das habe ich jetzt schon fünfmal gelesen, aber immer wieder vergessen.

 

Der Sommer ist vorüber. Erstes Herbstlaub klebt am VW. In zwanzig Jahren versuche ich das Gleiche noch einmal mit dem Rollator…

Oberwinter – das Kaff am Rhein
Mit dem E-Bike über Rheinhöhen

Wo Rhein und Ahr zusammenstoßen, stoßen sich auch Fußgänger und Radfahrer. Wanderergruppen in meinem Alter sind tendenziell eher dumm. Sie stellen sich an der engsten Stelle der Holzbrücke über die Ahrmündung auf und meckern. „Kannscht nit absteige?“ Jeder vorbeikommende Radfahrer wird angepöbelt, bis ich mein Panoramafoto beendet und mein E-Bike aus dem Weg geräumt habe. Denn die Wanderer haben sich exakt hier vor mir platziert, um den Verkehr auf dem Ahr-Radweg zu behindern, auf dem ich unterwegs bin.

Deutsche Radfahrer können ebenso grimmig sein wie deutsche Wanderer. „Mahlzeit!“ grüße ich einen artgerecht gekleideten Rennradler, der sich zu mir in die schattige Bushaltestelle auf der Rheinhöhe setzen will, um seine Jause abzuhalten. „Grrhh…“ oder Ähnliches erhalte ich zur Antwort. Das ist aber gar nicht rheinisch, wo einem jeder gleich ein Gespräch aufdrängen will. Ärgert er sich, dass ich, mit Mütze statt Helm, mit Polohemd statt Funktionsshirt, mit abgeschnittener Jeans statt Radlerhose und am Allerschlimmsten: mit elektrischer Motorunterstützung  die Höhen hochfahre?

Wenn ich mich in ihn hineinversetze, muss es so sein. Da kämpft sich einer mit letzter Kraft und schweren Beinen den Berg hoch und will sich ausruhen, da sitzt da schon ein anderer, der wie Eulenspiegel pfeifend die Hügel hochgehetzt ist und pfeifend wieder losradelt. Das geht einem sicher gegen die Ehre. „Quäl dich, du Sau!“ ist seit Jan Ullrich das Motto der Bergradler, einen sichtbareren Beweis für Potenz gibt es kaum. Dabei werden Radfahrer von der Mehrheit der Potenzprotzer eher scheel angesehen, sind sie doch ein Verkehrshindernis für Autofahrer.  Aber über deren Grimmigkeit wollte ich jetzt nicht auch noch schreiben, sondern über die Schönheiten des Rheinlands.

Das Kaff am Rhein
Obawinta heißt der Ort, in dem ich seit einem Vierteljahrhundert immer wieder zu Gast bin, angeblich der einzige Ort am Rhein ohne „r“. In Oberwinter also, einem kleinen Dorf zwischen Bonn und Remagen, ist meine Frau zur Schule gegangen, vielmehr stand hier ihr Elternhaus, hoch über dem Rhein, sie radelte jeden Morgen nach Rolandseck zur Rheininsel Nonnenwerth und ließ sich widerwillig von katholischen Nonnen erziehen. Dabei ist Oberwinter unerklärlicherweise eine Insel des Protestantismus, und Bine ist zur 50. Wiederkehr ihrer Konfirmation geladen. Aus diesem Grund übernachten wir wieder einmal im vielleicht schönsten Haus des Dorfs, einem Fachwerkhaus von 1732, im Besitz von Schwester und Schwager.

Allmählich kenne ich hier einige, aus Familien, die seit Jahrhunderten hier leben und lieben. Karnevalsfeste, Kirmesfeste, Rathausvereinsfeste, Geburtstagsfeste, Mauerhexenwein-Verkostungsfeste, es gibt keinen Grund, nicht zu feiern. Jeder kennt jeden, alles, was jemand in seinem Leben angestellt hat, ist aktenkundig oder wird auf kurzem Dienstweg weitererzählt, nichts ist geheim, alle haben sich lieb, und wenn nicht, wird doch so getan.

Für einen älteren Hamburger ist das Rheinland ein Rätsel. Ich habe ein Jahr in Köln gelebt, es war nicht das schlechteste, aber beim Karneval überkam mich Traurigkeit. Rheinländer sprechen dich an und erzählen dir Dinge, die dir manch Norddeutscher auch nach zwanzig Jahren Freundschaft nicht verraten würde. Am nächsten Morgen haben sie dann deinen Namen vergessen. Seit RTL in Köln ist, hat sich das deutsch-deutsche Boulevardtheater merklich rheinisiert. Ich meine nicht „Big Brother“ oder „Versenk den Promi“. Ich meine die allgemeine Lockerheit. In meiner Jugend war es in Hamburg nicht üblich, grundlos zu lachen. Witzeerzähler waren Stimmungskiller. Korrektes Kabarett kam aus München. Neulich erwischte ich mich dabei, dass ich mich im Lokal an einen besetzten Tisch setzte.

Rheinischer Aufschwung
Vor ein paar Jahren sah es in Remagen, Oberwinter und Rolandseck nach der Entthronung Bonns noch trist aus. Die Remagener Gastronomie am häufig überfluteten Rheinufer machte einen abgekämpften Eindruck, in Oberwinter gab es gefühlt zwei Kölschkneipen, einen Konditor und einen Schlachter, auch Rolandseck sah für mich aus wie eine Ansammlung verrotteter Bürgerhäuser zwischen Schnellstraße und Bahndamm. Dann wurde das wunderschöne von Richard Meier umgebaute Arp-Museum im alten Bahnhof Rolandseck eröffnet. Als ich jetzt am Rheinufer von Remagen vorbeiradelte, saßen – allerdings bei fürstlichem Sommerwetter – unüberschaubar viele Biergartengäste unter schattigen Bäumen. Und in Oberwinter haben mindestens fünf Lokale neu eröffnet.

In der „Sinnfonie“ haben wir einen netten Abend verbracht. In der alten Oberwinterer Dorfstraße sind zahlreiche Fachwerkhäuser aufwändig restauriert worden. Das Bäckercafe ist nach gegenüber gezogen und nutzt den Marktplatz als Biergarten, ebenso die Sinnfonie, und so verspürt die aufpolierte 50-jährige Kölschkneipe gegenüber den warmen Hauch der Konkurrenz. Die Oberwinterer gehen mehr aus, sitzen auf ihrem Dorfmarkt wieder draußen oder rufen um 23 Uhr nach der Polizei, wenn wir zu laut sind. Denn in der Sinnfonie ist „Open stage“, jeder kann ans Klavier und die Bongos, und wenn er das feine Essen serviert hat, nutzt der Wirt die Stunde für ein heißes Saxofonsolo.

Rheinaufwärts
Bine geht nach 50 Jahren wieder in die Kirche und ich schwinge mich aufs E-Bike. Man könnte bis zum Bodensee am Rhein lang fahren. Das ist auch anderen nicht entgangen. In Remagen ist Rudolf-Caracciola-Oldtimer-Treffen. Der Sohn der Stadt steht für Silberpfeil-Triumphe im Dritten Reich. Erst  sind es nur ein Cadillac Fleetwood Eldorado, ein Ford Ätzkotz, ein Buckel-Volvo, eine Isetta und ein Dodge Viper. Später kommen mächtige amerikanische Straßenkreuzer, flotte italienische Sportcabrios, hübsch-hässliche englische Legenden und nützliche deutsche Pkw wie Kadett und Taunus hinzu. Kaum hat man sich zu einem Fahrzeug gesellt, geht das Benzingespräch los. Nach einem Tag hätte ich mich lässig über Oldtimertechnik habilitieren lassen können, denn als ich noch keine Gleitsichtbrille benötigte, konnte ich jeden Käfer zerlegen und wieder zusammenbauen.

Bei Kripp fließt die Ahr in den Rhein und auf besagter Holzbrücke stauen sich die Ausflügler. Auf dem Weg nach Ahrweiler verfehle ich mehrmals den Uferradweg und radle auf der Suche durch kniehohes Brennesselgebüsch, dazu werden meine Kniekehlen auch noch von allerlei Schnakengetier zerstochen. Die Ahr ist hier schmal, flach und unspektakulär, Ahrweiler selbst wirkt wie ein Retortenkurort.

Ab hier würde es Richtung Eifel wohl immer schöner werden, aber nach 25 Kilometern muss ich langsam ans Umkehren denken. Denn nun will ich über die Rheinhöhen. Eine Radkarte habe ich nicht, aber eine Straßenkarte in Verbindung mit Google Maps müsste reichen. Auch wenn mein Telefon die monatlichen Internet-MB überschritten hat und der Akku bei Navigation heiß läuft, kann ich nach einiger Wartezeit meist meinen Standort bestimmen, was wichtig ist, denn radelt man den falschen Hügel hoch, verbraucht man zweifach Energie umsonst.

Obwohl ich mit dem E-Bike erstaunlich wenig Mühe habe. 250 Höhenmeter muss ich überwinden, sagt Google Maps für Radfahrer. Da die Landstraße  durch langsam ansteigende Täler geht, bleibe ich trotz 30 Grad Hitze ziemlich dicht an 20 Stundenkilometer. Da sind überholende Pkw nicht ganz so Furcht erregend, als wenn man bei jedem Tritt anfängt auszuschwingen. Nur Motorräder, die ärgern mich jetzt. Was für ein Lärm, wie korrupt müssen die Technischen Überwachungsvereine sein, dass sie das neben den hohen Diesel-Abgaswerten auch noch zulassen. Ach so, die haben Helme auf beim Test.

Erst als ich die Bandorfer Höhe zum Rhein hinabfahre, erlebe ich, was Gefälle ist: 50 km/h erreiche ich ohne Mühe. So langsam wird mir klar, ich hätte die Tour umgekehrt anlegen müssen, um meine Belastbarkeit zu testen. Fast 50 Kilometer war der Ausflug, doch es fühlt sich an, als könnte man das Doppelte hinkriegen.

Kölsch und Schnitzel zum Einkaufspreis
Abends ist Rathausfest in Oberwinter. Nein, ich werde nicht Fördermitglied des Rathausvereins. Doch sie veranstalten anspruchsvolle regionalhistorische Ausstellungen wie „Jüdisches Leben“ oder „Kreuze in Oberwinter“. Kölsch und Schnitzel gibt’s zum Einkaufspreis. So allmählich erkennt man ein paar Leute wieder, und auf Bitten des Schwagers zeigt uns der örtliche Erfinder seine heiligen Hallen.

In einer riesigen ehemaligen Saftmosterei hinter den Prunkfassaden der Hauptstraße, wo man nie gedacht hat, dass dort noch etwas steht, hat er Überschwemmungsboote entwickelt. Die Feuerwehren reißen sie ihm aus den Händen, weil sie einfach, leicht und preisgünstig sind, kleine Aluminium-Schaluppen mit Rädern drunter. Für den Fall der Fälle, einen Tunnelbrand, kann man sie auch auf Schienen laufen lassen. Und für ganz mutige Feuerwehrmänner lassen sich Gebläse montieren, mit denen man sich wie durch die Everglades fortblasen lassen kann.

Eigentlich produziert er riesige Lastwagen-Waschanlagen. Aber wenn er eine Marktlücke erkennt, tüftelt er los und hat dann z.B. einbruchssichere Zigarettendisplays für Tankstellen im Angebot, deren wesentliches Merkmal ist, dass noch keiner drauf gekommen ist, sie den Pächtern anzubieten. Dafür hat er seinen Kundenstamm auf Google Maps eingetragen, und wenn Shell aus Aurich anruft, kann er dem einbruchsgebeutelten Kleinunternehmer schnell den nächsten Kunden in Leer anzeigen, der ihm sein Feature zeigen kann. Aber Aurich ist traurig und Leer noch viel mehr.

So komme ich dem Oberwinterer Dorfleben seit Jahren immer näher. Wir wohnen stets im Fachwerk-Bürgerhaus von 1732, von einem Vorbesitzer liebevoll, denkmalsgerecht und aufwändig restauriert. Originale Türgriffe korrespondieren mit modernen elektrischen Schaltern im Stil von 1940, ein Gourmetwohnküche ist angebunden an ein tropisches Regenduschbad, und unter dem Dach, im gemütlichen Gästezimmer, hört man von nah und doch so fern die Deutsche Bahn durch das Rheintal rauschen. Ein Geräusch, welches man mit allen Rheinanrainern teilt, denn auf beiden Seiten des mächtigsten deutschen Flusses laufen die Gleise von Be-Ne-Lux in die Alpen. Man hört es fast nicht, des Nachts wirkt es wie ein Windhauch, der Wohlstand bringt.

Rot ist die Liebe
Es war an einem anderen Tag, als wir kurz vor unserer Ankunft in Oberwinter vom Weinfest in Linz lasen. Wir waren am Freitagnachmittag fast die ersten und probierten den neuen Ahr-Rotwein. Einmal vor langer Zeit hat er uns geschmeckt, und seitdem dachten wir, es gäbe trinkbaren deutschen Rotwein. Aber das waren wohl Zufall oder Durst. Der Pinot Noir, den wir in allen Güteklassen verkosteten, schmeckte nach Schlamm und Moder. Jedenfalls kein Vergleich zur Übersee, wo sie die Chemiefabriken zum Zunge- und Nasekitzeln bemühen. Die Umdrehungen reichten dann allerdings für einen angenehmen Glimmer, und die Rheinfähre und die mit 70 zu fahrende Uferstraße nach Oberwinter stellten keine große Herausforderung dar.

Wir sind dann auch noch am Tage der offenen Galerien in Remagen gewesen. Eigentlich mag ich keine Amateurkunst, aber da ich in letzter Zeit angefangen habe zu malen und zu musizieren (und zu schreiben), bin ich mit meinem Urteil etwas vorsichtiger geworden. Und tatsächlich war manches bemerkenswert. Am bemerkenswertesten waren aber die Besuche in den Häusern, die für eine Privatausstellung geöffnet hatten, und die Gespräche mit den Künstlern. Ich bekam eine Ahnung davon, wie rund und vernetzt es sich am Rhein lebt. Also ehrlich, wenn ich die Wahl hätte, ich würde entweder als Messi oder als Rheinländer wiedergeboren. Aber nicht als Rudi Altig...

Rerik - das Kaff am Haff



Worin der geneigte Leser erfährt, warum immer noch Wildschweine auf Wustrow wühlen, wie man in drei Meter Höhe mit friesenblauen Farbtöpfen jongliert, was arabische Vorspeisen für genderkomplexe Gefühle auslösen, welche Wonnen Kaltbaden unter Nudisten auslöst und wie man ohne Strom zur weißen Stadt am Meer kommt.


Frische Eier aus Bodenhaltung schmecken genauso gut wie Freiland. Eigentlich müsste es ja Käfighaltung heißen, aber das hat die Bauernlobby verhindert, ähnlich wie bei Nektar und Saft. Ich weiß wie die Tiere leiden, aber wenn ich Hunger habe, ist es mir egal. Ich wollte L-Eier, keine M-Minis. Ich möchte morgens in Rerik auf der Terrasse zwei ordentlich große Eier zum Tee, und Marmeladenbrötchen. Freilandhaltung ist bestimmt auch keine Lösung, im Käfig hat jedes Huhn seine Ruhe, das schmeckt man, im Stall mit 1.000 Konkurrentinnen wird das Huhn doch nicht froh. De mortuis nil nisi bene ...


Bei uns in Rerik dreht sich alles ums Frühstück oder ums Abendessen. Bines kleine Ostdatsche im verschlafenen Ex-Garnisonsdorf an der Ostsee liegt in einer ehemaligen Ferienanlage für privilegierte DDR-Leistungsträger. „Rerik Neueck“ entstand in den Sechziger Jahren als normiertes Hüttendorf in Trabi-Bauweise: klein, funktional, leicht, rechteckig. Freilandhaltung für das sozialistische Volk.


1990 waren wir kurz nach der Wiedervereinigung über Wismar und Kühlungsborn nach Rügen und Hiddensee gefahren. Der Sommer ging vorbei, und im mangelzerstörten, braunkohle-duftenden, regennassen Wismar („Ruinen schaffen ohne Waffen“) eine entfernte Cousine von Bine zu besuchen, lehnte ich leider ab. Wir fuhren weiter bis Kühlungsborn, wo wir im einzigen modernen Hotel Mecklenburgs abstiegen und uns vorstellten, dass die DDR eine blühende Landschaft werden würde.


Bines Wismarer Cousine war es, die ein Ferienhaus in besagter Reriker Neueck-Siedlung besaß, und unsere jetzt alljährlich wiederkehrenden Sommer-Besuche wurden so schön und freundschaftlich, dass Bine irgendwann die Gelegenheit zum Erwerb von Datsche Nummer 15 wahrnahm. Als ich noch arbeiten musste, waren Wochenenden für mich so wertvoll, dass ich sie nicht gern fern meiner vielfältigen Möglichkeiten in Hamburg verlebte. Das ist jetzt anders. Nun habe ich den freien Blick auf die Qualitäten dieses kleinen, verhuschten Badeortes am Rande von nichts.


In sieben Minuten Entfernung liegt das ewige Meer

Selbst im Winter bietet die Steilküste einen atemberaubenden Blick auf die Ostsee. Ein verwunschener Weg führt vom Neueck durch einen windschiefen Küsten-Zauberwald zum Bäcker Graf am Übergang zum Salzhaff. Dort haben schon Sorben vor 1300 Jahren eine Ringburg geschaufelt. Die Halbinsel Wustrow trennt das Haff von der Ostsee. Die Nationalsozialisten haben hier gleich nach der Machtergreifung eine Flakschule errichtet und das Bauern- und Fischerdorf Alt Gaarz nach Wikingerart zur Reichswehrgarnison Rerik ausgebaut. Die Rote Armee hat die Gebäude auf Wustrow erst gesprengt und dann doch wieder aufgebaut, um sie bis 1990 als eigene Kaserne zu nutzen. Dann kam die Perestroika.


Viel mehr als baden, sich am leeren Strand sonnen, an Steilküste und Salzhaff spazieren gehen oder nach Kühlungsborn zu fahren, bietet Rerik immer noch nicht, aber allmählich dämmert mir, dass das ja eine ganze Menge ist. Bines kleines Häuschen ist in den vergangenen 20 Jahren mächtig renoviert und ausgebaut worden. Es gibt immer etwas zu tun: Hecke schneiden, Rasen mähen, malen, putzen, reparieren.


Repariert werden muss immer. Andere Käufer haben ihre Datschen gleich abgerissen und sie im gleichen Stil neu errichtet. Bine dagegen hat seit Jahren Schritt für Schritt umbauen lassen: Schiefe Decken, derbe Bodenkacheln, Gästezimmer-Erweiterung, Bettvergrößerung, Bettverkleinerung, Terrassenfenster-Vergrößerung, Dachdeckung, Fassadenthermierung. Jüngst entdeckten wir, dass aus der falsch eingebauten Toilette jahrelang Wasser in den Boden gelaufen ist, die Hälfte der Laube musste aufgerissen und neugekachelt werden, einige durchweichte Pappwände wurden erneuert, dabei ist das Bad auf Kosten das Gästezimmers erweitert worden, und nun sieht es richtig luxuriös aus. Nun ja, das neue Dach ist bereits wieder undicht.


Am Strand liegend sehe ich einen kleinen Jungen. Hinter unserem Windschutz versucht er mit seiner größeren Schwester einen Drachen zu starten. Er hat zwei Leinen zum Steuern in der Hand, sie sind viel zu kurz abgewickelt. Er bestimmt, dass seine Schwester den Drachen halten soll, bis er bereit zum Starten ist. Unruhig wartet er, bis sie den Drachen so lange gedreht hat, dass die verknoteten Leinen frei sind. Das alles hätte er selber machen können. Aber man sieht, dass er es besorgt haben möchte. Als seine Schwester befehlsgemäß den Drachen loslässt, versemmelt er den Start, weil er nicht richtig zieht. Wütend wirft er die Leinen hin und rennt weg. Wie mir das bekannt vorkommt!


Bali-Sofa

In Rerik gibt es kein schlechtes Wetter. Spätestens am Haff klart der Himmel auf. Doch, ja, manchmal, wenn es regnet und stürmt, ist es hier besonders erholsam. Dann liegen wir zwischen zehn Kissen und Fliesdecken auf dem Bali-Sofa und lesen. Das mit dem Bali-Sofa kam so:


Eigentlich hat Bine die alte realsozialistische Sofagarnitur um den gläsernen Nierentisch herum aufpolstern lassen. Weil sie bei Karstadt nur blauweißen Gardinenstoff gefunden hatte, ist das ganze Anwesen jetzt blau-weiß. Sogar alte Bilder, Amateur-Seestücke aus den Sechzigern, sind farblich so, das Geschirr, die Accessoires, die Zahnbecher, alles blau-weiß. Es begab sich aber zu der Zeit, dass man auf dem realsozialistischen Sofa nicht mehr gut liegen konnte. Da kam es zupass, dass Bines Schwester mit Sack und Pack aus Bali zurückkam.


Der Container stand ein paar Wochen in Hamburg, wurde dann ins Rheinland gebracht, schließlich musste ich einen Anhänger leihen, um die auf Bines Wunsch noch in Bali blau gespritzten riesigen Rattan-Liegen dort abzuholen. Dummerweise fand dies in einer großen norddeutschen Schneeverwehungsphase statt, und als wir nach 16-stündiger Fahrt in Rerik ankamen und die Liegen und Matratzen durch meterhohen Schnee zur Datsche getragen hatten, passten sie nicht durch die Tür. Gottseidank gingen sie aber durchs Fenster, und so kommt es, dass wir uns bei schlechtem Wetter dort pudelwohl fühlen dürfen.


Heimaturlaub

Gestern bin ich mal kurz nach Hamburg gefahren. Über Neubukow nach Wismar. Dann auf die A20 nach Lübeck, dort auf die A1 nach Hamburg. 175 km, zwei Stunden. Im Abendlicht eine wunderbare Strecke: prächtig wogende Korn- und Rapsfelder, uralte Lindenalleen, Forste und Feuchtsenken, na ja, immer noch DDR-Kolchosen-Ruinen, im Überschallmodus polnische Laster überholt, bei Lübeck irgendwelche halbausgestorbenen Ökoschnepfen mittels Tempo 100 gerettet, schließlich noch 20 km durch die Hansestadt Hamburg, so konnte früher montags die Arbeitswoche beginnen.


Aber ich bin nur für eine Nacht auf Heimaturlaub. Ein Freund feiert in Eppendorf Geburtstag mit köstlichen Sechziger-Jahre-Speisen: Käseigel, Mixed-Pickles-Spieße, Fliegenpilz-Eier mit Tomatendeckel und Mayonnaiseflecken, Wiener Schnitzel und Toast Hawaii, schließlich schwarz-rot-goldene Götterspeise und kalten Hund mit Filterkaffee. Als ich zum Aperitif ein Glas Tri Top-Sirup-Brause schlürfe, rieche ich die gute alte Zeit 1968: Winnetou II lesend, gelben Saft schlürfend, Hitparade hörend, Erdnussflips kauend, während die Brüder und Schwestern in der Zone ihre weihnachtlichen Westpakete rationierten.


Streichkonzert

Vorgestern kam ein anderer Freund vorbei, um mit mir die Wetterseite der Datsche mit dem Rest seiner teuren Nanopartikel-Außenfarbe zu streichen. Zum Dank lädt er mich am anderen Tag in Kühlungsborn zum Eis ein, er ist halt so. Wir haben uns dann auf die beiden E-Bikes geschwungen, das Aldi und das Kalkhoff. An diesem Freund kam ich schon vor 35 Jahren bei Concordias 6. Herren kaum vorbei, Gott ja, manchmal habe ich ihn doch umdribbelt, aber dann hat er sich immer gleich den Ball zurückgekämpft. Er war bei Ligaspielen unsere Abwehrbank, ich wurde in den Sturm gestellt, damit ich keinen Schaden anrichtete.


Bei unserer Radtour hat er gleich den Akku abgestellt, weil er das unsportlich findet. In den Hügeln von Meschendorf, 5 Kilometer vor Rerik, macht mein Akku schlapp, kein Problem, wir wechseln die Räder, und er ist mit dem 25-Kilo-Trumm ohne Strom genauso schnell wie ich. In einer Woche wollen wir nach Wismar radeln, Bine und seine Frau nur hin, wir wieder zurück, er ohne Akku, denn das Aldi schafft nur 35 Kilometer, wir kommen dann mit dem Auto, dem Fahrradtrailer und holen die Frauen zurück.


Auferstanden aus Ruinen

Während das zehn Kilometer entfernte Kühlungsborn im vergangenen Vierteljahrhundert als Bäderhotelort neu erblühte, ist Rerik das kleine entspannte Ferienhausdorf geblieben. Ich habe seit 1990 jedes Jahr zehn neue Hotels in Kühlungsborn entstehen sehen, bis heute sind nur noch ein oder zwei Ruinen übrig. In Heiligendamm hat das nicht geklappt. Der Investor Jagdfeld hat die weiße Stadt am Meer wieder zum Kaiserbad machen wollen und übersehen, dass es in Norddeutschland keinen richtigen Protzadel wie in Bayern gibt.


Jagdfelds Fundusgruppe hat vor Jahren auch Reriks Haffhalbinsel Wustrow gekauft, um dort eine Golfmarina zu errichten. Nun hat die Stadt ihm auferlegt, etwaige Baumaterialien über die Ostsee anzuliefern, damit nicht jahrelanger Schwerlastverkehr die Reriker Sommerfrischler belästigt. Deswegen wächst der Wildschwein-Wald weiterhin über sowjetischen Armee-Altlasten, Munition und Altöl, und Wustrow bleibt versperrt. Angeblich überbaut von Jagdfeld jetzt einen Komplex bei Köln und erhält im Austausch Steuererleichterung dafür, dass er Wustrow überwuchern lässt. Ökologischer Wucher sozusagen.


Regen bringt Bregen

Nun regnet es bereits seit zwei Tagen. Mittwoch in Schüben: eine Stunde Nieseln, starker Wind bläst die Wolken weg, danach zwei Stunden Sonne, dunkle Wolken bringen erneut Regen, Wind bringt zwei Stunden Sonne usw. Bine nutzt die Sonnenphasen zum Baden. Ich muss nach Kröpelin, Farbe kaufen, denn der gute Brillux-Holzlack hat die Winter in der Holzhütte nicht überstanden. Der Giebel der Wetterseite des Ferienhauses muss gestrichen werden, zwei Tage grundieren, zwei Tage lackieren. Man kommt nicht besonders voran.


Arabische Arbeitstage

Donnerstag ist norddeutsches Tiefentief. Aber am Freitag sind die Reriker Schultzens, Kemps und Sauers zum arabischen Abend eingeladen. Und das kam so: Ich habe Bine zum Geburtstag ein Mezze-Kochbuch geschenkt und am Montag an die 30 Gewürze aus Hamburg mitgebracht. Dann haben wir eingekauft und zwei Tage vorher losgelegt. Bine hielt es bereits um 8 Uhr nicht mehr im Bett. Petersilie und Koriander hacken. Zwiebeln in Rotwein kochen. Bohnen für Ful mit Zitrone und Harissa einweichen und kochen, später mit Schafskäse und Hähnchen mischen. Zucchiniröllchen mit geminztem Frischkäse füllen eine weitere halbe Stunde.


Gegen 10 Uhr habe ich „Der mit dem Wolf tanzt“ ausgelesen und stoße hinzu. Tabuleh-Petersiliensalat mit geschälten Tomaten, Frühlingszwiebeln und Bulgur ist einfach. Für Muhammara-Walnusspaste müssen Nüsse gehackt und Paprika im Ofen gebacken werden. Würzmöhrchen werden mit Akazienhonig und Granatapfelessig mariniert und mit gehacktem Salbei und Kardamom gekräutert.


Bei Batata Harra werde ich kreativer: Gewürfelte Kartoffelstückchen werden geröstet und mit Zwiebeln und gedünsteten Radieschen gegart. Gewürzt wird je nach Speise mit Safran, Koriander, Cumin, Piment, Lorbeer, Zitronensaft, Granatapfelkörnern... Das Hack für die Füllung der Champignons würze ich freestyle mit Zimt und dazu tue ich gehackte Feigen und Mandeln! Gurken- und Minz-Walnuss-Joghurt, Avocado-Sesampaste, Kichererbsen-Hummus, Lammlachse mit Calvadosäpfeln, Feigen mit Thymian-Ziegenkäse und Käse-Blätterteig-Stückchen machen wir morgen.


Seit Jahren träumen wir davon, in Rerik eine Weinstube mit kleinem Tagesgericht aufzumachen. Dabei gibt es mindestens sieben triftige Gründe, das nicht zu tun: Erstens fragt keiner in Rerik nach etwas anderem als Pfannfisch oder Schnitzel mit Bier. Zweitens ist ein solcher Versuch bereits einmal gescheitert. Drittens müsste man mit mindestens fünf Jahren Anlaufzeit rechnen. Viertens ist hier nur drei Monate Saison. Fünftens arbeitet Bine noch zwei Jahre. Sechstens muss man weit mehr als acht Stunden arbeiten und Bine müsste bis lange nach ihrer Einschlafzeit um 21 Uhr aufbleiben. Und siebtens liegt sie bei jedem Abendessen, das wir für mehr als vier Freunde veranstalten, bereits in der Nacht zuvor quer im Bett.


Ich dagegen bin erst ganz ruhig und gelassen und werde dann immer aufgeregter. Zum Schluss bin ich oft völlig genervt, weil die Zeit doch nicht mehr für ein Schläfchen gereicht hat. Aber hier in Rerik ist das jetzt anders. Wir haben Zeit ohne Ende und richtig Lust auf Mezze. Eigentlich müssten wir arabische Musik spielen und Bine im Kopftuch rumspazieren. Jedenfalls verstehen wir beide jetzt, welche Reize das Indoor-Frauenleben im Orient haben muss, denn gemeinsam schnibbeln, schnacken und Musik hören macht froh.


Zu Besuch gekommen sind ein Landwirtspaar, von deren Gartenplantage wir gestern alle möglichen Kräuter und Gemüse geerntet haben, Reriker Urgesteine wie Bines Cousine und ihre Familie. Drei weitere ehemalige Ärzte aus Schwerin und Wismar sind dabei, doch die Gespräche drehen sich nicht um Gebrechen, sondern um Rerik und seine Geschichte, um die Staatssicherheit gestern und heute und um Limoncello und Rostocker Doppelkorn.


Edel verpflichtet

Einen Tag später kommt das Hamburger Freundespaar zum Radfahren. Trotz meiner Mail-Warnung haben sie noch weiteren Stoff für Picknick mitgebracht, so dass wir neben den 13 Mezzen noch Frikadellen, Caprese und weiteres gedinkeltes Grünzeug dabei haben. In den zwanzig Jahren unserer jährlichen Rerikaufenthalte sind wir erst einmal ins 15 Kilometer entfernte Kühlungsborn geradelt. Heute gehts noch weiter bis Heiligendamm.


Die „Weiße Stadt am Meer“ ist ein großes Ärgernis geworden. Ursprünglich kaiserliches Bad, in der DDR Krankenhaus, jetzt seit 25 Jahren als vergilbte Klassizismus-Ruine leerstehend. Der Möchtegern-Finanzjongleur Anno August von Jagdfeld hat sich gedacht, was ihm in Berlin mit dem Adlon gelungen ist, ein paar hundert geldgierige Renditenjäger für ein Luxushotel zu gewinnen, funktioniert auch hier, wo bevorzugt norddeutsch-protestantisch-realsozialistisch geprägte Ostdeutsche Urlaub machen, eine Protz-Enklave im Stil von Gstaad und Monaco ins Herz bzw. an die Küste des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates zu pflanzen.


Doch wo schon Kaiser Wilhelms Hofstaat alles verspielte, gelang es auch Kempinski nicht, auch nicht mittels der PR-Inszenierung G7-Gipfel, der Insolvenz zu entgehen. Wer macht solche Verträge mit solchen Spinnern? Die die Strandpromenade und den Ostseeradweg auf dem Weg von Kühlungsborn nach Warnemünde versperren, damit die Angeber unter sich ihre Windhunde ausführen können? Wen man anspricht, alle sind sauer und wütend auf dieses Monstrum, das hier nicht hergehört, das alle aussperrt und einen Pesthauch verbreitet, wo nichts mehr sich halten kann, keine Eisbar, keine Wurstbude, kein Fischbrötchenverkäufer, kein Strandkorbvermieter.


40 Kilometer schaffen wir an diesem Tag, und Bine entschließt sich kurzerhand, den folgenden Sonntag am Strand zu verbringen. Doch wir anderen drei radeln erneut 40 Kilometer, und da die Freundin einen Platten hat, kann sie jetzt auf dem Weg Richtung Insel Poel das E-Bike ausprobieren. Ich missioniere gar zu gern, aber ich bin überrascht über ihren Sportsgeist am Aussichtspunkt über dem Boiensdorfer Werder: „Das ist ja gar kein Radfahren mehr!“


Hausaufgaben

„Der Giebel muss gestrichen und der Kirschlorbeer versetzt werden“. Seit Tagen liegt mir Bine nun mit ihren Hausaufgaben in den Ohren. Heute werden es 30 Grad, dieser Sommer ist abwechslungsreich. Dabei dachte ich schon, er wäre vorbei. Wir sind ans Ende der Reriker Welt, an den Zaun zur Russengarnison von Wustrow, geradelt und haben eine Strandmuschel aufgebaut. Die schützt vor Sonne und Wind und gegen die Versandung der Speisen. Links ist FKK, rechts Hundestrand. Die Hunde wissen das natürlich nicht.


Bei dieser Hitze fällt das mit den Eingeweiden ins 17 Grad kalte Ostseewasser eintauchen nicht mehr so schwer, aber selbst die Hände fühlen sich gefrostet an. Ich bin der einzige, der mit Mütze schwimmt. Manchmal schwimme ich auch mit Neoprenshorty, da gucken die Nudisten blöd, aber damit geht das Kaltbaden erheblich besser.


Den Kirschlorbeer auszugraben fällt mir erstaunlich leicht. Man muss einfach immer wieder buddeln, noch mehr Erde wegschaufeln, noch eine Wurzel abhacken, wieder Erde wegschaufeln, sich hinter den Busch legen und mit den Händen graben und auf einmal steht das Teil nackt da. Bine versetzt für ihr Leben gern Sträucher, vielmehr, ich muss es tun, denn sie setzt sie in jungen Jahren viel zu eng, und dann erwürgt der Lorbeer den Rhododendron und den Blauregen.


Auch das Haus muss nach zehn Lenzen an der Wetterseite nachgestrichen werden. Erst habe ich vor zwei Wochen mit dem Freund die weiße Westwand nanopartikel-schmutzabweisend gewitschert. Der friesenblaue Giebel hat bereits zwei weiße Haftanstriche erhalten, jetzt ist die blaue Holzfarbe dran. Spannend: Schaffe ich das, ohne die weiße Wand zu bekleckern? Geht doch! Jedenfalls ist der erste der drei Blau-Anstriche unfallfrei verlaufen. Der zweite auch!


Wieso müssen wir hier eigentlich weg? Wieso muss der Sommer vorüber gehen? Was bleibt, was kommt? Ich verspüre keinen Drang mehr nach großen Reisen. Amerika nicht, weil seine Führer Kriegsverbrecher sind und keinen mehr reinlassen, der das sagt. Asien nicht, weil es zu heiß und zu voll ist. Südamerika ist fast schon zu weit. Nach Afrika wollte ich nur in meiner Jugend. Sibirien oder Ostanatolien hätte ich gern mit dem Motorrad erkundet, jetzt nicht mehr. Italiens Kunstschätze genießt man besser in den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen. Und in der Leihbücherei.


Sommerschlussverkauf

Hier in Rerik gibt es alles bis auf Festnetz-Wlan und winterfesten Wasseranschluss. Die Sonne scheint auf die Terrasse. Bine hat die Betten abgezogen. Gleich gibt es wieder Bodenhaftungs-Eier, Brötchen mit Johannisbeermarmelade und Yünnantee. Einen Busch muss ich noch versetzen, einen blauen Anstrich machen, dann die Bikes auf den Träger laden und alles Essbare und die Wäsche ins Auto verstauen.


Dann beginnt der Herbst. Man wartet auf die kühlen Tage, und sie kommen nicht. Bis in den November wird morgens überraschenderweise eine warme Sonne scheinen. Dann wird es dunkel und kalt und ehe man sich versieht, ist der kürzeste Tag erreicht, man bekommt ein schlechtes Gewissen, weil man nicht an Geschenke gedacht hat, und man fürchtet sich vor einer missglückten Silvesterfeier. Noch fünf lange Monate bis zum ersten Sonnenbad. Dann werden wir wieder Haffschollen braten und mit der Cousine über das Freiland diskutieren. Und dass man sich entscheiden kann, ob man anderen Lebewesen Leiden zufügt, oder einem alles egal ist.

Mit dem E-Bike nach Lübeck

Worin der geneigte Leser erfährt, woran die DDR verstorben ist, wie anstrengend ein dynamischer Mittelmotor ist, was Arnie dem Kuleschow-Effekt verdankt und was nach dem Kapitalismus kommt.

Pferde dösen am Kanal. Schwarzbraun gefleckte Kühe liegen im möglicherweise grünsten Gras der Welt. So ein Grün habe ich nicht am Amazonas und nicht im Tortoguero von Costa Rica erlebt. Von Bali und den Anden ganz zu schweigen. Man muss eben gar nicht so weit reisen. 67 Kilometer vielleicht. Ich radle mit dem E-Bike von Hamburg nach Lübeck.

Während Griechenland gerade entsetzlichen Zeiten entgegen sieht, bin ich seit meinem 57. Lebensjahr im Ruhestand, aber jetzt mit bald 61 Lenzen noch einmal 127 Kilometer hin und zurück, das müsste zu schaffen sein. Wenn der Akku mitmacht. Deswegen nehme ich um 9.12 Uhr die S21 nach Aumühle, denn ich bin mir nicht sicher, ob mehr als diese 57 Kilometer am Stück drin sind.

Drei Schnitzel, zwei Bananen, zwei Käsestullen, ein Franzbrötchen und eine übergroße Wasserflasche schaukeln in der einen Satteltasche, etwas Wäsche und Lektüre in der anderen. Statt eines Helms schützt eine beige Sepp-Herberger-Mütze meine Glatze vor Sonnenbrand. Meine knackbraune Schöffeljacke aus Goretex hält Wind und auf der Rückfahrt Regen ab. Ich trage eine kurze abgesägte Jeans und braune Mephisto-Waldbrandaustreter, über meinem weißen wampenengen Funktions-T-Shirt leuchtet ein orangerotes Laufhemd. Kurz, ich sehe aus wie ein Vollidiot.

Manchmal ist mir Mode schietegal. Und heute besonders. Die Sonne scheint, als ich das E-Bike in die Langenfelder S-Bahn schiebe, aber es ist noch 15 Grad kalt. Bis kurz vor zehn Uhr dauert die Fahrt über Sternschanze, Hauptbahnhof, Bergedorf. Dann schwinge ich mich auf mein Mittelmotor-Fahrrad und radle über die Lindenallee durch den Sachsenwald.

Gute alte Hippiezeit
In meinen studentischen Jahren war ich hier manchmal, damals sollte die Autobahn nach Berlin – Hauptstadt der DDR – durch Bismarks Latifundien hindurch gebaut werden und ich war dagegen. Ich erfuhr, dass die Trasse bereits im Dritten Reich geschlagen worden war. Eine halbfertige Ruine war uns als Hippietreff „Brian-Jones-Brücke“ bekannt. Ich bin damals von Grande aus durch den Wald bis hierher gelaufen und war baff, was in 40 Jahren an Bäumen nachgewachsen war. Nun radele ich weitere 35 Jahre später unter der A24 hindurch. Sie hat die DDR gekillt, weil die Trabifahrer traurig wurden, wenn sie von den Wessies überholt wurden.

In der Kuddewörder Konditorei gönne ich mir einen Kaffee und futtere mein drei Tage altes Franzbrötchen. Über Köthel und Kohberg gelange ich bei Nusse an den Elbe-Lübeck-Kanal. Wie oft bin ich hier mit dem Peter auf den Motorrädern nach Ratzeburg zum Currywurstfassen gedüst? Von den Schönheiten dieser Landschaft habe ich nie viel mitgekriegt, und so richtig wusste ich auch nach dem zehnten Mal nicht, wo ich mich gerade befand.

Das Schlimmste am Radfahren ist bergauf
Mein Akku ist nach 30 Kilometern erst um ein Drittel leerer. Als ich mich vor ein paar Jahren entschloss, ein elektrisch verstärktes Fahrrad zu kaufen, verfiel ich zuerst auf ein ungeheuer preiswertes in Sachsen zusammengebrutzeltes Exemplar von Aldi. Mir war nämlich aufgefallen, dass ich auf dem Heimweg von der Arbeit am Hauptbahnhof wesentlich mehr zu kämpfen hatte als auf dem Hinweg, weil es ein paar Meter bergauf geht („Grindelberg“). Und da ich mich nach dem stundenlangen Bürositzen zu mehr Bewegung motivieren wollte, schien mir dies eine gute Strategie gegen das Älterwerden zu sein.

Das Aldi-Pedelec hat nun aber den Vor- bzw. Nachteil, dass es Antrieb bietet ohne stärkeres Treten. Durch den simplen Vorderradantrieb schiebt es gewaltig, bis zu 25 km/h schnell, allerdings höchstens 35 Kilometer weit bis zur Nachladung. Der Akku liegt über dem Hinterrad, und dieser hohe Schwerpunkt macht in Verbindung mit dem wackeligen Einrohr-Damenrahmen, dass ich mich bei Vollbremsung bereits zweimal überschlagen habe.

Deswegen haben wir für Bine ein dreimal so teures Kalkhoff gekauft, das schwerer gebaut ist, Antrieb und Akku liegen günstig tief an den Pedalen. Der Vor- bzw. Nachteil hierbei ist aber, dass der dynamische Mittelmotor nur so viel Kraft hinzu gibt wie man abfordert. Das bedeutet zum einen, dass man immerzu kräftig treten muss und zum anderen, dass Bine weder den Blankeneser Waseberg noch den Bastorfer Leuchturmsweg hinaufkommt. Da sie aber nicht so heftig radelt wie ich, nimmt sie also immer das Aldi, während ich jetzt mit dem Kalkhoff unterwegs bin, welches bei guter Führung 50-80 Kilometer schaffen soll.

Am Kanal zur Hansestadt
Der Elbe-Lübeck-Kanal führt seit 1895 von Lauenburg bis Lübeck. Sein Vorgänger wurde bereits am Ende des dreizehnten Jahrhunderts gebaut. Da ich bis hierhin schon einige Hügel hinaufgelutscht war, fragte ich mich, wie man es wohl geschafft hat, dass der Kanal nicht anfängt wegzufließen, An die sieben Schleusen, die bis zu zwölf Meter überwinden, hatte ich gar nicht gedacht.

Dabei war ich doch selber in meiner Jugend durch so viele Schleusen gepaddelt. Dass damit Höhenunterschiede ausgeglichen werden, hatte ich völlig vergessen. Der Radweg am Kanal ist also nicht ganz eben. Und er besteht aus knirschender Schlacke, die nicht so gut abrollt wie Asphalt. Dafür ist die Landschaft einfach wunderbar. Während schnuckelige Sportboote vorbeituckern, blicke ich über Wiesen, Weiden und Äcker auf Kühe und Pferde.

Im schönen Berkenthin muss ich eine Umleitung nehmen und komme bei Meiers Gasthof zurück auf den Radfernweg am Kanal. Hier steht eine Infotafel mit touristischen Prospekten und ich lerne, dass ich gar kein Quartier hätte buchen müssen, denn es gibt jede Menge Betten. Zumal es wirklich unangenehm würde, das schwere Pedelec ohne Elektroantrieb zu fahren, falls der Akku mich wider Erwarten versetzt. Damit muss man einfach rechnen, denn die Hersteller betrügen halt immer, indem sie die günstigsten Umstände vorschützen.

Reif für die Insel
Ich erreiche Lübeck-Moisling bereits gegen 14 Uhr. Mein Radweg an der Trave endet im Motoryachtclub, ich muss zurück in den Straßenverkehr. Diese Straßen kenne ich, ich bin hier oft während des Weihnachtsmarkts auf Parkplatzsuche gewesen. Allerdings was mir nicht so klar, dass Lübeck eine Insel in der Trave ist.

Vor dem Holstentor versuche ich ein Selfie zu machen, aber die Sonne knallt aufs Display, und ein Huawei ist kein iPhone. Spätere Historikergenerationen werden sich kopfschüttelnd fragen, wieso ab dem 21. Jahrhundert die gesamte Menschheit Bilder von sich selbst gemacht hat, sieben Milliarden Selfies für die Egomanen-Numismatische Forschung.

Ich bin total verblüfft, wie gut die Radtour bisher gegangen ist. Ich fahre in meine billige Absteige, die ich im Internet gebucht habe. Ein Zehnbettzimmer im CVJM wollte ich mir nicht antun, aber ein Einzelzimmer in der Taverna Hellas in der Vorstadt an der A1 ist gut genug. Mit Seppl-Mütze, Laufshirt, abgesägter Jeans und Waldbrandaustretern betrete ich das Lokal.

Während die Wirtin den Zimmerschlüssel besorgt, beginne ich ein Gespräch mit einer Gyros futternden jungen Frau. Stolz erzähle ich, dass ich gerade mit dem Fahrrad aus Hamburg angekommen bin. Ich verfalle dem Charme ihrer gespielten Anerkennung „Was, so eine weite Strecke!“ Und dann sagt sie: „Sie müssen früher sehr sportlich gewesen sein“. Irgendwie habe ich dann vergessen zu sagen, dass ich eher elektrisch unterwegs bin. Und auf ein Selfie mit ihr verzichte ich.

Breitbeinig
Nach dem Mittagsschlaf mache ich mich auf den Weg. Meine Kino-App hat mir gesagt, dass im Filmpalast Terminator IV läuft. Wenn ich allein bin, gehe ich gern in amerikanische Actionfilme. Ich kann mich herrlich ärgern über die Pentagon-Propaganda. Ich war schließlich selber einmal Cowboy. Ich bewaffnete mich, später ritt ich verschiedenste Stahlesel, Frauen habe ich leider nie gerettet.

Wenn man die heutige Welt verstehen will, muss man Actionfilme gesehen haben. Wahrscheinlich muss man auch Kriegsspiele am Computer gespielt haben, aber dazu fehlt mir die Zeit. Ich halte die gesamte Hollywoodproduktion für eng mit der amerikanischen imperialen Strategie abgestimmt. Leider hatten sie einen sehr dummen Präsidenten, der hat „Mission impossible“ ernst genommen. Als Folge fliegt uns zur Zeit das Mittelmeer um die Ohren.

Und Arnold Schwarzenegger hat es ja auch geschafft, ohne eine Miene zu verziehen, kalifornischer Gouverneur zu werden. Der vierte Terminator-Film ist laut und dumm, aber die 3-D-Effekte sind grandios. Schon mal vom Kuleschow-Effekt gehört? Ein Regisseur der russischen Revolutionszeit hat in einer Montage immer den gleichen Schauspieler eine Suppe, eine Leiche und ein junges Mädchen betrachten lassen. Das Publikum schwor Stein und Bein, der Schauspieler hätte Hunger, Trauer und Liebe beeindruckend echt dargestellt. Genauso geht es mir mit Schwarzenegger.

Zum Frühstück setze ich mich am Samstagmorgen in ein Citycafé und kaufe seit langem wieder einmal einen Spiegel. Die griechische Tragödie ist sooo spannend. Wie wird sie wohl ausgehen? Wer behält Recht, lechts oder rinks? Stiglitz oder Sinn? Ist meine geliebte Friedens-EU am Ende oder beginnen wir sie jetzt überhaupt erst zu verstehen und zu lieben? Ja, so sehe ich das: wir können den Griechen dankbar sein, dass sie für uns ausprobieren, die Gesetzmäßigkeiten des Finanzkapitalismus auszuhebeln. Aber ich bin mir sicher, wenn uns alles um die Ohren fliegt: was als erstes wieder entstehen wird, ist Kreditwirtschaft. Was denn sonst?

Geld und Glaube
Eigentlich bin ich wegen des neuen Europäischen Hansemuseums gekommen. Im Norden der Traveinsel ist in diesem Frühjahr unter dem Burgkloster ein moderner Museumsbau eröffnet worden. An den Beispielen der Hansestädte Nowgorod um 1193, Lübeck um 1226, Brügge um 1361 und London um 1500 sowie den Themenfeldern Pest um 1367, Geld und Glaube sowie Hansetag 1518 wird versucht, die Geschichte der Hanse an verhältnismäßig wenigen aber bedeutenden Artefakten und interaktiven Schautafeln darzustellen.

Was nicht erzählt wird, ist, dass die Ausstellung für Kinder und Jugendliche ungeeignet ist. Erst einmal gibt es keinerlei Action. Und zum Zweiten muss alles gelesen werden. Die Ausstellung erfordert geografische Kenntnisse, zumindest sollte man ohne sein Smartphone Nordsee von Ostsee unterscheiden können.

Ohne Handel wäre die Welt nicht so. Man würde gemütlich von seinem Acker leben. Oder auch nicht. Man würde es hinnehmen, dass ein verfaulter Backenzahn den Tod bedeutet. Der Kaufmann war da anders drauf. Der tauschte Salz gegen Felle und lebte vom Gewinn. Profit? Zins war auch früher verpönt. Da kamen ihm die unterschiedlichen Maße und Gewichte zupaß, mit denen konnte man Gewinne verschleiern. Und so gings weiter bis heute. Am interessantesten finde ich die Installation Hansetag 1518: Verblüffende Analogien zum fünfjährigen Tauziehen der EU um Griechenland.

Übrigens glaube ich auch nicht, dass die Hellenen die Demokratie erfunden haben, ebenso wenig wie den Attischen Seehund. Die Hansestädte hatten kernige Abstimmungen, immer schön einstimmig, und keiner kann mir erklären, dass die sich das von den alten Griechen da unten am Peloponnes abgeguckt haben.

Nach so viel Nachdenken brauche ich ein Kännchen Tee. Bei einem himmlischen Apfelkuchen verfolge ich am Fenster des Museumscafés zur Untertrave die angeblich finalen EU-Verhandlungen am Smartphone. Dann nehme ich mir wieder das Fahrrad vor und schaue mir Lübeck an.

Glaube ohne Geld
Diese geschlossen wirkende mittelalterliche und klassizistische Bausubstanz ist eigentlich unfassbar, denn Lübeck ist im zweiten Weltkrieg schwer zerbombt worden. Wenn nicht so viel Kopfsteinpflaster wäre, würde ich sämtliche Gassen abradeln. Und ich möchte zur Orgelvesper in St. Jakobi.

Ich schließe mein Rad wie immer dreifach an und lasse die Einkäufe in der Satteltasche. An der Kirche hängt ein Schild, das darauf hinweist, dass während des Gottesdienstes Touristen nicht erwünscht sind. Ich öffne trotzdem. Pastoren und Helfer sind dabei, die Gesangbücher und das Orgelvesper-Programm auszuteilen.

Ich sage Bescheid, dass draußen immer noch ein „Eintritt verboten“-Schild hängt. „Aber es ist doch Gottesdienst“, sagt die Pastorin. „Ach so, ich wusste nicht, dass Orgelvesper ein Gottesdienst ist“, bekräftige ich verwundert darüber, dass man in keinster Weise darauf hinweist, dass gleich vier großartige Orgelstücke gespielt werden. So langsam dämmert mir, dass man nur Gläubige im Schiff sehen will.

Ich bin getauft. Ich bin sogar konfirmiert. Ich bin geradezu kontaminiert. Ich liebe die Musik des christlichen Abendlandes, war mit 16 Jahren Trompeter im Kirchenchor. Aber an etwas Übernatürliches kann ich seit meiner Volljährigkeit nicht mehr glauben. Der einzige Sinn des Lebens ist die Vermehrung der Arten. Welchen Sinn es wohl hat, dass sich die Menschen in den konsumistischen Ländern nicht mehr vermehren? 

Die Orgelvesper erinnert mich an die Istanbuler Moscheen. Das machen sie großartig. Man fühlt sich klein und erhaben zugleich in diesen himmelhohen Bauten. Man kann zu sich kommen. Man wird ruhig und gelassen. Gerne verzichtet hätte ich auf eine politisierende Predigt und ein normiertes Vaterunser, das mir seit den Siebziger Jahren auf die Nerven geht. Für heute ist‘s genug, ich pflege meine müden Beine und lese den Spiegel im Sonnenschein vorm Holstentor zuende.

Bundesstraße an der Trave
Zum Glück denke ich daran, bereits am Abend mein Zimmer zu bezahlen, denn am nächsten Morgen ist kein Mensch mehr da. Ich habe mein Fahrrad mit aufs Zimmer genommen und schiebe es am Sonntagmorgen um 8 Uhr aus dem Hotel. Die Brandtür zum Zimmergang schließt sich, ich stehe in der Eingangshalle, doch auf einmal sind alle Türen verschlossen.

Mein Zimmerschlüssel steckt von drinnen, ich komme nicht raus. Schließlich entdecke ich, dass man die Eingangspforte aufzwängen kann, wenn man die Mittelpfostenklinke nach unten dreht und das ganze System mit etwas Gewalt aufdrückt. Ich bin so frei!

Diesmal wähle ich den direktesten Weg, denn ich will die ganze Strecke durchradeln. 67 Kilometer. Aber erstmal an der Ausfallstraße frühstücken und gucken, ob Griechenland schon abgebrannt ist. Dann geht’s über Bad Oldesloe und Bargteheide nach Hoisbüttel.

Die B75 ist mäßig hügelig und hat einen guten Radweg. Manchmal, wenn er ein Stück abseits der Bundesstraße geführt ist, wird es richtig schön. Im Tal sehe ich einen kleinen Pfad an der Trave, aber ich habe keine Lust, den auszuprobieren. Deswegen bin ich bereits um 13 Uhr wieder zuhause. Ach, ja, die Dusche funktionierte heute morgen ja auch nicht! Fahrradakku angeklemmt, geduscht, gevespert und geschlafen. Ich könnt jetzt glatt nach Lüneburg weiterradeln!

Reise von Langenfelde nach Harburg

Worin der geneigte Leser erfährt, wie weltpokalnah unser kleines Dorf liegt, wo an der Elbe für den Olymp gebaut wird, wie Hamburg stets gut mit Auswanderern auskam und wie schnell die Hansestadt eigentlich ist

Hamburg-Langenfelde, 9.38 Uhr. Meine S3 holt mich und rollt mich durch Hamburg. Bringt mich und 1.000 andere über die Elbe. Ich könnte auch bis Buxtehude, wo die Hunde mit dem Schwanz bellen, oder bis Stade durchfahren. Immer an der Elbe lang. Aber ich will nach Harburg-Rathaus.

Meinen Fahrschein kaufe ich noch im Fahrstuhl unseres Hauses. Es ist ja nur eine Minute Fußweg bis zum Gleis. Das reicht, um ein Sechs-Euro-Tagesticket über mein Smartphone zu buchen. Nachts, wenn ich einschlafe, und morgens, wenn ich aufwache, manchmal mitten in der Nacht, höre ich die S-Bahn. Ein elektrisches Surren, ein verebbendes Bremsen, ein anschwellendes Beschleunigen, alle paar Minuten. Verlässlicher als die Uhr, könnte man meinen. Verlässlich wie eine Mutter.

Manchmal höre ich auch eine Tröte, ganz wie wenn Arbeiter am Bahndamm gewarnt werden, dabei wird hier selten gearbeitet. Alles funktioniert zumeist reibungslos. Es ist beruhigend zu wissen, dass es meine S-Bahn gibt. Ein Wunder, eine große Tat, ein gesellschaftliches Ereignis, ein Fortschritt ohnegleichen, ein Beweis für die menschliche Vernunft.

AlJazeera unterm Schleier
Da ich ja selber das beste Beispiel für menschliche Unvernunft bin, fahre ich manchmal auch mit dem Auto, um die sechs Euro zu sparen. Ha, ertappt, denkt ihr! Nein. Unser Diesel verbraucht auf den 46 Kilometern nur zwei Liter und wird bestimmt genauso alt wie wir noch Autofahren werden. Über die A7, die mich nur wenige Minuten nach meiner Ausfahrt aus der Tiefgarage aufnimmt, geht es durch den Elbtunnel sogar noch ein wenig schneller. Ich kann Joseph Conrad oder Golo Mann hören. Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte.

Die Kopfhörer aufsetzen wie so viele andere, das schaffe ich in der S-Bahn nicht. Wenn der fast 500 Meter lange Zug hält, suche ich mir ein Plätzchen in der Mitte. Dann greife ich mir mein Smartphone und schreibe Nachrichten an Freunde, lese AlJazeera, Russia Today, The Guardian oder die FAZ-News, nun ja, Spiegel und Stern, aber die erinnern mich an die Zeit, in der ich selber noch Journalisten bestochen habe. Doch nicht die PR-Leute waren daran schuld, dass es keinen freien und investigativen Journalismus mehr in Deutschland gibt, sondern fehlende Werbeeinnahmen.

„Dauerhafte Haarentfernung“, so das Poster hinter der beinharten Sitzbank, „Beruflicher Aufstieg mit uns“ ein weiteres daneben. Bahnsteigplakate werben für ALDI Talk, Hohes C oder andere Suchtmittel. Das kleine Huawei blendet dagegen immer noch viele Produkte ein, die ich nicht brauche. Derweil verlässt meine S-Bahn Langenfelde.

Das kleine Dorf in Langenfelde
Unser kleines Dorf. So nenne ich die Siedlung am Bahndamm zwischen Stellingen und Diebsteich, nahe der Osterstraße und dem Volksparkstadion. Fast mitten in Hamburg und doch ein wenig draußen vor. Mindestens 20 Kinder sind in den vergangenen vier Jahren hier zur Welt gekommen, seit unsere beiden Häuserblöcke am Försterweg fertiggestellt sind.

Die Blocks stehen im rechten Winkel zueinander. Ein kleines Wäldchen am Bahndamm macht das Gartengrundstück zu einem geschützen Dreieck. Ein Biotop für diese Kinder, ein Paradies. So langsam dämmert es den jungen Eltern, die hier zugezogen sind, dass es in Hamburg kaum eine geschütztere Lage gibt, die soooo verkehrsgünstig ist. Auch wenn gegen Abend jede Stunde ein Airbus nach Finkenwerder hereinschwebt, auch wenn um 12 und 18 Uhr die Kirchenglocken zum guten Hirten bimmeln, auch wenn alle paar Minuten die S-Bahn fährt. Vom Autoverkehr der nahen Kieler Straße hört man nix.

Weltpokalnah
Die Bahn hält am Diebsteich. Vermutlich meint dies auf plattdeutsch einen „tiefen Teich“, den es allerdings heute nicht mehr gibt. In den kommenden Jahren soll der Intercity-Bahnhof Altona hierher verlegt werden. Das bedeutet: Wir sind noch näher dran am Weltgeschehen. Wir können von unserer Haustür aus nicht nur nach Pinneberg, Poppenbüttel oder Bergedorf fahren, unsere Bahnen gehen dann auch nach Kiel und Konstanz. Ganz zu schweigen vom Flughafen, den wir in einer guten halben Stunde erreichen, genauso wie Harburg.

„Lingeling“. Mein Nachbar erhält einen Anruf. Selbst, als wir in den unterirdischen Bahnhof Altona einfahren, hält die Verbindung. „Rufen Sie mich doch wieder an“ beendet er das Gespräch. „Ausstieg links“ erläutert die Lautsprecher-Durchsage für die Blinden.

All to nah
Altona ist mein Lieblingsstadtteil. Geht man von hier zum Spritzenplatz und durch Ottensen, begegnet man tausenderlei Punks und Pensionären, Professoren und Putzfrauen, Persern und Pinnebergern, Polizisten und Passanten, die man in anderen Stadtteilen in dieser Individualität nicht sieht. Jung und alt, tot und lebendig, arm und reich, dick und dünn, schön und hässlich, alles dabei.

Ich bin im langweiligen Osten der Hansestadt aufgewachsen, ich kann wirklich beurteilen, wo es spannend wird. In Altona will jeder wohnen, hier passieren interessante Dinge, hier gibt es tolle Läden und Cafés, hier wird Gentrifizierung gelebt. Oh, jetzt hat er sich verplappert, jetzt wird er politisch. Eigentlich müsste ich auch von der Schanze schwärmen, von der Rindermarkthalle und den Restaurants an der Roten Flora. Aber die S3 ist nicht die oberirdische S21 nach Sternschanze und Dammtor, sondern fährt durch einen Tunnel südlich des Alster-Stausees.

Mitternachtsspitzen
Nach Königstraße kommt Reeperbahn. Tagsüber ist dieser Bahnsteig fast leer, nur nachts, ab Geisterstunde, brechen alle Dämme. St. Pauli zwischen Millerntor und Nobistor war dereinst die Hamburger Vorstadt zum dänischen Altona. Außerhalb der Stadtmauern galten losere Gesetze, deshalb war auch so etwas wie Sich Vergnügen erlaubt, und zum Vergnügen gehörten schon immer Hurerei und Theater. Während sich in Hamburg die pietistischen Taliban gegen Lessings Oper erregten, tanzten an der Reeperbahn bereits die Puppen auf dem Tisch.

Die Vorstadt St. Georg zwischen Steintor und Berliner Tor war übrigens das östliche Pendant hierzu. Allein, um so beliebt zu werden wie St. Pauli, fehlten ihm die Seeleute. Aber noch sind wir nicht am Hauptbahnhof, wir kommen zu den Landungsbrücken. Wahrlich keine Weltsensation, sondern ein simpler Wasserbahnhof. Hier kobern keine Huren, sondern Hafenrundfahrt-Kapitäne. Der Preis jedenfalls ist fast der Gleiche. Kulinarisch gesehen sensationell ist aber wohl die Dichte der portugiesischen Lokale.

Bischofsburg mit Sauerteig
Jetzt nähert sich meine S-Bahn der „Altstadt“. Zwischen Stadthausbrücke und Jungfernstieg zieht sich die Markenmeile Neuer Wall, also die westliche Stadterweiterung im 17. Jahrhundert. Doch bereits hinter dem Rathaus kann man im Keller der Bäckerkette „Dat Backhus“ die Fundamente der Bischofsburg Karls des Großen betrachten. Und nebenbei: Hier gibt es das beste Sauerteig-Brötchen der Stadt, die „Dunkle Spitzwecke“.

30 Meter unter der Alster hindurch nähern wir uns nach knapp 20-minütiger Reise dem hundertjährigen Hauptbahnhof. „Verpackung – Restmüll - Glas – Papier“. Welches Beamtenhirn hat sich diese Bahnsteig-Mülltrennung ausgedacht? „Bonbons – frisch und lecker – einfach genial“ werden annonciert. Werbepoesie war auch schonmal wirkungsvoller.

Schlagartig ändert sich die Kundschaft. Türkei, Balkan, Afrika, Russland, Indien plappert sich vielsprachig in den Orientexpress hinein. Ich konzentriere mich auf mein Telefon, doch da nun die Fahrt oberirdisch wird, gibt es wieder etwas zu betrachten. Unzählige Intercitygleise teilen sich über der Nordkanalstraße. Das alte Hammerbrook - die Bruchkante zwischen Marsch und Geest – gibt es leider auch seit 1943 nicht mehr. Stattdessen beginnen hier linksseitig kanaldurchzogene Büro-, Industrie- und Schlafstädte und rechtsseitig der ehemalige Freihafen.

Olympiareif
Jetzt kommt der aufregendste Teil. In rasend schneller Fahrt überqueren wir die Norderelbe und schauen über den Kleinen Grasbrook auf die neue Hafencity, die Hauptkirchtürme und die atemberaubend schöne Elbphilharmonie. Jetzt muss ich aber endlich wieder politisch werden: Wer weiß eigentlich, dass Hamburg außerhalb Deutschlands völlig unbekannt ist? Und glaubt irgendjemand daran, dass das für die Zukunft der Hansestadt eine Rolle spielt?

Ich glaube daran. Daran, dass Städte mit Aura und Lebensqualität einen Unterschied bei den Investoren machen. Und daran, dass meine Stadt zu einem Spottpreis weltberühmt werden kann. Guck, da! Was wird da neben den auf Reede liegenden Frachtern und Kreuzfahrtschiffen gebaut? Nicht links, da liegt die Halbinsel Entenwerder. Da, rechts vor den Großmarkthallen, könnte einst unser Olympiastadion stehen!

Zugegeben interessiert mich Sport ohne Fußball nicht, aber ich glaube auch, dass Eventwirtschaft eine Zukunft hat. Veranstaltungen mit geringer Umweltbelastung, virtuelle Welten und TV-Ereignisse, werbefinanziert, das ist doch etwas anderes, als alle fünf Jahre ein neues Auto kaufen oder mit dem Flugzeug über die Weltmeere jetten. Hier an den alten Elbbrücken entsteht zumindest bald der Knotenpunkt zwischen Hafencity-U- und S-Bahn, und endlich werden dann auch Rothenburgsort, die Veddel und Wilhelmsburg gentrifiziert.

Hamburgs Ballinieue
Eine Freundin war entsetzt vom nächtlichen Geschehen am Busbahnhof Veddel, und ich glaube ihr, dass es hier samstags abends, gelinde gesagt, hoch her geht. Die vielen jungen Menschen, die laut in fremden Sprachen kommunizieren, wirken für Landratten  bedrohlich. Hamburgs Banlieue? Tagelöhner-Straßenstrich?

Ein Treppenwitz der Geschichte, dass genau hier Hamburgs ehemalige Auswandererhallen stehen, in denen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Millionen Osteuropäer auf ihre befreiende Emigration nach Übersee warteten. Heute das unbedingt sehenswerte Museum BallinStadt, benannt nach einem der größten Hamburger, der sich nach dem Zusammenbruch 1918 das Leben nahm.

Hellsichtige Nachfolger des Reeders – Sozialdemokraten, Hanseaten - schufen Hamburg aus Trümmern neu und hatten Visionen für seine Zukunft. Ein paar Euro werden wohl auch gebraucht, um die Elbinsel Wilhelmsburg lebenswerter zu machen. Bauausstellung und Gartenschau haben ein wenig Reputation erzeugt, aber noch sehen viele Wilhelmsburger Gassen trist und grau aus, und die vielen Kioske und Ein-Euro-Shops zeugen von der geringen Kaufkraft seiner Einwohner.

Amtliche Stadtentwicklung muss sich gegen viele Besserwisser durchsetzen. Die Nord-Süd-Trasse Wilhelmsburger Reichsstraße durchschneidet vierspurig den Stadtteil und das Gartenbaugelände, doch gegen die vernünftige Verlegung an den westlichen Rand der zehnspurigen Bahntrasse meldet sich einmal mehr Widerstand. Übrigens kann man die Elbinsel auch wunderbar mit dem Fahrrad umrunden...

Speedway hinterm Grafittizaun
Die Bahn nimmt Fahrt auf. Von hier bis zur Süderelbe verdecken kilometerlang häßlich grafittierte Lärmschutzwände die Sicht, obwohl in den Lücken gar nichts Schützenswertes sichtbar wird. Doch dann kommt am südlichen Ende Wilhelmsburgs die Süderelbe, Stillhorn und Moorwerder, und einmal mehr sieht man auf dieser Tour grüne Deiche mit Yachthäfen, Naturschutzgebiete und Kleingartenidyllen, Binnenschiffe auf dem Weg nach Tschechien, bevor der Harburger Hafen auftaucht. Das Heuckenlock ist Europas einziger Tideauen-Urwald. Keiner kennt es und keiner weiß, was ein solcher ist, dabei ist es ganz einfach: Ebbe und Flut fließen ungehindert hindurch und niemand ändert was daran...

Change - yes you can
„Change here for regional and mainline trains“ ist sicher nett gemeint. Aber Touristen changen in Harburg selten. Tatsächlich ist der Intercity-Bahnhof der südliche Verteiler für den niedersächsischen Speckgürtel: Buchholz, Seevetal, Winsen, Bremen, Lüneburg. Harburgs Zentrum ist eine Kauf-City mit 23.000 Einwohnern. Der Bezirk Harburg reicht von Cranz bis Wilstorf und bietet 154.000 Menschen Quartier.

Gleich muss ich raus, und ganz vielen jungen Leuten geht es ebenso: An der Station Harburg-Rathaus gehen sie zur Technischen Universität und zur Schule. Das hier ist die Zukunft. Aber was unterscheidet Harburg vom ach so begehrten Altona? Harburg liegt halt nicht zwischen Elbchaussee und Eimsbüttel. Es gehört erst seit 1937 zu Hamburg, und man ist erst seit drei Jahrzehnten in einer Viertelstunde an der Alster. Man fährt „in die Stadt“, sagt man hier, aber man tut es nicht.

Istanbul - eine andere Welt?

Worin der geneigte Leser erfährt, was wir abends in Istanbul (nicht) treiben, warum wir weder Turbane noch Feze, aber Pinguine sehen, wie beruhigend es in den Moscheen sein kann, von wo der Bosporus am schönsten ist (von überall), wie schnell man da und mittendrin und wieder fort ist und was Joseph Beuys mit der türkischen Kunst gemacht hat...

 


Ein Flug in eine andere Welt. Ich glaube schon, dass es da etwas gibt. Irgendwo da draußen ist ein anderes Leben. Aber eigentlich ist es zu früh am Tag, um sich darüber Gedanken zu machen. Ich sitze im Flieger nach Istanbul. Vor fünf Stunden, um drei Uhr, bin ich erwacht. Dann habe ich mich noch eine Stunde hin- und her entspannt - „mein Kopf wird gaaanz schwer...“ - schließlich hielt es auch Bine nicht mehr im Bette: „Erwache und lache!“

Ich bin jetzt oft früh auf. Dabei zwingt mich nichts und niemand mehr zu etwas. Das hat mich zur Beschäftigung mit anderen Welten zurückgeführt. Erst schrieb ich eine Seminararbeit über die Fremdenfeindlichkeit der alten Römer gegenüber den Persern. Darüber fiel mir auf, dass sich ja nie etwas geändert hat. Unserem derzeitigen Imperium gilt als das größte anzunehmende Gräueln der Osten. Und umgekehrt. Ich las nach dem Kampf der Kulturen etwas über Orientalismus. Das ist nicht die Geschichte vom Orient, sondern die Behauptung, dass der Westen den Orient gemacht hat, dass er das aber gar nicht ist. Häh?

Ist es Zeit, mit dem Lesen aufzuhören? Willst du dir das wirklich antun? Dir von mir über das Osmanische und Byzantinische Reich erzählen lassen, die in unserem Geschichtsunterricht immer nur mal so nebenbei erwähnt wurden? Keine Angst, ich versuche am Boden zu bleiben, aber das ist etwas schwierig in 10.000 Meter Höhe über Heuchelheim.

Trampfahrt durch Istanbul

Diese Istanbulreise hat mir Bine zum Geburtstag geschenkt. Sieben Tage wohnen wir direkt neben der Blauen Moschee. Unser Hotel heißt Lady Diana, ansonsten haben wir keinen Plan. Fischbrötchen an der Galatabrücke, mit der Tram bis zur Endstation, im Basar Tee trinken, das ist mir wichtiger als das Tympanon der Hagia Sophia. Obwohl, dass ich mal mit Barockmusik auf den Ohren eine Stunde vor der Domfassade von Siena ausgeharrt habe, erinnere ich heute noch. Früher konnte ich Musik noch gut ab. Jetzt habe ich Orhan Pamuks schwarzes Buch mit, vorgelesen, auf dem Telefon.

Wir fahren vom Flughafen Atatürk mit der Metro zur Verteilerstation Aksaray. Von dort nehmen wir die Straßenbahn bis zum Altstadtviertel Sultanahmet. Eine Freundin hat uns eine Scheckkarte geschickt, mit der wir immer und überall Zugang zum Nahverkehr erhalten, sogar zu den Bosporusschiffen und den Tunneltoiletten. Bei jeder Fahrt werden 70 Cent abgebucht, auch beim Umsteigen.

Diese Stadtbahn ist einzigartig. Sie muss das Vorbild für die Hamburger Grünen gewesen sein, die sie seit Jahrzehnten vergeblich fordern. Die Tram ist aber nur ideal für eine City, die keine großen Straßen hat, denn für sie wurde die zentrale Ader der Istanbuler Altstadt vom Autoverkehr befreit. Dafür fährt die riesige moderne Tram ungehindert alle zwei Minuten, während sich in allen anderen Straßen die Autos, die Busse und die Taxen stauen.

Wir sind bereits am frühen Nachmittag angekommen und beginnen unseren siebentägigen Stadtspaziergang. 21.000 zählt Bines Schrittzähler-App an einem Tag. Unser Rhythmus wird Gehen, Tee trinken, etwas Essen, eine Toilette suchen, Tee trinken, Weitergehen...

Nach dem ersten Mittagessen mit orientalischen Meze und Kebab besichtigen wir den großen Basar. Schön bunt und lebendig, aber außer Schals für Bine ist nichts zu gebrauchen: Große Gewürzkegel, noch bunteres Porzellan, kitschiger Schmuck, Textilien, die bereits 1980 in Mümmelmansberg nicht mehr gelaufen wären, Süßigkeiten, Nüsse und so weiter. Na gut, frischer Ziegenkäse, herzhafte Oliven, Pistazien und knusprige Brotkringel bilden unser Abendbrot im Bett, den türkischen Wein dazu organisieren wir im Kiosk. Wer noch nicht alles besitzt, kann es im ägyptischen Basar billig erwerben. Aber Bine hat mich schnell von Werkzeugen und Geräten fortgeschleppt.

Selbst ist der Mann

Istanbul besteht wohl aus Millionen Kleinunternehmern, die nicht nur im Touristenbasar, sondern über die ganze Stadt verteilt ihre Waren feil bieten. Dabei bieten die Händler einer Straßenzeile fast alle das gleiche an. Da das Wetter sonnig und kühl ist, verzichten wir auf den Besuch von Shoppingmalls, die uns in Manaus oder Singapur zum Abklingen dienten. Einkaufszentren und Supermärkte scheinen auch eine Attacke auf das türkische Arbeitsleben darzustellen, denn wo sollen die ganzen Ladenbesitzer bleiben?

Ich stelle mir den türkischen Händler als einen ungemein lebenserfahrenen Mann vor – Frauen sieht man übrigens niemals in dieser Rolle – jemand, der offensiv auf seine Kunden zugeht, abschätzt, wo sie herkommen, wie man sie ins Gespräch bekommt, und wie man das Wort auf seine Ware lenkt. Am Anfang findet man es vielleicht noch nett, wie interessiert sie sich zeigen, dann lernt man die Masche und reagiert nicht mehr auf die freundliche Fragerei. Auch die Koberer der Restaurants arbeiten so, ebenso die Tickethändler für die Bosporustouren. Am Ende des Tages müssen diese Leute mit Millionen Menschen gesprochen haben, also, was machen sie dann, wenn es nur noch Jobs als Zusteller von Internetpäckchen gibt?

Teppich zum Abflug

Der Besuch unserer ersten großen Moschee ist für mich eine kleine Überraschung. Man zieht seine Schuhe aus, und betritt einen flauschigen Teppich. Bine sieht mit ihrem gehäkelten Kopftuch, Ton in Ton wie immer, wunderhübsch aus. Ich darf meine Mütze auch aufbehalten, denke ich mir. Die Gotteshäuser, die wir aufsuchen, sind der byzantinisch-christlichen Hagia Sophia nachempfundene islamische Zentralkuppel-Bauten mit schönem, rundem Innenraum. Das Überraschende für mich ist die Ruhe, die man dort empfindet. Der Innenraum hat keine Stühle, die wenigen außerhalb der Regelzeiten Betenden knien mit dieser eindrucksvollen Hände-vor-das-Gesicht-Halten-Geste.

Ich setze mich auf den Teppich und denke. Vielleicht ist Religion einfach nur Entspannungstechnik. Vielleicht wirkt es wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training. Turkish Airlines werben mit Messi, meinem Fußballgott. Aber in den vergangenen Jahren hat mich das Daumendrücken während der Bundesliga-Radiokonferenzen kaum einmal beruhigt. Quatsch beiseite: Ich fühle mich einfach wohl in diesen sakralen Räumen.

Ob das aber noch so bleibt, wenn hier Tausende nebeneinander hocken und vorgegebene Suren sprechen, die sie nicht verstehen? Fünfmal am Tag rufen die Müezzine über Lautsprecher von den Minaretten der gesamten Stadt. Istanbul ist wieder fest in der Hand der Gläubigen. In manchen Stadtteilen trägt fast die Hälfte aller Frauen Kopftuch. Viele davon – vielleicht arabische  Touristen - sind vollständig schwarz verhüllt. „Pinguine“ nennt sie eine Freundin. Die SZ-Journalistin Großbongardt sieht in ihrem Buch „Istanbul-Blues“ in der Zunahme dieser Geste so etwas wie ein antiimperialistisches Statement. Und so verstehe ich das auch.

Demokratie ist machbar, Herr Nachbar

Das Osmanische Reich wurde zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert der Militärtechnik der Europäer immer unterlegener. Lediglich der europäischen Uneinigkeit ist es zu verdanken, dass Anatolien nicht auch völlig kolonialisiert worden ist. So wie der restliche Nahe Osten und Nordafrika, das ehemalige Osmanische Reich. Diese uralte von Europa bereits zerrissene Kulturregion wurde jüngst durch die abstrusen saudiamerikanischen Interventionen noch einmal völlig aus den Angeln gehoben und befindet sich nach der „Arabellion“ in einem furchtbar gewalttätigen Umbruch.

Das dauert. Demokratie wurde hier immer von oben eingeführt, hat kaum Basis, gilt vielen als imperiale westliche Dekadenz. Der Islam kann aber von laizistischen Politikern nicht mehr ins Private zurück verbannt werden. Viele Menschen sind noch nicht so weit. Das Mittelalter ist noch nicht vergangen. Muslime beten männliche Gewaltherrschaft an. Der gewählte ägyptische Präsident Mursi soll mit 100 seiner Mitstreiter hingerichtet werden, weil er es umgekehrt mit den Ungläubigen genauso machen würde.

Der osmanische Sultan Mahmud II. verbot um 1830 den Türken das Tragen des Turbans und verordnete den Fez. Atatürk befahl 1924 per Androhung von Gefängnisstrafe den europäischen Herrenhut. Geht’s noch? Ist es ein Wunder, dass das ebenfalls verbotene Kopftuch für manche sogar zum politisch-religiösen Widerstandssymbol wird? Während sich von 1999 bis 2006 die Zahl der sich als „ziemlich bis sehr religiös“ bezeichnenden Türken von 31 auf 61 Prozent erhöht hat, sank im gleichen Zeitraum die Fürsprache für die Scharia von 21 auf 9 Prozent (Cem Özdemir, Die Türkei, S. 153).

Am Goldenen Horn

Am folgenden Tag fahren wir mit einer der 1001 Bosporusfähren das Goldene Horn hinauf nach Eyüp. Hier liegt ein Wallfahrtszentrum der Pinguine. Angeblich das Viertwichtigste der islamischen Welt. Mohammeds Heerführer Eyüp scheiterte bereits um 670 bei der Eroberung Konstantinopels, und sein Grab wurde zum Märtyrermausoleum. Karl der Große christianisierte übrigens 130 Jahre später mit roher Gewalt Europa und gilt uns ebenfall als verehrenswerter Urahn.

Istanbul wurde erst 1453 „befreit“, gehörte aber bis dahin nicht zur katholischen Welt, sondern entwickelte während 1000 Jahren seine eigenen christliche Orthodoxie, von der wir deswegen traditionell nichts erfahren, weil sie den Papst nicht anerkannte. Aus dieser eurozentristischen Sicht gilt der Tagesschau natürlich auch das orthodoxe Russland als fremdartig. Im übrigen: Griechenland und der Balkan waren jahrhundertelang osmanisch. Deswegen auch die Neigung, guten alten Freunden und Verwandten ein oder mehrere Küsschen zuzustecken...

Der Bosporus, wo jeder rüber muss

Günther hatte uns vor den vielen Gräten in den Fischbrötchen an der Galatabrücke gewarnt. Er muss Pech gehabt haben. Unser gebratenes Makrelenfilet mit Salat und Zwiebeln im Weißbrot war wundervoll. Da wir bei den vielen Pinkelpausen in den Straßencafés immer auch etwas gefuttert hatten, reichte uns eines. Die Galatabrücke ist nicht schön, aber voller Leben. Sie verbindet die Altstadt über das Goldene Horn mit der nördlichen, immer noch europäischen Seite. Erst von dort gehen zwei große Brücken zum asiatischen Ufer. Und hier starten die Bosporusfährschiffe, jede Minute drei, vier, fünf...

Auch eine zweistündige Bosporusrundfahrt kann man hier beginnen. Wenn man an der Trambahn-Haltestelle Eminonü aussteigt, kobern die Händler mit Tickets für nur 25 Euro. Stellt man sich an der Galatabrücke in der Warteschlange an, kostet die Tour nur noch 25 Lira, ein Drittel. Wir sind mit dem regulären Fährschiff zum gegenüberliegenden Üsküdar an der asiatischen Seite gefahren und haben dort die Rundfahrt für 10 Lira bekommen.

Man sitzt in der Sonne und blickt auf Topkapi-Palast, Blaue Moschee und Süleymanye, auf Galatabrücke und -Turm, auf Bosporus, Goldenes Horn und Marmarameer, dann kommt ein alter Mann und bringt türkischen Tee. Das Boot schippert an Kreuzfahrtschiffen und Dolmabahce-Palast vorbei zur großen Hochseil-Autobahn über die Wasserstraße zwischen Schwarzmeer und Mittelmeer. Das allein ist eine Reise wert.

Von der Festung Rumeli Hirsali aus hat Mehmet II. sieben Monate lang Konstantinopel belagert und 1453 schließlich erobert. Ein Teil der Kette zur gegenüberliegenden Feste, mit der die Versorgungsschiffe der Christenheit an der Nachschubleistung gehindert wurden, ist heute im Archäologischen Museum zu sehen.

Dann geht es an der asiatischen Seite zurück. Oft wird von den Villen am Bosporusufer geschwärmt. Ehrlich gesagt, die Elbchaussee ist prächtiger. Überhaupt sind die neuzeitlichen Bauten Istanbuls für mich nicht bemerkenswert. Natürlich ist es schön, mit seiner Privatjacht zu seinem Direktorenschreibtisch nach Galata zu fahren. Aber der Profit scheint für die Fassadenrenovierung zumeist nicht gereicht zu haben. Auch wenn die Türkei unter Özal und Erdogan ein kleines Wirtschaftswunder erlebt haben soll, die Massenarmut der 20-Millionen-Metropole bleibt ebenso sichtbar wie die geringere Repräsentanzfähigkeit der Reichen.

Am Kreditwesen soll die Welt genesen

Ich schicke einem alten Bekannten ein abfotografiertes Werbeplakat der Erdogan-Partei AKP. „Wir bauen einen doppelstöckigen Autotunnel unter dem Bosporus. Die anderen reden nur“ übersetzt er mir. „Dafür verschuldet sich die Türkei über Generationen“, ein Verbrechen sei das, schreibt er. Wahrscheinlich gilt das auch für den 70 Meter tiefen U-Bahntunnel Marmaray, für den wir sechs Rolltreppen benötigen, ehe wir wieder ans Tageslicht gelangen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich finde es visionär, erst einmal die Verkehrsprobleme der Stadt anzugehen, und dafür braucht es nun einmal Kredite. Unter uns, ohne Kreditwesen hätte es die industrielle Revolution niemals gegeben. Ob die Schwellenländer dafür zu spät kommen, wird die Zukunft zeigen.

Auch die hochgerühmte Einkaufsstraße Istiklal Caddesi beeindruckt mich architektonisch nicht. Dann schon eher die vielen Kneipen und Bars, Restaurants und Imbisse in den Seitenstraßen von Beyoglu und Cumhüryet. Wir gehen immer nach dem Bine-und-Reiner-Zufallsprinzip vor: einmal links, einmal rechts, einmal sich fallen lassen. Überall in den Gassen stehen kleine Schemelchen, und wo man sich setzt, wird Tee für einen Lira gereicht.

Ich fotografiere die vielen verfallenden Wohnbauten – in einer der Mönckebergstraße vergleichbaren Lage verwundern die vielen Leerstände. Man hat schon viel gehört über Radikalsanierungen in Istanbul, aber hier scheint Spekulation nicht die Hauptursache zu sein, sonst würde ja auch einmal etwas gebaut. Eher scheint mir, verhagelt das dräuende Erdbeben der Altstadt ihre Renovierung.

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass sich genau hier zwei tektonische Platten verhakt haben. Die alten Häuser würden dem nicht standhalten, denn vieles ist hier in Eigeninitiative und ohne Bauregeln entstanden. Man kann Istanbul weder mit Greifswald noch mit Venedig vergleichen. Jahrtausende Besiedelungsgeschichte liegen unerforschbar tief unter der jüngsten Zuzugswelle. Geschätzte 20 Millionen der 71 Millionen Türken sind in den vergangenen Jahren hierhergeströmt, jüngst noch Millionen Flüchtlinge, für Stadtplanung eine schier unlösbare Aufgabe.

Blau, blau, blau wie der Enzian...

Am ehesten scheint mir ein Vergleich mit Hamburg angebracht. Zum ersten hat man meine Stadt nach totaler Zerstörung in wenigen Jahrzehnten zur Perle zurückgebaut. Und die Wasserlandschaften Elbe und Alster muten ein wenig wie diese viel grandiosere maritime Umgebung des Bosporus an. Im Norden liegt das Schwarze Meer, im Süden das Mittelmeer. Und zwischen europäischem und asiatischem Kontinent das Binnengewässer Marmarameer.

Die schönsten Momente in Istanbul waren eben diese Blicke auf das blaue Wasser, die Dach-Restaurants, die Schiffahrt, die wechselnden Perspektiven, die allmähliche Orientierung an den unsagbar schönen Kulturschätzen. Wir haben die Hagia Sophia aber nicht besucht. Jeden Morgen gingen wir an der Blauen Moschee vorbei durch das antike Hippodrom und bestiegen die Tram. Und jeden Morgen und Abend standen mindestens 500 Menschen an, um das Weltkulturerbe zu besichtigen. Einmal haben wir es in die Blaue Moschee geschafft, für mich eine große Enttäuschung. Wenn man sich diese Pracht mit Tausenden teilt, die noch dazu kein bißchen Andacht  und Selbstbeherrschung walten lassen, zerstört es die blau geflieste Pracht wie die FIFA den Fußball.

Aber den Topkapi-Palast an der Spitze des Goldenen Horns schaffen wir. Von hier haben die Sultane regiert. Küchenanlagen für 30.000 Menschen, prächtige Gold- und Edelstein-Artefakte, Sultansporträts, harmonische Lustbauten und ein bunt gefliester Harem. Die Sultanmutter wählte abends die Gespielin für ihren Sohn aus, daraus entstanden schon einmal 20 Prinzen, die mit ihren 20 Müttern und dem restlichen Konkubinenvorrat für ihr Leben eingesperrt blieben. Schaffte es einer von ihnen zum Sultansnachfolger, drohte den anderen 19 Konkurrenten der Tod durch Strangulation, eine gute alte Sitte im „Orient“ bereits vor römischer Zeit. Der wahnsinnige Ibrahim soll einmal 120 seiner Haremsdamen in Säcke verschnüren und im Bosporus versenkt haben lassen, weil er ihrer überdrüssig war. Manchmal, aber nur manchmal, würde mir nur ein Sack reichen...

Muselmanen-Museen

Eines Morgens nach fünf Tagen haben wir nichts mehr vor. Dann wird es Zeit für Museales. Das Archäologische Museum befindet sich im Umbau, deswegen lassen sich die Statuen und Inschriften aus archaischen, griechischen, römischen, byzantinischen und osmanischen Zeiten im Schnelldurchgang besichtigen. Alexander und Augustus erkenne ich auch ohne Audio-Walkman, ebenso Marc Aurel und Nero, Apollon und Aphrodite. Doch die monotone Schilder-Präsentation ermüdet schnell. Auf jeder Baustelle wird neues Altes ausgegraben. Was man aus diesem unglaublich vielfältigen Fundmaterial machen könnte! Ich hoffe auf den türkischen Aufschwung und komme wieder, wenn das Museum fertig ist.

Dann suchen und finden wir das Museum für moderne Kunst. Wieder fahren wir einfach mit der Tram von Sultanahmet über die Galatabrücke nach Tophane, wo die Kreuzfahrtschiffe festmachen. Dort hat eine Unternehmerfamilie ein schwer zugängliches altes Lagerhaus entkernt und geweißelt. Die Seite zum Bosporus besitzt ein wunderbares Terrassenrestaurant, wo wir uns erst einmal mit köstlichen Salaten stärken.

Die feste Ausstellung beginnt mit der Entsendung türkischer Maler nach Paris, wo sie um 1900 den Impressionismus und später den Expressionismus aufnehmen. Bis in die 60-er Jahre sind so langweilige epigonale Versuche entstanden, erst halbgare Lichtmalerei, danach viel bemühtes, dilettantisches Betroffenheits-Agitprop. Erst in der Gegenwartskunst befreien sich die türkischen Künstler von westlichen Stilismen und überraschen mit eigenen Ideen. Aber die eigene Kulturgeschichte bleibt unsichtbar.

Gemeinsamer Tisch

Gern hätte ich einmal mit Istanbulern über ihre Stadt, die Türkei und den west-östlichen Diwan diskutiert. Aber ich bin kein geborener Anquatscher. Auf dem Rückweg durch Karaköy rasten wir in einer jugendlich-szenigen Kneipenstraße und kommen mit einem Tischnachbarn ins Gespräch. Er hat türkische und russische Vorfahren, hat in den USA studiert und lebt und arbeitet hier. Für ihn ist Istanbul zur Zeit der interessanteste Ort der Welt. Ein Treffpunkt der Kulturen. Eine Möglichkeit für Austausch und Begegnung, Inspiration und Integration. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Eine andere Welt haben wir nicht entdecken können. Wie in allen Städten der Welt verschmelzen Kulturen mit Konsumstilen. Istanbul ist ein Tourismusziel auch für Araber und Indonesier, war es wohl für Russen. Für junge Leute beginnen Erlebnisse zusätzlich bei Sonnenuntergang. Von Mai bis September ist Draußensitzen und -feiern bei gutem Wetter garantiert.

Draußenbleiben bei der EU, im Widerspruch zu geschlossenen Verträgen? Ich bin dagegen. Weil gerademal ein paar Jahre lang ein cleverer Politiker wie Erdogan die Widersprüche zwischen West und Ost kongenial ausnutzt, um das Land im Rückwärtsgang voran zu bringen? Die Türkei könnte das erste orientalische Land werden, das sich aus freiem Willen der Rosskur der Moderne unterzieht und dabei anderen ehemals osmanischen Staaten ein Beispiel fürs Gelingen bietet. Wer den nostalgisch gesinnten Muslimen westliche Werte mit dem Schwert bringt, wird unlöschbares Feuer ernten. Und wenn sich erst die Türkei und der Balkan von Europa abwenden, verlieren wir alle.


P.S. Ein halbes Jahr später. Herbst 2015. Erdogan beginnt Krieg gegen die Kurden, um die Wahl zu gewinnen. Das Auseinanderbrechen der EU scheint begonnen zu haben. Millionen fliehen zu uns, keiner weiß wie ihnen zu helfen ist. Wer jetzt noch eine Voraussage wagt, kann kein Politiker sein.

 

Madeira
Ein kleines Gebirge im Atlantik - groß wie Hamburg

Worin der geneigte Leser erfährt, warum Degenfische explodieren, was einen guten Poncha ausmacht, wohin man sich mit dem Smartphone verirrt und ob sechs Stunden eine Nacht sind

Madeira also, wo Onkels und Tanten ihren Winterurlaub machen. Atlantische Tiefausläufer und Azorenhochs. Kreuzfahrten und gekrönte Häupter. Grace Kelly hat auf den engen Bergstraßen das rasante Autofahren gelernt. Kaiserin Sissy war hier oft traurig. Österreichische Adlige starben überhaupt gern auf Madeira, wie auch der Entdecker der Langerhanschen Inseln. Die portugiesischen Entdecker blieben 1419 lange auf der Nachbarinsel Porto Santo, weil sie befürchteten, vor sich den wolkenumkränzten Höllenschlund zu sehen. Dann setzten sie den dichten Urwald Madeiras in Brand und mussten erneut sieben Jahre warten, ehe die glühende Rodung zuende war.

Als wir mit TuiFly x32828 am 2. Dezember 2014 um 8 Uhr früh einschweben, bin ich auch erst einmal traurig: Je weiter die Sonne aufgeht, erkenne ich, dass ich gar keinen blauen Atlantik, sondern ein Meer von dicken, dunklen Wolken sehe. Aber Madeira liegt auf der Höhe Marokkos, und der Süden der Insel hat selten schlechtes Wetter. Und auch James Dean muss hier geübt haben. In atemberaubenden Tempo bringt uns der Transferbus über die kurvige Küstenautobahn zum Hotel Quinta da Penha Franca Mar. Während die Sonne gleißend grell die Wolken zerreißt, nähern wir uns Funchal.

Nach Mitternacht in Aachen
Wir haben über einen namhaften Reiseveranstalter mit Sitz in einer unbeschreiblich langweiligen deutschen Stadt gebucht, dessen Aktien ich vor Jahren mit hohem Verlust verkauft habe. Keine Angst, der Schwund belief sich auf höchstens zwei gediegene Abende im Landhaus Scherrer. Aber ich schreibe dies, weil mich alles an dieser Pauschalreise erfreut: Der Preis, die Organisation, die Anreise mit Rail&Fly über Köln/Bonn und das großzügige Hotelzimmer im Herzen von Funchal, 20 Meter über dem blauen Meer.

Da Bine und ich über ein Vierteljahrhundert zusammen sind (bis auf den ewigen Lappen in der Spüle gibt es wenige Probleme, die wir nicht durch Streit lösen können) und wir viele nette Freunde haben, reisen wir diesmal mit Elke (Entschuldigung, sie stammt tatsächlich aus Hannover) und Axel (er lebt mit ihr in Aachen). Wir waren jüngst schon zusammen auf Teneriffa und Kreta.

Also fuhren wir am Montagmorgen mit der Bahn von Hamburg nach Aachen und wurden uns erst da allmählich bewusst, dass wir in der folgenden Dienstagnacht um 1.30 Uhr vom Taxi abgeholt würden. Aber wer nach all den Jahren immer noch mit uns befreundet ist, weiß, dass wir uns nicht scheuen, um 19 Uhr zu Bett zu gehen, ja, dass unsere unnachahmliche Langweiligkeit darin begründet liegt, dass wir  schon um diese Zeit zu gähnen beginnen. 20, 21, 22, 23, 24, 1 Uhr..., das sind über sechs Stunden Schlaf!

Häufig wechselnder Schiffsverkehr
Unsere Hotelanlage erstreckt sich über einen Abhang und besitzt unter anderem eine Frühstücks-Terrasse zehn Meter über dem Atlantik, direkt am Pool. Über die Dächer kann man auf riesige deutsche Kreuzfahrtschiffe schauen. Zwei davon mit Kußmund und Spermafaden, ein weiteres von besagtem niedersächsischen Reisekonzern. Ich kann gut verstehen, dass sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace nach seinem Buch über eine Kreuzfahrtrecherche erschossen hat.

Meine rechte Hand soll verdorren, sollte ich je an Bord eines dieser dekadenten Dampfer gehen, um mit Tausenden Buffets zu plündern und dreistündige Landausflüge zu Shoppingmalls zu unternehmen. Aber wenn man mich dereinst im Rollstuhl willenlos in einen schwimmenden Speisesaal schieben sollte, wird es mir vielleicht recht sein, mir die Scampi und die Törtchen mit der linken Hand reinzuschaufeln und mich danach in die billige Kabine über dem Maschinenraum zurückzuziehen, wer weiß das schon?

Textilmuseum
Wir wandern mit dem Smartphone in der Hand in die Altstadt. Ich habe zwar Telefon und Internet ausgeschaltet, aber das GPS funktioniert, man kann sich nicht verlaufen. Madeiras Hauptstadt Funchal hat 100.000 Einwohner, die ganze Insel, 57x22 km groß, hat 250.000. Was man auf dem Navi nicht sieht: Die Insel ist ein Lavagebirge, die Stadt ist an einem Hang angesiedelt, und man muss ganz schön bergsteigen, um voran zu kommen.

Nach portugiesischer Wirtschaftskrise sieht es hier erstmal nicht aus. Allerdings sind die Menschen von Funchal wie eigenartig aus der Zeit gefallen gekleidet. Männer in Geschäftskleidung tragen nicht wie bei uns Hochwasser-Röhrenhosen und körperenge Schülersaccos, sondern knittrige Anzüge wie um 1960, oft mit dem von mir so geliebten Doppelschlitz am Po. Angenehm masculin finde ich auch, dass Glatzen noch mit Resthaar zugekämmt werden. Frauen sind in jeder Weise sexy und attraktiv, aber nichts erinnert an die bei uns üblichen verordneten Farben und Formen. Lange Lederstiefel scheinen angesagt, bei 20 Grad Winterwärme.

Auffällig sind die marmorierten Bürgersteige aus zweifarbigen Mosaiksteinchen, die fast fehlerlos verlegt sind. Fast: Ich stürze über das einzige Loch in der Avenida de Mar und prelle mir das Knie, auch wenn Axel anerkennend meint, ich hätte mich für mein Alter ganz gut abgerollt. Totlachen tun sich die drei, als ich mich in einer Tankstellentoilette einsperre.

Indem ich die Klotür zudrücke, nehme ich wahr, dass der Türgriff geklaut ist. Ich versuche schließlich alles, von der Scheckkarte über den Hotelschlüssel, aber ich komme nicht mehr heraus. Ein Toilettenbenutzer, den ich auf englisch anspreche, will den Tankwart herbeiholen, doch niemand kommt. Beim Versuch, wie früher einfach über die Wand zu steigen, rutsche ich kraftlos ab und falle mit einem Fuß in die Toilette. Ich habe fertig... Also rufe ich per Telefon Bine herbei. Axel lacht sich scheckig, dann auch die beiden Blondinen. Die Tankwärtin entschuldigt sich vielmals, sie hat erst geglaubt, ich wäre zu blöd, um zu bemerken, dass die Tür nach innen aufgeht.

Tiefseefisch mit Bananen
Also etwas essen: Trotz Millionen Kreuzfahrern extrem günstig. Wie auch im Hotel sind die professionellen Kellner sympatisch freundlich und fleissig. Unser Menü für 9 Euro umfasst eine leckere Gemüsesuppe, frisches Brot mit Oliven, Thunfisch, Calamari oder Beefsteak mit Beilagen, Schokomousse, Eis oder Fruchtsalat und einen großen Milchkaffee Galao.

Ein anderes Mal probieren wir Schwein in Wein und Degenfisch mit Banane. Der auch Espada genannte Tiefseefisch wird nur hier vor Madeira gefangen. Fischer legen 1,5 km lange Fangleinen und holen den aalartigen Degenfisch aus den Tiefen des Atlantiks. Töten muss man ihn dann nicht mehr, denn beim Hochkommen aus der druckvollen Tiefe explodiert er.

Ich habe das bereits einmal beim Angeln vor Grönland erlebt. Mein Helfer hatte den mit einer langen Leine eingekurbelten ersten Fangfisch meines Lebens vom Haken gepult und an die Bordwand gelegt. Auch er explodierte zu unserer Überraschung nach ein paar Minuten, weil die Luftblase platzte. Dem schwarzen Degenfisch platzen angeblich sogar die Kiemen und die Augen, und er verändert seine bräunlich schillernde Färbung ins Schwarze. Sein Fleisch ist weiß und schmeckt wie Dorsch.

Fruchtprobe im Mercado
Es gibt hier ein Touristenviertel mit bunt bemalten Haustüren und zahllosen Gassenrestaurants. Kobern gehört allerorten zum Geschäft, ständig wird man angesprochen, in der historischen Markthalle sogar angegrapscht. Erst denke ich: Hier ist aber was los, bis ich bemerke, dass die meisten Anwesenden Verkäufer sind, die einem ihre offenbar gezuckerten Fruchtproben aufdrängen wollen. Binchen kauft und findet die teuren Früchte später ungenießbar. Als wir durch die Gassen hindurch sind, entdeckt Axel mit dem untrüglichen Blick des Schnäppchenjägers eine kleine versteckte Essbar für Einheimische, „Bela 5“, selbst die Polizei ist zu Gast.

Ich habe sowieso nie verstanden, wie man Nahrung ohne Medien aufnehmen kann und begrüße die vielen Fernseher. Erstes Merkmal der portugiesischen Nachrichten: Der Fußball kommt zuerst und nicht am Ende. Christiano Ronaldo ist hier aufgewachsen und hat als Jugendlicher für Nacional Madeira gespielt. Direkt über unserem  Hotel gibt es ein „CR7“-Museum. Am Montagabend kommt es im Estadio da Madeira zum Erstliga-Derby gegen Maritimo Funchal. Leider müssen wir Dienstag früh schon wieder abreisen, und so werde ich mir das Spiel wohl in einer Kneipe anschauen.

Orientalische Postmoderne
Heute sind wir mit der Seilbahn auf den Monte gefahren. Binchen kriegt richtig Angst, denn die Gondeln tragen keine Trauer, sondern schaukeln die 500 Meter Höhenunterschied recht lustig über Häuserschluchten, Serpentinen, Ziegenweiden und grüne Vulkanfelslandschaft. Oben hat ein englischer Magnat um die Jahrhundertwende rheinische Industrieadel-Schlösser kopieren wollen und einen botanischen Garten drumherum angelegt. Vor einiger Zeit versenkte ein portugiesischer Unternehmer Geld in einer Stiftung und schuf eine wirklich sehenswerte grüne Hölle für die Öffentlichkeit.

Axel sagt: Die Griechen würden das mit ihren Sehenswürdigkeiten auch so machen, nur dann würden sie zehn Jahre lang lediglich den Eintritt kassieren und schließlich die EU um Hilfe beim Wiederaufbau bitten. Hier erkennt man regelmäßige Gartenpflege. Erst muss man den Monte-Berg hinunter laufen und schlängelt sich dann durch vielerlei Botanik wieder bergauf, es wird immer blümeranter, vorwiegend chinesisch-postmodern, aber sauber bepflanzt und mit perspektivisch interessanten Pfaden, so dass man die Mühe beim Aufstieg gar nicht merkt.

Honigsaurer Zitronenrum
Inzwischen sind wir auf Selbstversorgung umgestiegen: Etwas Vinho verde mit Ziegenkäse und Iberoschinken, Madeira als Digestiv, das Brot krümelt sehr, wir müssen das Trinkgeld für die Zimmermädchen erhöhen. Dann haben wir Poncha entdeckt. Erst dachte ich: Hochprozentigen Zuckerrohrschnaps, das muss ich nicht haben. Dann roch ich den frischen Orangensaft, in dem er kredenzt wurde und es war geschehen. In der kleinen Kreuzfahrerzeltmeile, die an der Hafenstraße zwischen unsere Herberge und die Schiffe geschaltet ist, wird er sehr typisch hergestellt: mit Zitronenschalen, Honig und süßen Säften. Nach zwei Ponchas kann man froh sein, wenn man nicht mit Engländern zu tanzen anfängt und den Weg zum Bett zurückfindet.

Die drei deutschen Konzernschiffe sind nacheinander mit lautem Tuten abgedampft. Gekommen sind ein Costaschiff, eine kanarische Fähre und die Queen Mary. Die deutschen Meereshochhäuser zierten noch gigantische rote Rettungsboote. Die etwas älteren Neuankömmlinge haben sie gut versteckt, denn man sinkt ja bekanntlich nicht mehr, sondern legt sich artig auf die Seite. Habe ich schon gesagt, dass der Film „Titanic“ mir gut gefallen hat? Einer meiner tragischen Helden im realen Leben ist Commodore Schettino, aber er hat bei dem Versuch, seine Costa Cordalis zu versenken, schmählich versagt. Bereits die Römer haben in den Punischen Kriegen 100.000 Mann verloren, als sie sich im Herbst zu nah an Sizilien heranwagten, um die karthagisch gesinnten Städte zu beeindrucken. Karthagische Admiräle wurden nach verlorenen Schlachten gekreuzigt. Und das Meer singt sein ewiges Lied: „We all sit on the broid soid of loif“.

Tunneltouren
Zu unserer scheinbar unabänderlichen Metamorphose zu Pauschaltouristen gehört, dass wir uns kein Auto mehr mieten, sondern eine kleine geführte Bustour unternehmen. Wir werden vom Hotel abgeholt und kurven durch das gebirgige Zentrum nach Norden, wo wir vor dem windig-nebligen Regenwetter in Lavahöhlen flüchten, die ein paar Millionen Jahre alt sind. Auch die dreidimensionale Kinoreise zum Mittelpunkt der Erde lassen wir über uns ergehen, nur die Kirche von Sao Vicente opfern wir einem heißen Galao – ein Milchkaffee, der im hohen Glas serviert wird. Nach einer kurzen Tour entlang der wellenwogenden Nordküste kehren wir zurück in die Altstadt von Funchal, froh, dass wir nicht im unwirtlichen Norden gebucht haben.

Unsere Reiseleiterin hat die vielen Tunnel genutzt, um uns einige Interna der Insel zu erläutern. In der deutschen Onlinezeitung von Madeira erfahre ich, dass auch Angela Merkel anlässlich ihres Urlaubs die vielen Straßenbaumaßnahmen aufgefallen sind, die mit EU-Mitteln durchgeführt worden sind. Angeblich sind seit 2000 allein 25 Millionen Euro verbraucht worden, um zwei portugiesische ADACs mit der Überwachung der Autobahnen zu beschäftigen. Der hiesige Inselpräsident will sich 2016 nach 40 Jahren ein weiteres Mal wählen lassen. Ein Schelm, der sich dabei nichts denkt.

Keine Ambitionen
Wir haben jetzt keine touristischen Ambitionen mehr. Wir wollen bei Sonnenaufgang aufwachen, einen milchigen Löskaffee im Bett schlürfen und aufs Meer schauen. Nach dem Rührei auf der Atlantikterrasse legen wir uns wieder hin. Es ist ein wenig kühler geworden, und ab und an nieseln dunkle Wolken, oft bei Sonnenschein. Schließlich spazieren wir wieder ins Dorf. Am Sonntag besteigen wir ein paar Gassen nördlich der Altstadt von Funchal. Es ist  d o c h  Wirtschaftskrise!

Was wir in den belebten Geschäftstagen übersehen haben: Viele der schönen alten gemauerten Stadthäuser mit ihren dunklen Fensterläden und welligen Ziegeldächern stehen leer und drohen zu verfallen. Bei manchen ist sogar das Dach durchgebrochen. Dazwischen sieht man immer wieder mittelgroße Betonsilos, deren Ladenebene geschlossen ist, ob wegen Sonntag oder Pleite, ist nicht zu erkennen. Hat man nach der Nelkenrevolution und dem EU-Anschluss in den siebziger bis neunziger Jahren nur noch in moderne Appartmenthäuser investiert, und ist der Kahlschlag durch die Finanzkrise gestoppt worden?

Die Insel lebt ausschließlich vom Tourismus. Die Leute erwarten das Fremdartige (was sie zuhause natürlich ablehnen). Ist es da nicht Wahnsinn, typische madeirische Bauten abzureissen und durch gesichtslose Wohnwaben zu ersetzen? Im Westen der Stadt, gleich hinter unserer Herberge, beginnt zudem ein riesiges Hotelviertel, völlig abgelöst von irgend etwas Authentischem. Warum fördert man nicht die Restaurierung der Altstadt und Hotelpensionen als Kleingewerbe? Irgendwas ist faul im Staate Madeira.

Keine Peilung
Wir setzen unseren Spaziergang in den nördlichen Gassen fort. Ich habe ja mein Google-Maps-Handy am Mann. „Manchmal sieht man auf einem Stadtplan mehr“, sagt Axel. Die von mir ausgemachten Fußgängerzonen entpuppen sich jedenfalls als Straßentunnel. Nach einem Tosta mista mit Galao und Vinho verde wollen wir unseren Rückweg über die nördlichen Hügel ausführen, um nicht immer wieder an der Kreuzfahrtmole entlangzuschlendern, wo hochprozentige Ponchas drohen.

Mein Handy zeigt an, dass, wenn wir nur mal durch diesen klitzekleinen Autotunnel gehen, wir nicht über den Berg müssen und gleich wieder am Hotel sind. Nach ein paar hundert Metern durch das dunkle Loch wird mir klar, dass es den vom GPS angezeigten Ausgang nicht gibt, oder höchstens über uns durch den Fels hindurch. Wir kommen schließlich nach fast einem Kilometer an einem Kreisverkehr im Westen der Insel heraus. Und von hier gibt es zwei Möglichkeiten: Hoch über die Berge oder durch einen ebenfalls 800 Meter langen Autotunnel runter an die Küste, er endet direkt vor unserem Hotel. Ich habe mich immer gewundert, wo dies dunkle Loch hinführt und wieso es so still auf unserem Balkon ist. Der gesamte Westverkehr wird hier abgeleitet und wir stolzieren mittendrin.

Eigentlich wollten wir noch eine Levada-Wanderung machen. Levadas heißen die traditionellen Kanäle, die in den vergangenen Jahrhunderten die Terrassen-Landwirtschaft bewässerten. Aber statt dessen haben wir eine Tunnelwanderung unternommen. Wir werden der örtlichen Reiseindustrie einen Vorschlag machen: „EU-Bürger sollten die von ihnen geförderten Tunnel kennenlernen“. Eine zweistündige Erkundung von Funchals Unterwelt mit Ponchaverkostung, besonders geeignet bei Regenwetter.

Funchal vs. Funchal
Funchal hat Funchal 3:0 besiegt. Es hat eine Weile gedauert, ehe wir die Mannschaften unterscheiden konnten. CS Nacional, der kleine Club in Abstiegsgefahr, späterer Gewinner, spielt in weißen Hosen, CD Maritimo, die Feineren, in grün. In unserem allerersten Gartenrestaurant in der Rua Carreira sind wir noch einmal eingekehrt, und sie haben sofort den Fernseher für uns angemacht. Man hat nicht viel Auswahl auf Madeira, alle Restaurants bieten das Gleiche. Suppen sind gut. Fisch natürlich. Saftig gegrillte Fleischspieße und mürb gebackene Schnitzel, was will man mehr?

Tore vielleicht, jedenfalls gehen wir, als es zur Halbzeit 0:0 steht. Das Spiel ist nach und nach interessanter geworden, und deswegen schaue ich traurig den Berg hinauf, wo in sechs Kilometer Entfernung die Flutlichter des Estadio da Madeira brennen. Auf der Hauptstraße und in der ganzen Stadt glühen angeblich eine Dreiviertelmillion Birnen, doch der alpine Weihnachtsmarkt hat Gottseidank noch nicht geöffnet. Ein britischer Alleinunterhalter mit Playbackverstärker singt den Crocodile Rock und Candle in the Wind - Lady Di hätte hier vielleicht selber Autofahren lernen sollen, denke ich, als uns der Sprinterbus in der Früh zum Flughafen bringt.

 

Bärlin per Linienbus

 

Worin der geneigte Leser erfährt, dass Steglitz überall sein kann, warum der Orient ein schwarzes Loch ist, dass Viktoria mehr Spaß macht als Herta BSC und wieso der HSV im kommenden Jahr an der Alten Försterei spielt...

 

 

Hitler hat sich nicht schwarz geärgert. Jedenfalls ist er höchstens dunkelrot geworden, als ein Schwarzer 1936 besser war als alle Weißen. Hier im Berliner Olympiastadion, mir gegenüber, vor fast 80 Jahren, hat er gesessen und fassungslos auf die Laufbahn geschaut, als Jesse Owens die 100 und 200 Meter gewonnen hat.

 

Heute morgen bin ich mit dem Linienbus angereist, für 8 Euro. Meine Regierung putzt mit ihrer Freundin die Ostseedatsche, da darf ich Museen besehen. Museen sind eines meiner Hobbies, und allein in den Städten sein ein Zweites. Ich habe mir ein Charlottenburger Bett für 35 Euro gebucht und bin daheim bereits um halb fünf aufgestanden.

 

Der Bus hat Wlan, Außentemperatur-Anzeige und WC. Man kann also bedenkenlos etwas trinken und frühstücken. Nach drei Stunden landet man am Berliner ZOB. In dieser Zeit sinkt die Temperatur von 11 auf 7 Grad. Es wird also nichts mit der Fahrradausleihe.

 

Drei Tage will ich bleiben und neben den Museen auch Neukölln erkunden. Ich entscheide mich für den Samstag, weil da vielleicht etwas los ist. Berlins Museen haben auch montags geöffnet! Doch was will der Mensch in Neukölln?

 

Tote Hose auf der Karl-Marx-Straße

„Neukölln ist überall“ hat sein Bürgermeister geschrieben. Ich habe Heinz Buschkowskys Buch seit einem Jahr am Bett liegen, aber wenn man den Stadtteil nicht kennt, ist es elend langweilig. Mich interessiert das Thema Integration, und ich möchte gern sehen, wie eine eingewanderte muslimische Mehrheit lebt. Aber am Samstagmorgen bei 7 Grad ist auf der Karl-Marx-Straße tote Hose.

 

Zeitgleich prügeln sich in Köln 4.500 Hooligans und Neonazis mit der Polizei. Angeblich demonstrieren sie gegen Salafisten, doch gemeint sind alle Ausländer. In Berlin trauen sie sich das nicht, aber bald. Es sind perfide PR-Strategien, auf beiden Seiten. Die Islamisten begehen schreckliche Verbrechen und dokumentieren sie im Internet, um die NATO in einen Dschihad zu verwickeln. Und die braune Pest legt Feuer, wo sie kann.

 

Was ich in Neukölln sehe, ist nicht, was ich erwartet habe. Entlang der Magistrale, die ich drei Stunden lang bis Kreuzberg abwandere, ist zwar jedes zweite Geschäft türkisch, aber die Bausubstanz typisch berlinerisch, recht weiträumige siebenstöckige Alleen. Das einzig Auffällige sind die Modegeschäfte für die mittelalterlichen Musliminnen. Ich meine, für die Familien mit dem mittelalterlichen Denken. Das ist ja die ganz einfache Erklärung für die islamistische Mode: Viele Menschen aus dem ehemals osmanischen Raum leben mental ein paar hundert Jahre zurück. Der Islam ist eine Religion der Wüstenstämme geblieben, sie ersetzt das eigenständige Denken total, und Muslime beten Herrschaft an. Nach Buschkowskys Thesen sollte der Staat ihnen diesen Dienst leisten...

 

Auswärtssieg

Gegen Mittag checke ich in meiner Pension ein und mache mich auf den Weg zum Olympiastadion. Seit der HSV einen neuen Trainer hat, habe ich wieder etwas Hoffnung, und zufälligerweise steht heute Auswärtssieg bei Hertha BSC auf dem Programm. Fast so viel wie die Übernachtung kostet die Karte im Oberrang.

 

Gestern noch habe ich mit alten Fußballkumpels im Hamburger Hoheluftstadion Viktoria gegen Paloma gesehen, ein 5:0-Oberliga-Sieg für 4 Euro. Bei so viel mehr Geld erwarte ich jetzt aber auch etwas Besonderes. Aber die HSV-Mannschaft ist immer noch traurig, und nach einem Gegentor geradezu panisch. Van der Vaart ist depressiv wegen Sylvie, Westermann, Jansen und Adler müssen auch irgendwelche Pillen schlucken. Jedenfalls hat bisher jeder Spieler, der den freudlosen HSV verlassen hat, ordentlich aufgedreht, wie erleichtert. Die Neuen fügen sich bisher nahtlos in die depressive Grundstimmung ein.

 

Im Fußball geht es darum, den Gegner zu überzeugen, dass Gegenwehr keinen Sinn mehr hat. Der HSV beginnt furios. Der Ball läuft gut, nur vor dem Tor bleibt Hamburg harmlos. Doch nach einer halben Stunde gewinnen die Berliner immer mehr Zweikämpfe. Und gewinnen am Ende 3:0. Bei jedem Tor wird um mich herum abgeklatscht, ich drehe mich beiseite, mir ist nicht nach feiern zumute. Es ist arschkalt, und wieder einmal sage ich mir, dass ich diesen HSV nicht mehr unterstützen will.

 

Nicht nur wegen des Geldes, das ist es gar nicht. Diese Leute sind oft jeden Cent wert, sie sind geniale Artisten, fast alle irgendwo Nationalspieler, und ein charismatischer Teambuilder wie Kloppo kann unvergessliche Jahre herbeizaubern, wenn nur alle dran glauben. Diese kollektive Selbstsuggestion, das Zusammenspiel von Rasen und Tribüne, diese virtuellen Schlachten, überzeugende Siege, das war früher einfach besser. Auch in Dortmund.

 

Byzanz ist ein schwarzes Loch

Nach einem Besuch bei einem Bekannten in Spandau und einem tollen Jamie-Oliver-Kartoffelauflauf falle ich totmüde ins Bett. Winterzeitumstellung. Sonntagsfrühstück mit harten Eiern. Heute also endlich das Bodemuseum. Berlins Museumsinsel kenne ich nur halb: Pergamonaltar, Gemäldegalerie, Griechisch-Römische Antike. Nofretete ist noch nicht dran. Mich interessiert jetzt vor allem byzantinische Kunst und die Renaissance.

 

Byzanz ist das schwarze Loch in der europäischen Geschichtswahrnehmung. Weil dem Papst nicht unterworfen, haben es die Gymnasien und die historischen Fakultäten bis heute nicht auf dem Zettel. Das Christlich-orthodoxe Ostreich bestand aber ebenso lange wie das Römische, 1000 Jahre! Das Osmanische Reich, sein Nachfolger, interessiert hier schon einmal gar keinen mehr. Nicht, weil es nur 500 Jahre andauerte, sondern weil sich Europa für was Besseres hält. Es ist eine historische Parallele seit Cicero: Im Orient hausen Barbaren, von da kommen nur dummes Zeug und süßes Gebäck. Ja, wenn Galatasaray die Champions League dominieren würde!

 

Die byzantinische Abteilung (1000 Jahre!) umfasst jedoch nur drei kümmerliche Säle, und außer ein paar eindrucksvollen, superschönen Renaissanceskulpturen ist die Hälfte des Bodemuseums mal wieder geschlossen. Im Florenz um 1500 scherten sich die feinen Damen Stirnglatzen wie das naseweise Fräulein Strozzi, von hinten grinst verschmitzt und feist ihr Bankiersvater, wie lebend in Marmor. Bösartige Päpste sind zu sehen und undurchsichtige Madonnen. Also rufe ich einen Steglitzer Bekannten an und signalisiere mein Kommen.

 

Steglitz ist überall

Mit Google Maps auf dem Telefon kann man nicht nur navigieren, man kann sich auch städtischen Nahverkehr anzeigen lassen. Die gesuchte Stephanstraße zeigt es mir im Zentrum. Fast angekommen, ich warte nur am Hauptbahnhof auf den letzten Bus, google ich vorsichtshalber noch einmal nach Steglitz, und siehe, das liegt ganz woanders. Also noch einmal zurück zur Friedrichstraße und neuer Versuch mit der S-Bahn. Navigation klappt nur gut, wenn man mitdenkt.

 

Am Abend zurückgekehrt, will ich eigentlich noch im Kino einen Film über drei Alt-68er sehen, die als 68-Jährige erneut an der Uni studieren und entsetzt sind über die leistungsbereite Jugend. Doch ich bleibe in meinem Charlottenburger Pensionsbett an einer Heiner-Müller-Biografie hängen. Er hat sie nicht selber geschrieben, sondern verschiedenen Interviewern erzählt, deswegen kommt es immer wieder zu offenen Bewertungen seiner Zeitgenossen wie Brecht, Becher, Kant, Hermlin, Seghers und der ganzen ostdeutschen Theaterregisseurs-Generation, die seit den Siebzigern das westdeutsche Theater dominierte.

 

Dramatisch wird das Buch dadurch, dass Müller eigentlich zugibt, dass es ihm und allen Beteiligten nur um ihren persönlichen Erfolg ging, und dass sie dafür alles taten, was die SED-Diktatur von ihnen verlangte. Diese „Kulturpolitik“ wirkte so in die bundesdeutsche Öffentlichkeit hinein und rieb sich freigeistig an den bundesdeutschen Konzerninteressen. Der Erfolg liegt auf der Hand: ich gehe schon lange nicht mehr ins Theater.

 

Real existierende Erschütterung

Dafür war ich am Montag endlich im Jüdischen Museum von Daniel Libeskind. Sein Gebäude in Form eines gigantischen Zickzackpfeils soll einen zerbrochenen Davidsstern symbolisieren. Sehr gut besucht, internationales Publikum, lange Schlange am Eingang auch am Montagmorgen. Das Museum ist ein Kracher, mit aller Respektlosigkeit bemerkt. Der direkte Weg aufwärts führt zur Geschichte des Judentums in Deutschland und wird von den zwei Abwegen Exil und Holocaust gekreuzt. Wenige, aber prägnante Ausstellungsstücke erschüttern. Dies ist kein Kinodrama, dies ist die Realität.

 

Als ich einmal vor Jahrzehnten in Hamburg nach jüdischem Theater recherchierte, stellte ich nicht nur entsetzt fest, dass die jüdische Gemeinde versteckt und bewacht war, ich erinnerte mich auch, dass ich noch nie einem deutschen Juden begegnet war. Ich möchte gern einmal nach Israel reisen. Es ist tragisch, was dort passiert. Die Vertreibung der Palästinenser ist ein Unrecht. Aber sie geschah zu einer Zeit, als an vielen Brennpunkten der Welt gerade Millionen Menschen vertrieben und ermordet wurden. Wer, wenn nicht die Juden, war hieran weniger Schuld? Die Diskussion ist eröffnet.

 

Auf der Suche nach einer Mahlzeit steige ich schließlich in irgendeinen Bus. Ein Doppeldecker stand bereit, ich verließ mich wie immer auf mein Glück. Und tatsächlich, im Sonnenschein bei mittlerweiler wieder sommerlichen Temperaturen werde ich durchs neue Berlin Mitte kutschiert und gelange schließlich an den Kudamm, wo ich einen typisch Berliner „Krosse-Ente-mit-sieben-Gemüsen“-Mittagstisch mit Grünem Tee einnehme. Im Linienbus nach Hamburg schließlich beende ich diese Geschichte, pünktlich um acht bin ich daheim. Es gibt eigentlich nur noch eins, was ich einmal gern in Bärlin unternehmen möchte: Mit dem Fahrrad durch Neukölln, wenn die Türken wieder in den Parks grillen.

 

Lurche auf Terracotta

In den italienischen Marken

Worin der geneigte Leser n i c h t  erfährt, wie man mit dem Anhänger steile Feldwege hochklettert, was man vor der Bar Centrale von San Ginesio nach 19 Uhr erlebt, warum in unserem Ferienhaus täglich alle Maschinen gelaufen sind und wie Mattheo Renzi Italien vorm Niedergang rettet

Die Italiener haben grandiose Dinge erfunden, sie haben aber auch viel Mist gebaut. Carpaccio und Catenaccio zum Beispiel. Oder Tomaten mit Mozzarella und die Unisex-Klos in der Bar Centrale. Während in Deutschland jahrzehntelang Frauen kein Handwerk erlernen durften, weil die Betriebe keine Damentoiletten einbauen wollten, gibt es hier seit Urzeiten Aborte, auf denen sich Männlein und Weiblein gemeinsam erleichtern. In der Bar zwischen Kirche und Theater von San Ginesio ist die Unisex-Toilette sogar behindertengerecht. Mit extralangen Griffen, um sich vom Rollstuhl aufs WC zu hieven: direkt auf das sitzlos nackte, weiße, vollgekleckerte Becken, denn alles muss hier hocken. Aber wahrscheinlich hilft den Eingeschränkten die gesamte Famiglia, und ich verstehe es nur nicht richtig. Ich habe auch noch nie begriffen, wozu ein Bidet gut sein soll. So eines wie in unserem Ferienhaus in den Marken, dass wir seit ein paar Tagen bewohnen.

Aber Schluss mit dem unappetitlichen Thema. Gegen Catenaccio hilft Götzes göttliche Brustabnahme nach Vorlage vom heiligen Andreas. Carpaccio und Caprese helfen gegen Regendepression. Jedenfalls regnet es hier seit Tagen. Wir sind Anfang September rund 1.650 km aus Hamburg angereist, nur um auf dem Telefon die Nachricht zu lesen: In Hamburg werden es zum Wochenende 27 Grad, und die Freibäder erwarten Andrang. Unser Pool dagegen wird Nacht um Nacht eisekälter, auch wenn Bine ihn jeden Morgen durch Schwimmen anwärmt.

10.000 Hügel hinter der Adria
Die Marken sind eine verschlafene Hügellandschaft an der Adriaküste Mittelitaliens, zwischen Umbrien und Abbruzzen, zwischen Ancona und Assisi. Unser Haus ist ein altes Gehöft mit drei kleinen Stockwerken. Unten die Küche und das Wohnzimmer, nach Bauernart gegen die Mittelmeerhitze mit wenig Fensterlicht. Im zweiten Geschoss die beiden Doppelzimmer mit ihren Bidet-Duschbädern, im Obergeschoss unter den Dachbalken ein niedriges, aber apartes drittes Doppelzimmer mit Badewanne neben dem Bidet. Unten ein viertes Bad für die Poolschwimmer und die durch Wein- und Bierkonsum Eingeschränkten, alle vier Klos mit sauberen Sitzen, Gottseidank. Und die Heizung im Haus funktioniert!

„Marken“? Die kennt wohl kaum einer. Irgendwelche markigen Grafengeschlechter hatten sie im Mittelalter zu Lehen, und seitdem hat sich nicht viel verändert. Auf Hügeln von 300 bis 600 Metern Höhe thronen unzählige graubraune Bergdörfer zwischen Sonnenblumenfeldern, umgepflügten Äckern, Weinstöcken und Olivenhainen. Achim hat die offenbar abseitige Adresse des Ferienhauses nicht ins Navigationsgerät eingeben können (wir sind mit Sybille, ihm und Käthe unterwegs – Käthe ist jener Dackel, der unterwegs niemals kotzt). Aber er hatte eine Kopie des Google Maps-Satellitenfotos mitgenommen, und nach der stürzten wir uns hinter San Ginesio in den Abgrund.

Es ging auf einem lehmigen Feldweg gefühlte 25 Prozent nach unten, doch wir waren sicher, dass wir richtig sind, schließlich verlief jede Kurve so wie auf dem Foto, wenn auch eher vertikal. Verfahren wäre dumm gewesen, denn wir haben einen Anhänger mit Achims BMW-Motorrad und Bines Vespa dran. Doch am Ende der Welt zwischen Berg und Tal erwartete uns das Vermieterehepaar mit ihrer englischsprechenden Tochter. Da schien noch die Sonne, und auch am darauf folgenden Sonntag.

Mümmeltage bei 13 Grad
Schnell haben wir unseren gewohnten Ablauf gefunden, den wir Viereinhalb bereits in der Provence, in Istrien und der Bretagne eingeübt haben: Punkt 8 Uhr steht das Frühstück bereit, danach wird im Pool geschwommen (ich glaube wirklich, er hat mittlerweile 13 Grad). Bine meint, sie würde Wasser sparen, indem sie welches aus dem Pool schöpft, um es auf dem Gasherd zu erwärmen. Doch Achim erklärt ihr, dass sie den Vorgang bei 10 Meter Schwimmbadlänge wohl tausendmal wiederholen muss, ehe ein Effekt spürbar wird. Alle meinen indessen, sie hätten gelesen, der Pool sei beheizbar, aber das war ein Phantom, so sagen die von Sybille herbeigerufenen Vermieter. Immerhin hinterlassen sie warme Decken.

So legen wir uns gemütlich eingemummelt unter dem Terrassendach auf die Liegestühle und lesen. Dann backt und kocht jemand, dann wird gegessen (nichts besonderes – italienisch halt), dann wird geschlafen. Die ersten Regentage nutzen wir für Autotouren, während die Mopeds auf dem Hänger bleiben. Es ist schon eine gewaltige Gurkerei von Hügel zu Hügel, bis man eine der hochverehrten Renaissancestädte erreicht, wegen deren Italien zu Recht so geschätzt wird. Immer wieder kommt man durch wehrhafte Bergdörfer.

Es sind diese graubraun aufgetürmten Ziegelhäuserhaufen, in denen man sich zu Recht eine andere, originell urtümliche Menschenart vorstellt, „La Mamma“ und „Il Nonno“ mit ihren Bambini und Ragazzi, familiär katholisch gesinnt, dem weltlichen Genuss und der nachhaltigen Lebensart ergeben, am Aussterben. Die Marken sind überaltert. In Ascoli Piceno komme ich an einem Plakat vorbei, das von 25 Prozent Über-65-Jährigen berichtet. Tausend Jahre lang haben sich die großen markischen Familien befehdet, haben sich die Dörfer und Städte zu Verteidigungszwecken in die Höhe geschraubt. Seit wenigen Jahrzehnten nun erweist sich die Abgelegenheit als Handelshemmnis und Pendlerproblem.

La Rocca de vendesi
Urbisaglia ist so ein demographisches Phänomen. Rund um das gassenenge Haufendorf auf der Bergspitze hat sich der Mittelstand außerhalb der Stadttore modernere Wohnbauten mit Autostellplatz errichtet, im Zentrum wohnen nur noch ein paar Omas. Der Ort war bereits vor 2000 Jahren römische Colonia Urbs Savia. Ihr gut erhaltenes Amphitheater hat ein Sohn der Stadt von der sagenhaften Beute finanziert, die er als Consul und Heerführer bei der Eroberung der jüdischen Festung Masada einheimste. Durch eine enge Pforte, eine kleine, dunkle Grotte, wurden die verletzten und toten Gladiatoren aus der Arena geschleppt (bei globalen Meisterschaften in Gallien soll einst ein Germane namens Andreus Brehmius nur mit seinem rechten Fuß einer ganzen Catenaccio-Mannschaft den Todesstoß versetzt haben).

Am westlichen Stadttor von Urbisaglia stehen wir plötzlich verwundert vor einer mächtigen Festung. Vielleicht doppelt so groß wie das Amphitheater, aber mindestens zehnmal so hoch. Die Nachbarstadt Tolentino hat „La Rocca“ zu Anfang des 16. Jahrhunderts errichten lassen, um den Landstrich zu verteidigen - und um die Bürger von Urbisaglia zu beherrschen. An einem Sonntagnachmittag Anfang September sind wir die einzigen Besucher dieses grandiosen Bauwerks. Es würde nicht wundern, wenn an der Burg ebenso wie an vielen Gassenhäusern Urbisaglias ein Schild „Vendesi“ hängen täte.

Lurche auf Terracottafliesen
Endlich kommt Leichtigkeit rein in unsere Ferien. Nach einer Woche Regenschauer scheint seit Sonntag die Sonne. Der Pool erwärmt sich so schnell, dass es dampft. Die wärmenden Steppdecken dienen als Unterlage auf den Liegen. Buffalo Springfield auf den Ohren, Rosso Piceno mit zehn Stück Eis in der Hand und der Blick auf markige Hügel lassen das dräuende siebte Jahrzehnt vergessen. Den Ameisen und Lurchen bei ihrer Wanderung auf Terracottafliesen zuschauen und an die Hippiejahre denken, als das Leben genauso einfach erschien wie es jetzt gerade ist. Bei wem kann man sich eigentlich mal bedanken für diesen längsten europäischen Frieden seit Menschengedenken? Niemand da? Hallo!

Nein, Giottos Fresken vom Leben und Sterben des heiligen Franziskus in Assisi lassen mich nicht kalt. Aber nicht spirituell, sondern prinzipiell. Wie der neue Papst da im Schrottauto aufkreuzte und Eingeschränkte herzte, das war einfach stark. So wollen wir unsere Fürsten sehen. Aber man muss sie ja nicht gleich anbeten. In jeder Kirche finden sich ihre Knochen, hinter Glas sieht man die faltigen Hände vor Jahrhunderten verstorbener Heiliger. Das ist für mich das Gleiche wie das Tragen von Götzentrikots.

Rasende Rolande
Ich werde aus den Italienern nicht schlau, aber wir sprechen ja auch keinen, der es einem erklären kann. Vom Kleinen auf das Große schließen ist ein wenig wahnsinnig, aber ich mag es halt. Nehmen wir mal wieder das Verhalten im Straßenverkehr. Ich versteh langsam nicht mehr, warum sich hier fast jeder Autofahrer zwei Meter hinter einen setzt, um zu demonstrieren, dass es eine Frechheit sei, sich an die Geschwindigkeitsregeln zu halten. Dabei gibt es auf der Strecke zwischen Macerata und San Ginesio ohne Übertreibung 23 orangerote Radarautomaten. Woher soll ich denn wissen, welcher davon ausgeschaltet ist! Zudem bin ich rotblind und schaue gern in die rotgrünbraune Landschaft, übersehe eben auch mal ein Ortsschild. 20 km/h Überschreitung kosten 140 Euro. Wieso verordnet sich ein Volk, das sich am liebsten totfahren würde, solche strammen Regularien?

Der Regen ist zurück und wir verlassen unser Landhaus zur Markenbesichtigung. Macerata, Tolentino, Gignoli, Sarnano, Camerino, Ascoli Piceno, Fermo und Jesi werden angefahren. Manchmal gut 4-5 Stunden Rumgurkerei pro Tag auf ziemlich schlechten Landstraßen. Unser Rhythmus führt dazu, dass wir immer erst ankommen, wenn die Städte sich zur Mittagsruhe rüsten und noch verlassener wirken.

Es ist ein neuartiges touristisches Erlebnis: Keiner erwartet einen. Niemand will etwas von uns. Keine Seele will unser Geld. Wenn sich ein mürrischer Barkeeper um unsere Espressi und Cappucini bemüht hat, kassiert er lächerliche Summen. Oder er stellt den Prosecco schlürfenden Mädels kommentarlos Haufen leckerer Küchlein oder Schalen mit Kartoffelchips auf den Tisch. Dorfläden haben grundsätzlich nur kleine, versteckte Schilder, vermutlich aus Denkmalschutzgründen. Dagegen werden die Hauptstraßen in den Tälern mit Werbeplakaten vollgestellt. Häufiger allerdings sieht man amputierte Plakatständer.

Nein, die Marken sind keine Boomtown area. Die Menschen, die wir erleben, stehen palavernd rum, sie überholen wild oder pinkeln in der Bar daneben. Aber gegen sieben Uhr kehren sie zurück in ihre Orte. Dann ist Rush hour auf den Ringstraßen der Festungsstädte. Wir erleben das immer nur auf der Rückkehr zu unserem Pampa-Landhaus, was sich danach auf den Marktplätzen abspielt, bleibt uns verborgen.

Verarmter Adel
Bis wir nach Urbino fahren. Weltkulturerbe. Nationalgalerie der Marken im herzöglichen Palast. Geburtsort von Raffael. Zweieinhalb Stunden Anfahrt über die Adria-Autobahn. Wir sind mittlerweile zu sechst, weil Bines Schwester Gaby und Schwager Heinz für eine Woche aus dem Rheinland herbeigekommen sind. Drei Doppelzimmer im Hotel Piero della Francesca sind gebucht. Zum Mittag sitzen wir in der Trattoria und teilen Antipasti und Primi und Secundi Piatti. Dann wird das Dorf rauf und runter erkundet. Nicht viel anders als die unbekannteren Orte, aber sehr kompakt mit quirlig studentischem Abendleben. Wenig Touristen um diese Zeit Mitte September.

An dem Palazzo Ducale fällt uns auf, dass zur Piazza, also zur Seite, wo die Bürger den Herzog bewundern, eine reine Ziegelsteinfassade vorherrscht. Noch dazu voller Löcher in rhythmischem Abstand. Heinz bekommt die Auskunft, dass dort die Baugerüste verankert wurden. Häh? Haben wir die pragmatische Renaissance entdeckt? Später im Reiseführer lesen wir: Das ganze Gedöns hätte mit Marmor verkleidet werden sollen, die Zeit aber hat nicht gereicht, denn nach einem Jahrhundert war Urbino weg vom Schuss. Florenz, Venedig, Genua und Madrid machten die Mark, und die Fugger finanzierten keine Loser.

In den Marken ist die Zeit stehen geblieben. Der Tourismus fließt nach Umbrien und in die Toskana. Cinqueterre oder Amalfitana dulden natürlich auch keinen Vergleich zur Adriaküste. Doch die Buchten des Monte Conero bei Ancona wären bei gutem Wetter eine nette Badegelegenheit gewesen. Ansonsten bekommt man das Fürchten. Hunderte Kilometer Schirme und Liegen. Alle leer. Hier müsste man im August sein und italienisch parlieren. Amore!

Heim und reich
Die Moppeds stehen wieder auf dem Hänger. Ich bin einen Tag mit der Vespa gefahren. Die Scheibe hatte ich zum Transport entfernt, um den Luftwiderstand zu verringern. Ein Scheibenhalter ist während der Anreise verloren gegangen. Dann ist sie im Stehen umgekippt und der Bremshebel gebrochen. Kein Beinbruch. Achim und Sybille haben ihren Spaß mit der BMW gehabt. Viel langsamer sind wir mit dem Hänger auch nicht gewesen. Nur dass glücklicherweise der steile und vom Regen völlig zerriffelte Feldweg auch vom Berg hinab zur Talstraße führte. Denn hinauf hätten wir nicht wieder geschafft.

So, jetzt aber zum letzten Mal Konzentration auf das satellitengestützte Vorabendprogramm von ARD und ZDF. Dafür haben wir schließlich in Hamburg keine Zeit. Man bekommt nebenbei wertvolle Anregungen für fantastische Medikamente. Es ist wieder wie in den Sechziger Jahren bei Kulenkampff und Ohnsorgtheater. Denn zumindest bei der Tagesschau sitzen noch alle beisammen. Morgen ab 5 Uhr fressen wir wieder Autobahnkilometer. Und wir freuen uns drauf. Ihr wisst ja nicht, was wir alles zum Picknicken dabei hatten!

Abenteuer, Alter!
Motorradtour ans Mittelmeer

Worin der geneigte Leser erfährt, wie zwei v-förmig aufgestellte Zylinderköpfe und eine Dose Gulasch um die Alpen cruisen, wieso auch eine hohe Wassersäule nicht vor blauen Flecken schützt, welche mauretanischen Dunkelmänner man nachts in südfranzösischen Gassen trifft, und welche Vinothek wir in Hamburg eröffnen würden, wenn wir halb so jung wären...

Der Murmeltiertag ist zu Ende. Ich rufe den Peter vom Berg. „Die Strecke ist wieder frei, wir können fahren!“ Heute morgen beim Frühstück im Alpenhof hatte die Wirtin uns den Menüzettel für den Abend hingelegt und kurz und knapp gesagt: „Sie müssen bleiben. Ein Erdrutsch hat den Ausgang aus dem Suldental versperrt.“ Wir kreuzten ohne Widerspruch gegrilltes Lamm mit überbackenen Auberginen an und Peter war losgewandert, während ich mir artgerecht noch eine arte-Doku über Fairtrade angeschaut hatte. Als ich schließlich zum Lift gehen wollte, um Peter auf dem Langenstein zu treffen, waren mir Wanderer an der Bushaltestelle aufgefallen, und ich hatte in der Information nachgefragt, ob es Neues zum Erdrutsch gäbe. „Ja, um 10.30 Uhr wird eine Spur freigeräumt, Sie können fahren.“ Also hatte ich Peter angerufen und er kam sofort von halber Höhe zurückgeeilt.

Bereits gestern, am zweiten Tag unser Motorradtour von München ans Mittelmeer, waren wir gezwungen gewesen, im Suldental zu bleiben, denn es hatte Bindfäden geregnet, den ganzen Tag lang. Zuvor waren wir wiedermal mit dem Autozug aus Altona angereist, wie wir es immer machen. Über Garmisch ging's bei gutem Wetter zum Reschenpass. Kurz vor dem Stilfser Joch waren wir ins Tiroler Suldental eingebogen und im Alpenhof eingecheckt.

Spazieren – studieren - saunieren
Wären wir sechs Tage unterwegs wie früher, hätten wir uns blass geärgert, am dritten Tag wären wir vor Wut geplatzt. Da wir heuer aber zwei Wochen Zeit haben, waren wir sogar über den Zwangsaufenthalt in der komfortablen Unterkunft im schönen Sulden mit ihrer formidablen Halbpension-Küche hocherfreut gewesen. Mit Schirm bewaffnet waren wir zum Reinhold-Messner-Museum spaziert, hatten die BILD-Zeitung im Julius-Payer-Hotelcafè studiert und mit Blick auf den Ortler im Keller des Alpenhofs sauniert.

Unser Ziel ist die südfranzösische Provence. Von dort wollen wir die Riviera entlang bis Genua und dann über den Ligurischen Appenin zurück zum Brenner. Am dritten Tag, nachdem wir die unterspülte Stelle passiert hatten, schrauben wir uns das Stilfser Joch hoch. Es ist der fahrerisch wohl anspruchsvollste Pass der Alpen, und ich meine mit dem Peter fast alle großen Pässe gefahren zu haben. Die Spitzkehren sind ungeheuer eng und der Pass ist stark befahren. Wenn man das schwer beladene Motorrad in der Rechtskurve nicht eng am Straßenrand hält, kann einem leicht ein überbreites Fahrzeug oder ein überängstlicher Fahranfänger den Weg abschneiden. Wenn man dann selber Angst bekommt und in der Kurve bremst, kippt man schnell um.

Ich hatte Angst vorm Stilfser Joch, aber Peters Honda Africa Twin macht ihre Sache ganz gut. Eigentlich hatte ich dem Motorradfahren abgeschworen, hatte meine Reise-BMW verkauft und meine Motorradkleidung beim Fahrradfahren im Winter weitergebraucht. Nur für die teure Rucca-Allwetterkombi gibt es keinen zivilen Nutzen. So habe ich nicht lange gezögert, als Peter mir sein Zweitmotorrad für eine neue Tour – unsere Sechste - angeboten hatte.

„Twin“ bedeutet zwei Zylinder, die in diesem Fall v-förmig in Fahrtrichtung angeordnet sind, was  ein recht gutes Drehmoment in unteren Drehzahlen ergibt, welches wiederum in engen Kurven vorteilhaft ist, wenn man sich mal verschaltet. Außerdem erlaubt es einen leichten Antrieb und ein leichteres Fahrwerk. Dazu hat die Africa Twin noch einen großes Vorderrad, mit dem man im Gelände besser spuren kann. In den Serpentinen bedeutet das aber auch, dass man fast jede Spur fahren kann, man muss nur genügend abkippen, dann fährt sie jeden Radius, gewünscht oder unerwünscht.

Ich finde das nicht so angenehm wie bei der BMW GS, die mit ihren perfekt abgestimmten stählernen Massen fast wie ein Auto konstruiert ist und sich auch so fährt. Jedenfalls hatte ich mich daran gewöhnt, dass dieses Motorrad seinen Weg fast ganz allein findet. Die BMW hat aufgrund ihres großen Boxermotors (zwei Zylinder „boxen“ gegeneinander) eine gute Motorbremse, das ist bergab sehr bequem. Und schließlich bremst die BMW mit kombinierter Fuß- und Handbremse, ein Finger genügt, man kann sich nicht verbremsen, dafür sorgt das ABS. Die Honda muss man nur mal mit Hand oder Fuß zu übereilt stoppen, dann liegt man schnell flach, weil, wenn eines der Räder einmal zum Stillstand gekommen ist, fehlen seine Kreiselkräfte (Physik, 8. Klasse). Die Africa Twin ist ein legendärer Oldtimer für die Weltumrundung, schon weil man alles reparieren könnte, bei der BMW müsste die Werkstadt in Dakar passen, weil sie den mechatronischen Fehlerspeicher nicht auslesen kann.

Durch die Schweiz der Sonne wegen
Gleich hinter dem Stilfser Joch landet ein Rettungshubschrauber. Im Straßengraben liegt ein Motorrad, das offenbar beim Überholen verunglückt ist. Noch gefährlicher sind die Stürze der Rennradfahrer, die zu tausenden die Pässe hochschleichen und wieder herunterrasen. Die Polizei hat gut zu tun, die Alpen sind dicht. Die Retter haben auch im Winter keine Schonzeit, dann sind die Skifahrer dran. Es muss sehr erfüllend sein, so viel Gutes tun zu können.

Hinter dem Stilfser Joch biegen wir in die Freihandelszone Livigno. Die Strecke ist eigentlich nicht als Motorradstrecke verzeichnet, deswegen ist man hier mehr allein und kann die sattgrünen Almen genießen. Außerdem gibt es zollfreies Benzin, halb so teuer wie in der Schweiz. Schon wegen der Preise wollen wir zurück nach Italien, man kann die Schweiz kaum bezahlen, außerdem muss man elendige Franken eintauschen. Als wir am Ende des dritten Tages hinter dem Malojapass in Chiavenna eintreffen, zeigt das Thermometer überraschende 26 Grad. Der Plan, in der historischen Altstadt eine Pension zu suchen, wird geändert zur ersten Übernachtung auf dem Campingplatz.

Peter hat sein antarktisches Everest-Zelt mitgebracht, ich habe meine uralte Tramper-Ausstattung mit, mit der ich vor 35 Jahren in Amerika unterwegs war. Nur die Biker-Luftmatratze ist neueren Datums. Sie bläst sich zwar selbst auf und hat eine eingebaute Isoliermatte, nur leider verteilt sich die Luft zum Kopf und zu den Füßen. Der Rest meines veralteten, o-förmigen Fahrgestells liegt auf dem harten Boden. Irgendwann habe ich blaue Flecken an beiden Hüften. Hätte man das nicht ahnen können?

Auf unser Schwedentour hatte Peter vier Dosen Texaseintopf dabei, damals fuhr er die Honda, und die hat große Alukoffer, die kaum anders zu füllen sind. Ich habe erst einmal nur eine Gulaschdose und asiatische Instant-Nudelsuppe mit, die ultraleicht und hochtoxisch ist. Sie kostet nur 50 Cent und schmeckt ausgezeichnet, all die Schwermetalle, das Pflanzenschutzmittel und das Asbest, oder was die Chinesen sonst noch in ihren Lebensmitteln haben, wirken belebend und sättigend. Aber ich eile voraus. Mein blauer Campingkocher ist vor allem für Löscafé oder Teebeutel gut. Ich habe aber auch eine Pfanne mit für Eier mit Speck oder Wiener Schnitzel, es wird sich zeigen, ob Peter einknickt. Seine Lieblingsmahlzeit sind nämlich Landjäger mit Landbrot. Doch heute abend ist unser letzter Tag in Italien, also Pizzatag.

Wir diskutieren unter Einfluss von Wein und Bier, zu viel für eine ruhige Zeltnacht, zu wenig, um die Wahrheit herauszufinden. Ich habe Peter gezeigt, dass die konturiert zu erkennenden Alpenhänge und der strahlend blaue Berghimmel einen Wetterumschwung bedeuten. Er sieht das als Beleg meiner negativen Polung. Und so freue ich mich über den heftigen Regen, der in der Nacht auf das Zelt prasselt, welches dank Peters positiver Polung eine enorme Wassersäulenbelastbarkeit besitzt. Und auch am folgenden vierten Tag beweist unsere Polung, dass unser absolut wasserdichtes Motorradbekleidungsmaterial allem Regen trotzt.

Wenn wir irgendwo einchecken, gleich ob Pension oder Campingplatz, erfragen wir einen Wlan-Schlüssel, so dass wir unsere Bilder live und direkt per Smartphone an die Frauen, Verwandten, Bekannten und den einen Freund schicken können, der nie dabei ist, weil er vernünftigerweise kein Motorradinteresse hat und der auch aus Prinzip diese Zeilen nicht liest. Dem WhatsApp kann er aber nicht entgehen, schon gar nicht, wenn wir ihm per Audiodatei schallendes Gelächter zusenden. Wir hoffen, dass auch die Geheimdienste, die Marketingabteilungen der Konzerne und die russischen Internetdiebe es hören.

Richtung Route des Grandes Alpes
Wir wählen den langen, hochalpinen Weg in das Schweizer Vorderrheintal und das Rhonetal, weil am Comer See und am Lago Maggiore Regen vermeldet wird, in den Schweizer Südalpen dagegen Sonne. Das erweist sich prinzipiell als gute Wahl, denn tagsüber herrscht klares, kühles, sonnenreiches Wetter, ideal zum Motorradfahren. Nur mit den Nächten haben wir etwas Pech, denn kaum haben wir die Augen im Zelt geschlossen, fängt es an zu regnen.

Besonders übel ergeht es uns im Klosterort Disentis, wo auch die Campingübernachtung nicht unter 40 Euro zu haben ist. Sparsam, wie wir sind, kochen wir die oben erwähnte Nudelsuppe zum Landbrot und setzen uns, als der Regen einsetzt, zu den Goldwäschern in den Fernsehraum. Am nächsten Morgen müssen wir überraschend feststellen, dass das hochdekorierte Everest-Zelt undicht ist. Im strömenden Regen packen wir unsere klammen Schlafsäcke ein und reiten in den Sonnenaufgang, der nicht lange auf sich warten lässt.

Am Mont Blanc knicken wir nach Süden ab und befahren von nun an die „Route des Grandes Alpes“. Peter kennt einen idyllischen Campingplatz im Tal von Orsières, leider, wie ich feststellen muss, 1.700 Meter hoch gelegen. Aber ich habe mir endlich ein dickes Kotelett und eine Dose Gemüse erstanden und will es auch gut sein lassen. So schnell, wie ich beides im Kochtopf fertigmache (erst das Braten in Butter, alle mitgebrachten Gewürze drauf, dann die Erbsen und Karotten darüber), kann Peter seine Landjägerwurst gar nicht auspacken. Ich hegte von nun an die Hoffnung, meine gute Campingküche wiederholen zu können, doch es sollte anders kommen.

Als ich in nächtlicher Kälte in den Schlafsack steige, muss ich feststellen, dass er noch durch und durch feucht ist. Bis um drei Uhr morgens dauert das Rockfestival in Fully, dessen Amateurbands im wahrsten Sinne dumpf rüberkommen. Stundenlang wälze ich mich von einer blaufleckigen Hüfte auf die andere, inzwischen ist mein Daunenschlafsack durch meine eigene Körpertemperatur erwärmt und getrocknet, und ein paar schlaflose Stunden höre ich ein Buch über die Französische Revolution – wozu so ein Smartphone nicht alles gut ist!

Dann bricht ein neuer Morgen an, der Himmel ist blau wie eine Haubitze (ich weiß, es heißt „voll“, aber ich fühle mich so), und der Campingplatz und unsere Motorräder sind mit weißem Rauhreif bedeckt. Immerhin verschwindet der Frost binnen einer Stunde, nachdem die Sonne aufgegangen ist, und wir müssen uns beeilen zu packen, bevor es zu heiß wird (und das habe ich vor 30 Jahren toll gefunden? Ja, ich finde es bereits nach einer Stunde on the road wieder super).

Anschaffungen planen und zielgerichtet durchführen
Nach dem Col d' Iseran (2.764 m) kommen vor allem der Col de Galibier (2.642 m) und ganz am Ende der Col de la Bonette (2.802 m), der höchste befahrbare Pass Europas, ehe es nach fast 1.500 km wieder runter geht nach Menton am Mittelmeer. Aber noch sind wir nicht da, es sind zwei Übernachtungen in Bressons bei Lanslebourg und am Col Saint Martin fällig, ehe wir in Sospel einen Ruhetag einlegen.

In Bressons finden wir ein „Gite de France“, eine günstige Herberge mit phantastischem Essen. Dort diskutieren wir bei Rotwein und sahnigem Hähnchencrozet die Anschaffung einer zweiten Luftmatratze. Gesagt, getan, in Briancon kennt Peter einen Outdoorladen. Er kauft eine zweite Isoliermatte, ich entscheide mich für ein fettes in China verklebtes Luftbett, welches mit Blasebalg 28 Euro kostet, wohl die Hälfte einer einzigen Übernachtung im Hotel.

Und so suchen wir zwischen Col de la Bonette und Col Saint Martin einen Campingplatz, der einfach nicht kommen will: Entweder belegt (in Frankreich sind Ferien) oder geschlossen. Irgendwann ist es auch zu spät zum Einkaufen, doch finden wir nach 20 Uhr einen kleinen Zeltplatz (ich hätte da noch eine Dose Nudeln mit Gulasch...). Schnell ist die neue Luftmatratze aufgeblasen, schnell sind wir in der örtlichen Pizzeria eingekehrt (die „Mozzarella“ sei die beste, sagt die Kellnerin, die nach Art des Hauses meint Peter. Am Ende sind sie kaum zu schaffen, und beide superlecker, auch wenn ich so gern ein Steak mit Gemüse gebraten hätte...).

Nein, die chinesische Luftmatratze hat gehalten. Nein, die erste halbe Nacht habe ich im Limoncello-Rausch gut geschlafen. Doch ja, den Rest wälze ich mich wach, weil wieder einmal prasselnder Gewitterregen auf unser undichtes Zelt trommelt (hört sich an wie: trommelndes Prasseln). Immerhin, ich liege weich und wohlig warm und bleibe trocken, doch am nächsten Morgen ist uns beiden klar, das dies die letzte gemeinsame Nacht im Zelt war.

Alter schützt vor Chaos nicht
Es ist eben einfach unfassbar, was man alles auf eine Motorradreise mitnehmen kann, und es ist schwierig, das Zahnputzzeug, den Schlafanzug, die Kopfhörer oder die frische Unterwäsche für den nächsten Tag griffbereit zusammen mit der lebenswichtig trocken zu haltenden Motorradbekleidung im Zelt im Auge zu halten, ohne eine heillose Unordnung anzurichten, die sich auch beim Aufwachen im Sonnenschein nicht von selbst auflöst. Jedenfalls zeigen sich bei uns Zweien eindeutig unterschiedliche Temperamente, welche man in Peters Fall vielleicht mit „geringer Chaostoleranz“ bezeichnen kann, in meinem Fall vielleicht mit beginnender Demenz („Wo ist meine Brille?“). Und nächtliche Krämpfe wegen der verkrampften Reiterei sind bei Regen und Nachtfrost kein Vergnügen, ich sag euch...

Ein Ruhetag muss her, denn wir haben ordentlich Strecke gemacht. Bisher sind wir so langsam voran gekommen, dass es sich nicht ergeben hat. Im Bergdörfchen Sospel, eine halbe Stunde vor dem Mittelmeer und der italienischen Riviera-Grenze, wollen wir Bergfest feiern. So kann Peter zum Baden nach Menton fahren und ich meine müden Knochen auf der Terrasse des Designer-B+B „Les Iris“ ausstrecken und ein Schläfchen einlegen, wann ich will (auch wenn Peter niemals etwas dagegen hatte, wenn ich mich täglich auf halber Strecke zum Aufladen meiner Akkus ins Gras legte). Es war nicht leicht zu finden und ist auch nicht billig, aber auch deswegen ein guter Griff, weil so jeder auf seine Kosten kommt. Und wann hätte ich dies alles schreiben sollen?

Nachts auf dem Hohlweg
Sospel ist ein Stiefkind. Im Mittelalter Brückenort für den Salzhandel, heute eine halbe Stunde von Menton entfernt zu unspektakulär für Touristen und zu wenig alpin. Einfach ein verschlafenes Nest. Was es damit auf sich hat, erfahren wir um Mitternacht auf dem dunklen Hohlweg vom Markt zu unserer Unterkunft am Berg.

Ich habe immer ein blödes Gefühl, wenn wir zwei stark untersetzten Männer nachts einem Fremden begegnen, auch wenn er einen Hund dabei hat. Damit er sich nicht bedroht fühlt, frage ich ihn, was er für einen Hund hat. Wir kommen ins Gespräch, weil er deutsch spricht. Er lebt irgendwie als Konsul in Mauretanien (ich lese zufälligerweise gerade die Geschichte der arabischen Völker) und macht seit 50 Jahren Ferien in Sospel bei seiner Familie. Wir diskutieren über den Arabischen Herbst, über Berlin, wo er gelebt hat und schließlich über Sospel. Er meint, der Ort wäre ideal für Pendler, die am Mittelmeer arbeiten und sich die teuren Mieten nicht leisten können. Ansonsten gibt es kaum Gewerbe.

Beim Frühstück erzählt uns ein Paar aus Avignon, die natürlich auch in Berlin gelebt haben und 1973 „vor den Berufsverboten geflohen sind“, dass Frankreich vor einer erneuten Revolution steht (ich studiere zufälligerweise gerade die Französische Revolution). Wir sind uns einig, dass Deutschland mit seinem Wettbewerbsdruck französische Industrien abzieht. Ich sage nicht, dass Rentenalter, Arbeitszeiten und Qualität rauf und die Löhne runter müssen, um sich die Jobs zurückzuholen, ich weiß ja, was dann passiert. Ich finde ja auch, dass es so nicht weitergeht. Aber erst Marie le Pen und danach der Bürgerkrieg?

Ein anderes, jüngeres Paar ist da anders drauf. Forsch mit Porsche angereist, die dreijährige Victoire auf dem Rücksitz, sind sie aus Paris auf dem Weg zu ihrem neuen Wohnsitz Monaco. Sie wirken bedrückt, er vielleicht, weil er weiß, dass der Porsche zu klein wird, sie wahrscheinlich, weil er nicht wie ein verantwortungsbewusster Vater aussieht. Croupier?

Schutzlos im Stadtstau
Nach dem Ruhetag kommt die Mittelmeerküste. Das kann toll werden, das kann aber auch furchtbar sein. Bereits in Ventimiglia stehen wir im Stadtstau. Also alle Schutzklamotten auf die Gepäckrolle draufgeschnallt und halbnackt wieder aufgesessen. Und dann zeige ich Peter, wie man es mit der Vespa macht: Einfach links überholen, und wenn der Bus kommt, schnell wieder einfädeln. Das kennen die Italiener, da hupt keiner und jeder macht Platz.

So sind wir schnell aus der bruttig heißen Stadt heraus und genießen die herrliche Aussicht aufs Mittelmeer (ich höre zufälligerweise gerade die Geschichte des Seekriegs zwischen dem Osmanischen Reich und Venedig). Wenn die Muslime nicht das Spiel bei Lepanto verloren hätten (und wenn Wien aufgegeben hätte) würden wir vielleicht heute von einer Mekkareise statt einer Motorradtour und vom Dschihad gegen die Dänen träumen, einmal im Jahr einen Monat fasten und fünfmal am Tag beten. Die USA würde es leider trotzdem geben, doch wir alle hätten Einreiseverbot. Quatsch mit Soße, wir müssen weiter!

Selbst nach einem Bad merken wir, dass es zu anstrengend wird, und dass sich die Strecke nach Genua zu sehr zieht. Wir einigen uns schnell auf ein teures Badehotel, ehe wir einen Hitzschlag bekommen. Zufälligerweise sind wir in Leagueglia abgestiegen, im Hotel Splendid, da wollten wir eigentlich noch nie hin. Doch das ist ein Fehler. Der kleine Rivieraort brodelt vor Touristen, von unserem Hotelbalkon sehen wir das Mittelmeer und ein Platzkonzert mit Roberto Vecchioni. Nein, ich habe auch noch nie von ihm gehört, doch er muss etwas zu sagen haben, denn er wird vorher interviewt, und er sagt so oft „Calzone“, dass ich glaube, er wirbt für Pizza. „Canzone“ sagt Peter.

Leagueglia ist ziemlich ausgebucht, erfahren wir. Sein Traumstrand ist mit tausenden Liegeduos und Schirmen gespickt. Alle Generationen liegen einträchtig nebeneinander. Viele Afrikaner. Nein, die Welt ist gerecht, die Flüchtlinge müssen Handtaschen, Kokoshäppchen oder Taschentücher feilhalten, sie sind ja keine Europäer. Abends in der Gasse sind wir wieder unter uns. Auffällig: keine amerikanischen Ketten, nur Ristorantes und Pizzerias.

Peter, mein Trüffelschwein, entdeckt einen Gemüseteller. Ich will es nicht glauben, aber Peter will in ein Lokal, nur weil er jemanden mit einem billigen Plastikteller mit Grünzeug gesehen hat. Ich habe nach all den Calzones und Steak/Frites großen Appetit auf etwas Leichtes. Und tatsächlich, die Weinbar bietet ein phantastisches Gemüsebuffet, 2 Euro für sogar zwei Portionen auf jenem Plastikteller, wenn man etwas dazu trinkt. Das kommt ja nun gar nicht in Frage, wir sind komplett gegen Alkohol eingestellt. Peter verliert dann immer die Kontrolle, darauf ich auch. Leider bisher jeden Abend. Also noch ein Versuch, diesmal mit Slow Food.

So etwas funktioniert wohl nur in Italien, wo man immer noch strikt nach Vorspeise, Suppe, Pasta und Hauptgang trennt. Sie kommen so auch auf keinen grünen Zweig, verbrauchen viel zu viel Zeit. Wir Deutschen haben gleich alles auf einem Teller, und dann geht’s Zackzack: Essen wie ein Blitzkrieg. Deswegen kommt hier wohl keiner auf den Gedanken, sich am Biobuffet sattzuessen, man geht danach wahrscheinlich weiter. Aber nach menschlichem Ermessen ist die Vinothek mit einem solchen Preis für dies grandiose Essen im nächsten Jahr pleite.

Armer Ritter
Roberto Vecchioni verklingt in lauschiger Riviera-Nacht, zahllose Biere tun das Ihrige für einen sanften mediterranen Motorraderholungsschlaf. Wir sind angekommen. Am folgenden Tag nehmen wir nach einem Morgenbad die Autobahn nach Genua, fahren dort ab und überqueren die ligurische Apennin Richtung Gardasee. Zu gern wäre ich einmal das italienische Mittelgebirge bis Sizilien abgefahren, aber das wird in diesem Leben nix mehr.

Ich bin nach diesen zehn Tagen Reiterei so erschöpft, dass ich im Hotel in Piacenza mit hohem Fieber und Schüttelfrost kollabiere. Peter ist eine liebevolle Krankenschwester, schneidet mir Obst, besorgt mir Tee, deckt mich bei 26 bzw. 39 Grad mit der Wolldecke zu. Gottseidank kein Doppelbett mit ungeteilter Decke! Am nächsten Morgen ist es überstanden. Es ist Samstag, noch 550 km vor uns, am Montagabend muss ich am Autozug in München sein. Also schaut sich Peter im Dorf um, während ich mich weiter erhole.

Unsere Wege trennen sich, denn Peter trifft sich mit unserem dritten Freund, dessen Namen ich hier unterschlage, weil er dies sowieso nicht lesen will, am Königsee zur erneuten Besteigung des Watzmann. So gedrängt ist meine Urlaubsplanung nicht, ich breche erst am kommenden Freitag mit Bine und zwei Freunden in die italienischen Marken auf. Das wird eine andere Geschichte, und die will ich nicht gefährden, deshalb reite ich den Rest der Reise auf der Autobahn runter. Auf der Hälfte der Strecke vor Bozen buche ich ein Hotel, wie man's halt heute im Internet bucht. Peter kurvt zu neuen Taten um die Sella Ronda und über den Großglockner nach Berchtesgaden, während ich es mir bei 90 Sachen geradeaus gemütlich mache. Spät, aber nicht zu spät, kommt mir der Gedanke: Warum nicht gleich die Autobahn? Ist doch viel einfacher! Gleich nächste Woche werde ihn in die Tat umsetzen.

Kretische Diät

 
Worin der geneigte Leser erfährt, wie man mit dem Handy in der Hand Vespa fährt, warum Bauten nach oben offen sind und wie man Griechenland unkorrekt unterstützt.

Evangelis erzählt davon, wie er Schnecken zum Kotzen bringt. Nach Mitternacht steht er auf, aber nur, wenn es frisch geregnet hat, und nur, wenn es nicht gewittert, und kratzt die Schnecken zu Hunderten von der Hausmauer. Dann übergießt er sie mit Salzwasser und legt sich wieder hin. Morgens haben sich die Schnecken übergeben und sind küchenfertig.

Ich würde mich vielleicht auch übergeben, wenn ich Schnecken essen sollte. Aber alles im Leben ist Übungssache. So auch unsere Kreta-Diät, die wir hier seit Tagen wiederholt haben. Erst ein paar gefüllte Weinblätter. Dann Tomaten-, Gurken- und Zwiebelsalat mit Schafskäse. Dazu Zaziki, Brot mit Olivenöl, ja, auch ein paar Tellerchen mit Calamares, Frikadellen und Souvlaki. Mal etwas Lamm, mal etwas Leber. Viel Retsina, abschließend Raki. Nun, Nachtisch: Hefebällchen in Honig, kandierte Früchte mit Yoghurt, Eis mit Schokofäden und Zuckergelee. Griechischer Mokka. Danach legen wir uns wieder hin.

Kreter, die auf Ziegen starren
Evangelis hat eine alte Schmiede in seinem Heimatdorf Agios Georgios in den Bergen von Rethymnon zu einer Villa mit Dachgarten ausgebaut. Von der Terrasse hat man einen herrlichen Rundumblick, erst auf das 40-Seelendorf, dann auf die Ziegen- und Olivenberge, dann auf das Ägäische Meer. An guten Tagen bis Istanbul, sagt Gabi, seine deutsche Frau. „Und die Krim?“ frage ich, und die Diskussion ist eröffnet.

Wir sind zu Kaffee und Kuchen bei Axel und Elkes Freunden Gabi und Evangelis von der Aachener Griechisch-Deutschen Gesellschaft. Axel hat beruflich viel auf Kreta zu tun und kennt alles, vom Durchmesser venezianischer Wasserleitungen bis zu den griechischen Weinsorten bei Lidl. 70 Kilometer östlich von Rethymnon haben wir unsere Ferienwohnung an den Amoudara-Badestränden von Iraklion. Yannis' Apartments bewohnen wir mit einem dritten Aachener Paar, Marga und Wolfgang.

Bei herrlichem Maiwetter sind wir auf der nationalen Küstenstraße bis Rethymnon gefahren und haben in der Altstadt Quartier für eine Nacht bezogen. Unsere Kreta-Diät nahmen wir abends zu acht in der gemütlichen Taverne von Agios Georgios ein. Wo wir auch hinkommen, sind wir oft die einzigen Gäste, weil es Frühling ist und wir eben nicht in den Touristenzentren speisen. Um so herzlicher ist die Bewirtung. Das Gemüse und die Kräuter stammen aus dem Garten, der Käse ist selbst gefertigt, der Wein vom Nachbarn gekeltert, das Lamm hat sein kleines glückliches Leben lang kretisches Berggrün gemümmelt.

Evangelis ist ein alter Kreter, weiße Haare, weißer Bart, schwarze Kleidung. Sein Auto ist die verbeulteste Kiste, die ich je gesehen habe, ein mindestens 25 Jahre alter Opel mit Aachener Kennzeichen. Das imponiert mir, er könnte sich auch etwas Neues leisten. Am nächsten Morgen fliegen Evangelis und Gabi nach Düsseldorf. Zurück kommen sie mit einer modernen Toyota-Hybridlimousine, dann wird der Opel wohl weiter gereicht.

Der kretische Verkehr erscheint mir ausgesprochen ruhig: Es wird wenig gehupt, alles fließt gemächlich und ziemlich verkehrsregelfrei dahin. Rollerfahrer ohne Helm simsen an ihrem Handy, während sie mit der anderen Hand zwischen den Autos hindurchjonglieren. In den kleinen Gassen der Dörfer und auf den Serpentinen der Bergstraßen kann es eng werden. Und erst die Feldwege zu den Zitronenplantagen. Da bleiben viele Rückspiegel auf der Strecke. Anarchie ist machbar, Herr Nachbar.

Tomaten statt Discos
Griechische Wirtschaft, was hat man nicht darüber gelesen. Im Badeort Amoudara sieht man exemplarisch den Stillstand: Viele unfertige Betonskelette, geschlossene Strandbars. Aber es ist ja auch noch Anfang Mai, der Wind ist kühl, während die Sonne bereits kräftig brennt. In allen Städten, durch die wir kommen, herrscht reges Leben. Märkte quellen vor Waren über. Die Ausfallstraßen von Iraklion haben viele edle Schaufenster. Im Zentrum selber sieht man wenig leerstehende Geschäfte.

Aber jedes unbebaute Stück Land wird für Pflanzungen gebraucht: Auf dem Weg zum Strand wechseln sich Betonskelette, leere Bars und kleine schlauchbewässerte lehmige Äcker mit Tomaten, Salat, mediterranen Kräutern, Artischocken und anderem ab. Offenbar ist man nie ganz von der Selbstversorgung abgegangen, und das sieht und schmeckt man. Das Gemüse der Laiki-Märkte ist doppelt so groß und ein Viertel so teuer wie bei uns. Der Weg zurück in die „Pfeil- und Bogengesellschaft“, die der Linde-Chef Reitzle befürchtet, wenn die Konzerne ihren Willen nicht bekommen, funktioniert hier mit dem Handy am Ohr.

Die Griechen haben's halt drauf: Die öffentlichen Müllcontainer werden durch von der EU geförderte Recyclingtonnen ergänzt, aber niemand kümmert sich darum. Einmal sind alle Boxen mit ganzen ungeschredderten Bäumchen gefüllt. Ein anderes Beispiel sind die Infoterminals in den minoischen Grabungsstätten: Edles Design, wettertauglich im Freien, doch seit Jahren außer Betrieb. Das wurde von der EU zu 80 Prozent bezahlt, die restlichen 20 Prozent schießt angeblich der Staat durch Verzicht auf die Mehrwertsteuer hinzu. Danach kümmert sich niemand mehr darum, auch die elektronischen Einlass-Sperren in Knossos sind längst außer Funktion. Die Hälfte der Windräder auf dem Weg über die Berge von der Nord- zur Südküste stehen still. Axel meint, sie wären staatlich, und da keine Einzelperson davon profitiert, würden sie nicht gewartet. Auf dem Rückweg drehen sich plötzlich alle Windmühlen. Sind die etwa privatisiert worden?

Es herrschen eine Menge Gerüchte über die Gründe der griechischen Krise. Vielleicht stimmt das nicht, was ich geschrieben habe. Vielleicht sind die die tieferen Ursachen die Ruhe und Gelassenheit und die Anspruchslosigkeit der Griechen, gepaart mit Fleiß und Stolz auf ihre Geschichte. Unsere Apartmenthaus-Wirte Yannis und Niki sind leuchtende Beispiele dafür. Den nimmermüde an seinen Weinstöcken und seinen Tomaten arbeitenden Yannis hat vor kurzer Zeit eine Lungenoperation ein paar gute weitere Jahre gebracht, aber Niki musste ordentlich Fakelaki zahlen, bis die medizinische Versorgung klappte. Angeblich kostet eine Operation nur wenige Euro, und den Rest muss sich der Arzt anderweitig hinzuverdienen.

Minotaurus
Die Ruinen von Knossos, Gorthyn und Phaistos sind nun abgehakt. Im vor einer Woche nach acht Jahren Renovierung wiedereröffneten Archäologischen Museum von Iraklion wird Minoische Geschichte lebendig. Seit 5500 Jahren gab es bereits Hochkulturen auf Kreta. Um 1450 v.C. ging die minoische Palastzeit zueende. Mykener und Römer kamen, dann Sarazenen, Venezianer, Osmanen, schließlich die Deutschen, Gottseidank ohne Erfolg.

Es muss bei den Minoern genauso ausgesehen haben, wie das Bild, das sich uns vom Hügel des Phaistos-Palastes bietet: Die fruchtbare Mesaraebene und Hügel voller Wein und Oliven, jeder Meter landwirtschaftlich genutzt. Man denke sich die Betonskelette mit ihren in den Himmel ragenden Stahlgeflechten und die Autowracks weg, und schon befindet man sich im minoischen Kreta. Volk versammelt sich auf der Agora, um mit Versprechungen zufriedengestellt zu werden. Priester sagen die Zukunft voraus: „Haltet euch fest, es wird ungemütlich, falls Ihr nicht dem Willen der Götter folgt“. Kommt es zu Kindstod, Dürre oder Erdbeben, sagen sie nur: „Siehste!“

„Denkste!“ sagt sich der heutige Grieche und wurstelt weiter. In unserer Strand-Vorstadt Amoudara steht ein großer Teil aller Bauten als Skelett in der Landschaft. Zumindest die oberen Stockwerke bleiben leer für den erwarteten Nachwuchs oder die Omma. Das war aber bereits vor 40 Jahren so, als ich das letzte Mal auf Kreta war. Damals sind wir noch zu viert im Cadettillac über Jugoslawiens Küstenstraße und Autoput gefahren. Auf dem Hinweg war ein Papst gestorben, auf dem Rückweg der nächste. 58 Stunden Piräus-Hamburg nonstop. Wir waren jung und hatten kein Geld. Es hieß, die Griechen zahlen so lange keine Steuern, wie die Häuser nicht fertig sind. Das Gesetz wurde zwar geändert, aber dann kam 2008 der Crash und die Große Depression.

Doch trotzdem ist kein Vergleich zu damals. Es ist unendlich viel sauberer und ordentlicher als 1972. Amoudara ist halt ein Vorort der Hauptstadt Iraklion mit ihren 130.000 Einwohnern, und welcher Nichtpauschaltourist bleibt schon hier, nur wenige Kilometer von einem Schwerölkraftwerk. Die Konkurrenz der wesentlich hübscheren Altstädte von Rethymnon, Chania, Chora Sfakion oder Agios Nicolaos wiegt schwer. Beim Baden am Flughafenstrand sahen wir alle drei Minuten einen flüsterleisen Ferienflieger einschweben, Mitte Mai! Wer will schon noch an die afrikanische Mittelmeerküste? Griechenland ist günstig: 30 Euro zahlen wir für unser Apartment. Ein Liter Wein kostet im Ausschank 3 Euro. Ein Kilo Tomaten 50 Cent. In der Taverna werden wir nie mehr als 10 bis 15 Euro pro Person los, und am Ende gibt es Raki und Nachtisch, bis wir theoretisch unter dem Tisch liegen. Dazu zeigt der Grieche eine so gut geschauspielerte Herzlichkeit, dass man sich fast als alten Freund empfindet.

Mit der Vespazu den Kettenhunden
Einen Tag lang habe ich mir eine Vespa gemietet. Ich bin mit Helm gefahren und habe mein Handy schön in der Hose gelassen. Erst bin ich durch das Hauptstadttor in die alte Byzantinerfestung Iraklion eingerollt. Leider gibt es keine Altstadt mehr, die wurde in vielen Kriegen zerstört. In Hamburg fahre ich gern am Stau vorbei, aber hier ist es mir zu anstrengend, ständig zu gucken, wer mich alles rechts und links überholt. Außerdem kann man sich so ein wenig umgucken.

Meine erste Station ist das Historische Museum Kretas. Historie ist nicht Archäologie! Sagen jedenfalls die Historiker. Archäologen sind so etwas wie Tatort-Kommissare mit Schaufel und Pinsel. Gleichzeitig Anklage, Verteidigung und Richter verurteilen sie die Funde dazu, eine Geschichte zu erzählen, wohlgemerkt eine Erzählung nach Indizien, einen Bildungsroman, oft eine tolldreiste Posse. So entstehen Mythen wie das minoische Matriarchat. Arthur Evans hat vor 100 Jahren Teile des Palastes von Knossos willkürlich mit Beton restauriert, Freskenfragmente eigenwillig weitergepinselt und fantastisch wilde Verbindungen zu Göttersagen aufgestellt.

Aber das Historische Museum Iraklion macht es nicht viel besser: Denn die Historiker erfinden Geschichte aus einem nur noch von Spezialisten überschaubaren (F)aktenwust, ihr Ordnungsmodell ist die zum Zeitpunkt des Aufschreibens herrschende Ideologie. Das Zerschießen des Osmanischen Reichs durch die Christenmächte, das zum Ersten Weltkrieg führte, gilt hier als Befreiung.

Nach so viel anstrengendem Nachdenken richte ich das kleine Vorderrad der Vespa in die Berge. Nach einer halben Stunde tun mir die Ohren weh, denn mein Helm ist nur eine kleine Dachpfanne. Also suche ich nach einer Abkürzung zurück zur Küste. Griechische Landkarten scheinen ebenso frei erfunden wie der Staatshaushalt zum Eurobeitritt.

Dies hier am Ende einer Ortschaft muss der Feldweg zum Meer sein, beschließe ich, und gehe volles Risiko, denn der Tank ist nur noch viertelvoll. Eine weitere halbe Stunde rolle ich im Fußgängertempo über Geröll, denn bei jedem größeren Stein geht die Vorderradgabel auf Block. Der Weg über den Pass wird von zwei Kettenhunden bewacht, die mich keiner Aufmerksamkeit Wert achten. Am Ende der Piste wieder zwei Kettenhunde. Aha, sie sollen die Ziegen und Schafe am Ausbüchsen hindern, deswegen die schläfrige Ruhe bei meiner Wenigkeit. Ich habe mich wieder einmal nicht geirrt und komme bald in Drosia heraus, das auf der Landkarte fehlt, und wo wir vor einer Woche wunderbar gegrillte Lämmlein und den Rest der kretischen Diät gegessen haben.

Den Rest der Tage verbringen wir am und im Meer, denn es ist windstill geworden und die Luft hat sich erwärmt. Ich stehe mit den Füßen in der Ägäis und betrachte das Wasser. Es hat Minos nach Ägypten getragen, Agamemnon nach Troja, venezianische Handelsschiffe nach Alexandria, englische Panzerkreuzer zur Krim, deutsche Bundesmarine kreuzt vor Israel und viele Flüchtlinge aus Libyen landen hier nachts, so sie denn nicht ersaufen. Das Wasser ist erstaunlich klar.

Ich bin mit Bine eine Wette eingegangen, dass es weniger Salz enthält als der Atlantik. Der Einsatz war wie immer Schokolade, und ich habe verloren. Es hätte schlimmer kommen können: Ginge es um das Verspeisen einer Portion griechischer Mauerschnecken, würde mir jetzt langsam übel. Ja, sonst erzähle ich mehr vom Essen, allein, immer das Gleiche zu schreiben würde ja langweilig. Doch ich habe mir vorgenommen, häufiger Zaziki und Schafskäse im Kühlschrank bereit zu halten. Und Raki...

P.S.
Achtet auf die griechischen Promotionwochen bei Lidl. Da verkaufen sie direkt vom Erzeuger en bloc, was sie aus Griechenland mit Tausenden Lkw über den Balkan und die Alpen verfrachtet haben. Scheiß auf die Ökologie, helft der griechischen Wirtschaft durch kretische Diät!

 

Ewiger Sommer

Pauschal auf Teneriffa

 

Worin der geneigte Leser erfährt, welche Rolle die Zahl Drei in einem richtig guten Urlaub hat, warum es im Nebelwald klötert und welche Stadt feurige Augen hat...

 

„Wir sind für eine Woche weg!“ schreibe ich über mein Handy an Freunde. Dazu habe ich ein Foto von uns vor dem Check In gemacht. „Du musst dich auch ständig anderen mitteilen!“ kritisiert Bine, während wir in der Sicherheitsschlange des Hamburger Flughafens stehen. „Nein“, widerspreche ich, „mein Leben ist Kommunikationsforschung, und diese verrückte Vernetzung aller Individuen wird die Welt verändern. Ich weiß nur noch nicht wie!“

 

Eine Sekunde später bekomme ich eine WhatsApp-Antwort von Hilke. „Bin auch gerade auf dem Weg zum Flughafen“. Sie will über Frankfurt nach Macau, wir nur bis Teneriffa. „Wir warten auf dich am Gate C15“, schreibe ich. Eine Viertelstunde später sitzen wir drei zusammen beim Kaffee. Ja, das sind moderne Zeiten!

 

Gerade habe ich wieder einmal gelesen, dass es die Reformation ohne den Buchdruck nicht gegeben hätte. Luther wäre verbrannt worden, und keiner hätte etwas mitgekriegt. Nun bin ich bereits seit zwanzig Jahren im Internet. Ich habe noch nicht begriffen, wo das hinführen soll, aber ich will's eben wissen. Deswegen mache ich mit bei Facebook oder WhatsApp.

 

Nun sitzen wir bereits im Ferienflieger, und Brötchenduft steigt auf in der proppevollen Boeing 757-300. Sonne scheint auf meinen Laptop, während wir Paris überfliegen. Warum Teneriffa? Eigentlich hatte ich nach vier Besuchen bereits die Schnauze voll davon. Wenn man nur sechs Wochen Jahresurlaub hat, will man auch einmal etwas anderes sehen.

 

Komischerweise denke ich jetzt anders. Wie ein Rentner. Nordafrika wäre schön aufregend gewesen, aber das Wetter ist im Dezember nicht mehr so doll. Türkei? Zu viel Beton, und auch dort kann es jetzt dauerregnen. Man darf nicht vergessen, dass man rund um das Mittelmeer nirgends eine gemütliche Fußbodenheizung findet (außer in römischen Ruinen). Ja, daran sollte man im Wintersommerurlaub denken! Zypern hatten wir diskutiert. Aber nach einer ganztägigen Anreise über Istanbul oder Athen wären wir am frühen Morgen angekommen, und der Rückflug wäre um 2 Uhr nachts gestartet. Will man das in unserem Alter?

 

Stattdessen herrscht auf den Kanaren, die geografisch auf der Höhe Westafrikas liegen, ewiger Sommer. Fünf Stunden Flug, dann ist man da. Deswegen auch die zehn Rollstühle an Bord. Na ja, eine klitzekleine Stunde Bustransfer rund um die Insel bis nach Puerto de la Cruz kommt hinzu.

 

Alle guten Dinge sind drei

Um 7 Uhr sind wir in die Langenfelder S-Bahn gestiegen, um 9.30 Uhr war Abflug. Um 11 Uhr gibt’s Condor-Frühstück. „Ein zweites Brötchen vielleicht?“ „Leider nein!“ Um 15 Uhr halten wir mit knurrendem Magen unsere Koffer in den Händen.

 

Von wegen ewiger Sommer: Draußen regnet es aus Kübeln. Der Bus muss eine halbe Stunde auf zwei Nachzügler warten. Dann geht es los – aber nur bis zur nächsten Tankstelle. Der Scheibenwischermotor ist kaputt. Wir warten eine halbe Stunde auf einen Ersatzbus. Immerhin kann ich Nüsse, Schokolade und Wasser kaufen. Und wir sind enorm guter Laune.

 

Nachdem der Busfahrer alle Koffer umgeladen hat, geht es weiter. Doch nach zwanzig Minuten hält der Bus erneut, diesmal auf dem Randstreifen der dicht befahrenen Autobahn nach Santa Cruz. Die Bremsen! Erneut müssen wir eine Dreiviertelstunde auf ein drittes Fahrzeug warten. Der Fahrer ist so verzweifelt, dass er sich nicht mehr in den Bus traut und draußen im strömenden Regen wartet.

 

Als es schließlich gegen 17.30 Uhr weitergeht, stecken wir im Feierabendstau. Gegen 20 Uhr hat der Bus alle seine Gäste an zehn verschiedenen Hotels abgeliefert und uns als letzte vor dem zentralen Hotel Monopol in der Altstadt abgesetzt. Seit vier Stunden haben unsere Freunde Elke und Axel und Marina und Charly auf uns gewartet. Immerhin konnten wir sie telefonisch vertrösten – moderne Zeiten!

 

Jetzt geht’s los zu den Brüdern „Los Gemelos“. Ein volkstümliches Altstadtrestaurant mit frischer Seezunge und Pollo alla plancha, dazu Papas arrugadas, in Meerwasser gekochte Pellkartoffeln mit kanarischen Mojosaucen. Vorspeisen sind Oktopussalat und Gambas in Knoblauchöl. Dazu literweise Vino tinto. Vergessen ist die 13-stündige Anreise, wir sitzen kurz vor Mitternacht halbnackt unter freiem Himmel!

 

Las Canarias

Teneriffa ist die größte von sieben kanarischen Inseln. Sie ist auch die abwechslungsreichste mit ihrem 3.700 Meter hohen Vulkan Teide und zwei bewaldeten Küstengebirgen im Osten und Westen. Es gibt eine große südliche Bettenburgzone, die noch beständigeres Sommerwetter haben soll, aber die ist völlig frei von authentisch kanarischem Leben. Wir buchen deshalb stets im nördlichen Puerto de la Cruz. Doch auch hier gibt es einige mächtig gewaltig hässliche Hotelhochhäuser. Unsere kleine Hotelperle Monopol von 1742 liegt allerdings in der historischen Altstadt: Das haben wir schlau gemacht. Wir haben den Lavafelsenhafen von San Telmo als natürliche Badebucht und die besten Restaurants und Bars um uns herum.

 

Morgens nach drei Spiegeleiern mit iberischem Speck setzen wir uns auf die Plaza vor dem Dom. Dann rauchen wir ein Pfeifchen oder einen kanarischen Cigarrillo, lesen, schreiben und genießen den Sommer. Irgendwann am Vormittag tauchen unsere Freunde Elke und Axel aus dem nebenan gelegenen Hotel Marquesa auf.

 

Am Dienstag haben wir ganz gemächlich nach einem Mietauto gesucht. Die gibt es hier für 20-30 Euro am Tag inklusive Vollversicherung. Um 13 Uhr fanden wir die von Charly empfohlene Agentur. Sie hatte aber gerade die bis 16 Uhr dauernde Siesta begonnen. Also haben wir ein Taxi zum Ausblick Monasterio genommen, dort Marina und Charly getroffen und uns saftigen Spanferkelbraten bestellt.

 

Marina und Charly sind über Winter im Molino Blanco sesshaft, eine Altenwohnanlage oberhalb der Altstadt mit beheiztem Pool, den keiner benutzt. Trotzdem ist ein Zaun drumherum gezogen, denn als die Anlage noch von Alltours vermarktet wurde, musste man mit allem rechnen. Sogar mit ersaufenden Kindern. Tatsächlich ist es auf Teneriffa touristisch etwas ruhiger geworden, doch das merkt man nur am Teide, in Garachico oder beim Cava auf Charlys Balkon im Molino Blanco.

 

Am späten Mittwochmittag bekommen wir endlich unseren VW Polo ins Hotel geliefert. Natürlich schrauben wir uns erst einmal 2.200 Meter zum Teide hoch. Ein kleiner Spaziergang durch die Mondlandschaft rund um das Besucherzentrum von El Portillo, dann ist es schon wieder Zeit zum Essenfassen. In der deutschen Altstadt-Tapasbar „Templo del vino“ schnüffeln wir den ersten Liter heurigen Dispunte zu Serrano, Manchego und Fischkroketten, dann folgt der Hauptgang im Tropical: Pfannfischplatte. Meist setzen wir uns danach noch in den Park vor den Dom und unsere Hotels und vernifteln einen weiteren Rioja blanco zu gesalzenen Mandeln. Rhythmische spanische Weisen verklingen, wenn wir die dünnen Decken über unser müdes Haupt ziehen.

 

Leider Recht

Am Donnerstag wollen wir in der Mascaschlucht spazieren gehen. Das westliche Tenogebirge geht schroff talwärts und bietet einen herrlichen Blick zur Nachbarinsel La Gomera. Eigentlich steigt man drei Stunden bergab und lässt sich vom Schiffchen nach Los Gigantes bringen. Aber doch nicht wir vier Rentner: Nach eine halben Stunde Abstieg kehren wir um und bestellen kühlen Kaktussaft für die durstigen Kehlen. Dann rollen wir nach Garachico an die Nordküste zum Baden.

 

Spanische Bergstraßen haben eigenartige Leitplanken aus gelben Betonblöcken. Wenn man daran vorbeifährt, hört es sich an wie hektische Motoraussetzer. Oder wie ein Achsschaden. Doch der Achsschaden ist auch noch hörbar, wenn gar kein Leitplankenecho mehr möglich wäre. Und das Klötern der Vorderachse hört sich an, als wenn ein Stein in der Felge mitläuft.

 

Das ist natürlich auch das Verdikt der Frauen, nachdem ich angehalten und die klackernde Antriebswelle geschüttelt habe. Denn danach ist wieder Ruhe im Karton. Ist trotz jahrzehntelanger Autoschrauberei meine Hobbydiagnostik im Eimer? Ist es uralte Kastrationsangst? Oder gar negatives Denken?

 

Ich bleibe bei meiner defekten Auffassung, denn ein Stein in der Felge ist technisch unmöglich. Auch auf dem Weg von Costa Rica nach Panama habe ich mit der rutschenden Kupplung leider Recht behalten. Kunststück, wenn man weiß, dass Karola ihren linken Fuß auf dem Pedal zu parken pflegt...

 

Auf dem Rückweg nehmen wir ein paar Ballons Sangria am Naturhafen von Garachico zu uns. Die Küste wird von Lavafelsen geformt, und in einigen Becken kann man herrlich schwimmen, wobei immer wieder frische atlantische Wellen nachströmen. Das Leben ist schön!

 

Nebulöse Geräusche

Am Freitag wollen wir ins östliche Anagagebirge, zu recht auch als Nebelwald bezeichnet. Auf der Autobahn zum Universitätsstädtchen La Laguna ist der Stein in der Felge wieder da. Wenn man bei 100 Sachen das Gefühl bekommt, das Rad fällt gleich ab oder es blockiert, sollte man vielleicht an einen Autotausch denken. Oder an Frauentausch.

 

Negatives Denken ist so wichtig. Axel behält Recht mit seiner Einschätzung, dass aus der für in einer halben Stunde versprochenen Tauschwagen-Anlieferung die dreifache Wartezeit wird, weswegen wir einen ausführlichen Stadtbummel unternehmen. Danach steht ein zweiter Polo auf dem Central-Parkplatz an der Calle La Rimeta. Der Freitagmittag in La Laguna ist eine Entdeckung. Mal keine humpelnden Greise. Teneriferos aller Altersgruppen, echte Spanier mit feurigen Augen flanieren das Wochenende ein.

 

Weiter geht’s mit dem Zweitwagen in den regnerischen Nebelwald. Das Anaga-Gebirge hat zurecht eine wesentlich grünere Vegetation als das Teno-Gebirge, das spüren wir. Zu sehen ist jedenfalls nicht viel. Dafür zu hören. Ein altvertrautes Steinschlag-Geräusch aus dem Vorderrad beweist: der VW Polo hat ein echtes Problem mit den Bergstraßen von Teneriffa. Mehr als 50.000 km halten die Antriebswellen nicht, liest Axel später im Internet.

 

Wir klötern bergab zum Küstenort Taganana, stürzen dort wegen Sturzregens zur Sangria-Einkehr mit Papas arrugadas, Mojo und Queso de cabra. Dann knöttern wir über den Nebelwaldkamm hinüber zur Inselhauptstadt Santa Cruz. Ich wusste das bereits einmal und hatte es doch vergessen: Die Metropole ist nicht so aufregend gemütlich wie andere Orte. Aber freitags um 19 Uhr bei Nieselregen ist vielleicht auch nicht des Spaniers beliebteste Ausgehzeit. Also sprechen wir der Autovermietung unseren Drittwagenwunsch auf Anrufbeantworter, klackern über die Autopista heim und verabreden uns zum späteren Tapasgenuss.

 

Bimssteinambiente

Am Samstag steigen wir endlich um auf ein italienisches Fabrikat: Der Fiat Panda ist erwachsen geworden und dem doppelt so teuren Polo mindestens ebenbürtig. Damit Elke die Canjadas kennenlernt, schrauben wir uns noch einmal hoch zum Teide. Frühmorgens – mitten in der Nacht – noch vor elf Uhr, ist der schneebedeckte Gipfel nur von klitzekleinen Wölkchen umgeben, ansonsten herrscht strahlender, gleißender Sonnenschein, der die farbenreichen vulkanischen Felsen und geronnenen Geröll-Landschaften zum Leuchten bringt. Einige Formationen erinnern tatsächlich an Sybilles Schokomuffins, wie frisch aus dem Backofen. Wir picknicken mitgebrachte Schlemmereien im Bimssteinambiente und rollen weiter zum Café Cortado nach Garachico.

 

Nun sitze ich bereits an unserem letzten Sonntagmorgen am Pool auf unserem Altstadthotel, der ein wenig in den Frühstücksraum leckt. Es ist 2. Advent. „Feliz Navidad“ schallt es von der Plaza. Lange habe ich überlegt, welche drei bemerkenswerten Dinge uns zuguterletzt noch zustoßen werden: Zwei kaputte Busse, zwei kaputte Pkw, was nun? Dann ist es mir wie Schuppen aus den Haaren gefallen: Die drei Spiegeleier!

 

Zuhause wird mir das tägliche Ei von der Regierung verboten, es sei nicht gesund, es sei nicht korrekt, und überhaupt, die armen Hühner! Hier kamen wir an jedem Morgen beim Betreten des Speisesaals an zwanzig fertig gebratenen Spiegeleiern vorbei, da gab es keine zwei Meinungen, dagegen musste angekämpft werden! Und zwei Vollkorntoasts mit iberischem Bacon sehen nur mit drei Eiern drauf richtig lecker aus. Doch eines haben wir in unserem Frühstücksrausch übersehen, heute zum ersten Mal bemerkt: Neben den Eiern stand eine geöffnete Flasche Cava auf Eis im Sektkühler. Wie gut, dass man im Urlaub und im Leben nicht immer alles bekommt!

 

Grönland - Nuuk

 

Worin der geneigte Leser erfährt, wie warm es in Grönland werden kann, wer mir die Zunge rausstreckt und wo ein Wohnblock fehlt...

„Did anyone ever told you, that you look like Steve Jobs?“ fragt mich die Grönländerin im Kulturhus von Nuuk. Da bin ich jetzt hin- und hergerissen. Glatzköpfige und graubärtige Brillenschlangen gibt es ja wie Sand am Meer. Jobs, der erfolgreichste Industrielle der Neuzeit, hat in einer berühmten Rede vor Stanford-Absolventen davon geschwärmt, dass er nie ein Examen geschafft hat. Weil er immer nur gemacht hat, worauf er Lust hatte. Er hat gesagt, dass gefeuert werden gut für einen ist. Und er hat ihnen erzählt, dass er schwer krebskrank war.

Soll ich tatsächlich an der Ampel warten? Oder soll ich in der brennenden Mittagssonne Grönlands Hautkrebs riskieren? Ich habe nur eine wollene Pudelmütze in der Tasche, und mein Arzt hat bereits einmal eine Vorstufe zum Krebs von meiner Stirn gekratzt.

Ampeln in Grönland? Zumindest hier im Zentrum von Nuuk ist ordentlich was los. Zwar ist es keine Rushhour, aber doch ein Rushquarter, wenn morgens um 8 Uhr alle mit der Arbeit anfangen. Und auch danach heizen viele schwere Geländelimousinen durch Grönlands Hauptstadt, hier lebt ein Drittel der 57.000 Grönländer.

Ich bin für ein paar Tage zum Vestnorden Travel Mart angereist. In den ersten Nuller Jahren habe ich Pressereisen nach Grönland geführt, und daher kenne ich den Herausgeber des internationalen Greenland today-Magazins, dessen Onlineausgabe ich übersetzt habe.

Damals bin ich mit dem Küstenschiff vom südlichen Narsaq bis zur Discobucht gefahren. Ich habe in einer Hütte am Equi-Gletscher kampiert und im Fjord einen Tiefseefisch geangelt, der später explodierte. Ich habe mich beim Outdoor-Angeln mit einer Netzkappe beim Fliegenfischen vor einer Million Fliegen geschützt, ohne einen einzigen Lachs zu fangen.

Ich bin über Stock und Stein gewandert und war mit meinem dämlichen Daunenparka in der Sommerhitze schwer gehandicapt. Wir haben Moschusochsen-Steak und grönländischen Wal probiert. Der Tiefseefisch explodierte natürlich, weil seine Luftblase platzte. Und sonst habe ich in Grönland nie wieder Insekten erlebt.

Der grönländische Sommer 2013 war verregnet und kühl, erst mit meiner Ankunft wurde es wieder sonnig und warm. Überhaupt geht es immer umgekehrt wie in Europa zu. Hatten wir arktischen Schneefall, schmolz in Grönland das Eis. Hier freut man sich auf die Klimakatastrophe. Man kann auch wirklich nicht von Lichtmangel sprechen. Im Sommer ist Mitternachtssonne, und im Winter leuchtet der Schnee wie ein Parabolschirm-Kraftwerk. Zugegeben sind die Tage etwas kürzer, manchmal sind sie sogar gar nicht da.

In der Mitte von Nuuk klafft eine große Lücke. Block P ist weg. Abgerissen und die Bewohner umgesiedelt. Wie immer, wenn Grönland seinen Ureinwohnern etwas Gutes tun will. Erst sollten sie nicht mehr ohne Energie und Wasser sein, zum Schluss war ihre Anhäufung im aufstrebenden Zentrum der Hauptstadt ein Problem.

Es ist nur ein Teil der Inuit, die der Anschluss an die Moderne aus der Bahn geworfen hat, aber ihre Leiden sind ebenso groß wie die anderer Naturvölker, die ein Zeitraffer aus der Eiszeit und der Steinzeit in das Industriezeitalter katapultiert hat. Es sieht nicht nur hässlich aus, wenn Wohnblocks verfallen, es hört sich auch nachts nicht so gut an. Grönland ist in einem Prozess der Selbstfindung.

Sie wollen selbstständig sein nach all den kolonialen Jahren. Jahrzehntelang hat Dänemark bestimmt, auch dass die Jäger und Fischer in die Städte umgesiedelt wurden. Dänemark hat nichts dagegen, dass Grönland unabhängig wird, würde aber seine gigantischen Subventionen einstellen, von denen das Land lebt. Das wollen die Grönländer nicht, bei denen bisher nur der Fischfang und der Tourismus profitabel laufen. Sie sind bereits einigermaßen autonom, sind aus der EU ausgetreten und können alles bis auf die Außenpolitik selbst bestimmen. Ihre große Hoffnung sind Bodenschätze, die aber immer noch nicht gefunden sind.

Inuit, Inka oder Maori? Eine Trommeltänzerin streckt mir die Zunge aus. Am zweiten Tag auf der Reisemesse hat sich immer noch keiner an unseren Stand verirrt. Wir wollen Flagge zeigen, die grönländischen Touristiker sollen annoncieren auf unserer Grönland-Homepage, also laufe ich zu allen Ausstellern und stelle mich vor. Die sind aber nur an den touristischen Einkäufern interessiert, die aus aller Welt nach Nuuk gekommen sind. Aus dieser Sicht also ein Reinfall.

Aber das Licht. Es ist so schön, dass man es nicht mehr vergisst. Grönländischer Sonnenschein macht glücklich. Allein deswegen hat sich die lange Anreise über Kopenhagen und Kangerlussuaq gelohnt, auch wenn ich nur in Nuuk geblieben bin. Mein Herausgeber Mads hat mich abgeholt und mir die Schlüssel zur Wohnung seiner Familie ausgehändigt. Ich kann dort bis zum Abend bleiben, dann bekomme ich ein Quartier bei seiner Schwägerin. Mads Familie wohnt in einem frisch renovierten Appartment in einem zentralen Hügelkomplex mit fantastischer Aussicht. Aber ich will mich nicht ausruhen, ich will Nuuk durchwandern, und das Wetter ist prächtig.

Ich entdecke die Panaramafoto-Funktion auf meinem Smartphone und erkunde alte und neue Stadtteile. Es gibt ein Shopping- und Freizeitzentrum, welches man erst auf den zweiten Blick erkennt. Da ein halbes Jahr lang Schnee liegt, fehlen Bürgersteige, so kann einfacher geräumt werden. Eigentlich ist die Ampel, die lange Zeit die einzige Grönlands war, Nuuks zentraler Ort. Man könnte hier einen Tag lang stehen und würde immer wieder etwas erleben. Inuit verkaufen Wal-, Ren- und Robbenfleisch in der Fußgängerzone vor dem Brugsen-Supermarkt, dazu Flohmarktartikel wie vor dem Billstedter EKZ. Ich traue mich nur nicht ins Wettbüro.

Im Nationalmuseum schauen mich tote Kinderaugen an. Ich mag die zwei Besucher nicht stören, die gebannt vor den Inuitmumien aus dem Packeis stehen. Ich mag vor allem kein Foto machen, so lange jemand da ist, ich finde menschliche Leichen in Museen – eigentlich - pietätlos. Später ärgere ich mich, denn die berühmten leer ins Leere schauenden Kinderleichen gäben eine schön-schaurige Whats App-Mail.

Gefesselt schaue ich mir einen dokumentarischen Spielfilm aus den Zwanziger Jahren an. Inuit zeigen ihr Leben, sicherlich gestellt. Eine hübsche junge Frau in Tracht (Grönländerinnen sind oft unglaublich schön) kratzt flink und geschickt in der Hocke den Speck von einer getöteten Robbe. Die Festtracht ist sicher der Kamera geschuldet, aber die Handlungen der Frauen und Männer sind so flüssig und elegant, es herrscht eine so fröhliche Athmosphäre, dass ich mir herzlich gern einrede, hier hätte man einen Naturzustand abgebildet.

Und das ist es, was mich an Grönland fasziniert: Eine urzeitliche Jägergesellschaft in einer kalten Welt mit Überfluss an Fisch und Fleisch ist binnen eines Jahrhunderts zur westlichen Industriekultur transformiert worden. Es gibt genügend Leute, die es geschafft haben: Der Gefrierschrank von Mads Familie ist voll mit Renfleisch und Fischfilets, er ist jagender Ingenieur, sie, Dänin, therapiert als Sozialpädagogin Inuitkinder.

Das erleben die Opfer der Kolonisation: Vergewaltigung in der Familie, Alkohol- und Drogensucht, schulisches Versagen, Depressionen. Dabei sagt sie verwirrende Sachen wie: Junge Frauen von der Ostküste kommen schneller über sexuellen Mißbrauch hinweg. Ein Gespräch, und sie haben ihr Leben wieder im Griff. Ich kann diese Kultur nur berühren, aber die Berührung hat mich schon verändert.

Am folgenden Morgen suche ich im Dunkeln einen Lebensmittelladen. Meine Gastgeberin, eine Inuit, ist Geschäftsführerin einer Supermarktkette, aber sie hat es nicht geschafft, etwas einzukaufen. Ich sehe sie kaum in diesen Tagen, aber ich lege ihr einen lustigen Entschuldigungsbrief auf meine zusammengefaltete Palerfik-Tüte, weil ich bei der Konkurrenz einkaufen musste. Sie lebt in einem der bunten Reichen-Häuser im östlichen Zentrum, und ihr gemütliches Sofa-Küche-Esstisch-Wintergarten-Loft mit Blick auf die Stadt ist voll mit B&O, so wie es alle Dänen gern haben: Kein Auto, aber teure dänische Design-Ikonen. Und ein kleines Schiff im „Garten“, denn Grönländer brauchen Boote, weil die Orte nicht durch Straßen verbunden sind.

„Grönlands Gier“ lese ich in einer Ankündigung des WDR Fernsehens, die mich empört. Zur Zeit ist Grönland in aller Munde, weil erstmals eine Lizenz zum Erzabbau erteilt worden ist. Die Insel Grönland reicht räumlich von Norwegen bis Tunesien. Die Hälfte ist eisbedeckt, vermutlich bald weniger. Das sind Landmassen, die man sich nicht vorstellen kann. Nun frage ich mich: Woher soll Grönland das Geld nehmen, um ein Bildungssystem und eine Infrastruktur zu schaffen, um all das zu heilen, was den Inuit angetan wurde?

Grönland braucht vielleicht eine glatzköpfige, graubärtige Brillenschlange mit dem Unternehmergeist von Steve Jobs oder noch besser eine ihrer starken schwarzhaarigen Frauen, die irgendeine pragmatische Lösung finden. Ich bin es natürlich nicht, auch wenn ich so aussehe. Nach Hamburg zurückgekehrt, hat mich jetzt eine alte Freundin darauf aufmerksam gemacht, dass ich markante Falten bekommen habe. Hoffentlich unterscheidet mich das von Steve Jobs. Jedenfalls bin ich um die zusätzlichen Lebensjahre dankbar, die sie bedeuten. Und eigentlich werde ich lieber mit Woody Allen verwechselt.

greenland today worldwide magazine: www.greenland.today.com/de
Steve Jobs Rede in Stanford: http://youtu.be/DpMwWaxoI4Y

Von Leibzsch über Ceská ins Alsace

 

Worin der geneigte Leser erfährt, wo Grenzen unsichtbar geworden sind, wie Rentner sich verjüngen und was man für zehn Schnitzel bezahlt:

 

Um mich herum spazieren Beladene mit Schnabeltassen. Sie stehen schwatzend im Rund, halten die kleinen Porzellanschnäbel an ihren Mund und saugen Heilung. Nein, wir sind nicht im Krankenhaus, wir sind an der Tepla. Goethe hat es hier so sehr verjüngt, dass er als 80-Jähriger noch einmal heiraten wollte. Auf unserem Weg ins Elsass sind wir in Karlsbad abgestiegen.

 

Soll ich von vorne beginnen? Oder von hinten? Ich sitze schließlich im ICE nach Kopenhagen und fliege nach Grönland. Nein, das ist schon die nächste Geschichte. Ganz am Anfang stand die Einladung von Sibylle und Achim, sie in ihrem Elsässer Ferienhaus zu besuchen. Und dann war Bines Urlaubsbeginn zehn Tage, bevor die beiden überhaupt da ankamen. Ideal, um einmal mit der Maus durch Deutschland zu gurken, sich spontan zu entscheiden, ob man links oder rechts abbiegt, ob man Wein oder Wasser trinkt, Wurst oder Schnitzel verdrückt, Museum oder Mall besucht..

 

Doch Bine war so viel Flexibilität nicht geheuer. Mittendrin will sie die Schwester im Odenwald besuchen. Ich dagegen möchte erst einmal an die Saale, also schlägt sie noch Leipzig vor, und einen Besuch bei Daniel in Thüringen, obwohl wir noch nicht einmal losgefahren sind. So ähnlich macht es wohl auch von der Leyen mit Schäubles Rollstuhl. Aber es hat auch was Gutes mit der Frauenpower, denn die Hotels sind schnell gebucht, und man verliert mit dem Navi überhaupt keine Zeit mehr. "Bitte geradeaus fahren..."

 

Unser erster Halt ist Halle, wo ein Teil meiner Familie vor dem Krieg gelebt hat. Das Wetter Mitte September ist noch hochsommerlich, und unser Spaziergang durch die Altstadt gerät so beschwingt, dass wir gar nicht merken, wie wenig von den Zerstörungen des Sozialismus beseitigt sind. Später hören wir vom stetigen Aderlass einer sterbenden Stadt, aber zumindest das moderne Kunstmuseum in der uralten Moritzburg ist Weltklasse. Ein Tee im Garten des Händelmuseums, aber bitte nicht zu viel Kultur bei 28 Grad im Schatten. Doch: das Beatlesmuseum, und ich darf auf Pauls Rickenbacker-Basskopie ein paar Takte zu "Yeah, yeah, yeah" zupfen.

 

Am zweiten Tag wird Leipzig aufgesucht, und das ist bei diesem Wetter ein Erlebnis wie Mittsommernacht und Weihnachten beisammen. Was für eine beeindruckend erhaltene und renovierte Altstadt! Und erst die 5.000 Restaurantstühle im Barfußgässle. In der Thomaskirche lauschen wir einer Orgelmotette mit Thomanerchor, und in der Nikolaikirche verdrücke ich eine Träne um das Ende der Gewaltherrschaft. Wie immer, wenn ich an den unfassbaren Fall der Mauer denke und die Unmöglichkeit zu erfassen, wo man sich historisch gerade befindet. Bines Verwandte Kathrin führt uns ein wenig herum und erzählt, wie sie 1989 um die Stadt gezogen sind: "Als wir einmal rum waren, begegneten wir dem Ende des Demonstrationszuges, da wussten wir, was los ist."

 

Weiter geht’s nach Greiz, einem kleinen Thüringer Bergdorf, wo unser Ex-Nachbar Daniel im Krankenhaus röntgt. Röntgent? Durchleuchtet halt. Die Reußen haben das kleine Land beherrscht und eine Burg obendrüber, ein Schloss mittendrin und, als wär's nicht genug, ein Sommerpalais mit Parklandschaft errichten lassen, die jetzt zu den großen Attraktionen gehören. Von hier ist es durch das Erzgebirge nicht weit ins tschechische Karlovy Vary, vormals Karlsbad. Das Navi führt uns einen kleinen Bergpfad hinauf, unmöglich, dass es hier zur Grenze gehen soll? "Bitte jetzt rechts abbiegen..." und da steht der tschechische Grenzpfahl in the middle of nowhere. Der Übergang zum vormals sowjetischen Imperium, ein lauschiges Wäldchen.

 

In Karlsbad haben wir eine Residenz in der Sadova gebucht, direkt oberhalb der Kolonnaden zur Altstadt. Entlang der Tepla (die hier in die Eger fließt) zieht sich kilometerlang eine lückenlose historistisch-klassizistische Gebäudeschlucht. Ein pompöses Schaufenster reiht sich an das andere, offenbar Edelmarken, die ich aber noch nie gehört habe. Uhren, Kleider, Schuhe, Porzellankitsch – alles irgendwie nachgemacht, so wie ich mir Luxus um 1980 vorstelle. Offenbar will man hier reiche Russen anlocken; doch die meisten Schnabeltassen-Trinker auf der Promenade sehen nur alt und krank und arm aus. Auf dem Hinweg zum Hotel Pupp finde ich noch alles umwerfend, auf dem Rückweg bereits geht’s mir auf die Nerven. Überall Plakate zur Gesichtschirurgie und für Implantate aller Art.

 

Wir fahren mit der Seilbahn auf den Hausberg und wandern herab, dann fahren wir nach Marienbad: Kein Vergleich. Wir kaufen tschechischen Wein und Käse und machen einen gemütlichen Fernsehabend in unserem nagelneuen Designerappartment, das woanders wohl ein Mehrfaches gekostet hätte. Am andren Tag starten wir über Eger und Ebrach nach Heidelberg, wo Bines Schwester in einem romantischen Odenwaldtal lebt. Die Fahrzeit vertreibt uns wie immer der Deutschlandfunk.

 

Und wieder geht es ins Solebad, diesmal in eines, welches erheblich weniger enorm aussieht, doch ungleich erfolgreicher ist: Bad Schönborn. Bereits um 10 Uhr stehen wohl 500 Autos davor und die Thermenbecken platzen vor rundlichen pfälzischen Rentnern. Am anderen Tag fahren wir nach Worms und suchen die Altstadt. Doch die ist weggebombt und brutal überbaut, direkt vor dem Dom hat eine Bank einen volkssturmsicheren Bunker errichtet.

 

Als nächstes folgt das Glottertal. Nicht wegen der Schwarzwaldklinik, sondern wegen der Nähe zu Freiburg und Colmar, und weil wir dort Elke und Axel auf der Durchreise treffen. Weinselige Abende mit Krustenbraten und Mandelforellen. Spaziergänge auf Weinberghöhen. Und eine Tour durch das bemerkenswerte Freiburg im Breisgau. Als wir vor dem Münster stehen, beginnen die Glocken zu läuten. Eigentlich ist dieser Religionskram doch unfassbar schön. Und die Stadt ist geprägt durch ihre Studenten, sorgfältig restauriert und nachverdichtet, einfach nett. Zehn Schnitzel für 22 Euro sind im Angebot, aber vier für neun Euro reichen uns. Hauptsache, Bine bekommt ihr Viertele.

 

Noch drei Tage haben wir übrig, also nichts wie ab ins Elsass. Sibylle und Achim haben ein Apartment in einem alten Bauernhaus in den Bergen von Le Bonhomme gebucht, mit Blick auf die Vogesen. Klar dass wir Choucroute mit fünferlei Fleisch zum Edelzwicker in Kaysersburg speisen, leider ist es arschkalt geworden. Ein weiterer Höhepunkt unserer Tournee wird Riquewihr, ein Museum wie Venedig, nur ohne Kanäle. Sibylle kocht schnell noch eine prächtige Gemüsepfanne – zu meinem Entsetzen ganz ohne Fleisch – dann geht es auf unsere erste Schlussetappe bis Alsfeld/Hessen, denn morgen Abend reise ich nach Grönland.

 

Nun sitze ich bereits wieder im Zug zurück von Kopenhagen nach Hamburg, gerade ruckeln wir bei Vordingborg über den Guldborgsund. Ich komme aus Nuuk, und das wird, wie bereits gesagt, eine andere Geschichte.

 


 

Römerreise nach Xanten, Haltern und Kalkriese

Hätten die Römer den Rock’n’Roll erfunden, wären sie heute noch unser Imperium? Warum gab’s in der Antike keinen elektrischen Strom? Wieso sieht Pompeius (gest. 48 v. Chr.) so schweinemäßig lebendig aus, und weshalb konnte man in Europa 1.000 Jahre danach noch nicht mal mehr eine Nase richtig malen? Ich wills wissen.

Wir sind auf dem Weg nach Xanten am Niederrhein. Colonia Ulpia Traiana. Drittgrößte römische Stadt nördlich der Alpen nach Köln und Trier. Mit Wasserleitung und Kanalsystem, rechtwinklig verlaufendem Straßennetz, Tempel, Forum und Amphitheater, Mauer und Toren. 10.000 Menschen. Alle tot.

Im Römischen Museum soll es eine Sonderausstellung geben. Achim hat mir eine ZEIT-Rezension davon gegeben: Römer unterwegs - Migration und Fremdsein (im kalten Germanien). Kurz gesagt, als Werbung hat es gut funktioniert. Um sieben sind wir los, nach vier Stunden und 400 Kilometern kamen wir von der Elbe an den Rhein.

Wald, Matsch und Nebel
Hätte der verdammte Arminius nicht Varus und seine drei Legionen reingelegt, wäre es in der Antike vielleicht auch schneller vorangegangen. Doch diese 400 Kilometer waren noch zwei Jahrtausende lang voller Wald, Matsch und Nebel. Die Römer haben zwar alles erobert, was nicht niet- und nagelfest war, aber gegen dieses norddeutsche Klima waren sie chancenlos. Deswegen gibt’s bei uns auch keinen Karneval, hier gibt’s einfach nichts zu feiern.

Xanten ist Deutschlands größtes archäologisches Freilichtmuseum. 60 Hektar CUT (Colonia Ulpia Traiana) im APX (Archäologischer Park Xanten) sind niemals überbaut worden. Nur der Rhein ist weg. Ja, und die Bauten natürlich auch, die sind in den Jahrtausenden für das neue Xanten genutzt worden, das dem veränderten Rheinlauf folgte.

30 Kilometer auf Sandalen
Der wichtigste Teil des APX ist das Römermuseum, das 2008 über den Thermen errichtet wurde. Hier kommen wir ganz auf unsere Kosten, denn unzählige Funde beleuchten die Alltagskultur der Römer und ihrer Soldaten. Mit 40 Kilo Gepäck sind die Legionäre täglich bis zu 30 Kilometer marschiert, auf Sandalen, danach haben sie noch Wälle ausgehoben, Schanzen gebaut, Zelte aufgestellt und Essen gekocht. Das muss geschmeckt haben!

Xanten war allerdings kein Feldlager, sondern für 400 Jahre eine befestigte Römerstadt hinter dem Rhein, von hier starteten die Legionen ihre Ein- und Ausfälle. 50 Kilometer weiter im Osten, an der Lippe, wollen wir am anderen Tag das Römermuseum von Haltern besuchen. Auch hier ist die Lippe längst weg. Und außer Borussia Dortmund und Schalke gibt es hier wenig, für das es sich zu kämpfen lohnte. Man ist sich recht sicher, dass Haltern das letzte rechtsrheinische Feldlager Aliso war, das den germanischen Freiheitskämpfern nach der Varusschlacht eine Weile widerstand.

Aber zuerst schließen wir unseren Xantenbesuch mit einem Rundgang in der heutigen Kleinstadt ab. Der gotische Dom ist natürlich am Samstag um 16 Uhr verschlossen, aber das alte Brauhaus bietet noch preiswerten Mittagstisch. Wer soll das verstehen? Den Kaffee nehmen wir unter dem Riesenschirm des Eiscafés am Markt, als es heftig anfängt zu regnen.

Mal von Marl
Wir beschließen, nach Marl-Brassert aufzubrechen. Dort habe ich über HRS ein günstiges Doppelzimmer gebucht, im Parkhotel am See. Diese Gegend ist Achims Heimat. Ich schlage vor, beim Einchecken die Rezeption zu fragen, ob wir unsere Schusswaffen im Tresor hinterlassen können, damit sie uns nicht für Schwestern halten.

Marl ist eine Oase. Mein alter Arbeitgeber hat immer behauptet, Dänemark sei eine Oase, jetzt behaupte ich das Mal von Marl. Marl-Hüls war einst Zeche und Chemie. Jetzt sind alle arbeitslos und schauen den ganzen Tag auf Beton unter Bäumen. Gladbeck, Datteln, Dorsten, Haltern, Erkenschwick und Recklinghausen sind Nachbarn. Eine Oase im Grünen also. Dazwischen Hochhäuser und leer stehende Einkaufszentren, geschenkt.

Der Hammer sind die Marler Stahlbeton-Rathaustürme und ihr Verwaltungstrakt. Die Ausschreibung gewannen 1958 die beiden Holländer van den Broek und Bakema vor Hans Scharoun, Arne Jacobsen und Alvar Aalto. Und so sieht das auch aus. Wie Brasilia an der Ruhr. Drumrum halbkilometerlange Wohnwaben, zugegeben großartig groteske Skulpturen. Allerdings haben die Bäume den Brutalismus seit 50 Jahren überwuchert.

Pissoir von Serra
Von unserem Parkhotelzimmer schauen wir auf den See mit mindestens 50 alleredelsten Skulpturen von Henry Moore bis Hans Arp drumrum. Sogar ein Pissoir von Richard Serra ist dabei. Man hat sich wirklich Mühe geben, die Marler hochzuholen. Aber der TSV Marl spielt in der II. Westfalenliga gegen Wickede, das sagt doch alles.

Auch in Haltern hat man das Römermuseum kürzlich erweitert. 5.000 Legionäre waren hier stationiert – mitten im feindlichen Germanien. Nach der Varusschlacht 9 n. Chr. musste dieses vorgeschobene Feldlager geräumt werden, ehe die Lippe ohnehin verschwunden wäre, aber das ist jetzt eine unhistorische Betrachtungsweise. Nach meiner archäologischen Vorlesung über römische Staatsreliefs bin ich süchtig nach Inschriften, und Achim ist alter Lateiner. Achim hat in seiner Jugend auch hier im Westmünsterland gelebt, und so zeigt er mir sein ehemaliges Bauernhaus im Wald im Naturpark Hohe Mark. Eine Oase!

Nach 100 weiteren Kilometern kommen wir auf dem Heimweg in Kalkriese bei Osnabrück vorbei. Jeder kennt das Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, aber die Wenigsten wissen, dass sie möglicherweise 50 km weiter nördlich zwischen Hunte und Hase stattfand. Man hat hier Überreste geschlagener Legionen gefunden, und die Enge zwischen Moor und Wiehengebirge wäre wie geschaffen, um 10.000 Mann und Maus den Garaus zu machen.

Kilometerlang müssen Legionen, Alen, Kohorten und Tross auf ihrem Rückmarsch nach Haltern, bzw. Aliso durch die Kalkrieser Senke gezogen sein, ehe sie von der Seite aus den Wäldern heraus niedergemetzelt wurden. Das ist aufregend und interessant dargestellt und die Museumsmedien sind auf dem neuesten Stand. Wir wissen also jetzt, wieso die Deutschen noch 1.000 Jahre im Wald und auf der Heide gelebt haben. Aber wieso konnten sie so lange keine Nasen malen?

Wir wissen auch nicht, wieso die Römer den elektrischen Strom oder den Motor nicht entdeckt haben, aber ich meine: Wo Geld ausschließlich in Grundbesitz gesteckt wurde, gab es kein Risikokapital für Unternehmer. Industrie konnte gar nicht entstehen. Aber den Blues, den haben die afrikanischen Sklaven garantiert auch damals schon gesungen.

Bretagne 2012

Eine Schale Muscheln, zwei halbe Taschenkrebse, sechs Austern. Mayonnaise und frisches Pain. Unsere Vorspeisen im Restaurant de La Baie des Trépassés. Der Kellner stellt eine Flasche Badoit auf den Tisch und öffnet den kühlen Muscadet. Wir schauen an der bretonischen Atlantikküste in den Sonnenuntergang. Gestern noch, bei der Anreise über die Autobahn, hatte der ganze Rastplatz nach Pisse gestunken. Wir mussten mit unserem Motorradanhänger bei den Lastwagen halten. In der Nacht sind wohl hunderte Routiers aus ihren Camions gekrochen und haben gegen ihre Räder gepinkelt. Ich liebe Frankreich, so frei und ungezwungen.


  1.500 Kilometer sind es von Hamburg bis Finistère. Zwei Tage sind wir zu viert in einem Auto gefahren. Nach 900 Kilometern wussten Achim und Sybille von einem entzückenden Chambre d'hote in Saint-Saens, einem kleinen Dorf in der Normandie. Ein bißchen vorpommernsche Agonie, ein bißchen Grande Histoire. Bizarres Fachwerk, mal restauriert, mal arg verfallen. Mittendrin Neogotik und Beton-Rathaus. Aber Auslagen in Boulangerie und Boucherie, wie von einem Gott in Frankreich. Jeder dritte Passant hat ein frisch gebackenes, knackbraunes Baguette in der Hand.
   Nun sind wir also angekommen in unserem Ferienhaus in Plogoff, kurz vor einem der westlichsten Orte Europas, dem Pointe du Raz. Das alte mehrstöckige Feldstein-Bauernhaus hat zwei Zimmer, zwei Dachstuben und neun Betten. Sechs davon benutzen wir, denn Gaby und Heinz kommen uns besuchen, wie vor zwei Jahren in Istrien. Wir werden viel Spaß haben, denn durch die dünnen Holzdecken hört man jedes Wort.


   Um unser Haus wachsen Hortensien und Lorbeer, Brombeeren und wilde Rosen, Ginster, Farne und viele Blumen wie Fuchsien, Bornholmer oder Je-länger-je-lieber. Viele Bäume sind von Misteln und Efeu umflort. Die Pferde des benachbarten Reiterhofs schauen uns beim Baden im Pool zu. Es sind nur wenige Minuten Fußweg über die sanften Hügel bis zur Steilküste. Alles ist mit stacheligen Sträuchern und Heide bewachsen. Wir wandern ein Weilchen hoch über dem Meer, nicht übertrieben weit, und kehren nach zwei Stunden zum Imbiss im Küchengarten zurück.
   Der Intermarché von Primelin hat auch am Sonntag geöffnet. Aber es gibt nur ein klein wenig  Ziegenkäse und Brie, Pate und Rillette, Landbrot mit Salzkornbutter, dazu Cidre und Kaffee. Jetzt sitzen wir nach dem Mittagsschlaf bereits bei der Präparation des Abendmahls: Entrecote rückwärts gegart, Haricots vertes vorwärts und rote Rattes-Kartoffeln, in Rosmarin gebraten. Dazu mittelteuren Burgunder, von den Tastevins empfohlen. Ich fürchte fast, viel mehr als den Speiseplan wird es von hier nicht mehr zu erzählen geben.


   Der Swimmingpool hat 29 Grad. Sagt jetzt nichts. Wenn er kälter wäre, würde kein Schwein drin baden. Noch wechselt das September-Wetter so zwischen sonnig und leichtem Regen, dass man sich gerne und ausgiebig darin tummelt. Augen zu und mit gestreckten Armen sieben Meter Tauchen. Arme und Beine von sich gestreckt auf dem Rücken schwimmen, bis man das Gefühl hat, das Wasser trägt einen. Vollständig. Für immer. Ein Traum.
   Unser eingangs beschriebenes bretonisches Festmahl an der Baie des Trépassés hatten wir bereits an unserem Ankunftsabend. Das Hotel liegt am Ende eines moosgrünen Tals am Strand. Man biegt von der Hauptstraße in Fahrtrichtung Amerika zum Point du Raz rechts ab und findet sich nach ein paar hundert Metern in einer Serpentine. Schlagartig sieht man nach rechts das riesige Tal der toten Seelen. Und links den Atlantik, wo die Sage geht, hier würden die ertrunkenen Seeleute angespült. Und die beiden Hotels, eins mit Fruit de mer-Restauration, eines mit Bar unter freiem Himmel. Das ist das Ende der Welt: Finistère.

Zwei Kilo lebende Langustinen
Heute morgen sind wir nach Audierne aufgebrochen, dem nächstgrößeren Ort. An der Flußmündung des Goyen liegt der bretonische Hafen mit sehr vielen kleinen Schiffen. Man kann sich gut vorstellen, das hier jeder sein eigenes Krabben- und Fischerboot besitzt. Die Boote sind ungepflegt und offenbar in ständigem Gebrauch. Keine Zeit zum Putzen und Wienern, das finde ich sympathisch.


   In Audierne haben wir an der Markthalle geparkt. „Langustinen ab 18.30 Uhr frisch gegart“, steht auf dem Schild. Hurra, es gibt abends endlich was zu essen! Nach der Wanderung in der Oberstadt besorgen wir frisches Brot und ein paar Leckereien (Rinderknochen für Käthe, Salat, Obst, Zutaten für frische Mayonnaise, Wein, Leffe-Bier...).
   Wer zum Teufel ist Käthe? Käthe wird von Achim und Sybille auch „Dackel“ gerufen, oder „Braver Hund, fein gemacht“. Blutjung, Irokesenfrisur, Tochter eines Langhaar- und eines Kurzhaardackels. Bis heute kann sie sich nicht entscheiden, ob sie's gern lang oder gern kurz hätte. Sie hat nicht gekotzt. Und nicht gebellt. Die ganze Fahrt über. So wächst einem so ein kleiner Köter ans Herz. Die Rinderknochen waren ein voller Erfolg, über eine Stunde hat die Töle genagt. Herzergreifend, wenn man nix anderes zu tun hat.


   Nach dem gleichen Mittagsimbiss wie gestern – Okay, Leffe-Bier und noch zwei weitere Käse dazu – die volle Stunde geratzt (beinahe hätte ich es mir durch die spannendste Phase in Jean-Luc Bannelecs Krimi „Bretonische Verhältnisse“ versaut, aber die Auflösung lese ich morgen) und ein paar Poolbahnen abgestoßen.


   „Achim, Lust auf ein Toürchen?“ Die Motorräder hatten wir auf Pauls Hänger schön fest vertäut. Unser Schnitt von Hamburg bis Plogoff waren 90 km/h, also 18 Stunden reine Fahrzeit. Mehr kriegt man auch ohne Hänger kaum hin. Doch wir vier im Golf haben nur 6,6 Liter Diesel pro hundert Kilometer verbraucht, ganz schön wenig für drei Kfz.
   Achim läßt sich nicht lange bitten. Rein in Leder- und Rucca-Panzer, ab zur Baie des Trépassés und zum Cap Sizun. Einkehrschwung in die Bar und Café Crème geordert. Diskussion über Thomas Mann, Proust, Goethe und den lachhaften „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Weiter nach Pont Croix und Audierne und zu den 18.30-Uhr-Langustinen.


   Um 18.35 Uhr hält ein Renault-Kleinlaster vor der Markthalle. Zwei Kisten lebender Kleinlangusten werden ausgepackt. Hinter dem Fischtresen werden eifrig Ein- und Zwei-Kilo-Mengen gewogen, dann sofort im Dampfgerät totgegart. Warm nehmen wir unsere Riesen-Portion für 40 Euro in Empfang und schwingen uns auf die Motorräder. In Plogoff warten Sybille und Bine mit frisch gemachter Mayonnaise, Landbrot und Cremant de Loire auf uns. Sagen Sie jetzt nichts! Nein! Das geht jetzt immer so weiter. Gute Nacht...

Behütete Frauen und ausgebliebene Sardinen
Mittwoch waren wir in Quimper. Die 65.000-Einwohner-Stadt liegt eine Stunde entfernt an der Südküste der Bretagne. Im Zentrum des mittelalterlichen Fußgängerviertels steht die Kathedrale mit dem bretonischen Museum. Schon vor 3.000 Jahren wurden in dieser Gegend tausende kleine bronzene Axtschneiden im Akkord gegossen. Es gibt hier auch viele Heilige. Am meisten gefallen hat mir die stämmige Apollinia mit ihren zwei Folterern. Der Schutzheiligen der Zahnärzte sollen alle Zähne gezogen worden sein, bevor sie verbrannt wurde.


   Nicht nur die bretonischen Steinhäuser mit ihren beiden Kaminwänden sind eigenartig, auch die Trachten. Auf Gemälden werden die weiß behüteten Frauen mit dem Blick nach unten und die Männer keck und aufrecht gezeigt. Die Diashow bretonischer Fischerfamilien von 1900 beweist das Gegenteil: Die Frauen schauen selbstbewusst, die Männer verwirrt, die kleinen Jungs geradezu ängstlich. So ist es wohl immer gewesen, wir haben nur nicht richtig hingeschaut.
   Mittwoch ist so klarer Himmel, dass es weh tut. Sybille und Achim schnallen Käthe auf den Rücken und sind zu dritt den ganzen Tag mit dem Motorrad an der Küste unterwegs. Bine und ich fahren in die Hafenstadt Douarnenez. Ebenfalls kein Touristenmuseum. Aber natürlich hat sie bessere Zeiten erlebt. Bis 1900 wurden im Atlantik Milliarden Sardinen gefangen, im Ort verarbeitet und exportiert. Als die Sardinen urplötzlich ausblieben, hatten die Konserven-Fabriken keine Arbeit mehr. Deswegen entstand in der Gegend eine starke Kommunistische Partei. Natürlich konnte das Kapital keine Sardinen zaubern. Viele Douarnenezer mussten nun bis nach Nordafrika und Irland auf Fischfang fahren, vor allem nach Thun und Hummer. In den Sechziger Jahren starben auch die letzten nichtindustriellen Fischer aus.


   Am Nachmittag treffen wir uns an unserem Haus mit der Fischer-Gaby und Dr. Heinz, die aus dem Rheinland nachgereist sind. Unser Begrüßungsritual: Nacktbaden und großes bretonisches Abendbrot im Sonnenschein. Zu sechst bereisen wir Finistère. Überschwemmungsforscher Heinz hat dereinst Priester werden wollen und erkennt sofort, was hier unbedingt zu besichtigen ist: Umfriedete Pfarrhöfe. Als die Bretonen im 16. Jahrhundert zu Geld kamen, überboten sie sich in der Konstruktion von granitsteinernen Kirchhofanlagen mit Kalvarienbergen. Ich stelle mir vor, wie die damals einzig lizenzierten Unterhaltungskünstler ihre Show ablieferten: „Und hier sehen wir Bild für Bild dargestellt das einzige Stück Theater, welches euch etwas anzugehen hat“.

Vieux Europe
Wir reißen hunderte Kilometer ab, um Steilküsten und Förden, Kirchdörfer und Städte zu besichtigen. Vor 40 Jahren schien mir der Verkehr in Frankreich noch erheblich abenteuerlicher zu sein. Ein Kreisverkehr war ein wilder Strudel, in den man mit geschlossenen Augen eintauchte. Zumindest schaute man nicht in den Spiegel. Ein- und Ausparken tat man durch Verschieben der Fahrzeugschlange mit der Stoßstange. Französische Autos waren so hässlich, dass sie schon wieder schön waren. Das hat mein Frankreichbild geprägt. Doch was ist heute? Tout le monde fährt neue und unverbeulte Peugeots und Citroens, tropfenförmige Blechblasen ohne jede Form. Egalitär irgendwie, kaum Luxuskarrossen, lastentauglich, wahrscheinlich legt man das gesparte Geld beim Abendessen an. Und selten erreicht man die maximalen 90 km/h, denn meist fährt ein gemütlicher Rentner vor einem.


   Überhaupt merkt man hier die Überalterung - und das Gegenmittel: Einfach jünger aussehen. Wenn einem eine gertenschlanke, langhaarige Schönheit begegnet, ist es immer ein gelinder Schock, wenn man feststellt, dass sie von vorne annähernd 75 ist. Noch schockierter ist man, wenn man, noch unter 60, sich im Schaufenster spiegelt und einen glatzköpfigen, grauhaarigen Jeansträger im T-Shirt mit Rotweinbauch vorübergehen sieht. Auf diesen Anblick wird sich das geriatrische Europa gewöhnen müssen, und ich rate den jungen Polen, es sich noch einmal genau zu überlegen.


   Was man ja irgendwie schon gehört hat, ist ja, dass Paris der Nabel der Welt ist, und der Rest eben Provinz. Das sieht man am Nationalen Seefahrtmuseum von Brest, das außer Galionsfiguren und und ein paar Schiffsmodellen praktisch kaum Ausstellungsstücke hat – aber ein deutsches U-Boot. Aber vielleicht heißt es hier nur „National“, und irgendein Admiral hat seine Garagensammlung gespendet und der Zentralstaat hat wieder mal an allem übrigen gespart. Wir sind mit dem Motorrad hierher gefahren, das beste an der Tour de Brest ist das croquefrische Picknick mit Kaffee und Rosinenteilchen in der „Nationalen“ Wallanlage. Und natürlich der Weg zum Ziel.


  Plogoff liegt in der äußersten linken Ecke der Republique, und wir müssen für jede Besichtigung erst einmal von unser Halbinsel runter. Das macht erheblich mehr Spaß ohne die Frauen, weil man so auch mal etwas flotter fahren kann. Heinz und Gaby haben übrigens auch Motorradkleidung mitgebracht. Als Heinz und Achim sich nach einem beglückenden Tag die Helme von den verschwitzten Köpfen ziehen, meint Gaby spontan, sie sähen jetzt aus wie „Hyänen, die aus der Autowaschanlage kommen“.

Markt in Audierne
Heute ist Marktsamstag in Audierne. Gaby und Heinz sind wieder fort und dafür ist Hartwig gekommen, Achims alter Freund aus St. Nazaire. Wir haben Fruit de mer vorbestellt. Vier Portionen für 80 Euro. Der Verkäufer in der Markthalle fragt freundlich, ob ich jemanden habe, der mir tragen helfen kann. Dann holt er ein Wagenrad mit Krebsen, Krabben, Langusten, Muscheln, Schnecken und Austern hervor. Ich hatte nur mit Mühe einen Parkplatz außerhalb des Zentrums gefunden, nun muss ich den Wagen wiederholen, während Bine mit dem Meeresfrüchte-Wagenrad und den anderen Einkäufen an den Marktständen wartet. Allein als ich mit der durchsichtig verpackten Platte über den Markt ging, sprachen mich zehn Leute an und wollten sie geschenkt haben.


   Ich finde erneut einen Parkplatz, und wir gehen Schuhe kaufen. Seit zwei Wochen streiche ich um ein Schaufenster mit ein paar schwarzen Mephisto-Mokassins herum, doch der Laden hatte bis zum 19. September Ferien. Nun ist die Gelegenheit da. Der im französischen Saargebiet hergestellte Mephisto ist die haltbarste Schuhmarke, die ich kenne, meine ersten Schnürschuhe sind fast 15 Jahre alt. Andere als die braunen Waldbrandaustreter, die ich an den Füßen habe, gibt es in Deutschland selten, Mokassins schon gar nicht. Das Leder! Die Sohlen! Dick und weich wie Quark. Ich deute dem Verkäufer an, dass, wenn meine Scheckkarte nicht geht, meine Regierung zahlt. „Ah, Madame Merkel!“ antwortet er mit Blick auf Bine.


   Noch etwas anderes liebe ich an Frankreich. Sie schätzen die Männerwürde. Fast überall findet man öffentliche Toiletten, und viele Pissoirs sind frei einsehbar. An jedem Marktplatz und an jeder Kirche gibt es sie, umsonst, und die Frauen dürfen an den pinkelnden Männern vorbeigehen, wenn sie aufs WC möchten. Manchmal kann man sie sogar von der Straße aus sehen. Soviel Selbstbewusstsein. Mir san mir und wir stehen allzeit bereit.


   Das Wetter ist umgeschlagen, der Herbst hat begonnen. Morgens ist es 10 Grad, bedeckt, wir haben begonnen zu heizen. Gemeinsame Ausflüge gehen nur mit dem Auto. Also ein Chateau im Norden. Das Renaissanceschloss Kerjean aus dem 16. Jahrhundert ist nach der Revolution fast völlig abgetragen worden, dann wieder aufgebaut worden. Der Rohbau mit vielen multimedialen Museums-Spielereien macht Spaß. Man muss sich ein wenig konzentrieren, dann kann man sich das Wirken des Kaplans oder die Geschäftigkeit der höfischen Kellerküche gut vorstellen. Ich bleibe dabei: Kein Fürst hatte ein so bequemes Leben wie wir einfachen Leute heute.


   Fünf bis sechs Stunden und 350 Kilometer fahren wir auf unseren Besichtigungstouren. Und immer wieder Pont Croix>Douarnenez>Chateaulin. Eine schöne Strecke. Da muss die Küche kalt bleiben. Heute waren wir in Vannes. Es ist so einfach: Runter ins Parkhaus Centre de Ville, mit dem Lift nach oben, und wir stehen auf dem Rathausplatz eines der urigsten Fachwerkstädtchen der Bretagne. Hier kommt richtig Geld zusammen, das merkt man an den Geschäften. Ganz anders als in Morlaix, wo allerdings Montags alle Geschäfte zu hatten, weil Sonntags halt die Touristen kommen. In der Brasserie am Place Gambetta wählen wir das Plat du jour mit Rilette und Pate, Langustenfrikassee und Steak/Frites, Fromage blanc und Tarte de pommes. Ok, ich bekam jeweils nur das zweite Gericht.

Es regnet nur zwei Mal die Woche
Jetzt habe ich es doch getan. Eine Motorradtour ganz allein. Ohne Sozia und ohne Achim. Meine vorläufig letzte. Allein mit dem Navi und der Bretagne. Die BMW steht seit Wochen zum Verkauf im Internet, allein der Kunde ist noch nicht gefunden. Abwarten bis zum Frühjahr. Es ist schon bemerkenswert. Zum ersten Mal seit 15 Jahren habe ich die absolut perfekte Ausrüstung. Wasserdicht und thermophil. Was habe ich rumexperimentiert. Leder riecht so angenehm. Und nervt so sehr, wenn man in die Regenwolken reinfährt. Gummi drüber pellen, schwitzen. Gummi runter pellen, weil die Sonne scheint. Nass werden, weil's doch regnet. Nasses Leder unter Gummipelle, urrrghhh... Schuhe und Handschuhe in Leder halten ein Leben lang, nur nicht dicht. Jetzt kann ich frohen Mutes in die dunklen Wolken reinfahren, weil meine thermonukleare Ruccakluft alles ausschwitzt. Und nun schmeiß ich alles weg.


    Von Westen nach Osten, immer in die grelle Sonne. Und in die dunkelgrauen Regenwolken. Ist es vernünftig, an der Küste zu bleiben? Nein, ich will ins bretonische Binnenland, und rein ins Wetter, alles noch einmal ausprobieren, bevor es endgültig wegkommt. Ich folge einem Flusslauf, ein alter Treidelpfad, eine schöne lange Schleife. Dann eine wellige Landschaft und schließlich total kurvige Wege. Das Wetter weicht vor mir zurück. Bisher dachte ich, nach solch einer Helligkeit und solchen Zirren-Wolken hoch über den grauen Flocken kommt Unwetter, aber das hat hier nie gestimmt.


   Es regnet in der Bretagne nur zwei Mal pro Woche, Montag bis Mittwoch und Donnerstag bis Sonntag, heißt es. Doch heute regnet es erst, als sich ein fettes Insekt auf meinem Helmvisier breit gemacht hat, so dass ich den durchfeuchteten Kadaverschleim mit dem Handschuh abwischen kann. Danach ist es wieder trocken. Und auf der Heimfahrt wieder tiefstehende Sonne, diesmal im Westen. Es ist meine allerletzte Motorradtour, und es war nicht die schlechteste. Passend zum Abschied verabschiedet sich die Elektronik, das Mopped blinkt beim Bremsen, mal links, mal beidseitig. Damit ich nicht mißverstanden werde, schraube ich alle meine Blinkerbirnen raus und fahre die letzten 200 Kilometer ohne.


   Nun haben wir unser dekadentes Transportungetüm wieder fertig gepackt für die Heimfahrt. 600 Kilo hängen am Haken, 600 Kilo sitzen oder liegen im 800-Kilo-Auto. Zwei Tonnen Wohlstand auf dem Weg nach Hamburg. Zwei Tage Kilometerfressen mit Übernachtung im Budgethotel bei Valenciennes in Nordfrankreich.


   Zurück bleiben Erinnerungen an zappelnde Langustinen und geknackte Taschenkrebse. An Sonnenuntergänge in der Bucht der toten Seelen. An quietschbunte Fachwerkstädtchen und ummauerte Kirchhöfe. An Kalvarienberge mit poppenden Teufeln. An verhurte Fischerboote und Markthallen voller Krustengetier. An knackige Baguettes und fluffige Rosinenschnecken. An Tonnen von Fromage blanc und Bonne Maman Confiture de Cassis. An ein altes bretonisches Bauernhaus mit neun Pferden, die immerzu mit Äpfeln und Brotresten gefüttert wurden. Und an Köter Käthe, die niemals kotzte.



Watzmann 2012

 

Fasziniert schaut Ricki auf sein Iphone. Er hat ein Video von unserer Watzmann-Wanderung aufgenommen. “Wir sind jetzt auf 2.430 Höhenmetern”, hat er ins Telefon gesprochen. Weniger als 300 Meter vorm Gipfel hat einer der beiden Höhenangst bekommen. Ich bin es nicht. Ricki ist es auch nicht. Ich bin schon bei 1.700 Metern an der Mitterkaseralm ausgestiegen.

Wenn man mit zwei Marathonläufern Berge besteigt, und sich selbst kaum noch schmerzfrei die Schuhe anziehen kann, sollte man seine Grenzen definieren. Ich habe deswegen von vornherein gesagt, dass ich nur so weit gehe, wie es mir gefällt.

Es ist Freitag, unser zweiter Tag. Ricki, Peter und ich sind am Mittwochabend nach Salzburg geflogen und mit dem Mietauto ins Berchtesgadener Land gefahren, genauer gesagt nach Schönau am Königsee. Ein Paradies. D a s ist Tourismus. Hier stimmt einfach alles. Die Landschaft ist sensationell. Unterkünfte und Restaurants sind urig, klasse und preiswert. Die Kommunikation der Touristiker ist grandios, überall findet man aufregende Infoprospekte und Landkarten. Man könnte hier Wochen, Jahre und Jahrzehnte verbringen.

Wenn nur das blöde Bergwandern nicht wäre. Bisher habe ich noch nicht begriffen, was an dieser Quälerei schön sein soll. Gestern, am Donnerstag, sind wir mit Brummschädel zum Grünstein aufgebrochen, eine “kleine” Tour zum Eingewöhnen. Grauer Himmel, angenehm kühl. Wir steigen durch einen Waldpfad über Stock und Stein. Meine neuen Wanderstiefel geben guten Halt, mit den Stöcken stoße ich mich ab. Zum Büro bin ich manchmal fünf Stockwerke und 120 Stufen gestiegen, war danach völlig fertig. Hier sind es gefühlte 10.000 Stufen. Nach zwei Stunden kommen wir an der Grünsteinhütte an. Gerade fängt es zu regnen an. Mit Christian und Jürgen, zwei alten Herren, die sich trotz neuer Hüfte und neuem Knie jedes Jahr zum Bergwandern treffen, sitzen wir in der Jausenstation.

Man sollte ein trockenes Zweithemd mitnehmen, denn man wird in jedem Fall patschnass. Auf dem Rückweg kann ich endlich meine tolle Gore-Tex-Jacke ausprobieren, die Bine so hasst. Sie ist grün oder braun, ich weiß es nicht, jedenfalls sieht sie angeblich Scheiße aus. Leider hört es auf zu regnen, und so kommen wir am frühen Nachmittag heim zum Duschen und Schlafen. Ricki hat ein Apartment im bayerischen Stil gebucht, riesig groß mit tollem Balkon. Ich schlafe in einem Zimmer mit ihm, aber er schnarcht fast so laut wie Peter.

Am Donnerstagmorgen - vor unserer Grünsteinbesteigung - haben wir noch ausgeschlafen, denn nach drei Halben und zwei Enzian ging es uns nicht so gut. Am zweiten Tag - der Watzmann-Wanderung am Freitag - stehen wir um 4.45 Uhr auf und sind um 6 Uhr am Hammerstiel-Parkplatz zum Abmarsch bereit. Über einen bis zu 40 Prozent steilen Forstweg geht es zur Stubenalm und zur Mitterkaseralm. Über uns liegt das Watzmannhaus, weitere 500 Höhenmeter in erheblich geringerer Entfernung, und ich nehme die Wildcard zum Colatrinken.

Es ist 8.30 Uhr, als die beiden ohne mich weiterstapfen. Ich setze mich in den Schatten, denn mittlerweile ist Kaiserwetter, und ziehe ein trockenes T-Shirt über. Um 10.15 Uhr kommt die SMS “Watzmannhaus erreicht”. Ab nun wird es beinhart für die beiden Kämpferherzen. Als ich den Kicker ausgelesen habe und meine Pfeife verglüht ist, ziehe ich das mittlerweile getrocknete knallrote Laufshirt - ein Geschenk der beiden - wieder an und stapfe ab. An der Stubenalm pausiere ich erneut und telefoniere stolz mit Gattin und Mutter. Oder umgekehrt.

Um 16.30 Uhr schließlich hole ich die Zwei am Parkplatz ab. Sie sind etwas geknickt, denn der Watzmann war ihr Traum. Ricki hat es bereits einmal geschafft, deswegen wollte Peter es unbedingt auch machen, aber zum Gipfel muss man ohne genaue Wegmarkierung über steile Felsblöcke und Geröll steigen. Peter meint, an diesem Grat wäre es zu beiden Seiten steil nach unten gegangen, Ricki nennt die Tour ein Plateau. Wir ertränken den Kummer bei mehreren Halben und Enzianschnäpsen. Das heißt, so ganz kümmern tut es mich nicht. Ich mein’, die beiden sind nur zwei Jahre jünger als ich. So schneide ich bei der Wahl zum Gesichtsältesten nicht gar so schlecht ab.

Schönau liegt am Königssee, und der zwischen lauter steilen Bergen am äußersten rechten Rand Deutschlands. Deswegen hat sich auch Hitler hier angesiedelt. Man kann den See mit Elektrofähren befahren, mittendrin bläst ein Trompeter ins Echo der Berge. Danach kassiert er bei allen Passagieren ab. Wir lassen uns Samstagmorgen als Einzige an der unzugänglichen Station Kessel absetzen und ernten bewundernde Blicke. Zwei Stunden stramm aufwärts geht’s zur Gotzentalalm.

Ricki und Peter wollen eine vierstündige Rauf- und Runter-Wanderung zur Gotzenalm anfügen. Ich nehme den direkten Weg zur Jänner-Mittelstation. Da habe ich mich richtig drauf gefreut: Endlich auf einer Höhe bleiben. Ich habe eigentlich kein Auge für Blumen, aber jetzt kann ich mich endlich auf die Farbenpracht der Almwiesen konzentrieren. Ich versuche mir die Blüten- und Blattformen einzuprägen und nehme mir vor, so etwas einmal mit dem mir angetrauten Blumenkind zu unternehmen.

Auf der Königsbachalm jausiere ich. Man lernt schnell Leute kennen. Am Berg grüßt man sich sowieso in einer Tour. Ich habe standhaft versucht, “Moin” zu sagen, statt “Grüß Gott”, “Grüß di” oder “Servus”. Aber ab Mittag wird das natürlich langsam albern. Mit zwei thüringischen Rentnern lasse ich die Wende Revue passieren. Als ich vorsichtig nach deren Besuch auf dem Obersalzberg frage, kommt es mir vor, als hätten die beiden keine richtige Distanz zum Führer. Schnell wechsle ich das Thema. Diesen gruseligen Ort - den zweiten Regierungssitz des Dritten Reichs - würde ich als alter NS-Historiker gern einmal erleben, und mit eigenen Augen sehen, ob man die Nazis fernhält.

Gegen 16 Uhr nehme ich die Jänner-Seilbahn zum Gipfel, gegen 16.30 Uhr kommt die Durchsage: “Letzte Talfahrt nach Schönau um 17 Uhr”. Dann Rickis SMS: “Wir müssen leider noch zwei Stunden zu Fuß runter, wir schaffen es nicht mehr bis 17 Uhr”. Um 18.30 Uhr nehme ich am Königssee-Parkplatz zwei völlig erschöpfte Wanderer in Empfang, die auch nicht mehr ins Freibad möchten.

Der Abend in dem unserem Quartier gegenüberliegenden Biergarten wird alkoholfrei und kalorienreich. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt. Hinter der Hecke telefoniert Peter lauthals mit seiner Bine “Es ist so furchtbar mit den beiden”. Ich lasse mich beim Spare Ribs-Knabbern mit beiden Händen von Ricki mit Cola säugen, die Kellnerin fotografiert. Ricki bietet seine Kurkarte zum Zahlen an.

Am Sonntagabend ist Rückflug. Daher können wir noch eine vierte Wanderung machen. Eigentlich wollte ich mir ein E-Bike leihen, aber die Tourist Information hat geschlossen. Das Obersalzberg-Dokumentationshaus reizt mich sehr. Aber ich kriege einen Rappel: “Ich gebe jetzt nicht auf”. Den letzten Tag will ich noch einmal mit den Freunden gemeinsam erleben. Also starten wir direkt am Quartier mit einer erneuten Tour zur Grünsteinspitze. Diesmal über die noch steilere Westroute. Es ist der wärmste Tag des Jahres.

Schon an der Bobbahn überholen uns Leute mit Helmen und Seilen. Nach einer halben Stunde stehen 20 Personen am Klettersteig, den man nur als geübter Bergsteiger besteigen darf. Und nur One-way, es gibt kein Zurück. Wir nehmen natürlich die anspruchsvolle, dreimal so weite Wanderroute. Während ich mal wieder meinen Mut verfluche und die Jungs mich immer wieder antreiben, kommen uns Familien mit kleinen Kindern und junge Mädchen in Badelatschen entgegen. Junge Bergsteiger sind bereits vom Klettersteig zurückgekehrt und springen hurtig von Stein zu Stein, wohl um noch ein zweites Mal hochzusteigen.

Völlig fertig, aber glücklich, erreiche ich die Grünsteinhütte. Ricki und Peter müssen natürlich noch weiter zur Kührointalm, na klar. Ich höre lieber Dostojewskijs Großinquisitor vom Mp3-Spieler und schlürfe Apfelschorle. Nach drei Stunden treffen wir uns erneut auf der noch ein wenig höher gelegenen Grünsteinspitze. Unter uns der Königsee und rund um uns all die Höhen, die wir bestiegen haben. Und wahrscheinlich der klarste Blick seit Menschengedenken, fast bis München. Es bleibt sogar Zeit zum Duschen und Schlafen, denn der Flieger geht erst um 20.45 Uhr. Auf der Aussichtsterrasse des Salzburger Flughafens trinken wir ein letztes Weißbier. Dann geht es heim ins Flachland.

Es ist doch erstaunlich, dass man sich auch nach solchen Einheiten immer noch nicht schmerzfrei die Schuhe zubinden kann. Aber ich habe statistisch zwei Tage Lebenszeit hinzugewonnen, dabei allerdings vier Tage verbraucht. Wenn das der Preis für Beweglichkeit im Alter ist, will ich lieber im Rollstuhl enden. Nein, Quatsch, es hat überwiegend Spaß gemacht, und ich bin nicht ganz sicher, dass ich so etwas nicht noch einmal tue. Schon, weil Ricki uns dann endlich wieder einmal fertig machen kann.

Motorradtour in den Alpen 2012

 

Den Holländer pack‘ ich mir noch vor der Kurve. Ich hör meinen Vater selig: „Die sind ja völlig wahnsinnig!“ Noch circa 200 Meter bis zur Kehre. Einen Gang runterschalten. Kupplung loslassen und die rechte Hand auf Vollgas gedreht. Blinker auf links, überholen. Der Motor heult auf, und das Motorrad reißt mir die Arme lang. Scheiße, wieder vergessen, in den Rückspiegel zu schauen. Aber wer soll schon noch schneller sein als ich?


   Kurz vor der Kehre Gas runter, die rechte Hand bremst kräftig und schaltet gleichzeitig den Blinker aus, ich lege die BMW flach und schleich mich rum. Noch vor dem Kurvenausgang beschleunige ich bereits wieder zwei Gänge durch und rase auf die nächste Kehre zu. Zeit für einen Blick aufs Panorama. In diesem Jahr ist alles besonders grün. Ist doch gar kein schlechter Sommer, wenn alles so prächtig wächst.


    Und schlecht waren die sechs Tage mit dem Peter natürlich auch nicht, vielleicht ein bißchen zu heiß. Seit einem Jahrzehnt fahren wir fast alljährlich mit dem Autozug in die Alpen. Wir haben so ziemlich jeden Alpenpass gefahren, ein paar davon sind unsere Lieblinge, die kommen fast jedes Mal dran. Vergangenes Jahr waren wir in der Schweiz und in Frankreich, 2012 sind es Italien, Slowenien und Österreich. Es wird meine letzte Motorradreise. Der Entschluss ist gefasst: Die BMW wird verkauft.


   Ich habe ein Werbefoto aus den Siebziger Jahren im Kopf: Ein Geländemotorrad am Abgrund. Diese Sehnsucht hat mich mein Leben lang verfolgt. Es ist ein eigenartiger Widerspruch, den ich bestimmt mit vielen Menschen teile: Mit der Natur reisen und rasen, aber bitte mit dem besten Material, und da kann man nicht sparen. Bine hat einmal alle Quittungen überschlagen, die ich in den vergangenen 15 Jahren wegen Garantie oder Versicherung angesammelt habe. Zubehör in einer Menge, wofür manch einer ein Jahresgehalt ausgeben müsste. Ein Kaufrausch, für den ich mich fast schäme. Jetzt, wo die fetten Jahre vorbei sind, schaltet mein Bewusstsein wieder in den Hippie-Modus zurück.


    Donnerstagmorgen, 9 Uhr, das Navi auf Kochelsee gestellt, beginnt unsere Reise in München, Bahnhof Ost. Die ersten Vorstadtkilometer stürmen wir mit 150 km/h auf der Autobahn nach Garmisch. Am Walchensee genießen wir die erste Serpentinenstrecke. Kurven, Peter, Kurven! Aus dem touristischen Reisen ist in den letzten Jahren immer mehr das sportliche Fahren geworden, das für uns im Vordergrund steht. Ein handelsüblicher Autofahrer kann sich nicht vorstellen, wie sicher moderne Motorräder auch bei hohen Geschwindigkeiten und enormer Schräglage sein können. Wenn der Fahrer weiß, was er tut (wenn er dran glaubt). Es ist wie Ski fahren, eine enorme körperliche Anstrengung, die nachts zu Wadenkrämpfen führt.


   Ich weiß, dass diese Raserei unkorrekt ist. Es lärmt die Alpen voll und verschreckt harmlose Holländer, die sich im Opel über die Pässe zittern. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich aufhöre. Ich habe einfach genug. Ich habe alles erlebt, was ich wollte, und ich muss es nicht endlos wiederholen. Die große Sibirienexpedition schaffe ich sowieso nicht mehr.


   Würstljause am Brenner. Das wird mir fehlen. Mit dem besten Freund drei Bier trinken. Doch ich eile schon wieder vor. Durchs Grödnertal sausen wir zum Sellajoch. Unser Ziel ist der Passo di Giau bei Cortina. Nach unserer maßgeblichen Meinung der beste Pass der gesamten Alpen. Ein Schwede hat mir gestern Abend bei der Rückfahrt im Autozug gebeichtet, dass er dort Angst vor dem Gefälle hat. Angst! Da kommt Freude auf. Es ist eine schwarze Piste, aber was für eine!


   Und als Sahnehäubchen in jedem Jahr die Giau-Passhütte mit dem italienischen Menü. Jetzt kommt das Bier. Auch Männer können sich etwas erzählen, besonders, wenn der dritte Freund nicht dabei ist. Wir lassen natürlich kein gutes Haar an Ricki. Ich habe eingewilligt, in ein paar Wochen mit Ricki und Peter zum Watzmann zu wandern, nur besteigen können ihn die beiden Marathonläufer alleine, ich leihe mir derweil ein Elektrofahrrad.


   Peter ist einverstanden, am Freitag nach Slowenien weiterzufahren. Die Julischen Alpen sind unsere letzte weiße Stelle. Wir erwarten ein ex-jugoslawisches Dunkeldeutschland und finden Wohlstand allerorten. Das österreichische Grenzgebiet wirkt fast verkommen und verlassen, Nordslowenien dagegen reich und touristisch anspruchsvoll. Jedes Haus eine Perle. Recht gute Straßen. Und auch die Preise verblüffen: Ein Drittel im Vergleich zur Schweiz und die Hälfte in der Gegenüberstellung mit Deutschland.


   Gleich hinter der Grenze am Passo Predil finden wir ein Gasthaus mit slowenischen Spezialitäten. Natürlich wähle ich Mixed Grill mit Bratkartoffeln. Und wieder fallen wir beim Bier über Ricki her. Kein schlechtes Wort dagegen wider die Regierung. Die liest schließlich mit. Peter ist Schuld an fast allem: Dass ich Kaffee und Bier trinke, und jetzt auch noch Obstler. In Köln hat er mich einst zum Kölsch Trinken gezwungen, jetzt bestellt er wider meinen Willen zwei Gläser vom Hausgebrannten. Mmmh, geht doch. Und fühlt sich gut an. Besonders nach dem Schwimmen im kalten Bergsee.


   Am Samstag geht es auf den Vrsjc-Pass. Wegen des Wochenendes herrscht viel Verkehr, deswegen verlegen wir uns auf das Gemütliche. Alle Tage wird es bis zu 33 Grad heiß, da wird die reißfeste schwarze Motorradkleidung zu tragbaren Sauna. Auch das Wintersport-Dorado Kranjska Gora ist gar nicht mal hässlich, jedenfalls kein Vergleich zu Cortina oder Val d’Isere, doch jetzt wollen wir nur noch zum Baden nach Bled. Der See mit seinem Kurort-Panorama gilt als besonders gut temperiert.


   Hatte ich schon von meinem Mittagsschlaf-Ritual erzählt? Ich habe die vertragliche Zusicherung, dass ich mich jeden Tag eine halbe Stunde hinhauen kann, wann und wo mir danach ist. Peter steht mit der Uhr dabei und weckt mich gnadenlos, wenn die Zeit zum Weiterfahren gekommen ist. Am Izvor-Wasserfall im Herzen des Naturschutzgebiets Triglav schmeiße ich mich in voller Montur in einen schattigen Laubhaufen am Bergbach und bin sofort weggebimst. Danach habe ich wieder Power für weitere Runden, besonders, wenn wir noch einen Kaffee oder einen Tee konsumieren.


   All diese kleinen Ausgaben summieren sich, und ich weiß nicht, ob das Grübeln darüber hilfreich ist. Klassische Wirtschaftswissenschaft behauptet: Eine Depression kommt, wenn man kollektiv zu wenig erwartet. Aber so wenig, wie man den Griechen sagen kann: „Haut eure letzten Euro auf den Kopf!“, kann ich mir sagen: „In ein paar Jahren bekommst du wieder ein fettes Gehalt!“ Nein, ich habe nur mal meinen Campingkocher verliehen und wollte sowieso mehr Fahrrad fahren.


   Auf dem Weg nach Kropa bildet die weiße Bergstraße tatsächlich mal eine Schotterstrecke mit vielen Kurven. Das war der Grund, warum ich vor sieben Jahren noch einmal in ein „Geländemotorrad“ investiert hatte, denn meine Straßen-BMW hatte mich auf einem dänischen Feldweg in einer Traktorspur kopfüber überholt. Glücklicherweise kam mein Fuß zwischen Boxermotor und Seitenkoffer zu liegen.


   So jetzt auch wieder. Ich kann’s einfach nicht. Das Geländefahren ist nicht mein Ding, schon gar nicht mit 350 Kilo Gesamtgewicht, wenn sich das Vorderrad im Geröll festfährt. Ich bin da den PR-Strategen der bayerischen Motorradwerke auf den Leim gegangen und meinem eigenen Sehnsuchtsbild von der Enduro am Abgrund. Man muss auch mal absteigen können! Schön, dass die abgerissenen Tankrucksack und Seitenkoffer heil geblieben sind. Insgesamt bin ich in den GS-Jahren wohl fünfmal umgefallen, besonders gern, wenn ich das Motorrad auf einer schrägen Straße vom Hauptständer ruckeln wollte. Immerhin ist sie dafür gebaut.


    Auf dem Weg zum Loiblpass wollen wir schließlich ein Quartier suchen, da fällt Peter auf, dass die Straße vor uns pickerl-pflichtig wird. Ich schlage, von der Hitze ermattet und vom Rumgurken entnervt, ein Straßengasthaus vor, doch die Hütte ist nur eine Bar. Aber Peter kommt wieder heraus und sagt, es würde uns jemand abholen und zu einem Quartier nach Naklo bringen.


   Es gibt Momente, da kann etwas ziemlich doof ausgehen, oder man sagt einfach: Mal sehen, es ist ja eh egal. Ein alter Herr kommt nach zehn Minuten und fährt voraus. In Naklo unterquert er die Autobahn und beginnt sich durch den Vorort den Berg hochzumäandern. Erstaunt nehmen wir wahr, dass es sich um eine richtig gepflegte Villengegend handelt, wenn auch am Berghang mit Talblick auf die Autobahn nach Ljubljana. Wir biegen in einen Hof ein und werden von einer Familie begrüßt, die gleich ihr Auto aus der Garage fährt, damit wir hinein können. Was kostet das Zimmer? 30 Euro. Inklusive Frühstück. Die Oma zeigt uns die nagelneue Einliegerwohnung mit niveauvollem Bad.


   Im Ort hat Peter ein slowenisches Spezialitätenrestaurant gesehen. Die vorzüglichen Spaghetti Carbonara triefen vor Sahne und Speck, wie ich es liebe, und auch Peters Pizza ist nicht zu schaffen. Am Wein verdient man bei uns nichts, wohl aber am Bier. Bald gibt es auch nichts mehr an Ricki zu kritisieren, und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, worüber wir uns denn sonst so gut gelaunt unterhalten haben.


    Am Morgen reiben wir uns die Brillen: Auf der Veranda hat die Oma ein Wurst-, Käse- und Eier-Frühstück aufgebaut, dass einem die Augen übergehen. Es ist Sonntag, und wir starten jetzt immer später in den Tourentag. Wir kaufen in Kranj ein Pickerl und fahren drei Kilometer auf einer mautpflichtigen Landstraße. Dann machen wir einen kleinen Schlenker durch Kärnten. Hier im österreichischen Grenzgebiet sind die Straßen so fertig, wie ich das noch niemals zuvor gesehen habe. Sollte es so sein, dass sich der Tourismus ins billigere Slowenien verlegt und dort für Wohlstand sorgt?


    Ursprünglich wollen wir nach Maribor, um auch einmal eine slowenische Stadt zu sehen, aber in der Hitze ist uns bald nicht mehr danach. Als ich vom Mittagsschlaf unterm Birnbaum erwache, dräuen am Horizont schwarze Gewitterwolken. Eigentlich kein Problem, wenn man ein gefühltes Jahresgehalt in wasserdichte Motorradkleidung gesteckt hat. Unsere Strecke führt uns durch klassisches „Gorenje“-Industriegebiet. Slovenj Gradec heißt der Ort, in dem das Navi ein Hotel vermutet.


   Inzwischen ist „schwarz“ nicht die einzige Eigenschaft des Wetters, sondern auch „quer“, wenn man nach der Flugrichtung der sturmgepeitschten Blätter geht. Kurz vor einer alpinen Abschüttorgie erreichen wir das Hotel. Man nimmt, was man kriegt, aber Essen möchte ich dort nicht. Nachdem sich das Wetter beruhigt hat, suchen wir den Ort ab. Sonntag abends scheint der Slowene nicht mehr auszugehen. Ein Caféwirt weist uns den Weg zum „besten“ Restaurant.


   Und wir finden es: Kebab und Pizza steht in großen Lettern am Busbahnhof. Es ist die Apachibar, eine Erlebnisgastronomie, die wir niemals vergessen werden. „Apahachi, litschilaim“, säuselt Peter, und wir machen in Winnetous Stammlokal dämliche Fotos vorm ausgestopften Grizzlybär, bevor wir uns den slowenischen Spezialitäten zuwenden. „Union“ oder „Lesko“, fragt Nscho Tschi, und Peter deutet an: „frisch gezapft“. Also bringt die Tochter Intschuschunas je eine Flasche „Union“ und eine „Lesko“. Natürlich folgen weitere, luftgetrockneter Döner und Tortillas machen durstig, und der nicht anwesende Ricki kriegt wieder sein Fett ab. Saupreiß, Marterpfahl! Peter will einfach nicht glauben, dass Old Shatterhand mit Intschuschuna um die Wette geschwommen ist, und so jemand hat studiert!


   Montag ist unser vorletzter Tag, also kehren wir um durch die Steiermark. Das Wetter ist wieder bestens. Die Gurktaler Alpen sind grün wie die Hölle. Und die Nockalm-Mautstraße fahren wir gleich zweimal, wohl wissend, dass dies fast schon der Rausschmeißer ist. Eigentlich möchte ich bis zum Millstädter See, aber erneut zieht sich das Wetter zu. Es fängt an zu regnen, als Peter vor einem Gasthaus hält. Komisch, früher hat’s immer gedauert, ehe wir uns aufs Quartier geeinigt hatten, jetzt geht es blitzeschnelle. Kaum sind wir eingecheckt, geht die Welt unter. Wir stehen am geöffneten Fenster und sehen die Wassermassen aus den Dachrinnen stürzen. Siele sprudeln über, die Straße wird unsichtbar. Unsere Moppeds werden schön sauber.


    Dienstagabend werden wir in München erwartet. Also starten wir früh auf den Großglockner. Stolze 22 Euro kostet die Passage, trotzdem fahren wir ihn nicht mehr zweimal. Zu viel Verkehr, und die Aussicht genießt man besser an den vielen Haltepunkten. Auf der Edelweißspitze kaue ich an meinem steirischen Sauerteigbrotrest vom Vortag. Es geht auch mal ohne Wurst.


   Am Pass Thurn hinter Millstadt nerven mich beim Überholen zwei Pkw, die mich nicht einscheren lassen. Kurz entschlossen setze ich den Überholvorgang fort – es ist nur noch ein langer Lastwagen vor einer Rechtskurve - und denke: „So ein verrückter Hund auf dem Motorrad unter mir“. Man ist eben doch nur so sicher unterwegs, wie man sich selbst im Griff hat.


   Das Arscherl piekt, als wir die letzten Kilometer auf der Kufsteiner Autobahn abreißen. Nein, ernstlich kann ich mich an keine wirklich gefährliche Situation erinnern, wie immer. Jedenfalls nicht so beängstigend, wie die Klassischen Sagen des Altertums, die ich als Hörliteratur dabei habe, und die ich nachts im ruckelnden Autozug höre. Falls Ihr euch jetzt fragt, ob unsere Freundschaft zu Ricki belastet ist: I wo! Der liest nur niemals meine Reiseberichte, und das hat er nun davon!

Brasilien 2011

Kein Caipirinha. Keine Brasilzigarre. Kein Samba. Nur Yünnantee aus der Thermoskanne und Marmeladenbrot. Es ist der Sonntagmorgen unseres Abflugs nach Brasilien. 4. Dezember. Gegen Mittag geht es über Lissabon nach Salvador de Bahia.


   Bereits um 10 Uhr möchte Bine los, drei Stunden vor Abflug. Dabei benötigen wir nur etwas mehr als eine halbe Stunde mit der S-Bahn von Langenfelde nach Fuhlsbüttel. Wohnen direkt neben dem Fahrstuhl zur S-Bahn und steigen vor dem Abflugterminal aus. Der Morgen vergeht mit auf-die-Toilette-Gehen, auf-die-Toilette-Gehen, Teetrinken, auf-die-Toilette-Gehen und auf-die-Toilette-Gehen.


   Dazwischen wird zum fünften Mal das Gepäck durchgeguckt, der Kühlschrank inspiziert, der Balkon inspiziert, der Müll entsorgt, mit Mutti und Werner telefoniert und Frühstücksbrot geschmiert. Der Rest wird eingefroren, die Raumtemperatur heruntergefahren und die Zimmertüren aufgestellt, die Lüftung auf 35% gestellt.


   Seit Tagen liegt die Tropenbekleidung bereit. „Du willst nur  e i n e  lange Hose mitnehmen? Ein paar Schuhe? Aber fünf Unterhosen?“ Ich habe mir im vergangenen Jahr für vier Euro eine kurze Hose gekauft, die aber oben viel zu eng ist. Man kann sie ja auflassen und ein Poloshirt drüber tragen. Vielleicht etwas Abnehmen. Und wenn es etwas in Brasilien zu kaufen gibt, dann kurze Hosen.


   14 Uhr: Das Frühstücksbrot ist verzehrt, und auch der Snack im TAP-Flieger nach Lissabon. Im Fernseher laufen Motorbootrennen. Figuera führt. Noch drei Stunden. Dann sitzen wir neun weitere im Flieger nach Bahia. 2.15 Uhr in der Frühe, 23.15 Uhr Ortszeit, werden wir von dort zum Hotel Marazul abgeholt. Golfsport ohne Ton im Bordfernsehen. Coelho gewinnt. Das portugiesische Team trägt meine kurze Hose und ein Poloshirt darüber. Ich habe alles richtig gemacht.


   Wir bleiben drei Nächte in Salvador, vier weitere im Badeort Praia do forte, 200 km entfernt. Dann werden wir um drei Uhr morgens zum Weiterflug abgeholt, es geht dann an den Amazonas. In Manaus werden wir drei Nächte bleiben, danach schippern wir vier Tage auf dem Amazonas rum. Am Sonntag - zwei Wochen nach unserer Abreise in Hamburg - werden wir nach Brasilia weiterfliegen, wo uns Don Dieter mit kandierten Macadamia vom Aeroporto abholen möchte. Angeblich soll es bei Raimundo den besten Caipirinha geben, aber das werden wir sehen.


   2.15 Uhr: Eine Stunde Pass- und Zollkontrolle in Salvador de Bahia, aber wir sind erstaunlich fit, und das Stehen macht Spaß nach 16 Stunden Sitzen. Die Brasilianer haben bei der Landung geklatscht. Dann hat uns Rodrigo abgeholt, der mit uns heute, am Montag, um 10 Uhr, eine Stadtrundfahrt machen will. Bine legt ihr farbenfrohstes Kleid raus. Ich checke HSV gegen Nürnberg, wie erwartet 2:0. Und dann fängt er an, unser Urlaub in Brasilien. Mit einer gut gekühlten Nacht, demnächst mehr in diesem Theater...

 

Salvador de Bahia

„Brasilien ist der schönste Ort der Welt“, sagt Rodrigo. „Wenn man Geld hat“. Er träumt von einem Apartamento der „Upper middle class“ an der Atlantikküste. Rodrigo ist unser Guide in Salvador de Bahia. Hat uns die ersten zwei Tage an die Hand genommen. Wir haben den Transfer vom Aeroporto zum Hotel Blaue See in Barra vorab gebucht und eine halbtägige Stadtrundfahrt. Weil wir alte Leute sind. Und keine Lust auf Abenteuer haben.


   Rodrigo ist ein fröhlicher Mensch und ein zügiger Autofahrer, aber sonst hat er nicht viel drauf. Auch Salvador hat nicht viel drauf, verglichen mit London oder Paris. Aber das ist es gar nicht. Das haben wir auch gar nicht erwartet. Wir wollen Brasilien und seine Menschen erfahren. Und unsere Freunde in Brasilia wiedersehen. Und eine gute Zeit im Sonnenschein haben.


   Gut gekühlt durch Salvadors Morgenstau kutschiert zu werden, ist bei 30 Grad ein Vergnügen und eine Erfahrung. Nachts zuvor sind alle Straßen leer gewesen, und Rodrigo hat uns mit gefühlten 150 km/h zum Hotel gebracht. Das Marazul liegt fünf Kilometer von der Altstadt Salvadors entfernt in südlicher Richtung am Atlantik und hat einen kleinen Pool.


   Die Stadt wirkt überschaubar trotz ihrer drei Millionen Einwohner. „Die Favela-Bewohner bemalen ihre Häuser oft nicht, weil sie Angst haben, dass sie zu Steuerzahlern werden“ sagt Rodrigo. Man könnte ja merken, dass sie zu Geld gekommen sind.


   In der hügeligen Stadtlandschaft wirken die vielen wild gestaffelten Betonbauten wie kleine italienische Renaissance-Bergdörfer, wenn man nicht genau hinschaut. Aber wir bekommen nur ein paar Einfallstraßen zu Gesicht und erhalten den Eindruck, dass man gern sehr hoch baut. Die Tour endet am Pelourinho, der schräg abfallenden barocken Altstadt mit den pompösen Kirchen und den bunten Häusern und den Andenkenläden voller bunter Bilder pompöser Kirchen und bunter Häuser und dicker Bahianerinnen.


   Wir haben gar nicht den Anspruch, dass es knallt und dass uns die Augen aus dem Kopf fallen und dass wir sagen: „Wow, das ist jetzt aber mal eine Weltsensation!“ Und am ersten Tag nach unserem Alltagsleben in Hamburg möchten wir erstmal ankommen in Brasilien. Eindruck um Eindruck sammeln und versuchen zu verstehen. Ich sehe fast nur neue, aber kleine Autos. Und viele fette Menschen. Das entspricht der Information, dass Brasilien in den vergangenen Jahren einen Wirtschaftsboom erlebt hat. Natürlich nicht für 175 Millionen Brasilianer, aber „drei Mahlzeiten am Tag für alle“, Lulas Versprechen, scheint realisiert.

Fußball ist Religion
Rodrigo fährt uns zu einem Stausee im Stadtzentrum, in dem acht Götter der afro-brasilianischen Candomblé-Religion stehen. Gleich vor dem Stadionneubau der WM 2014. Was wäre Brasilien ohne Fußball? Fußball ist Religion. Candomblé ist für Bahia, was Umbanda für die Schwarzen Rios ist. Ein eigenständiger Weg zur Magie des Lebens, der sich auch dem erschließt, der an nichts glaubt.


   Candomblé-Götter stammen aus Afrika, und sie haben Aufgaben wie griechische Götter. Aber sie haben einen unschlagbaren Vorteil: Sie haben Rhythmus. Zu Candomblé werden Trommeln geschlagen, und solch einer Religion würde ich mit Kußhand sofort angehören. Ich stelle mir vor, ich trete ein in den geheimen Versammlungsort und falle mit den anderen in Trance, ich erlebe es: meinen Körper, meine Seele, meine Füße, meine Abstiegssorgen, meine Hoffnung. Ich wäre dabei, ich weiß es.


   Das ist es ja, was mich mit Don Dieter und Wörnör - der nur im Sommer so heißt, sonst Werner - verbindet: Wir sind abergläubisch. Wir sind die Gründer eines Paderborn-Würzburg-Langenfelder Candomblé-Mailkultes. Vor 15 Jahren, als wir Don Dieter einmal in Costa Rica besuchten, führte der uns zum Vulkan Arenal. In einer Laune, und weil wir allein waren, befragte ich den Berg. „Berg, sag uns, ob der HSV deutscher Meister wird!“ Nichts. Niente. Der Arenal schwieg. „Berg, sag uns, ob der HSV in den Europapokal kommt!“ Wieder nichts. „Berg, sag uns, ob der HSV absteigt!“. Dumpfes, gefährliches Grollen ertönte. Und fast kam es so. Seitdem bin ich nicht mehr sicher, ob ich nicht ein Medium bin.


   Ich bin der Meinung, dass ich die Spiele des HSV am Radio beeinflussen kann. Ehrlich. Ich habe einst, als es in der 94. Minute 0:0 gegen den FC Kopenhagen stand, so intensiv die Daumen gedrückt, dass doch noch das Tor fiel, dass den HSV in den Europapokal gebracht hat. Und die jüngste Serie, als der HSV vom letzten auf den elften Tabellenplatz vorstürmte, haben Don Dieter, Wörnör (er heißt immer so, wenn er Amerikaner durch Europa führt) und ich herbeigeschrieben. Dieter in Brasilia und ich in Langenfelde (Uwe Bahn war meist im Radio dabei) haben entlang des Kickertickers und der NDR 2-Übertragung gechattet, was das Zeug hielt, vornehmlich Blödsinn, während Wörnör sich rausgehalten hat und traditionell am Ende hinzustößt. Er glaubte, dass der HSV an seinem Lieblingsverein, Nürnberg, vorbeiziehen würde, und das konnte er live nicht durchstehen. Also haben Dieter und ich uns Kommentare zum Spielgeschehen zugemailt, und immer wenn Dieter („Old Chatterhand“) einen Kaffee holen geht, fällt ein Tor. So geht das samstags seit Wochen, und heute wird es wieder so sein.

Sambafest am Pelourinho
Den zweiten Nachmittag in Salvador de Bahia – ganz ohne Fußball – haben wir noch einmal mit Rodrigo verbracht. Weil am Abend ein Sambafest am Pelourinho stattfinden sollte, hat er uns vorher Ribeiras Strände und die sagenhafte Erlöserkirche Belim gezeigt. Hier sind Menschen geheilt worden, die noch nicht nicht einmal krank waren. Rodrigo hat uns das beste Eis und den besten Maler Bahias gezeigt, offenbar gute Freunde. Dann hat er uns in der Altstadt abgesetzt und gesagt: „Be careful!“ Bine hat das noch nicht ganz verstanden, jedenfalls ist ein Portemonnaie, das man ums Handgelenk bindet, in dunklen Gassen ziemlicher Blödsinn, finde ich.


   Erst haben wir in einer Gasse eine große Cerveza getrunken und einem Armani-artigen grauhaarigen Sambasänger gelauscht. Dann sind wir zur Bühne auf den Platz Terreiro de Jesus gegangen, um den lauter Imbiss- und Getränkebuden standen. Ein kleiner, schwuler Platzanweiser überredete uns zu Dörrfleisch mit Salat und Caipirinha. Nachdem Bine einem Straßenjungen etwas geschenkt und einem Grillkäseverkäufer zu viel Trinkgeld gegeben hatte, wurde der nette Platzanweiser, der zuerst alle von seinem Revier verscheuchen wollte, zudringlich und wollte auch Geld geschenkt haben. Eigentlich hatte ich mich von ihm beschützt gefühlt und war nun verärgert. Aber wenn man Jorge Armados „Nächte in Bahia“ liest, kann man ihnen nicht böse sein, den brasilianischen Lebenskünstlern.


   Ach ja, unsere ermittelte Wohlfühltemperatur des Nachts beträgt eisekalte 25 Grad. Und als Nächstes berichte ich aus dem tropischen Badeort Praia do forte: „Welcome in paradise“, wie Rodrigo sagt.

 

Am Atlantik
Weiß dampfend fällt der Nebel von oben. Eiskalte Luft umweht uns. Der TAM-Flieger von Salvador de Bahia nach Manaus am Amazonas, wo es 35 Grad warm sein wird, hat höchstens 18 Grad. Halbnackt sitzen wir in unserer Reihe und frösteln wie die Schneider.


   Vier Tage haben wir die Tropensonne von Praia do forte an der Atlantikküste genossen. In unserem hübschen Ökohotel dos Cerais hatte die Air-Condition-Nacht angenehme 25 Grad, der Tag bruttige 30 Grad. Was fünf Grad ausmachen! Wie wird es also im Regenwald? Noch eine Stufe unwirtlicher?


   In unserem kleinen Badeort, 60 Kilometer von Salvador de Bahia entfernt, haben wir viel Zeit im puttwarmen Pool verbracht, ich auch im wohltemperierten Zimmer, manchmal in der Hängematte auf dem Balkon oder auf der Poolliege, aber das war mir meist zu warm. Es gab einfach nicht genügend Schatten.


   Gegen Nachmittag spazierten wir durch den Ort und an den Strand. Aber im Meer gebadet haben wir nicht. Zu anstrengend schien es, Badekleidung anzuziehen und sich danach wieder umzuziehen. Und wohin mit den Wertsachen? Hier eine Cola und ein Eis, dort ein Hähnchenschnitzel oder Carne de sol, gekochtes Trocken-Beef, später ein Caipirinha und ein Cerveza. Die Zeit ist nur 3 Stunden hinter Europa zurück, und so sind wir um 8 Uhr wach, um 12 Uhr hungrig und um 21 Uhr müde.

Tolstoi mit deutschen Namen
Binchen hat sich weichmassieren lassen, ich habe Manchester United im TV gesehen. Und Terminator, meinen Lieblingsfilm. Dazu Jorge Amado gelesen, der hier in Bahia der Literaturpapst sein soll. Nun ja, auf mich wirkt er wie eine Mischung aus Ephraim Kishon und Jack Kerouac. Der Übersetzer hat leider alle bahianischen Namen eingedeutscht („Windsbraut“, „Tollhahn“, „Nelke-im-Knopfloch“), das wirkt ein bißchen wie Schwarzenegger synchronisiert. Ganz liebenswert finde ich, wie die faulen Überlebenstricks der armen Leute so heldenhaft dargestellt werden. Immerhin war Amado verboten, von nix kommt halt nix.


   Am Freitag wollten wir endlich das öffentliche Schwimmbad kennenlernen. Am Rande des Ortes hatten wir die Badelandschaft auf der Landkarte entdeckt. Praia do forte hat eigentlich nur zwei Geschäftsstraßen, die sich am Atlantikstrand treffen. Es gibt dort Restaurants, Kleiderboutiquen, Restaurants, Kleiderboutiquen, Restaurants und Kleiderboutiquen. Wir waren gespannt auf das Angebot der Badelandschaft. Immerhin kostet der Eintritt 16 Real, 8 Euro.


   Die vier Angestellten am Eingang reichen uns zwei Eintrittskarten. In Südamerika sind immer mindestens doppelt so viele Leute beschäftigt, wie gebraucht werden. Dafür ist jeder halb so schnell. Alles wird handschriftlich quittiert und dann in den Computer eingegeben. Im Restaurant gibt man eine Bestellung für zwei Personen mindestens dreimal auf, dann kommt der Kellner nach einer Weile und fragt der Sicherheit halber noch einmal nach. Erstaunlich ist, dass meist das Richtige gebracht wird.


   Die Badelandschaft hat sich dann als Schildkröten-Aquarium entpuppt, die meisten Becken waren aber leer, und baden konnte man definitiv dort nicht. So viel zum Thema Blödheit bei brasilianischen Kellnern und deutschen Touristen.


   Viel mehr gibt es über unsere Badewoche nicht zu erzählen. Wir haben die Herausforderung, nichts zu tun, angenommen und wissen, wann die beste Zeit des Tages dafür ist. Etwa von 8 bis 8. Wir befinden uns im Anflug auf Manaus und möchten von dort eine viertägige Amazonas-Schiffstour machen. Ich stelle es mir vor wie damals auf dem Ganges in Bangla Desh oder zumindest auf dem Hamburger Stadtparksee.

Pavarotti als Weihnachtsmannparodie
Weil unsere Schiffahrt erst am Mittwoch startet, unser Flug nach Manaus aber schon am Sonntag ging, haben wir jetzt drei Tage in der Urwaldmetropole rumzukriegen. 35 Grad fühlen sich zuerst gut an, wenn man aus dem gefühlt 15 Grad kalten Flugzeug kommt. Aber wenn man nichts erwartet, kommt mehr als gedacht.


   Unser kleines Hotel neben der berühmten Oper hat ein sauberes Zimmer, das sich aber beim besten Willen auf höchstens 28 Grad kühlen lässt. Mittags waren wir noch spazieren, und wenn man alle vier Blocks etwas Kaltes zu trinken kauft, geht's. Es war Sonntag und Flohmarkt auf der Avenida, trotzdem hatten ein paar Geschäfte geöffnet. Wir bestellten todesmutig Carne vom Imbiss, es ist, was alle immerzu essen, Geschnetzeltes mit Reis, Bohnen, Nudeln und Maniokmehl.


   Erst heute am Montag, hatte  a l l e s  geöffnet. Und damit meine ich alles. Alle Gehwege vor den Geschäften sind von fliegenden Händlern besetzt, die Chinaklimbim, Gewürze oder Getränke anbieten. Die eigentlichen Geschäfte an der Avenida zum Hafen dagegen verkaufen zumeist Schuhe oder Kleidung, manchmal Elektronik. An jeder Straße gibt es immer nur ein paar Gattungen zu kaufen. In der Parallelstraße dann Motoren und Verpackungsmaterial, kilometerlang. Wir sind zu den alten Markthallen am Amazonas gelaufen, deren Eisengerüst einst in den Werkstätten von Gustave Eiffel hergestellt wurde. Leider werden sie gerade restauriert.


   Daneben war ein anderer interessanter Großmarkt. Wir wollten das Angebot an tropischen Flussfischen sehen, trafen aber auf einen ohrenbetäubenden Gestank, so dass uns der Appetit verging. Am frühen Nachmittag zogen wir uns wie immer auf Burgerbrötchen mit Wurst und Käse auf unser Hotelzimmer zurück. Das gibt es hier übrigens auch stets zum Frühstück, aber mit Rührei, Milchkaffee und frischen Früchten.


   Gestern abend wurde überraschend der Einzug des Weihnachtsmannes mit einer gigantischen Karnevalsparade gefeiert, direkt vor unser Oper. Es begann mit einem Feuerwerk, und der Umzug dauerte mindestens zwei Stunden. 5.000 Mitarbeiter sollen beteiligt gewesen sein. Viele davon tanzten, der Abendhitze trotzend, in phantasievollen Kostümen und waren extrem fröhlich. Tausende säumten die Straßen, und wir gewannen den Eindruck: Im Regenwald ist die Hölle los.

 

Von Manaus aus...

6 Uhr morgens auf einem Seitenarm des Rio Negro. Der Blick geht über das Achterdeck des Amazon Clipper in den Urwald. Eine Tasse Café con leche vor mir. Frisch geduscht. Sechs Stunden traumreicher Schlaf. Und keine Cucaracha auf dem Kissen gehabt wie unsere mitreisende Südafrikanerin.


   Dafür ist Bine gestern Nacht ein Fisch ins Gesicht gesprungen und dann im Kanu gelandet. In totaler Dunkelheit, als wir zum Tierbeobachten herumgeführt wurden. Ein riesiger Frosch schrie vehement um sein Leben, als ihn unser Guide in das Licht der Taschenlampe hielt. Ein Kaiman stellte träge sein Auge auf, während wir ihn mit unseren Kamerablitzen beleuchteten. Von Zeit zu Zeit hat Hugo den Motor ausgestellt, damit wir die Geräusche des Regenwalds hören. Es war angenehm warm unter dem Sternenzelt.


   Überhaupt haben wir uns an die Hitze gewöhnt – und man hat so seine Tricks. Noch am Dienstag, an unserem zweiten Tag in Manaus, waren wir mit dem Taxi zur größten Shoppingmall der Amazonas-Metropole gefahren. Einfach, um einmal einen gut gekühlten Vormittag zu erleben. Das ist Urlaub: Zeit verschwenden, und außer für Café con leche keinen Real ausgeben.


   Doch die Wärme macht uns mittlerweile fast Spaß. Am Nachmittag haben wir auf dem weihnachtlich geschmückten Opernplatz unter freiem Himmel ein Eis gessen und ich eine Pfeife, Bine einen Zigarillo geraucht. Abends sind wir weit in die Wohnviertel am Fluss marschiert, bis Bine es mit der Angst bekam, weil die Gassen immer kleiner und dunkler wurden. Ein Caipirinha am Opernplatz zum Abend musste aber sein.

Upper Class auf dem Amazonas
Am Mittwoch wurden wir von unserem örtlichen Reiseleiter Paul 20 Kilometer flussaufwärts zum Hotel Tropical gebracht, wo unsere Amazonas-Minikreuzfahrt gestartet ist. Eigentlich hatten wir die billigste Variante gebucht, doch da nicht genügend Gäste da waren, wurden wir einfach auf einer viertägigen „Premium“-Tour mitgenommen.


    Der Amazon Clipper ist ein Flussschiff fast wie aus dem Kinski-Film Fitzcarraldo, jedoch vierstöckig und voluminös, mit Klimaanlage und eigenem Duschbad, sogar zwei Whirlpools an Deck. Und die Tour hat nicht, wie wir es vor 15 Jahren auf dem Ganges erlebten, 15 Leute in der Upper Class und 500 Bangla Deshi im Unterdeck, sondern  n u r  15 Leute in der Upper Class. Australier, Südafrikaner, Schweden, Spanier und wir zwei Hamburger. „This is my lucky trip“ sagt unser „Naturalist“ Hugo bei der Begrüßung: Zum ersten Mal seit langem sind auch zwei Brasilianer dabei.


   Und wir liegen nicht degeneriert rum, sondern erleben nahezu ein Survival Training, dass am Donnerstag bereits wieder um 6 Uhr beginnt. Noch vor dem Frühstück Kanutour mit Vogelbeobachtung. Wir sehen Tucane, Aras, Geier und vieles mehr. Danach 2 ½ Stunden Wanderung im Regenwald mit Erklärungen eines Bewohners. Fernando kratzt Tarantula-Spinnen aus ihren Höhlen, zapft Pfeilgift, Wunderheiler-Öl und Kautschuk aus Bäumen und Sträuchern und zeigt, was es alles für Ameisen und Termiten gibt, wie Fledermäuse Baumverstecke basteln, wie man sich gegen einen anstürmenden Jaguar verteidigt. Einen Speer schneidet man mit der Machete aus einem Bambusstamm, den man im Falle eines Jaguar-Angriffes am Ende in den Boden steckt, während man die Speerspitze in den Händen hält. Springt einen der Jaguar an, springt er in den Speer. Mit der Machete kann man sich nicht so gut verteidigen, meint Fernando.


   Den Schweiss wasche ich mir während der nachfolgenden Schwimmeinheit aus dem T-Shirt, als wir im badewannenwasserwarmen Amazonas das Schiff umrunden dürfen. Nach dem Mittagessen ist zwei Stunden „Ciesta“. Alle wanken schlaftrunken an Deck, als Fernando um 16-Uhr mit der Schiffsglocke zur Insel-Kanutour ruft. Doch Bine und ich nehmen eine Auszeit. Der Amazon Clipper nimmt die eine Seite der Insel, das Kanu die andere. Der Rio Negro ist hier kilometerbreit und hat viele langgestreckte Flussinseln. So würde Schweinesand aussehen, wenn es ein paar Grad wärmer wäre bei uns: 20 Meter hoch grün bewachsen. Aber eigentlich sieht Schweinesand auch fast so aus.

Flipper ist unser bester Freund
Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige... Doch mich hat es kurzzeitig verlassen. Während der meiner Meinung nach geringfügig gekühlten Ciesta habe ich mir eine deftige Erkältung aufgesackt. Ein Laken hätte das wahrscheinlich verhindert, ohne schläft man warm ein und wacht kalt auf.


   Nun habe ich zwar am Morgen noch das Schwimmen mit den Flussdelphinen beobachtet, fotografieren konnte ich aber auch nicht mehr, weil sich meine drei Jahre alte Lumix-Kamera verabschiedet hat. Dabei hätte ich Binchens entzücktes Gesicht zu gern porträtiert, als sie den angefütterten hellhäutigen Mini-Delphin umarmte.


   Zu guter Letzt ist auch noch am Tag vor unser Ankunft in Salvador die brasilianische Fußballmeisterschaft entschieden worden. Corinthians Sao Paulo ist brasilianischer Meister, und nun kann man erst im neuen Jahr wieder Spiele live sehen.


   Dafür haben wir riesengroße Flussfische gefüttert und danach Dutzende Piranhas geangelt. Wir haben sie rausgezogen, Hugo hat die Haken abgepult und sie wieder reingeworfen. Denn unsere abwechslungsreiche Vollverpflegung lässt nichts zu wünschen übrig. Das weitere Programm habe ich verschlafen, das Baden am Strand etwa, oder die abendliche Kanutour in einem ganz andersartigen Nebenfluss.


   Nur die fantastische Amazonas-DVD der BBC, die Hugo vorgestern abend laufen ließ, haben wir jetzt mit anderen Augen gesehen, als wenn sie zuhause auf arte gelaufen wäre. Beim Einschlafen habe ich mich glücklich geschätzt, dort draußen nicht  ausgesetzt zu sein, wo jeder jeden frisst, alles hochgiftig ist und man ganz schön originell sein muss, um zu überleben.


   Dank Paracetamol und Schlaftablette habe ich die zweite Erkältungsnacht gut geschlafen, doch bei der Kanutour zu den Wasserlilien um sechs Uhr morgens habe ich erneut gepasst. Schade, die Hälfte der Touren habe ich mit Brummschädel im Bett verbracht. Aber es ist ganz gut so, nun bekomme ich erfahrungsgemäß erst einmal drei Jahre lang keine Erkältung mehr.


   Nach dem Betrachten des „Meeting of the waters“, dem 20 Kilometer langen Zusammenfluss des schwarzen Rio Negro mit dem Andenschlamm-braunen Amazonas, werden wir wieder an Land gebracht. Wir haben eine Zwischenlandung im Hotel Tropical Manaus gebucht, einem riesigen, abgewirtschafteten Ferienkomplex zwischen Flughafen und Amazonas. Sie haben eine Badelandschaft und einen großen Minizoo mit Jaguaren, Aras, Affen und sehr komischen Urwaldtieren. Aber die Erklärung, das Einsperren der Tiere mitten im Urwald diene dem Artenschutz, finde ich frech. Immerhin können die Papageien noch laut lachen, das ist doch schon was.


   Wir haben ein stufenlos kühlbares Zimmer mit Fußball-TV. Ich muss also nichts vermissen, die Ligaspiele von Chelsea, Lyon, Milan, ja sogar von Schalke 04 werden live übertragen. Jetzt verstehe ich, warum mittlerweile viele Spiele zu verschiedenen Zeiten anfangen. Sie werden weltweit übertragen, nur nicht in Deutschland.


   Und morgen früh um 6.30 Uhr ist Endspiel zwischen Messi und Neymar, dem neuen brasilianischen Fußballgott. Barcelona und Santos kämpfen um den Titel der weltbesten Vereinsmannschaft. Danach fliegen wir nach Brasilia, wo wir die letzten zwei Wochen bei Freunden verbringen. Und wenn ich nur von einem Livefußballspiel erfahre, bin ich dabei.


Brasilia

Noch ein Nickerchen nach dem Frühstück. Auf dem weißen Sofa in Shis Lago Sul, einer brillianten Eigenheim-Wohnlage von Brasilia. SHIS heißt Sektor Habitao Individual Sul und ist eine Villen-Vorstadt für Reiche und ihre Mieter.


   Brasilia ist ja bekanntermaßen vor 50 Jahren als Hauptstadt in den tropischen Urwald hineingebaut worden. Seine Achsen werden von den bekannten futuristischen Niemeyer-Palästen für gewählte oder beamtete Steuerverschwender markiert. In den Achsen stehen tausende monoton gleichartige, aber nicht hässliche Wohnwaben, unterbrochen von Versorgungsquadraten.


   Die gesamte Infratruktur ist am Zeichentisch geplant worden. Nichts ist gewachsen, auch nicht die Eigenheimsektoren rund um den Lago, den flüssigen Kern von Brasilia. Nur die mannigfaltigen Einzelhäuser und ihre Zäune sind Ausdruck von Individualität und Zahlungskraft.

Don Diegos Nat King Cole Slaw
Unsere Freunde Don Dieter und Dona Karola haben ein solches Palästchen mit Pool gemietet, und wir bewohnen wie schon an ihren früheren Einsatzorten Costa Rica, Nicaragua und Argentinien den Gästetrakt. „Onde esta meo bebe?“ klingt Karolas Ruf nach ihrem 16-jährigen Sebastiano, mit dem ich zuletzt gestern ein lautstarke Bass-Schlagzeug-Jamsession hatte. Karola arbeitet für ein länderübergreifendes Amazonas-Tourismus-Projekt. Dieter ist der Hausmeister und schreibt gerade lateinamerikanische Rezepte für Chefkoch.de (Don Diegos Nat King Cole Slaw; Don Diegos Gallo Pinto...), wenn er nicht gerade köstlich kocht.


   Don Diegos Rotkraut der Rothaut wurde aus unerfindlichen Gründen von der Chefkoch.de-Geschmackspolizei abgelehnt. Dieter ist der Sprachkünstler, der mit mir im transatlantischen HSV-Chat unseren geliebten Verein vor dem Abstiegsplatz gerettet hat, indem er des Spiegel-Tickers Ergüsse wie „Min Son ist in der Mitte durchgebrochen“ gnadenlos aufspießt und als satirischen Steilpass mit lauter gebrochenen Erklärungsveruchen zu mir nach Langenfelde und zu Werner nach St. Pauli sendet. Werner allerdings hat, wie bereits berichtet, seinen eigenen Kopf, und, solange sein Verein Nürnberg hinter dem HSV steht, ein Schweigegelübde abgelegt. Er läuft immer erst zu seiner Höchstform auf, wenn die Spiele vorbei sind, dann gibt er seinen Schlusskommentar zu unseren 90 Mails.

Fluglärm in der Capeteria
Vorhin haben wir den Abend sehr brasiliamäßig verbracht. Erst sind wir zur nahegelegenen gelben Open Air Bar von Raimundo gefahren und haben Caipirinha und Cerveza getrunken. Dann sind wir über die Lagobrücke nach Asa Sul vorgerückt (Brasilias Zentrum ist wie ein Jumbojet geformt, und die Flügel werden Asa Sul und Norte genannt).


   Dort haben wir eine beliebte Capeteria besucht, brasilianisches Rodizio mit lecker marinierten Hähnchenteilen. Die Kellner legen, bis man erschöpft abwinkt, immer wieder Grillspieße vor, dazu gibt es reichhaltige Beilagen. Hinter uns lachte sich eine Horde Brasilianerinnen um den Verstand, die fröhlichste davon eine Rollstuhlfahrerin, immer wieder wurden Neuankömmlinge lauthals begrüßt und brüllend gelacht, so dass wir bald unsere Hühnerteile schweigend in uns reinschlangen, nur dem Wirt nichts schenken, war die Devise. Aber Karola meint, gegen brasilianische Frauenabende ist Fluglärm gar nichts. Außerdem lief ja eine Telenovela im Fernsehen unter der Klimaanlage.

An Ruth Maria Kubitscheks Sarg
Am Donnerstag brachte uns Dona Karola, die ich dereinst im Hamburger Fremdenverkehrsverein kennengelernt habe, zum Memorial des Gründers der Stadt, dem Namensvetter von Ruth Maria Kubitschek. Der 1956 zum brasilianischen Präsidenten gewählte tschechische Sinti Joselino Kubitschek musste 1964 vor der Militärdiktatur ins Exil weichen. Um seinen Sarg und seine vielen Orden wird ein großes Heckmeck veranstaltet. In schrägem 60er-Jahre Interieur wird jedes seiner Wahlkampffähnchen ausgestellt, unscharf vergrößerte Fotos zeigen ihn mit ein paar Größen seiner Zeit. Dafür hat ihm Oscar Niemeyer eine seiner raumschiffartigen Betonplatten auf die Eixo Monumental hingestellt.


   Das gegenüberliegende Museum der brasilianischen Indios war leider leergeräumt und geschlossen. Todesmutig haben Bine und ich einfach einen Bus geentert. Wohin soll so ein Bus auf der sechsspurigen Eixo Monumental-Achse schon fahren, wenn nicht geradeaus? Und so war es. Zwar hatte der Aussichtspunkt auf dem Fernsehturm auch geschlossen, doch wir wanderten weiter auf dem 500 Meter breiten und 10 Kilometer langen Grünstreifen im Zentrum Brasilias.


   Wir wollten bis zu den Regierungsgebäuden durchhalten, aber der Regen machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die einfachste Lösung ist immer ein Einkaufszentrum, welches zufälligerweise am Knotenpunkt der Himmelsachsen auftauchte. Fast jede Straßenkreuzung in Brasilias Zentrum besteht aus einem vierblättrigen Kleeblatt, es war also nicht ganz einfach.


   In der Shopping Mall angekommen, entdeckten wir Marmorparkettfeger auf Rollerblades und Sicherheitskräfte auf Segways. Natürlich: Empanada mit Espresso. Und jetzt, zurückgekehrt, auf unserer Terrasse, höre ich bereits Don Diego die Pommes fritieren, und gleich danach zischen die Rumpsteaks in der Pfanne, im Glas schwappt brasilianischer Rotwein. Wo ist die Maus? Im Pool natürlich!

Fußballreise innen Pott 2010

 

Worin der geneigte Leser erfährt, was Emmerichs Trikot mit dem Lattenjupp zu tun hat, dass es im Ruhrpott kaum wo was zu essen gibt und warum man heute nicht mehr „Schwarze Sau“ ruft.

Es gibt zwischen Dortmund und Gelsenkirchen kaum wo was zu essen. Jedenfalls nicht, wenn man sich mit dem Auto verirrt hat. Zum zweiten Mal suche ich im Ruhrpott ein Restaurant, und wieder fahre ich fast eine Stunde. Zuerst, gestern, es ist Ende September, wollte ich kurz noch einmal einen Burger King heimsuchen. Ich kam vom Borussia Dortmund-Museum am Westfalenstadion und war einfach nur hungrig. Dann bin ich endlos um Bochum, Wanne-Eickel und Herne herumgefahren und endlich bei einem Mythosgrill gelandet. Es war eindeutig zu viel. Heute komme ich vom Schalke Museum in der Veltins Arena und suche etwas weniger Kalorienhaltiges. Irgendwo zwischen Gelsenkirchen und Dortmund West sehe ich zwischen lauter türkischen Einrichtungen endlich ein italienisches Lokal.

Im Kicker hatte ich gelesen, dass unter der Woche zwei Regionalligaspiele im Dortmunder Stadion Rote Erde und im Wattenscheider Lohrheidestadion stattfinden. Während mein Weib mit ihren Schwestern eine Wellnesswoche im Bayerischen Wald macht, besuche ich legendäre westdeutsche Fußballstadien. Im Borusseum sah ich uralte Filme mit Borussia und dem HSV, Bundesligaspiele, bei denen ich vor fast 40 Jahren live dabei war. Tage später, beim Besuch bei Axel und Elke in Aachen – Alemannia verliert gegen Cottbus im Tivoli – werden uns Reliquien von irgendeinem heiligen Knallfrosch im Kloster Kornelimünster gezeigt. Die tiefgläubige Oma, die uns rumführt und mich verbindet eins: Sie betet das Leichentuch des Lattenjupp an, ich Lothar Emmerichs Originaltrikot vom Wembleyfinale 1966.

Das Regionalligaspiel von Borussia Dortmunds Nachwuchs gegen den Wuppertaler SV - gerade aus der 3. Bundeslga abgestiegen – wird von der Rote Erde Kampfbahn ins Westfalenstadion daneben verlegt. Ich darf das beste Stadion Deutschlands live erleben, für nur zehn Euro Eintritt. 80.000 passen hinein, 2.000 sind gekommen. Weil man die 1.000 Wuppertaler fürchtet, hat man sie im Gästeblock eingeschlossen. Beim Eingang werde ich gefragt, ob ich für Dortmund oder Wuppertal bin, und weil ich gesagt habe, is' mir egal, habe ich Freigang und kann sogar Pfeife rauchen. Die 2.000 machen so viel Lärm, dass Ricki entnervt auflegt, als ich ihm am Telefon erzählen will, was ich gerade mache. Er war allein am Watzmann, da muss er erstmal seine Erkältung auskurieren.

Meine Reise durch die Fußballgeschichte ist so einmalig schön, da möchte man gern jemand dabei haben, der genauso fühlt. Das gibt es aber nicht. Christian hat sich wie immer über mich gewundert, als ich ihn vor vier Tagen in Wiesbaden besucht habe. Zum Glück für ihn war das Bundesligaduell Frankfurt-Freiburg erst am kommenden Wochenende, so hatte er Gelegenheit, mit mir ein Dvorsak-Konzert im Kurhaus zu besuchen, auf der Driving Range Golfschläge zu üben und mir den Vater Rhein zu zeigen (oder war es der Main?). Ihm, mit dem ich in früher Jugend mehrere Jahre zusammen gelebt habe, verdanke ich auch den Tipp, durch das Wispertal und das mittlere Rheintal ins Ruhrgebiet zu fahren, wo meine Fußballträume wahr werden sollen.

Fußball ist die Zeitleiste, an der ich mein Leben festmache. Im Sommer 1966 stand ich traurig vor unserer Wohnung in Hamburg-Dulsberg, weil das WM-Finale gegen England bei der ersten Fernseh-Direktübertragung durch das berühmte Wembleytor verloren gegangen war. Vor ein paar Wochen habe ich mir genau dieses Spiel noch einmal angesehen. Ich sammle unter anderem legendäre WM-Spiele und Dylan-CDs, doch jetzt ist mein Videorecorder kaputt gegangen. Und nun stehe ich vor Lothar Emmerichs Trikot und habe Tränen in den Augen.

Fußball ist ein schöner Religionsersatz. Man hängt am Radio, sitzt vor der Glotze oder im Stadion und faltet unwillkürlich die Hände. Voraussetzung ist natürlich, dass man sich mit einer Mannschaft identifiziert. Seit ich um 1960 auf dem Dulsberger Spielplatz „HSV ist ne Sau“ gehört habe, bin ich Fan. Komischerweise haben die Schriftzüge „Elvis is pelvis“ auf den Sitzbänken nicht die gleiche Wirkung gehabt, vielleicht, weil mein Vater auch HSV-Freund war. Die ganze Straße war dafür. Seit wir 1966 alle traurig vor der Haustür standen und uns schwarz ärgerten, dass der Schiedsrichter nicht gesehen hatte, dass der Ball hinter Tilkowski gar nicht im Tor gewesen war, seitdem bin ich ein Fan der Nationalmannschaft.

Ich kann Hunderte Spieler blind an ihrem Laufstil erkennen. Sigi Held, Wolfgang Overath, Helmut Haller, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Manni Kaltz... Vor allem die Alten, die hatten irgend etwas Komisches, diese kurzen Hosen, diese lächerliche Art, beim Torjubel hochzuspringen, dies kernige Zweikampfverhalten, diese Spurts, diese Haken, diese Flanken und Pässe. Ich muss diese virtuosen Bewegungen auswendig lernen, denn mit meinen fünf  Dioptrien erkenne ich auf dem Spielfeld eigentlich niemanden.

Meine Pfeife ist ausgeraucht, Dortmund führt zur Halbzeit gegen Wuppertal, jetzt eine Bratwurst im Brötchen und ein Bier. Neuerdings muss man fast Vereinsmitglied werden, um ein Bier zu kaufen, man kauft eine Chipkarte und bezahlt bargeldlos. Wenn man dann hinterher das Geld auf der Karte nicht zurückfordert, muss man zum Saufen und Schauen zurückkommen. Die Wuppertaler haben sich noch gesteigert, jedenfalls akustisch. Die mehrfach wiederholte Ansage, dass ein Sonderzug die Fans von der Wupper gegen Mitternacht zurückbringen soll, geht im Geschrei unter. Aber es ist gut, dass wir „Dortmunder“ nach dem Spiel gleich zuerst aus dem Stadion dürfen, vorbei an berittener Polizei.

Fußball ist Religion, das sehe ich am kommenden Tag im Schalkemuseum. Was kann man da schon zeigen, werdet ihr fragen, aber ich ziehe mittlerweile eine gut gemachte multimediale historische Kultstätte allen Kunsttempeln dieser Welt vor, und ich kenne so einige. Beim Fußballmuseum wird man selbst mit seinen Erinnerungen zum Mittelpunkt der Ausstellung. Man kann aus dem Stand mit anderen Besuchern eine Diskussion anfangen über den Schmiergeldskandal und Klaus Fischer, über die vielen vergeblichen Versuche von Schalke 05, Meister zu werden, und über die Feindschaft zu Dortmund.

Wer war Carmen Thomas? Ist Frauenfußball Sünde? Diese Fragen bewegen mich, auch wenn die deutsche Weltmeister-Damenmannschaft mittlerweile ähnlich körperlos spielt, wie Deutschlands Dreamteam von 1972: Die Gegner haben kaum eine Chance, und eine Angriffswelle rollt nach der anderen. Das verstört mich, denn Fußball ist Männerritual. Nur hier konnten wir harten Jungs Gefühle zeigen, in einer Zeit, bevor Mutti Auto fahren lernen durfte.

Ich habe 25 Jahre aktiv gespielt, davon zehn Jahre in einer 6. Herren-Mannschaft. In der Schule wurde ich immer als Letzter und manchmal als Vorletzter gewählt. Das waren dann die guten Tage. Kein anderer Sport hat mich je so fasziniert, auch wenn mir jegliches Spielverständnis abgeht, Technik sowieso. Ein Ligator habe ich in meiner Laufbahn geköpft. „Wenn ihr den einwechselt, sagte Norbert Gettschat um 1977, „verlasse ich den Verein“. Und dann schoss ich das einzige Tor, wir verloren 1:5, das vergesse ich nie.

Inzwischen kann ich Spiele intuitiv lesen, ich sehe die doppelten Viererketten, ich erkenne die schwach und die stark Spielenden, natürlich weiß ich auch, wann man ein Spiel über die Außen verlagern muss. Eigentlich immer. Und ich spüre ein Tor kommen. Es kündigt sich meist durch mehrere vergebliche Torschüsse an, sie gehen vorbei oder drüber, landen beim Torwart oder werden von der Linie gekratzt. Dann fällt das Tor – und zu 50% gegenüber.

Es gibt Tore, die entstehen aus dem Nichts, aber auch da habe ich oft vorher eine Ahnung. Wenn man denkt, eine Mannschaft gewinnt, irrt man sich oft nie, aber ich habe nie oft erlebt, dass ich mich nicht geirrt habe. Wo jeder nicht Fußball-Verrückte verzweifelt, weil keine Tore fallen, gewinne ich Spannung aus Dingen, die sich nur mir erschließen: Ich lerne die Mannschaftsaufstellung auswendig, ich spüre Hochmut und Kleingeist, ich kann eine Mannschaft den Mut verlieren sehen. Und manchmal erlebe ich Faustisches: „Wer immer strebend sich bemüht...“ Ein Sieg meiner Mannschaft gibt mir Kraft für die Woche. Und die vielen westdeutschen Fußballplätze kenne ich von den Samstags-Radioübertragungen: „Tor am Bökelberg, im Ruhrstadion, im Parkstadion, im Westfalenstadion, im Volksparkstadion...“

Auch das Wattenscheider Lohrheidestadion kenne ich akustisch von ein paar Bundesligajahren Anfang der Neunziger. Hannes Bongartz und Souleyman Sane waren deren Stars. Beinahe wäre ich vorbei gefahren. Das Stadion liegt mitten in einem Wohngebiet, und 250 Zuschauer sind zum Spiel Bochum II. gegen Mönchengladbach II. gekommen. Deutschlands Fußballzukunft trennt sich 4:4. Die Bratwurst kostet zwei Euro. Nach zwei Würsten, zwei Lightbieren und zwei Pfeifen fahre ich zurück zum Aldi, es gab einen Häcksler im Angebot, und während des Spiels entschloss ich mich, ihn zu kaufen.

Zurück zum Schalkemuseum heute morgen: Ich muss irgendwann noch einmal wiederkommen. Gerade die Hälfte der historischen Spielszenen im Videotunnel habe ich gesehen und nur einen Teil der Aussstellungen, da begann eine Stadionführung. Ich bekomme Gänsehaut, das Museum liegt mitten in der Veltins Arena. Das ganze Stadion ist von kilometerlangen Bierschläuchen durchzogen. 30.000 Liter werden an einem Nachmittag gezapft. Das Spielfeld wird nach jedem Match aus dem Stadion gefahren, damit der Rasen Licht bekommt. Draußen, direkt unter mir sehe ich den Strafraum, in dem Manuel Neuer sich samstags schmeisst. Hier locht Hunterlaar ein, zu diesem Zeitpunkt der Saison hat Schalke erst zweimal verloren. Aber es kommt noch schöner: Wir besuchen den Umkleideraum, und ich setze mich auf Rauls Platz.

Nun bin ich mit dem Aldi-Häcksler im Heck unterwegs zu Elke und Axel. Endlich einer, der mich versteht. Er hat Karten für Alemannia gegen Cottbus gekauft und nimmt seinen Patensohn mit.  Der wundert sich, wie ich mich so ereifern kann, aber nur so macht es Spaß. 1970 schrien wir „Schwarze Sau“, wenn der Schiedsrichter gegen uns pfiff, das kann man heute aus zwei Gründen nicht mehr, der eine ist, dass die Schiris meist gelb sind. 1970 gab es noch keinen Afrikaner in der Liga, na ja, Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig waren Kinder von schwarzen US-Soldaten. Vor einigen Jahren habe ich noch einmal „Schwarze Sau“ gerufen, erst später ist mir eingefallen, was ich da tat. Ich muss halt immer an den Schiri von 1966 denken, der war schwarz gekleidet und Russe.

Der große Delzepich und Günther Pröpper, Ente Lippens, Kuzorra und Nogly, wer kennt sie noch? Viele wenden ein, das wären noch Helden aus der Heimat gewesen. Es sind sicherlich Globalisierungskritiker, die etwas gegen die internationalen Söldnertruppen haben. Wer nicht weiß, was artistischer Fußball ist, soll es ruhig so sehen. Wer keine Freude daran hat, dass es Momente gibt, wo Messi, Ronaldo, Iniesta, Özil und Müller einen regelrecht verzaubern, dem gebe ich Recht. Sollen sie sich für vegetarisches Essen oder oberirdischen Nahverkehr einsetzen. Ich jedenfalls finde diese Entwicklung beispielhaft und grandios. Toleranz gegenüber türkischen, algerischen, polnischen, brasilianischen oder ghanaischen Deutschen wird in den Stadien eingeübt.  

Und der globale Fußball ist der perfekteste Markt, den man sich denken kann. Ein einfaches, umweltfreundliches Produkt wird von Milliarden für so wertvoll erachtet, dass alle dafür irgendwie Geld ausgeben. Da kommt was zusammen, auch als Werbewährung. Und weil hier endlich der leidige Kündigungsschutz gegen Vertragsfreiheit getauscht wurde, ist der Weg frei zu astronomischen Gehältern. Leider ist der Weltputzfrauenmarkt noch nicht so dynamisch.

Türkische Bildungsreise 2011

Sieben Tage Studienreise türkische Ägäis für 149 Euro. Da kann man schwer Nein sagen. Gabi und Heinz haben berichtet: Flug, Hotel mit Frühstück und Bustransfer sind inklusive. Aber man muss vor Ort noch 219 Euro zuzahlen - fürs Essen und Besichtigungen. Also 736 Euro für zwei, ohne Getränke und Bakschisch. Ein guter Deal, wenn man es vorher weiß.


   Das Programm umfasst die Altertümer Priene, Didyme und Milet, Pergamon, Ephesus und Troja sowie Izmir und noch irgendwas, darunter Verkaufsveranstaltungen für Teppiche, Leder und Schmuck und ein Bergdorf aus Souvenirläden. Diese Reisen wurden tausendfach als Beileger in großen Medien angeboten, jetzt im Frühjahr rechnen sie sich wohl für Touristen und Touristiker.


    Wir sind mal wieder in kleiner Familie unterwegs, Bine und ich zusammen mit Schwester Ina und Schwager Helmut. Der mit dem gelben Wagen. Nein, der mit der Guzzi. Aber das war die Geschichte mit meiner inkontinenten Gummihose in Norwegen, es ist schon wieder zehn Jahre her, unsere Motorradtour um die Fjorde.


   Ich war noch nie in der Türkei. Eigentlich wollte ich immer einmal eine billige Pauschalreise buchen und mich dann mit einem geliehenen Motorrad aus dem Staub machen. Aber Bine hat geschimpft, sie hat Angst, dass ich im wilden Kurdistan umkomme. „Ist es nicht auch ein bißchen nett, dass ich Angst um dich habe?“ fragt Bine. Recht hat sie.
 

   Man hat immer wieder gehört, und zwar ausschließlich, dass die Liebensgewürzigkeit der Türken beispiellos sei. Diese Erzählungen stehen in einem eigenartigen Verhältnis zum Ansehen unserer türkischen Mitbürger, aber der Deutsche ist eben auch nicht freundlich. Das goldene Istanbul werden wir nicht sehen, aber das wird mein nächstes Ziel. Nachts höre ich „Das schwarze Buch“ vom Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Immer wieder schlafe ich darüber ein, und so soll es ja auch sein. Ich habe schon dreimal von Anfang an und noch öfter ab dem zweiten Kapitel zugehört. Zuerst habe ich gar nicht verstanden, wer wer ist, aber so langsam schält sich eine türkische Familiengeschichte vor politischem Hintergrund heraus.


   In unseren Bücherkisten habe ich ein Sachbuch über arabische Geschichte von 1955 gefunden. Keine Ahnung woher, auf einmal war es da. Momentan passt die Lektüre: Das frühere osmanische Reich umfasst ja Arabien und den Balkan, also die aktuellen Brennpunkte. Ich freue mich sehr, in die Geschichte der heutigen islamischen Welt einzutauchen. Während wir in zehn Kilometer Flughöhe über Sachsen-Anhalt unser Corendon Air-Sandwich verzehren, kämpft die Jugend Nordafrikas für ein besseres Leben: Direkt unter uns ist die Hälfte aller Wahlberechtigten passiv geblieben ist. Die sind vielleicht auch wütend. Die wollen eine andere Regierung. Aber sie wählen sie nicht.


   Nach der Landung in Izmir werden wir nach Kusadasi ins Hotel gefahren. Unser Reiseleiter ist Taner, ein Geschichtslehrer aus Antalya. Er ist mit einer Italienerin verheiratet, sehr polyglott, und man spürt einen sehr abgeklärten Stolz auf sein Türkentum. Sein Wissen und seine Rhetorik erlauben ihm immer wieder satirische Umkehrungen unser Vorurteile. Doch wenn bei der durchaus nicht ungebildeten Reisegruppe aus Norddeutschland problematische Ansichten angedeutet werden, spürt man Verletztheit. Man reist nicht ganz offen in die Türkei. Angelockt durch das Superbilligangebot sind Kundenschichten angesprochen worden, die noch niemals in der Türkei waren. Auch für mich ist die Reise ein kleiner Kulturschock. Eben weil die Türkei, die wir erleben, so modern ist. Deutschland hat neun Nachbarländer, und die Türkei liegt 2.500 Kilometer entfernt. Bekannt sind mir nur billige Badeferien oder teure Bildungsreisen, für letztere habe ich mich bisher noch nicht alt genug gefühlt.


   Dies hier ist die erste organisierte Studienreise meines Lebens, sieht man einmal vom althistorischen Seminar „Römer in Britannien“ mit Exkursion zum Hadrianswall ab. Nun habe ich also das Alter erreicht, in dem man Busreisen mitmacht. Mehr davon! Meine Erwartungen sind ungemein übertroffen worden. Daran haben natürlich in erster Linie Taner und die Altertümer Schuld, aber auch die Familiengemeinschaft, in der ich reise, und natürlich das herrliche Frühlingssonnenwetter.


   Das hätte auch anders ausgehen können. Der März ist Regenzeit, in unserem ersten Hotel hatte man noch nicht geheizt. Helmut hat mit Daunenweste geschlafen. Wenn wir Taners Erzählungen bei  Regen und Wind genossen hätten, würde ich jetzt vielleicht eine schauerliche Leidensgeschichte wiedergeben.


   Die türkische Westküste, am ägäischen Meer ganz dicht an den griechischen Inseln Samos und Lesbos, ist wohl noch überwiegend einheimische Sommerferienzone. Unser Reiseveranstalter schafft in der Vorsaison auf einen Schlag 50.000 Deutsche heran, doch noch liegt das Land im Dornröschenschlaf. An den Dardanellen bekommt man eine Ahnung, warum es hier seit 1.500 Jahren nicht richtig voran ging. Troja, bzw. Illion, war ein kleiner Hügel an einer strategischen Durchfahrt zum Schwarzen Meer. Istanbul beherrschte den Bosporus, und alles andere blieb Olivenbauernland.


   Man hat unter dem Trojahügel lauter verschiedene Siedlungen von 5.000 vor bis 500 nach Null entdeckt. Historiker suchen immer wie Staatsanwälte nach Indizien und bauen daraus Täterprofile. Ist Troja aufgegeben worden, weil man das kreuzweise Segeln erfand und die Schiffe vom Mittelmeer ins Schwarze Meer hier nicht mehr auf günstigen Rückenwind warten mussten? Waren es die Erdbeben oder die Verlandung der Bucht? Aber warum gibt es dann entlang der Dardanellen keine bedeutende Siedlung mehr? Eine gute Bildungsreise wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.


   Tourismus schafft Frieden und Verständigung, Wohlstand und Demokratie. Das habe ich gesagt. Ob's stimmt, wird man sehen. Die türkische Westküste ist die Badewanne von Istanbul und Izmir. Hier  sind die Feriensiedlungen ähnlich wie in Spanien gewachsen. Die Finanzkrise hat manches zum Stillstand gebracht, aber die Wohlstandswelle ist sichtbar nicht aufzuhalten. Ähnlich wie in Mecklenburg-Vorpommern ist das Hinterland noch weitgehend agrarisch und dazu rückständig. Leben in Deutschland drei Prozent der Menschen von der Landwirtschaft, sind es in der Türkei 30 Prozent. Wenn man die hohe Geburtenrate der südlichen Mittelmeeranrainer sieht, begreift man, warum die Türkei in die EU möchte. Kann sich Europa erlauben, den Handel der Bewohner des ehemaligen osmanischen Reiches mit Zollschranken zu behindern, um sich dann die Revolutionen der arbeitslosen arabischen Jugend und ihre Fluchtversuche im Fernsehen anzusehen?


   Gestern war Teppichschau, heute ist Göldschmückverkauf, gleich nach der Besichtigung von Ephesus. Die Busse fahren dazu vor entlegene Hallengebäude, in denen abgebrühte Verkaufsstrategen die Leute windelweich reden. Ich bin jedesmal gleich hinter das Gebäude gegangen, wo die Busse parken und habe mich in die Sonne gesetzt. Aus der Ferne ruft der Müezzin zum Gebet.


   Ephesus ist die Krönung der Reise, auch das Hotel bei Damucak hat Sterne-Qualität. Unser geräumiges Zimmer bietet Meerblick mit Sonnenuntergang, abends gehen wir in den Hallen-Swimmingpool. Zur Bespeisung werden große, reichhaltige, hauptsächlich vegetarische Büffets aufgefahren. Ephesus hat auch jetzt im März schon tausende Besucher aus aller Welt. Der heilige Marmorweg hinab zum ehemaligen Hafen, der natürlich seit 1.500 Jahren verlandet ist, führt durch eine antike Stadt, deren Reichtum auch ohne viele Erklärungen sichtbar geblieben ist. Blickachse ist die grandiose Fassade der Celsus-Bibliothek. Wenn der Berliner Pergamonaltar nicht verkauft worden wäre, würde er das Highlight dieser Reise noch toppen. Ich bekomme Lust auf althistorische Vorlesungen.


      Bine, Ina und Helmut sind in der Lederwaren-Verkaufsausstellung verschwunden. Taner, unser Reiseleiter, hatte vor der Schmuckschau fairerweise gesagt, man würde dort sicherlich keine Wertanlagen kaufen. Nun haben ihm die Verkäufer unsere auffällig uninteressierte Gruppe vorgeworfen: „Hast du denen etwas gesagt?“ Er bittet darum, wenigstens eine Lederjacke zu probieren, damit er keine Probleme bekommt. Und außerdem hätten die ja die Tour subventioniert.


   So läuft das, leider, man bekommt ein schlechtes Gefühl, eigentlich wusste man schon, dass etwas Paybackdruck erzeugt wird. Doch der Schmuck soll gruselig gewesen sein und die Verkäufer unangenehm. Teppiche braucht in der größten Teppichlagerstadt Hamburg sowieso keiner. Von der Lederfirma weiß ich, dass der Verkaufsdruck noch etwas höher wird. Zwei, die diese Reise bereits gemacht haben, kauften dort eine Jacke für über 1.000 Euro. Ich habe in meinem Leben nie mehr als 300 Euro bezahlt und besitzte bereits drei Lederjacken höchster Qualität, es reicht bis zu meinem Ende. Außerdem stehe ich auf Regendichtes, Ultraleichtes, Leder ziehe ich nur an, wenn ich zum Boxen gehe.


   Tatsächlich, alle drei haben eine Jacke gekauft. Bine sogar eine, die ihr fantastisch steht. Blau-beige mit Kapuze und angenähten Schals zum Vermummen. Eigentlich sind wir gute Gäste. Haben bestimmt mehr als den Reisepreis für Wein und Bier ausgegeben. Das Olivenöl haben wir mitgenommen. Ich freue mich auf Yünnantee und gebrühten Kaffee, auf Schweinekoteletts und Spitzwecken vom Backhus. Aber Yoghurt, Bulgur, Falafel und Humus zum opulenten Salat und das alltägliche Gemüsebüffet werde ich vermissen. Allgemeiner Tenor: Dass man in einer Woche so viel erleben kann!

Argentinien 2009

Ob ich Boca Juniors-Fan bin oder für die Gäste, fragt mich der Polizist. „Soy de Europa“, sage ich, und dann lässt er mich rein in den Gästeblock der Bombonera. Mitten im Buenos Aires-Stadteil La Boca thront das uralte Fußballstadion der erfolgreichsten argentinischen Mannschaft, allein 19mal Meister, nur der AC Milan ist weltweit bedeutender. Heute ist das Finale der Meisterschaft. Drei Mannschaften stehen punktgleich an der Spitze. Boca muss gewinnen, um in die Relegation gegen San Lorenzo und Tigre zu gelangen.

Ich habe mir erst von mehreren Schwarzmarkthändlern Karten zeigen lassen, dann habe ich Leute gefragt, was ihr Ticket gekostet hat, dann kaufe ich eins für 80 Pesos (20 Euro). Hoffentlich ist es nicht gefälscht. Völlig überrascht, dass ich es geschafft habe, klettere ich die Stufen zum Sektor 6b hinauf und befinde mich in der prallen Sommersonne zwischen hunderten rot-schwarzen Colon-Fans. Der Rest des Stadions ist blau-gelb. So was von blau-gelb. Ich habe ein blaues Hemd an und denke mir, die könnten mich ja für einen Gegner halten. Immerhin habe ich meine Samsö-Mütze vom Brundbyhotel auf, das finden die bestimmt ziemlich bescheuert und unverdächtig.

Als die Boca Juniors mit ihrem Star Riquelme vorgestellt werden, brandet Jubel auf. Um mich herum herrscht abwartende Stille. Noch beeindruckender erst der Einmarsch der 22 Gladiatoren, wie ein Jumbo im Landeanflug. Meine Rot-Schwarzen schweigen weiterhin. Hier ist Maradona groß geworden, hier sind Dinge mit dem Ball passiert, die unvorstellbar sind. Doch das Spielfeld ist voller Papierschnitzel, ich stehe 40 Meter über dem Boca-Torwart, kann gegenüber kaum etwas erkennen, so schnell geht es, und nach 20 Minuten steht es 3:0. „Alles gekauft“, denke ich, erstaunlich wenig Gegenwehr, und die Rot-Schwarzen schießen, wenn sie einmal durchkommen, gekonnt am Boca-Torwart unter mir vorbei.

Dann auf der Anzeigetafel: die zwei Konkurrenten liegen ebenfalls in Führung, und nun wachen Colon und seine Fans auf. Bis auf 3:2 kommen sie heran, die Bocas wirken hilflos, das Spiel droht zu kippen. Meine Schwarz-Roten singen, trommeln, tanzen und schreien: „Vamo“! Drei Minuten vor Ende verlasse ich das Stadion, denn ich fürchte, dass die Schwarzroten festgehalten werden, bis die 50.000 Blau-Gelben das Viertel verlassen haben. Ich bin ganz allein, bis auf die Polizei, die verhindern soll, dass wieder jemand erschossen wird wie im Februar. So einfach bin ich noch nie von einem Fußballspiel zurückgekommen. Rein ins Taxi, in 20 Minuten bin ich im Hotel, wir verschieben unser Abendessen mit Karola auf 21.30 Uhr und ich schlafe und träume von den Boca Juniors und der blau-gelben Bombonera.

Was ich da aufschreibe? Die ersten Szenen aus unserem fünfwöchigen Argentinienurlaub. Inzwischen sitze ich schon am Pool an den Wasserfällen von Iguazu. Morgen geht's dahin. Dann muss ich wieder schreiben, tut mir leid!

Geradeaus durch den Chaco

„Las Brenas“ und „Charata“ steht auf dem Schild. Die Landstraße ist leerer geworden. Die weißen Randstreifen fehlen. Es staubt rötlich. Wir sind im nordargentinischen Chaco unterwegs. Unser Freund Dieter hat uns in Corrientes am Rio Parana abgeholt, um uns nach Salta zu bringen, wo er mit Karola und Sohnemann Sebastian wohnt. 800 Kilometer schnurgerade durch den Chaco, grünes Buschdickicht und flaches Weideland für unser Huftsteaks.

Schnurgerade? Wir sind garantiert nicht abgebogen, und doch stand da auf dem ersten Schild nach der letzten Kreuzung: Hier geht’s nach Las Brenas und Charata. Habe ich mich getäuscht? Laut Karte liegen diese Orte südlich, wir aber wollen nach Westen, Richtung „Pampa del Infierno“, Richtung Salta, Richtung Anden. Da überholen wir einen Schwerlasttransport, den ich gestern bereits auf der Busfahrt von Iguazu nach Corrientes gesehen habe. Der will sicher auch auf der großen Magistrale nach Salta, also Entwarnung. Dann nach zehn Minuten ein Schild an einer Estancia: Los Quebrachos – Campo Largo. Ich hatte wohl doch recht: Campo Largo wäre der nächste Ort, wenn wir falsch abgebogen wären.

Doch Dieter und Sabine wollen mir nicht glauben, das gibt es hier nicht, dass die Straße abknickt. Hier geht es immer nur geradeaus nach Salta. Dann der Beweis: wir sind im Ort Campo Largo. Dieter fragt zwei Kinder: Nach Salta gerade aus? Si! Ich: Nach Las Brenas und Charata? Si? Ja, was denn nun. Kontrollfrage: Nach Corrientes? Non! Wir fahren zurück, um weiter zu fragen, Da steht auch schon der Schwertransporterfahrer und wundert sich. Bei der Tankstelle erhalten wir Antwort: Wir müssen zurück zur Kreuzung, 15 Kilometer, dann links abbiegen nach Pampa del Infierno, und noch 600 Kilometer weiter bis Salta.

Das erinnert mich an eine frühere Reise mit Dieter und Karola. Wir wollten nach Panama und kamen nie an. Wegen mir. Ich bin der Schwarzseher, dem sie nie glauben wollen. Aber ich hatte recht, die Kupplung vom Isuzu war kaputt, ich fühlte sie auch als Beifahrer schleifen, als wir die Panamericana von Costa Rica nach Panama befuhren. Und im Kartenlesen bin ich gut, Gottseidank, sonst wären wir jetzt vielleicht 1.500 Kilometer nach Buenos Aires weitergefahren.

Das Thermometer steigt bis auf 38 Grad, doch Dieters Fiat ist gut gekühlt, auch die Kupplung ist in Ordnung. Gegen Nachmittag kommen wir zu den „Voralpen“, es geht bergauf zu den Anden, und bald ist es nur noch 29 Grad warm. Gegen 21 Uhr kommen wir in Salta an, hier bewohnen unsere Freunde ein komfortables Stadthaus mit Garten und Pool.

Unsere erste turbulente Woche ist vorbei, jetzt sitze ich hier auf der Terrasse in Salta und fahnde nach Wlan-Netzen. Man muss dann aber immer aufpassen, dass man sich nicht verspielt, Tagesschau guckt oder Kicker liest. Ich habe mir ein Bildprogramm heruntergeladen, mit dem ich meine Fotos sortiere. Und lösche: Es sind schon 375 Stück. Da waren die zwei Tage mit Karola in Buenos Aires. Und dann die Wasserfälle von Iguazu, 2.000 Kilometer nördlich von Buenos Aires. Dieter - er nennt sich Reiseagent 007 - hatte uns Flüge und Hotel gebucht, ganz wie im Reisebüro.

Der Ort Puerto Iguazu ist ziemlich heruntergekommen. Erstaunlich für ein Touristenzentrum, das jährlich fünf Millionen Menschen besuchen. Hier im Dreiländereck Argentinien, Brasilien und Paraguay sieht man von der argentinischen Seite aus am meisten, der Iguazu stürzt auf mehr als einem Kilometer Breite in die Tiefe. Man kann verschiedene Wege gehen, oberhalb und unterhalb der Fälle, insgesamt nicht mehr als vier bis fünf Kilometer. Es gibt Stellen, da steht man über der Abbruchkante und ahnt den Abgrund, dann wieder sieht man das Wasser von der Seite hinabstürzen, dann von unten, und schließlich kommt man bis auf 50 Meter an einen Katarakt heran und wird vollständig nass – bei 35 Grad Hitze eine herrliche und gluecklich machende Erfrischung.

Karola stellt eiskalten Fruchtsaft und Melonenstücke auf den Terrassentisch. Wir sind ja schon drei Tage in Salta. Hinter mir baut Sebastian sein neues Schlagzeug auf. Gestern war Grillparty und Konzert. Sebastians Saxophonklasse stellte ihre eingeübten Werke vor, und die ganze pucklige Verwandschaft kam, mehr als 50 Leute, für die wir noc